ThaiBierPokal 2012: das Finale

Ich hatte mir ja zu Anfang meines Südostasien-Aufenthalts vorgenommen, sämtliche Biere aus Thailand testen zu wollen, um dann am Ende einen Sieger küren zu können. Dabei wollte ich mich jeden Freitag zum Feierabend mit meinem australischen Kollegen Rick treffen. Hat natürlich nicht funktioniert. Auf zwei „Vortests“ haben wir es gebracht, nämlich diesen und jenen. Dann aber war ich viel zu viel unterwegs innerhalb der Region, um jeden Freitag in Bangkok sein zu können. Und außerdem, das gebe ich offen zu, habe ich mich gefragt, mit welcher sensorischen oder sonstwie qualitativen Berechtigung es denn mehrere Artikel über ersatzstoffgeplagte Industriebiere auf meinem schönen Blog geben sollte.

Heute ist aber alles anders, denn heute sind wir in einer großen Runde zusammen gekommen. Und weil Rick die Idee vom ThaiBierPokal nach wie vor so großartig findet, probiere ich nun unter all den australischen Outbackers fröhlich sämtliche zehn Thai-Biere durch, die wir finden konnten. Das Procedere sieht dabei so aus, dass jeder am Schluss zwei Favoriten nennen muss, und die beiden Biere mit den meisten Nennungen treten zum feierlichen Finale noch einmal gegeneinander an.

Bier 1: Archa, Cosmos Brewery Ayutthaya, 5,4 vol%.

Der Aufkleber auf der Flasche, „Australian International Beer Awards Gold“, lässt einen Teil der Runde gleich in ein gewisses Grölen verfallen. Rick wirkt unglücklich ob der Urteilskraft seiner Landsleute. Bereits in der Nase wirkt das Bier leicht abgestanden. Im Mund beginnt die Sache malzig-melassig, endet dann aber dennoch nicht in einer Katastrophe. Okay, Hopfen ist praktisch nicht vorhanden, eine gewisse Brandigkeit kommt auch mit herein, aber es ist kein Bier zum Wegschütten.

Das bringt gleich zu Anfang eine recht interessante Diskussion in Gang, die mit „Archa“ selbst nur marginal etwas zu tun hat. Ich hatte vorher nämlich im Internet herausgefunden, dass „Archa“ bei ratebeer zu dem einen Prozent der schlechtesten Biere der Welt gezählt wird. Dass es sich nicht um ein gutes Bier handelt, darüber besteht bei uns am Tisch Einigkeit. Aber offenbar hat es die globalisierte Bierindustrie in den vergangenen Jahrzehnten geschafft, das untere Spektrum fast durchgängig auf ein akzeptables Niveau zu bringen. Das ist ein gewaltiger Fortschritt. Mit einem bitteren Beigeschmack allerdings (oder eben nicht bitter): Die Biere der Mittelklasse, die früher von Traditionsbrauereien hergestellt wurden und mittlerweile als Marke Teil internationaler Braukonsortien sind, haben ebenso viel an Charakter eingebüßt. Vielen fällt da als Name sofort „Jever“ ein, ein einstmals legendär herbes Pilsener. Wenn wir allerdings über die Grenzen Deutschlands blicken, finden sich in den großen benachbarten Braunationen wie Tschechien oder Belgien noch weitaus schlimmere Beispiele. Aber wir kommen bereits nach zehn Minuten vom Thema ab, also schnell die zweite Sorte geordert.

Bier 2: Chang Export, Cosmos Brewery Ayutthaya, 5 vol%.

Als ich nach Thailand kam, dachte ich, dass es nur ein einziges „Chang“ gäbe. Aber in Wirklichkeit gibt es mindestens vier, wobei wir auf die Light-Version verzichtet haben. Dieses Bier kommt mir allerdings auch sehr leicht vor, sehr flüssig, zwar wiederum ohne Hopfen, aber absolut ohne störende Elemente. Einerseits schmackhaft und erfrischend, andererseits ist sich die Runde nicht ganz einig darüber, ob „Abwesenheit von Charakter“ in diesem Kontext bereits als positives Merkmal gewertet werden darf. Bleibt aber im Rennen.

Bier 3: Tiger, Thai Asia Pacific Brewery Nonthaburi, 5 vol%.

