Der Schlummertrunk des Sonnenkönigs: Rosé des Riceys

Dass bereits Sonnenkönig Ludwig XIV. diesen Wein genossen haben soll, ist ein Gerücht. Sagen die einen. Nein, das ist die reine Wahrheit, behaupten die anderen. Und da es meist mehr als eine Wahrheit gibt, gibt es auch mehr als eine komplett wahre Geschichte, wie denn der in Versailles residierende König zu diesem denkwürdigen Getränk gekommen ist. In Riceys selbst ist Ludwig jedenfalls nie gewesen. Bauarbeiter aus Riceys (so die eine wahre Geschichte), die an den Fundamenten des Schlosses von Versailles arbeiteten, hätten sich ein Fässchen ihrer Lieblings-Maurerbrause mitgebracht. Einem Herrn, der an der Baustelle vorbeigekommen sei und sich für die dortigen Tätigkeiten interessiert habe, sei auch gleich ein Gläschen angeboten worden. Und oh, dem schmeckte das Getränk wohl! Dass es sich bei nämlichem Herrn um den inkognito nach dem Rechten schauenden König selbst gehandelt habe, hätten die fleißigen Maurer aus Riceys erst viel später erfahren.

Gesetzt den Fall, die Geschichte ist eine hanebüchene Erfindung. Dann bleiben immer noch zwei beachtliche Komponenten übrig: 1. Der Rosé aus Riceys in der südlichen Champagne ist ein Getränk, das es nachweislich seit mehreren Jahrhunderten schon unter diesem Namen gibt. 2. Irgendetwas Besonderes muss er an sich haben, das ihn von allen anderen süffig-spritzigen Sommergetränken unterscheidet. Und so ist es auch.

Die Böden hier am südlichsten Rand der Region stammen aus dem Jura, genauer gesagt aus der Kimmeridge-Zeit und entsprechen damit eher den Verhältnissen in Chablis als denjenigen der Montagne de Reims oder der Côte des Blancs mit ihren Kreideböden. Ohnehin ist Les Riceys Rotweinland. Der Pinot Noir beherrscht mit 85% den Rebsortenspiegel, und genau aus dieser Traube werden die jährlich knapp 60.000 Flaschen für den Rosé des Riceys gekeltert.

Das große Geheimnis beginnt während der Maischestandzeit. Die Trauben wurden bereits ganz leicht angedrückt eher als angepresst. Jetzt gilt es, den Prozess der Gärung Tag und Nacht zu überwachen und ständig den Most zu probieren. So drückt sich jedenfalls die Vereinigung der Winzer von Riceys auf ihrer Website aus. Wenn an einem „ganz präzisen, aber unberechenbaren Moment die besonderen Aromen geboren werden“, hat das Warten ein Ende. Dieser „goût des Riceys“ besteht aus einer komplexen Vielfalt von Noten aus Mandeln, Granatapfel, Vanille und Bergamotte sowie – jedenfalls nach meinem Dafürhalten – einer gewissen maderisierten Oxidiertheit. Frisch ist der Rosé des Riceys schon bei seiner Geburt nicht. Aber dank des Holzfassausbaus bekommt er auch noch ein paar Tannine mit auf die Reise und besitzt letztlich eine erstaunliche Lagerfähigkeit.

Mein Exemplar stammt von dem Champagnergut Alexandre Bonnet und hat mich knapp 20 Euro gekostet. Was denn, fragt Ihr jetzt vielleicht, so viel Geld für einen stillen Roséwein? Ja, so ist es, aber wer in der direkten Folge des Sonnenkönigs stehen will, muss halt ein wenig mehr auf den Tisch legen. Neben der durchaus aufwändigen Zubereitung und der bestandenen Prüfung vor dem AOC-Komitee (der „goût des Riceys“ muss auch nach der Abfüllung schmeckbar sein) ist natürlich die Seltenheit ein Grund dafür, weshalb es keinen preisgünstigen Rosé hier gibt. Ohnehin ist es außerhalb der Region gar nicht so leicht, auch nur ein einziges Fläschchen zu ergattern.

