Hochzeitsbesuch in Randersacker

Randersacker ist ein fränkischer Weinort in der Nähe von Würzburg. Es gibt hier im Herzen des Muschelkalk-Landes 16 direktvermarktende Winzer neben einer noch größeren Anzahl von Nebenerwerblern, die ihre Trauben an den Koloss GWF abliefern. Hier bei einer Hochzeit eingeladen zu sein, bedeutet für mich deshalb, das Angenehme mit dem Angenehmen verbinden zu können. Nach der Feier (von der ich Euch zwei lokale Weine vorstellen möchte) habe ich mich deshalb mit meinem Gastgeber noch einmal in die Weinberge aufgemacht.

Nun ist der Januar nicht unbedingt der geeignetste Monat für einen netten Spaziergang durch blühende Landschaften. Als Konsequenz für meinen Wagemut, mit der Hochzeitsjacke den Pfülben zu erklimmen, bin ich gleich einmal von einem unangenehmen Regenguss erwischt worden. Trotzdem fällt es nicht schwer sich vorzustellen, dass aus dieser Lage Spitzenweine entstehen können. Der Name „Pfülben“ leitet sich vom mittelhochdeutschen „phulwen“ ab, was ein aufgebauschtes Kopfkissen bezeichnet, wie man es noch aus großelterlichen Betten kennt. Der Prallhang des Pfülben ist in Süd-Südwest-Ausrichtung direkt dem Main zugewandt und damit klimatisch gleich doppelt begünstigt. Der Untergrund besteht aus Muschelkalk, darüber gibt es eine Auflage aus tonigem Feinboden. Dass der Weinberg sehr skelettreich ist (sprich, jede Menge Steine  an der Oberfläche zu finden sind), kann man auch auf dem Steinabladeplatz an der Oberkante des Pfülben sehen, zu dem die Winzer ein paar schöne Brocken aus ihren Wengerten gebracht haben. An den Wochenenden tummeln sich hier die Fossiliensammler und Vorgartensteinsucher.

Ein kleiner Teil des Pfülben wird vom sogenannten „Altfränkischen Wengert“ eingenommen. Hier werden in ungeheuer dichter Einzelstockerziehung insgesamt elf verschiedene Rebsorten als gemischter Satz zusammen angebaut, geerntet und verarbeitet. Solltet Ihr der Gemeinde in offizieller Mission einen Besuch abstatten, bekommt Ihr vielleicht eine Flasche des hieraus bereiteten Weins geschenkt. Im eigentlichen Verkauf ist er, soweit ich weiß, jedoch nicht. Was bei der Zusammensetzung der Rebsorten ein wenig überrascht, ist die „Bukettrebe“, eine Sämlingszüchtung des Randersackerer „Weinheiligen“ Sebastian Englerth. Sie soll (ich habe den Wein nicht probiert) eine gewisse Parfümiertheit und eine Muskatnote in den fertigen Wein bringen, die heutzutage vielleicht nicht mehr ganz so angesagt ist. Mit 425 ha Anbaufläche in Südafrika hat die Bukettrebe übrigens in einer ganz anderen Umgebung ihre Nische gefunden.

Ganz aufschlussreich beim Spaziergang durch den Pfülben fand ich auch eine Stelle, an der von den darüber liegenden Rebzeilen offensichtlich der Oberboden partiell heruntergespült wurde. Interessanterweise war dies bei den Rebzeilen direkt daneben nicht der Fall. Die unterschiedliche Auswirkung (beides sind ansonsten konventionelle Winzer) kommt daher, dass der „Rutscher“ konsequent jegliche Art der Begrünung ablehnt und sich regendes Grün wegspritzt. Dafür schaufelt er jedesmal den abgetragenen Boden oben wieder in den Weinberg. Allerdings dürfte der Humus mit vielen Mineralstoffen bereits mit hinausgepült worden sein, so dass meiner bescheidenen Meinung nach oben nicht mehr all das dazugeschaufelt werden kann, was vorher aus dem Weinberg abgetragen wurde.

