Vier individuelle Rieslinge aus 2009 – ein großer Jahrgang?

Schon bevor der deutsche Weinjahrgang 2009 auf den Markt kam, waren überall Lobeshymnen zu vernehmen. So schönes Wetter, so warm, so sonnig, so gesunde Trauben. Die ersten Verkostungsrunden der Großen Gewächse zeigten dann ebenfalls wunderbar reife, süffige, meist schon früh zugängliche Weine. Mittlerweile hat sich die Begeisterung ein wenig gelegt. Es mehren sich Stimmen, die den 2009er Saft für recht kurzatmig halten. Schon vorbei, die ganze Herrlichkeit? Da ich für eine solche Probe nicht gleich die ganz großen Flaschen aufmachen wollte (über ein etwas zwiespältiges Erlebnis mit dem Hubacker von Keller hatte ich ja schon berichtet), habe ich erst einmal ein paar schöne „Premiers Crus“ getestet. Und schön bedeutet in diesem Fall individuell, charakterstark und aus unterschiedlichen Anbaugebieten. Hier kommen also die (trockenen) Rieslinge von Peter Jakob Kühn, dem Hirschhorner Hof (Frank John), Axel Koehler und Jochen Beurer.

Dass es sich trotz der unterschiedlichen Geographie bei diesen Rieslingen nicht um eine repräsentative Zufallsauswahl handelt, ist den Eingeweihten sicher schon aufgefallen. Einige Punkte sind allen Weinen gemein. Alle stammen aus (zertifiziert oder nicht) biologischem oder biodynamischem Anbau, alle sind spontanvergoren, alle sind nicht für den schnellen Konsum gedacht, und alle kosten etwas mehr als 15 Euro pro Flasche (meine Bezugsquellen nenne ich am Ende des Artikels noch). Es gibt allerdings auch trennende Elemente. Zwei der Weine sind mit einem Schraubverschluss ausgestattet, zwei mit Naturkork. Die Geologie hält sogar komplett unterschiedliche Formationen bereit: Kieselsandstein, Buntsandstein, Devonschiefer, Kalkmergel, alles dabei. Terroirherz, was willst du mehr?

Zwei Sätze vielleicht noch zu den Rahmenbedingungen: Ich habe alle Weine erst blind probiert (frisch geöffnet), dann das Etikett aufgedeckt und nach einer gewissen Lüftungszeit noch einmal getestet. Am nächsten Tag hat mich natürlich interessiert, wie die Entwicklung weitergegangen ist. Als begleitende Speisen habe ich dann ein paar mehr oder wenige abwegige Sachen probiert, einfach aus Interesse: Kouign-Amann, Austern, Ziegenkäse, Kuhhartkäse (beide aus Rohmilch).

Erster Kandidat ist der Hallgartener Hendelberg von Peter Jakob Kühn aus dem Rheingau. Über die Kühn’schen Weine habe ich ja schon öfter berichtet, zum Beispiel hier über den Doosberg. Das kommt auch nicht von ungefähr, denn ich schätze die Arbeit von Peter Jakob Kühn sehr, selbst wenn ich bei der letzten Querverkostung das Gefühl hatte, dass es geschmacklich derzeit in eine etwas „gefälligere“ Richtung zu gehen scheint. Gefällig in Anführungszeichen natürlich, denn dies gilt immer noch als absolute deutsche Avantgarde. [Das lässt ein paar Rückschlüsse auf das Verhältnis zwischen Deutschland und der Avantgarde im Allgemeinen zu, aber das wäre ein völlig anderes Thema.] Aufgrund der in einigen der letzten Jahrgänge sich ankündigenden Klimaerwärmung hat Kühn vor wenigen Jahren eine Parzelle in der höchst gelegenen Rheingauer Spitzenlage erworben, dem Hallgartener Hendelberg. Hier herrscht Schieferboden vor, schon einmal ein Unterschied zu den anderen Kühn-Rieslingen. Der Alkohol ist angenehm moderat, 12,5 vol%, wahrscheinlich eine sehr gute Entscheidung, hier oben zu investieren.

