Dubai

„Dubai ist kein Staat, sondern ein Wirtschaftsunternehmen“, meint einer meiner Interviewpartner, „alles, was der Führungsetage Geld einbringt, wird gemacht, alles andere nicht.“ Und wer hier die Führungsetage ist, glaubt man ganz schnell ausmachen zu können. Mit röhrenden Sportwagen oder neuerdings auch grotesk gestylten Custom Bikes brausen die Wüstensöhne über die Straßen, um von einem Ort des Geldausgebens zum anderen zu gelangen. Aber das ist nur die eine Seite dieses Emirats am Persischen Golf. Unglaubliche   85 Prozent der Bevölkerung in Dubai stammen aus anderen Ländern, und das Spektrum reicht dabei vom deutschen Bankmanager über die kanadische Englischlehrerin und den libanesischen Koch bis zur unterprivilegierten Schicht der Erdöl-, Hafen- und Bauarbeiter. Entsprechend präsentiert sich das Straßenbild. Ich glaube nicht, schon jemals an einem derart multikulturell wirkenden Ort gewesen zu sein.

Leider hatte ich nicht allzu viel Zeit, um wirklich die gesamte Vielfalt entdecken zu können. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass andere Dubai-Besucher so etwas tun. Stattdessen habe ich mir drei Orte gezielt ausgesucht, die jeweils einen anderen Aspekt dieses Gesamtkunstwerks Dubai repräsentieren. Zunächst bin ich abends zur „Dubai Mall“ gefahren, einem der größten Einkaufszentren der Welt, gelegen direkt neben dem „Burj Khalifa“, dem höchsten Gebäude auf Erden – vorerst. Am nächsten Morgen war ich auf dem Fischmarkt von Deira, habe mir ein klitzekleines Fischlein besorgt und anschließend im Ofen gebacken. Und schließlich habe ich mich noch zu einer anstrengenden Fußexpedition aufgemacht, um eines der berüchtigten „Labour Camps“ besuchen zu können.

Dubai gilt in erster Linie als Shopping-Paradies. Das liegt nicht unbedingt daran, dass alles so günstig wäre, sondern daran, dass es eine Auswahl an exklusiven Marken gibt, die es mit derjenigen der Top-Weltmetropolen aufnehmen kann. Die „Dubai Mall“, relativ bequem mit der ebenfalls neu gebauten Metro zu erreichen, besitzt eine Verkaufsfläche von 350.000 Quadratmetern. Da solche Zahlen meistens nicht wirklich anschaulich wirken, lieber ein Vergleichswert: 49 Fußballfelder. Also groß genug, um sich allein bei der Besichtigung platte Füße zu holen. Solltet Ihr noch ein tolles Kochbuch benötigen, Euch über die politische Lage im Nahen Osten informieren wollen oder einfach einen originalsprachigen Bestseller erstehen, geht zu Kinokuniya. Die Filiale der japanischen Buchhandlungskette ist die größte im Umkreis von geschätzten 5.000 Kilometern. Und danach seid Ihr gar nicht mehr so ärgerlich darüber, dass Ihr bei Lafayette Gourmet für die Schokoladentafel von François Pralus umgerechnet 16 Euro auf den Ladentisch gelegt habt.

Der Burj Khalifa ist 830 Meter hoch, also komplett grotesk für ein Gebäude. Am beeindruckendsten wirkt er aus einiger Entfernung, weil der Blickwinkel direkt vom Fuß des Turms nach oben naturgemäß ein wenig beschränkt ist. Auf eine Fahrt mit dem Fahrstuhl bis auf 452 Meter Höhe habe ich trotz der vermutlich atemberaubenden Aussicht verzichtet, weil mir dafür 80 € als Fahrpreis vorgeschlagen wurden. Die Arbeiter sollen beim Bau des Gebäudes übrigens einen Tageslohn von 3,50 € bekommen haben, sagt der Guardian. Und der ist ja meistens gut informiert.