„Tiger“ ist eigentlich die bekannte Biermarke aus Singapur, die aber auch in Thailand in Lizenz hergestellt wird. Über „Tiger“ hatte ich vorher eher positive Meinungen gehört. A propos gehören, Tiger gehört zur Heineken Group, das also nur mal nebenbei zu globalisierten Konsortien. Das goldblonde Bier sieht erst ziemlich sprudelnd aus, beruhigt sich dann aber. In der Nase neutral-mild. Tja. Am Gaumen schmeckt das „Tiger“ zunächst zitronig-erfrischend, und ganz am Ende glaube ich tatsächlich eine gewisse Hopfennote erkennen zu können. Die Mittester zeigen sich recht zufrieden, dieses Bier bekommt sicher ein paar Empfehlungen.

Bier 4: Leo, Boon Rawd Brewery Bangkok, 5 vol%.

Das kennen Rick und ich ja schon, und auch diesmal zieht der Löwe gegen den Tiger den Kürzeren. War das „Tiger“ schon zitronig, ist es das „Leo“ noch mehr. War das „Tiger“ schon nicht gerade kräftig, wirkt das „Leo“ noch dünner. Wenn wir jetzt das „Archa“ noch einmal testen würden, hätte das „Leo“ eventuell bessere Chancen, aber in dieser Reihung gebe ich ihm wenig Chancen, die Vorrunde zu überstehen.

Bier 5: Cheers, Thai Asia Pacific Brewery Nonthaburi, 5 vol%.

Seltsam. Immer derselbe Alkoholgehalt, immer dieselben Brauereien, eine große Vielfalt scheint hier nicht zu herrschen. Dafür gibt es wieder eine Qualitätsangabe auf der Flasche: „Monde Sélection Bruxelles 2009“. Da müssen natürlich die Australier zu lästern anfangen. In der Farbe ein recht kräftiges Dunkelgold. Schön. In der Nase Alkohol, gepaart mit chemischen Noten und einem diffusen Apfelaroma. Gar nicht schön. Am Gaumen bleibt das Bier konsequent fehltönig, brandig, chemisch und insgesamt das schwächste Produkt des gesamten Tests. Okay, es war auch das billigste Bier.

Bier 6: Chang Classic, Cosmos Brewery Ayutthaya, 6,4 vol%.

Das ist wahrscheinlich nicht das „Chang“, das es in Europa zu kaufen gibt, sondern eine stärker eingebraute Tropenversion. Zunächst bin ich versucht zu sagen, das absolut beste Bier bislang, wirklich klassisch und einfach kräftiger als die anderen davor. Mit zunehmender Wärme kommt hier allerdings auch eine gewisse Brandigkeit ins Spiel. Ich fürchte, dass die Stammwürze nicht ausreicht, um den Alkohol entsprechend zu unterfüttern. Viele in der Runde sehen hier aber ihren Favoriten.

Bier 7: Red Horse, San Miguel Brewery Pathumthani, 6,9 vol%.

Wie das „Tiger“ ist das „Red Horse“ ebenfalls ein Lizenzprodukt, diesmal von der philippinischen Brauerei San Miguel. Rick und ich hatten es ja schon einmal probiert, und wir hätten an dieser Stelle lieber das „richtige“ San Miguel genommen, aber die anderen meinten, es würde der Stärke wegen besser zum „Chang Classic“ passen. Ich muss zugeben, dass es mir bei diesen tropischen Hellen zunehmend schwerer fällt, entscheidende geschmackliche Unterschiede auszumachen. Und meine Geschmacksnerven sind normalerweise nicht so schnell lahmzulegen. Natürlich spielt die Kälte des Getränks eine entscheidende Rolle bei der Aromenverdeckung, aber immer, wenn es etwas wärmer wird, kommen diese brandigen Noten auf den Tisch, die ich nicht will. Die Runde ist mehrheitlich wenig angetan.

Bier 8: Singha, Boon Rawd Brewery Bangkok, 5 vol%.

Die Farbe ist schön goldig, das gefällt schon einmal. Auch ansonsten zeigt sich der Marktführer von seiner besseren Seite. Echter Hopfen scheint mit enthalten zu sein, und das Mini-Quentchen weniger an Erfrischung gegenüber beispielsweise einem „Chang Export“ nehmen wir gern in Kauf. Definitiv eines der besseren Biere im Test. Ich werde es jedenfalls wählen, falls die Nummern 9 und 10 nicht noch herausragende Qualitäten bringen.