Farblich ist der Hendelberg der zweithellste der Viererbande, aber eigentlich mit genau diesem Weißgelb ausgestattet, wie es sortentypisch erscheint. In der Nase leichte Noten von der Spontangärung und irgendwie auch die Ahnung von Gerbstoffen, aber nicht viel Frucht. Am Gaumen sagt mir mein Ersteindruck, dass ich es hier mit einem geradezu „klassisch“ wirkenden Riesling zu tun habe. Süße und Säure sind sehr ausgewogen aufeinander eingestellt. In der Mitte ist tatsächlich irgendwie eine leichte Adstringenz spürbar, bevor es zum Schluss in Richtung feine gelbe Früchte geht. Anspruchsvoll, keine Frage, aber nicht ungewöhnlich. Sollte auf jeden Fall auch jenen gefallen, die mit Doosberg oder Nikolaus so ihre Probleme haben.

Der zweite Wein stammt von einem Weingut, das bislang noch nicht so große Wellen in der Weinwelt geschlagen hat. Dafür könnten zwei Gründe ausschlaggebend sein: Erstens vinifiziert Axel Koehler seine Weine erst seit ein paar Jahren unter eigenem Namen, und zweitens befindet sich das Gut in Rheinhessen, einer Region, in der in letzter Zeit die bemerkenswerten Produzenten wie Pilze aus dem Boden schießen. Mit dem Nachteil, dass man nach einiger Zeit dazu neigt zu sagen, „ach nee, noch einer von denen“ – und den Namen dann wieder vergisst. Genau das sollte man aber nicht tun, denn Axel Koehlers Engagement ist beachtlich und die selbst gewählte Ansage auf seiner Website („Alles andere als Mainstream.“) kein Zufall. Ich habe aus dem Portfolio den Alzeyer Rotenfels ausgewählt, wobei ich nur mal ganz nebenbei auch noch auf die sehr gelungenen Silvaner aufmerksam machen möchte. Die Lage ist vielleicht einer der Verlierer der Bezeichnungs-Neuordnungen: so schrecklich ausgeweitet, dass man sie insgesamt nicht mehr als empfehlenswert bezeichnen kann. Aber alles ist relativ. Dieser Riesling hier ist jedenfalls das Ergebnis eines für Deutschland grotesk niedrigen Ertrags auf Kalkmergel, 35 hl/ha, einer nicht temperaturkontrollierten Spontangärung und dem Ausbau in alten Stückfässern. Voilà.

Die wärmere Lage hat dem Wein gerade in einem Jahrgang wie 2009 zu mehr Alkohol verholfen als dem Kühn’schen Kühlen: 13,5 vol%. Überraschenderweise handelt es sich um den hellsten Wein der Serie. Und das nicht nur von der Farbe her. In der Nase steigen mir ebenso helle Noten entgegen, eine leicht pudrige Zitrone, weiße Blüten, ein ganz klar von den Böden geprägtes Bild. Der Ersteindruck am Gaumen ist hell und süßtraubig. Das Helle bleibt weiterhin bestehen, aber dann kommt auch ein gewisses Säurespiel, bevor der Wein verblüffend trocken endet. Das Dekantieren tut ihm dabei ausgesprochen gut. Erst jetzt wird die Sache nämlich richtig vielschichtig, treten kräuterige und gewürzhaltige Noten in den Vordergrund, viel Ingwer, später sogar orange-würzige Töne und ein leichter Lack-Anklang. Bei diesem Wein sollte man sich nicht vertun und glauben, das hellglänzende Spiel zu Anfang wäre schon alles gewesen. Schnelltestende Schlürfer und Spucker könnten hier eventuell auch mal daneben liegen.