Man würde Dubai allerdings unrecht tun, es nur auf die gleichzeitige Anwesenheit von Glanz und Elend, von Palästen und Löchern zu reduzieren. Es gibt mittlerweile jede Menge dazwischen, was beispielsweise eine morgendliche Fahrt mit dem „Abra“ genannten Boot über den Dubai Creek vor Augen führt. Händler und Arbeiter auf dem Weg zur Arbeit, dazu ein paar Touristen mit Jetlagproblemen. Den Gold-Suq auf der anderen Seite habe ich schnell durchquert, um zum heimlichen Hauptziel meines Dubai-Aufenthalts zu kommen, dem Fischmarkt von Deira.

Jener befindet sich in unmittelbarer Nähe der Metrostation „Palm Deira“, was den Besuch so unglaublich viel einfacher werden lässt als meine Expedition zum Fischmarkt von Colombo.

Auch die Geschäftigkeit ist wesentlich größer, denn die Köche unzähliger Hotelrestaurants kommen hier vorbei, um sich die besten Fische auszusuchen, während in Colombo der touristische Sektor ja vergleichsweise darniederliegt. Der Vergleich zwischen beiden Märkten endet immerhin auf Augenhöhe, was die Vielfalt der angebotenen Meeresfauna anbelangt. Großartig. Hätte ich nicht bereits in Colombo den riesigen Bestimmungsartikel geschrieben, hier hätte ich es genauso gut machen können.

Allerdings erwarten die Händler hier von mir, dass ich ihnen letztlich auch einen Fisch abkaufe und nicht nur nach den Namen der Spezies frage. In dem Fall dieses blauen Riffbewohners mit der großen gelben Zeichnung habe ich es allerdings trotzdem getan: „Anfouz“, also Pomacanthus maculosus oder auch „Sichel-Kaiserfisch“. Essbar.

Je länger ich auf dem Markt herumlaufe, desto mehr freunde ich mich mit der Idee an, tatsächlich einen Fisch zu erstehen. Immerhin habe ich in Dubai ein Apartment gemietet, das zwar keinerlei Küchenutensilien bereithält, aber immerhin einen Backofen. Aus dem gigantischen Angebot entscheide ich mich für einen Hai. Ich hatte es ja schon bei Facebook gepostet.

Vor dem Eingang zur Metro befindet sich ein riesiges, wirklich überhaupt nicht zu übersehendes Schild mit einem durchgestrichenen Fisch: „No Fish in Metro“. Ich überlege hin und her, schließlich ist Dubai ein prima Überwachungsstaat mit drakonischen Strafen für jegliche Art des Fehlverhaltens. Dann rolle ich den Hai möglichst kompakt zusammen, knote die Plastiktüte mit Haiinhalt gut zu, packe sie in meine Tasche und lege Fotoapparat, Stadtplan und andere unauffällige Dinge darauf. Ab damit in die Metro.

Ich muss zugeben, dass ich den Hai in erster Linie wegen seiner spektakulären Art und weniger wegen seiner kulinarischen Qualitäten ausgewählt hatte. Mich hat nämlich einfach interessiert, wie sich Haihaut anfasst (gleichzeitig rau und seidig), wie ein Haimaul aussieht (die Zähne sind kleine Hickerchen, aber spitz und permanent nachwachsend), wie Haifischflosse schmeckt (ohne in ein chinesisches Restaurant gehen zu müssen) und was das für seltsame Sinnesorgane an der Haischnauze sind (faszinierend symmetrisch angeordnete kleine Löcher, wie „Hai-Schnurrhaare“). Was das Haifleisch betrifft, sollte man wissen, dass Haie keine Niere besitzen und sich der im Fischblut verteilte Harnstoff nach dem Tod schnell in Ammoniak umwandelt.