Obgleich der Pfülben von den mikroklimatischen Verhältnissen her wesentlich homogener ist als viele andere, gelegentlich etwas ungeschickt ausgedehnte deutsche Lagen, existiert auch hier ein saurer Apfel. Auf der nördlichen Seite des Berges mit Blick auf den Teufelskeller gibt es einen Abschnitt, den die Randersackerer nicht als „Pfülben“ bezeichnen, sondern als „Arsch“ oder auch „Pfülben Arsch“. Die korrekte Antwort eines hier begüterten Winzers auf die Frage „Hast du Reben im Pfülben?“ lautet also, „Nein, meine sind im Arsch.“ Natürlich gehören sie seit 1971 weinrechtsmäßig auch zum Pfülben. Was an sich unerfreulich ist, könnte sich in übermäßig üppig geratenen Jahren zum Vorteil wenden. Wer weiß, vielleicht werden die 2011er mit einem Gutteil Arsch-Zugabe sogar die angenehmeren Pfülben-Weine sein.

Neben dem Pfülben ist Randersacker auch mit weiteren sehr guten Lagen gesegnet. Der schon erwähnte Teufelskeller gehört dazu, allerdings nicht zur Gänze. Das zentrale Gewann „Hohbug“ würde für sich allein allerdings zur absoluten Spitze gehören. Ähnlich sieht es beim Marsberg aus. Nahe am Ort gibt es den nach Süden ausgerichteten Prallhang, weiter hinten im Tal jedoch wird es dünner. Die Randersackerer Großlage heißt übrigens „Ewig Leben“, unter der alles angeboten wird, was nicht zum potenziellen Spitzenbereich gehört. Mit ein paar eingeschlossenen Überraschungen. Das alte Gewann „Gerstberg“ nämlich, so munkelt man, könnte eventuell sogar die wahre Krönung des Ortes sein. Jedenfalls ist hier – anders als im Pfülben – beim teilweise katastrophalen Frühjahrsfrost 2011 kein einziger Trieb erfroren. Der sich südlich an den Marsberg anschließende Sonnenstuhl, ebenfalls eine gute Lage, wird gern für die Herstellung edelsüßer Weine herangezogen, weil Herbstsonne und Flussnebel hier am längsten ausharren.

Ich nehme an, Ihr seid nach diesen ganzen Erläuterungen ein wenig erschöpft. Das ist, glaube ich, immer das Problem, wenn man anderen Menschen von einem Erlebnis erzählt, das sie selbst nicht hatten. Mir ist durch den Spaziergang natürlich alles sehr gegenwärtig. Jetzt kommen wir aber endlich zu den versprochenen Weinen. Als erstes hatten wir einen Wein im Glas, der gar nicht aus Randerackerer Lagen stammt, sondern aus dem benachbarten Theilheim. Allerdings schließt sich der Theilheimer Altenberg in seinem Hauptteil direkt an den Randersackerer Marsberg an. Das kleine Weingut von Christian Deppisch wird mit dem neuen Jahrgang 2011 Demeter-zertifiziert sein, seine 2010er Weine stammen dementsprechend noch aus der Umstellungsphase. Viel wird davon in der Heckenwirtschaft umgesetzt, aber ab und zu findet eine Flasche auch den Weg zum ortsfernen Verbraucher.

Bei dieser Flasche handelt es sich um den 2010er Theilheimer Altenberg Silvaner Kabinett trocken. 11,5 vol%, sehr leicht also und wirklich konsequent trocken. In der Nase erscheint der Wein sehr hell, gleißend weißfruchtig. Am Gaumen zeigt sich eine sehr schöne Frische, gepaart mit viel Birnenfrucht und einer ordentlichen Säure. Der Weinstein ist komplett ausgefällt, es wurde nicht entsäuert. Und das merkt man in diesem Jahrgang natürlich. Positiv ausgedrückt ist dies ein astreiner Kabinett-Typ, spritzig, säuerlich, animierend. Negativ ausgedrückt ist der Wein jetzt im Winter denkbar unsexy. Fast würde ich vorschlagen, ihn noch bis zum Sommer aufzuheben, denn dann dürfte er in seinem Element sein. Ansonsten könnte ich mir gut einen Gemüseauflauf oder ein Wurstbrot als Speisenbegleitung vorstellen. 13 MP.