So, Nummer Drei. Der Riesling Buntsandstein vom Hirschhorner Hof in der Pfalz weist einen ähnlichen Unbekanntheitsgrad auf wie der Riesling von Axel Koehler. „Schuld“ daran könnte die Tatsache sein, dass Frank John zwar ein angesehener Weinfachmann ist, selbst jedoch keine eigenen Reben besitzt. Der Hirschhorner Hof befindet sich übrigens in Königsbach, einem Stadtteil von Neustadt an der Weinstraße. Dorthin werden die Trauben von (biodynamisch arbeitenden) Vertragswinzern gebracht und denkbar sanft vinifiziert. Gut, das haben die Rieslinge hier ja gemeinsam. Spontangärung ist selbstverständlich, keine Kühlung oder Erwärmung des Mosts, keine Enzyme, Stabilisatoren oder Schönungsmittel, ein Jahr auf der Feinhefe, großes Holzfass und anschließend noch ein halbes Jahr Flaschenreife, damit sich die Holztannine harmonisch einbinden. Den ausgezeichneten Pinot Noir, den Frank John ebenfalls herstellt, habe ich übrigens gut geschützt in den Keller gestellt. Bei einem solchen, zumal nicht wirklich preisgünstigen Wein würde es mich wahrscheinlich ärgern, ihn zu früh geöffnet zu haben.

Das könnte für diesen Riesling auch gelten, aber ich habe mir einen Ruck gegeben. 12,5 vol%, auch da die Ausgewogenheit in Person. Farblich ist das bislang der dunkelste Vertreter, das Holz und die Pfalz halt. In der Nase habe ich das Gefühl von Traubenzucker, also ganz leichte Gärnoten, dazu eine bleiche Zitrone. Dürfte auch ein Wein sein, den man erst einmal lüften sollte. Am Gaumen kommt die ganze Sache dann aber wesentlich klassischer daher: prononcierte Säure, relativ saftig, aber auch mit deutlicher Mineralität. Je länger der Wein im Glas bleibt (und erst recht am nächsten Tag), desto stärker werden die Kräuternoten. Zum Schluss wird es dann wieder ein wenig apfelig, eine leichte Adstringenz, ein bisschen Terpentin. Die risikoreiche, aber gekonnte Vinifizierung auf des Messers Schneide ist damit fast greifbar. So richtig perfekt harmonisch scheint mir die Sache noch nicht zu sein, aber die Anlagen sind nicht geringer als bei einem Großen Gewächs.

Der letzte Wein stammt aus dem Württembergischen. Jochen Beurer gilt dort – wie vielleicht kein anderer – als der kommende Mann. Zum einen traut er sich persönlich des öfteren aus dem Ländle heraus und bringt seine Weine dabei mit, was wahrhaftig nicht für alle schwäbischen Winzer gilt. Zum anderen gilt er als der offenste und experimentierfreudigste Produzent, jemand, der sich traut, „Althergebrachtes“ (sprich: die Weinbauphilosophie der 60er, 70er und 80er Jahre) auch einmal in Frage zu stellen. Ergo wird der Kieselsandstein aus der Lage Stettener Pulvermächer nicht nur auf dem kargen und namensgebenden Gestein angebaut (sehr geringe Bodenauflage), der Ertrag wurde auch auf nur eine Traube pro Trieb reduziert und der Wein nach der Spontangärung über ein Jahr lang im Edelstahl auf der Hefe liegen gelassen. Ein trockener Riesling aus dem Jahrgang 2009, gefüllt im Januar 2011.

Gelb ist der Wein, der dunkelste der Verkostung. Fast sieht er aus wie ein zehn Jahre alter Burgunder. In der Nase sind zunächst „normale“ Apfelnoten zu spüren, dann aber auch Ananas, also etwas Tropisches und zum Schluss eine deutliche Weißtraubigkeit, vielleicht sogar in Richtung Traubenkern. Am Gaumen wandelt sich der letzte Geruchseindruck in den ersten Geschmackseindruck um: blumig, sehr traubig, fast ein wenig an Muskat erinnernd, dann weiter sehr hell und staubig-trocken, hinten raus sogar mit einer leichten Restsüße. Nach einer ausgiebigen Lüftung bleibt die Traubigkeit, aber insgesamt wird der Wein atmosphärisch dunkler, vielleicht auch ein wenig bitterer. Weißdorn, Küchenkräuter, noch nicht ganz getrocknet, kein extrem stahliger Wein (trotz des Edelstahls), aber auch weniger hefig als gedacht. Im Vergleich sind hier die größten Ähnlichkeiten mit Koehlers Rotenfels zu sehen, außer dass der Kieselsandstein ganz leicht fruchtsüß wird. 12,5 vol% übrigens, das nur zur Ergänzung.