Bier 9: Federbräu, Cosmos Brewery Ayutthaya, 4,7 vol%.

Gern würde ich für dieses Bier stimmen: Ein feines Etikett, ein klassisch deutscher Biername, ein angenehm niedriger Alkoholgehalt. Allein, der Geschmack macht es mir nicht so leicht. Und das, obwohl doch dezidiert auf dem Etikett darauf hingewiesen wird, dass dieses Bier nach dem Reinheitsgebot gebraut worden ist. Wenn dem tatsächlich so sein sollte, ist es wahrscheinlich das einzige in dieser Runde. Aber es hilft nichts. Wassersuppe ist auch sauber und schmeckt nicht gut. Das „Federbräu“ schmeckt dagegen schon. Zitronig, ansonsten sehr mild und eher wie ein leichtes Hell, aber auch mit sehr wenig Charakter ähnlich dem „Chang Export“. Mittelprächtig.

Bier 10: Chang Draught, Cosmos Brewery Ayutthaya, 5 vol%.

Auch dieses Bier kenne ich schon, aber wir hatten es zusammen mit dem Federbräu ans Ende gesetzt, weil beide Biere ja aus derselben Brauerei stammen. Schmeckt aber total anders, und wie beim ersten Versuch mit Rick habe ich das Gefühl, dieses Bier zur Not blind herausschmecken zu können. Hefig, seidig, mit interner Schaumigkeit. Obwohl dies natürlich nur ein angetäuschtes Fassbier ist, denn wir bekommen es aus der Flasche serviert, können sich doch einige mit diesem anderen, fast bleichen Biercharakter anfreunden.

So, acht Leute sind wir, jetzt also zum Ergebnis des Favoriten-Votings: Singha 5, Chang Classic 4, Tiger 3, Chang Draught 2, Federbräu & Chang Export je 1, Leo, Red Horse, Archa & Cheers je 0.

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass mir die Kombination aus Alkohol und feuchter Tropenhitze nicht so recht bekommt. Denn obwohl ich mir aus den Flaschen immer nur kleine Mengen ins Glas geschüttet habe, möchte ich eigentlich gar nicht wirklich beim feierlichen Finaltest mitmachen. „Jetzt ein fruchtiger Ivy-Roselle-Softdrink“, fährt es mir durch den Kopf. Aber nein, ich halte durch, „for hop’s sake“, wie Rick meint.

Wir testen also „Chang Classic“ gegen „Singha“, und zwar halbblind. Das heißt, wir schauen beim Einschütten nicht zu, dann aber schon. Und okay, dank der helleren Farbe können wir das „Chang“ sofort erkennen. Geschmacklich ist die Differenz schon deutlich geringer.

Unser Ergebnis kurz und schmerzlos: „Singha“ gewinnt. Knapp zwar, aber wir finden, dass es ein wenig vollmundiger und hopfiger ist als das „Chang Classic“.

Eine echte Erbauung war dieser Test allerdings für mich nicht, ganz im Gegensatz zu den fantastischen Esserlebnissen hier in Südostasien. Die hiesigen Biere ähneln sich schon sehr stark, und mich würde wirklich interessieren, wie sich jetzt ein vergleichbares Bier aus Deutschland dagegen machen würde. Derselben Machart, versteht sich, also Radeberger, Hasseröder, Krombacher, Warsteiner, Bitburger, Veltins und und und. Kann man die eigentlich blind voneinander unterscheiden? Das hatte ich mich bislang zwar nie gefragt, aber vielleicht habt Ihr das ja schon einmal versucht herauszufinden.

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3 Antworten zu ThaiBierPokal 2012: das Finale

  1. eichiberlin schreibt:

    Aufopferungsvoller Selbstversuch. Hut Ab!

    • chezmatze schreibt:

      Ja, das reine Vergnügen war das nicht ;). Aber ich frage mich wirklich ernsthaft, ob deutsche Massenbiere noch weit über dem hier gebotenen Standard stehen. Trinken kann man alle, sicher. Aber die Wahrheit zeigt sich erst, wenn die Biertemperatur zunimmt.

  2. cedric fischer schreibt:

    Heldenhaft! Das Wort „halbblind“ gefällt mir.

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