Der zweite Wein stammt vom Weingut im Pfülben, aber eben nicht aus dem Pfülben, sondern aus dem Marsberg. Es ist der 2010er Randersackerer Marsberg Silvaner Spätlese trocken. Hubert Schmitt, der seine Rieslingreben im Pfülben quasi von der Gartentür aus bewirtschaften kann, fährt eine andere Philosophie als Christian Deppisch. So wie 95% der deutschen Winzer arbeitet er konventionell im Weinberg und bei Bedarf „leicht korrigierend“ im Keller. Sein Ziel ist, dass die Weine ausgewogen und trinkreif sind, sobald sie in den Verkauf kommen. Dementsprechend wurde bei der 2010er Spätlese die Säure auf 6,4 g/l gedimmt, die Süße auf ebenfalls 6,4 g/l eingestellt. Das Ausgangsmaterial wich dabei durchaus von der Norm ab. Bis zu 50 Jahre alte Reben, erst Ende Oktober mit 111 Oechsle eingebracht, eine gewisse Botrytis war auch dabei, hier macht die Bezeichnung „Spätlese“ endlich einmal Sinn.

An der kräftiger gelblichen Farbe deutet sich an, dass dies ein reiferer Weintyp ist. Die Nase gefällt mir ehrlich gesagt wirklich gut. Von Botrytis keine Spur, schöne Silvanernoten, also feine Birne, viel samtige Frucht, ein wenig Assoziation noch nach gelben Löwenzahnblüten. Am Gaumen macht sich sofort die deutlich andere Textur bemerkbar. Zwar schafft das ganz leichte Moussieren noch einen Anflug von Frische, aber in erster Linie steht hier eine hochreife, viskose Materie im Glas. Niedriger in der Säure hätte der Wein nicht sein dürfen, um nicht in die plumpe Art abzugleiten. So ist noch alles gebändigt. Was mich aber am meisten überrascht: Am nächsten Tag schmeckt dieser Silvaner phänomenal gut zu sehr würzigem indischen Essen. Normalerweise bin ich kein Anhänger der Philosophie, zur süd- und südostasiatischen Küche so etwas wie halbtrockenen Gewürztraminer oder Wein überhaupt zu reichen. Diesmal aber, dank der mild-üppigen, aber ausgewogenen Art des Weins, halte ich diese Kombination für ideal. 14 MP.

Fehlen noch die Angaben zum Preis: 5,90 € für den Silvaner Kabinett von Christian Deppisch und 7 € für die Silvaner Spätlese von Hubert Schmitt. Das ist bei den geringen Erträgen von 2010 eigentlich zu wenig. Aber die Kundschaft, die größtenteils aus der Umgebung stammt, ist in preislicher Hinsicht halt ein wenig verwöhnt. Wer problemlos an solche Weine herankommt, wird jedenfalls den Lockungen der Discounter kaum verfallen.

Zum Schluss noch eine Ankündigung: Ich komme wieder. Zunächst einmal habe ich ein ganz erstaunliches Produkt bei der Hochzeit probiert, über das ich noch mehr erfahren möchte, bevor ich es Euch vorstelle. Zum anderen hat es mir im Maintal bereits in der Januarkälte gut gefallen. Das lässt einen erneuten Besuch im Frühling doch sehr verlockend erscheinen.

Das Maindreieck ist bei vielen (Deutsch)Weinfreaks ja ein wenig im Abseits gelandet, weil die 100-Punkte-Superweine in der Regel nicht von hier stammen. Wart Ihr schon einmal vor Ort? Welche Weine haben Euch denn besonders gefallen?