Was die Speisenbegleitung angeht, gab es ein paar echte Überraschungen. Austern und Riesling, fruchtsüßer Riesling zumal, das geht gar nicht. Weiß man, aber ich habe es trotzdem probiert. Während drei der Rieslinge da wirklich komplett daneben lagen, hat der Koehler Rotenfels eine verblüffend gute Figur zu den hartschaligen Meerestieren abgegeben. Hätte ich vorher nie geglaubt. Zum würzigen Ziegenkäse (ein Rocamadour übrigens) ist Riesling allgemein eine Freude. Obwohl der Kühn Hendelberg und der Beurer Kieselsandstein einen unterschiedlichen Ansatz besitzen, passen beide perfekt. Aber auch der Koehler ist gut, nur der John Buntsandstein agiert eher mittelprächtig. Jener brilliert dagegen zum Kuhhartkäse, der eine etwas süßlichere Milchnote besitzt. Damit können die anderen, insbesondere die „helleren“ Rieslinge wenig anfangen. Schließlich hat auch der Kühn Hendelberg noch sein Erfolgserlebnis: Den Kouign-Amann begleitet niemand so gut wie er. Pikant-aromatisch, schöne Fruchtsäure, das Gebäck hat seinen idealen Widerpart gefunden.

Mein Gesamtfazit der Probe ist relativ leicht zusammenzufassen: tolle Weine, vielschichtige Weine, individuell interpretierte Weine – aber noch nicht auf dem Höhepunkt ihres Könnens angelangt. Am ehesten war der Kühn Hendelberg bereits in einer Phase, die man als „genussreich“ umschreiben kann. Ich verzichte deshalb ganz bewusst auf irgendwelche Bepunktungen, die ja doch alle mit einem „+“ für „Potenzial“ enden müssten. Ich persönlich würde 2009er Rieslinge dieser Qualität wahrscheinlich erst in drei bis vier Jahren aufmachen. Allerdings würde ich sie jetzt bereits einkaufen, denn wenn die Weine auf ihrem harmonischen Gipfel angekommen sind, werden sie – wie immer bei deutschen Weinen – vom Markt komplett verschwunden sein.

Dass man bei den einstmals so zugänglichen 2009ern nicht so lange warten muss, zeigen derzeit die nominell kleineren Weine. Vor ein paar Tagen hatte ich zum Beispiel den Piesporter Riesling trocken vom Weingut Reinhold Haart im Glas. Ein saftiger Wein (dank des Jahrgangs), dennoch frisch, mineralisch (dank der Herkunft) und aromatisch zwischen Aprikose und Minze changierend. Sehr schmackhaft und von seinem Gesamtauftritt her bereits dort angelangt, wo die höherwertigen Weine erst noch hinkommen werden.

Zum Schluss noch zu meinen Bezugsquellen: Den Piesporter von Haart habe ich beim Wein-Punkt für 8,90 € gekauft, den Beurer Kieselsandstein bei Bernd Kreis für 14,90 €, den Kühn Hendelberg bei Vino Grande für 15,90 €, den Hirschhorner Buntsandstein bei deutsche-weine.com für 15 € und den Koehler Rotenfels bei originalverkorkt für 17,50 €. Zu letzterem möchte ich noch anmerken, dass Christoph seinen Shop ja Ende der Woche schließt, was ich außerordentlich bedauerlich finde. Bis dahin gibt es alle Weine (die noch übrig sind) zum reduzierten Preis. Der Rotenfels 2008 von Koehler kostet z.B. nur noch 14 €. Schaut also noch mal schnell vorbei, bevor die ganzen schönen Sachen endgültig weg sind.

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3 Antworten zu Vier individuelle Rieslinge aus 2009 – ein großer Jahrgang?

  1. BerlinKitchen schreibt:

    Hier ein paar Impressionen von meinem Freund Thomas Iversen zum Jahrgang 2009 beim „BerlinRieslingCup“:

    http://madwine.blogspot.com/2010/10/2009-germany-dry-riesling-bonanza.html

    Cheers,
    Martin

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