Den Hai habe ich nur äußerlich abgewaschen, aber ansonsten nicht angeritzt, sondern im Ganzen in die auf 200 Grad vorgeheizte Backröhre gegeben. Das ist ja der ewig währende Streit, ob es besser ist, den Fisch zu entschuppen, auszunehmen und zu filetieren oder einfach gar nichts davon zu tun und dann halt später beim Anschneiden ein wenig aufzupassen. Sicherlich kommt es auf Art und Größe des Fisches an, aber ich muss sagen, dass gerade durch die unbeschädigte, feste und harte Haihaut das Fleisch letztlich einmalig saftig geworden ist. Ein Ammoniaktouch war zum Glück nicht zu spüren, und ich habe den Fisch – auf zwei Portionen verteilt – zusammen mit Taboulé und arabischem Brot gegessen.

Echtes Streetfood gibt es in Dubai übrigens kaum. Aber Ihr werdet ohne Probleme Imbisse und einfache Restaurants mit authentischer südindischer Küche finden können. Malayalam (also die Sprache des indischen Bundesstaats Kerala) soll tatsächlich die häufigste Alltagssprache in Dubai sein, und Vegetarier kommen wirklich überall auf ihre Kosten.

Letzter Teil meines Dubai-Aufenthalts: der Ausflug ins Labour Camp. Zwei große Camps dieser Art gibt es in Dubai, einmal das baulich stark abgeschottete Lager in Al Qusais, auch „Sonapur“ genannt nach der gleichnamigen Stadt im (armen) indischen Bundesstaat Orissa. Wie es dort aussieht, könnt Ihr hier sehen. Ich selbst habe mich für das andere Labour Camp, Al Quoz, entschieden, weil es mitten in einem quirligen Industriegebiet liegt und mir deshalb für Nichtzugehörige leichter erreichbar erschien. Allerdings habe ich dort keine Fotos gemacht, weil ich schließlich kein Enthüllungsjournalist bin. „DIS-INTEGRATION“ steht groß an der Wand eines der Campgebäude, und natürlich befinden wir uns hier meilenweit entfernt vom Glamour der Dubai Mall. Jetzt könnte ich eine Schimpftirade gegen ausbeuterische Regimes starten, gegen eine neoliberale Wohlstandsgesellschaft, die ihren Aufstieg und die darauf beruhende internationale Anerkennung den krummen Rücken der ausländischen Vertragsarbeiter verdankt. Und wenn einem der Pass abgenommen wird, man sich quasi in die Leibeigenschaft einer Agentur begibt und nach täglich 14 Stunden Arbeit am Ende des Monats gerade einmal 100 US$ verdient hat, wäre alles andere als Empörung auch nicht angebracht. Aber irgendwie haben mich bauliche Gestaltung und Wohnverhältnisse in Al-Quoz auch stark an deutsche Asylbewerberheime der 1990er Jahre erinnert. Natürlich weiß ich sehr wohl, was die Systeme voneinander unterscheidet. Nur der visuelle Eindruck erschien mir halt so frappierend ähnlich.

Mittlerweile war Feierabendzeit. Ich bin dann vom Labour Camp zu Fuß durch die Industrieanlagen über die Autobahnbrücke durch die schicken Villenviertel in Richtung Strand gegangen. Wie nah nebeneinander die sozialen Wirklichkeiten in dieser Wüstenstadt liegen, ist wirklich verblüffend. Verblüffend ist auch das Ausmaß des Feierabendstaus. Dubai ist ja – schon allein wegen der Kombination aus Wohlstand und klimatischen Verhältnissen – eine totale Autostadt. Die Verkehrsdichte fällt aber oft gar nicht so stark auf, weil viele Straßen eben nicht eine Spur je Richtung haben, sondern drei, vier oder gar fünf. Nur wenn auch sechs Spuren über Kilometer hinweg komplett verstopft sind, erwächst einem schon die Erkenntnis, dass Dubai in dieser Hinsicht gleich hinter L.A. kommt.