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4 Antworten zu Hochzeitsbesuch in Randersacker

  1. Alfred Gross schreibt:

    Im Sommer vor zwei Jahren haben wir die Region systematisch erkundet inklusive kleiner Wanderung rund um Randersacker. Verkostet und gekauft haben wir bei Schmitts Kinder, einen Tag später dann auch bei Horst Sauer und dem aufstrebenden Rainer Sauer in escherndorf. Sowohl die Rieslinge als auch die Sylvaner erweisen sich immer wieder als sehr gute Speisenbegleiter. Im Februar 2011 waren wir dann noch einige Tage (beruflich) in Würzburg. Da kommt man um die Spitäler ja nicht herum. Am Rande, aber nicht unwichtig: die Bocksbeutel mit Schraubverschluss – sie setzen sich immer mehr durch – lassen sich vorzüglich stehend lagern.

    • chezmatze schreibt:

      Rainer Sauer würde mich auch sehr interessieren, vor allem, weil sein Sohn Daniel ja auch offenbar ein paar neue Wege beschreitet. Für mich stellt sich das „Problem“ mit den fränkischen Weinen auch immer dann, wenn es um Punktbewertungen geht. Für sich allein brilliert ein Silvaner selten, weil er einfach nicht dieses intensive Aromenprofil besitzt. Ein systematisches Unterschätzen der wahren Qualitäten (nämlich als Speisenbegleiter) erscheint mir deshalb vorprogrammiert.

      Den Schraubverschluss begrüße ich bei den Bocksbeuteln auch sehr, besonders wenn es um stilistische Kabinettweine geht. Bei langlebigen Lagerweinen (aber das ist natürlich ein Thema für sich) bin ich mir nicht so sicher. Mit Schraubverschluss bleibt der Wein zwar sauber und frisch. Aber in einem 15 Jahre alten Wein möchte ich ja gerade das evolutive Element spüren und nicht das eingefrorene Grinsen eines längst vergangenen Moments. Da die absolute Mehrzahl der deutschen Weine aber in ihren ersten drei Jahren getrunken wird, sollte Kork auf Dauer ein Minderheitenthema sein.

  2. Alfred Gross schreibt:

    Hallo Matthias,
    den Schraubverschluß schätze ich besonders bei nicht zu langfristig sich entwickelnden Weinen. Für uns (d.h. meine Frau und mich) ist es auch oft sehr praktisch, zu einem ersten Gang(wir kochen sehr viel zu Hause) ein Glas zu trinken, zu verschrauben und am nächsten Tag einen weiteren Schluck zu nehmen. Bei (Daniel) Sauer ist die ex ovo-Geschichte sehr interessant, außerdem stellt der Betrieb gerade auf biodynamischen Weinbau um. Alles dort ist sehr bodenständig und ehrlich und man bekommt für nicht zu großes Geld hervorragende Weine (wie gesagt als Speisebegleiter). Aber auch mit Schmitts Kindern waren wir immer sehr zufrieden, als Musiker natürlich mit der Parzelle Mendelssohn, obwohl deren Besitzer nicht der große Felix, sondern ein Verwandter war, der in Würzburg eine Professur innehatte. Der große Felix bekommt übrigens bei meinem nächsten Berlin-Besuch in März von mir Blumen auf sein bescheidenes Grab.

    • chezmatze schreibt:

      Und zum gefahrlosen Mitnehmen zu Außenveranstaltungen, an denen dann plötzlich der Korkenzieher fehlt – das ist die wahre Domäne der Schzraubverschlüsse ;). Allerdings geht es dann eher um Rot als um Weiß, denn ein auf 20 Grad temperierter Silvaner hat doch ein wenig von seinem erfrischenden Charme verloren.

      Den Riesling Mendelssohn von Schmitt’s Kindern habe ich auch schon zweimal getrunken. Da kein musikalischer Hinweis auf dem Etikett war, was ansonsten ja zwingend wäre in derartigen Fällen, bin ich schon davon ausgegangen, dass es sich um ein weiter entferntes Familienmitglied handeln muss… Übrigens hatte mir der Wein auch aus dem Jahrgang 2005 gefallen, als laut Gault Millau Probleme mit dem Sonnenbrand bestanden hätten. War halt ein wenig schnell gealtert, aber nicht ohne Reiz.

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