Endlich am Strand angekommen, war die Dunkelheit schon längst hereingebrochen. In Rio hätte ich mich um diese Uhrzeit sicherlich nicht an den Strand gesetzt, aber in Dubai hatte ich in dieser Hinsicht wenig Bedenken. Das Wasser des Persischen Golfs plätscherte nur ganz leise, sehen konnt ich aber wenig. Ich habe deshalb die Kamera einfach in den Sand gestellt und mit Selbstauslöser und extra langer Belichtungszeit versucht, mir eine Art Nachtsicht-Standbild zu schaffen. Das Ergebnis seht Ihr oben.

Auf meinem Flug zurück hatte ich endlich einen Fensterplatz, zum ersten Mal auf all meinen Flügen in Asien. Ich möchte Euch deshalb einfach noch zwei Fotos zeigen, die zwar gar nichts mit kulinarischen Erlebnissen zu tun haben, die mir aber irgendwie die Schönheit und Wunderhaftigkeit unserer Erde noch einmal wortwörtlich vor Augen geführt haben.

Die kurdischen Berge sind ein geologisch sehr aktives Gebiet. In der Caldera eines älteren Vulkans hatte sich ein neuer Vulkankegel gebildet wie die Iris in einem Auge.

Schneeschmelze im Hochland. Unter dem Schnee zeigen sich bereits mäandrierende Bäche, die in Richtung eines Zentrums streben. Euphrat und Tigris entspringen beide in dieser Gegend.

Und damit ist rechtzeitig am Ostersonntag mein mehr als zwei Monate währender Aufenthalt in Asien beendet. Eine wahnsinnig interessante Zeit, die mir – wie längere Reisen das gelegentlich zu tun vermögen – wieder neue Horizonte aufgezeigt hat. Was meinen Blog anbelangt, werden die einen unter Euch sicher froh sein darüber, jetzt wieder alltags-anschaulichere Dinge präsentiert zu bekommen. Die anderen werden vielleicht fürchten, dass ich künftig nur noch in den eigenen vier Wänden hocke und über Bratkartoffeln philosophiere. Letztere kann ich aber beruhigen: Die beiden nächsten Reisen sind bereits in trockenen Tüchern.

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6 Antworten zu Dubai

  1. Die Küchenschabe schreibt:

    Ich hätte dich gerne rund um die Welt geschickt, ich mag deine Reiseberichte so gerne … meistens speichere ich sie in meinem Urlaubsordner ab, ich will ja auch noch in der Welt herumkommen, und deine Schilderungen werden da sehr hilfreich sein 🙂

    • chezmatze schreibt:

      Danke für den netten Kommentar! Ich muss zugeben, dass ich tatsächlich ein wenig ins Grübeln komme. Zwar ist es so, dass ich diesmal in die verschiedenen Länder wegen meiner Arbeit gekommen bin, aber ich könnte mir die Konstellation auch sehr gut umgekehrt vorstellen… Falls Dir übrigens ein kulinarischer oder auch anderweitiger Tipp zu Split, Kroatien, einfällt, wäre ich aus gegebenem Anlass sehr daran interessiert ;).

  2. Steffen schreibt:

    Na dann willkommen zurück und vielen Dank für die großartigen Berichte aus Asien. Bei Deinen Dir eigenen Blicken hinter die Kulissen der Welt gibt es immer was zu entdecken, und zwar egal, ob Du aus Dubai, Köln oder dem heimischen Gemüsegarten berichtest. Man ist da als Leser überall chez Matze, auch wenn es um Bratkartoffeln gehen sollte.
    Schönen Gruß
    Steffen

    • chezmatze schreibt:

      Vielen Dank für die netten Worte. So etwas motiviert mich natürlich, auch zukünftig mit diesem Themenmix weiterzumachen. Darauf einen Trollinger ;).

  3. Pingback: Merkwürdige Dinge, die mir auf meiner Asienreise begegnet sind (I) | Chez Matze

  4. Pingback: Unterwegs in den Welten: die Top 3 meines Jahres 2012 | Chez Matze

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