Alexandre Bonnet bringt je nach Jahrgang fast 5.000 Flaschen auf den Markt, dürfte also der größte Produzent dieses Weintyps sein. Auf südexponierten 1,8 ha werden die Pinot-Noir-Trauben angebaut, der Wein später zu 75% im Stahltank und zu 25% im Holzfass ausgebaut. Im Jahrgang 2006 brachte es der Wein auf einen Alkoholgehalt von lediglich 12 vol%, aber lieber etwas schlank als massig angereichert. In der Farbe zeigt sich schon der Unterschied zu einem „normalen“ Rosé: rostrot, vielleicht sogar mit bräunlichen Reflexen. Auch in der Nase ist von frischer Frucht nichts zu spüren. Allzu komplex finde ich sie nicht, leicht maderisiert zwar, aber von den beschriebenen Noten lassen sich nur Nuancen feststellen. Am Gaumen dreht sich die Sache dann extrem: Die Säure ist zunächst einmal sehr frisch, sehr knackig, die Aromen wirken dafür richtig intensiv. Ich schmecke Rosenblätter, Erdbeere, Blutorange. Ein bisschen erinnert es mich (ich bitte um Verzeihung wegen des Vergleichs) an „Kalte Ente“, dieses Mischgetränk, das es damals immer in der Schwarzen Katz in Bamberg gab, als woanders schon längst die Sperrstunde zugeschlagen hatte. Und zwar in der säuerlichen, gut abgelagerten Version.

Ich bin verblüfft. Dieser „Rosé des Riceys“ ist wirklich ein Gast aus einer anderen Zeit. Zwar wird überall empfohlen, dass man den Wein gekühlt trinken soll, aber ich habe es auch auf Rotweintemperatur versucht, und es hat genauso funktioniert. Ich weiß nicht, ob ich es unbedingt „Wohlgeschmack“ nennen soll, den dieser Wein verströmt. Er wirkt gealtert, aber nicht hinüber, und das wird er auch in 20 Jahren noch nicht sein (wenn der Korken so gut ist wie bei meinem). Für mich transportiert er auf eine ganz eigentümliche Weise eine Menge Zeitgeist mit sich, und zwar den Geist von Schankstuben mit Butzenglas, von Etiketten mit vielen Schnörkeln. Dass keiner der einschlägigen Weinguides derzeit einen Rosé des Riceys beschreibt und bewertet, wundert mich dabei nicht. Dies ist ein geschmackliches Erlebnis aus der Zeit des vormodernen Weinbaus. Ein Erlebnis, das ich nicht missen möchte.

Es gibt im Saarland einen Online-Shop, der einen „Rosé des Riceys“ führt. Schaut einmal hier. Allerdings stammt dieser Rosé aus dem Jahr 1998, und der Preis von 16,72 € scheint mir eine Direktumrechnung von Französischen Francs zu sein. Fragt also vorsichtshalber besser einmal nach, ob es den Wein tatsächlich noch gibt. Falls ja, gehalten haben sollte er sich auf jeden Fall.

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18 Antworten zu Der Schlummertrunk des Sonnenkönigs: Rosé des Riceys

  1. jens schreibt:

    Hi Matze!

    Rose des Riceys ist genau so exotisch und selten und eigentlich zu teuer, wie Rotwein aus der Champagne, oder die wenigen weißen Stillweine, die es dort mitunter gibt. Wie auch immer. Mit Rose des Riceys kenne ich mich gar nicht aus, weil noch nie getrunken, was ich jedoch sicherlich mal nachholen sollte.

    Mit Rotwein habe ich einige, wenige, positive Erfahrungen sammeln können. Ich hoffe das passiert mir auch mit Rose des Riceys.

    Ich bin mir eigentlich sicher, dass der Guide Hachette auch in diesem Jahr (wie auch in all den Jahren zuvor) Rose des Riceys gelistet und bewertet hat. Ich kann gerade leider nicht nachschauen, da ich „auffe Maloche“ bin! 😉

    Willkommen zurück und frohes Fest!!!

    Jens

    • chezmatze schreibt:

      Ebenso frohes Fest!

      Was die Weinguides anbelangt, da habe ich in der Tat ein wenig übertrieben. Nur der Guide Vert hat keine drin, der Hachette dürfte wie immer zwei bis drei gelistet haben, und auch Bettane & Desseauve haben zwei drin. Der beste soll übrigens jener von Defrance sein. BD haben dem 2008er 17 Punkte gegeben und waren begeistert von einem 1964er! Kannst ja mal schauen, bist ja öfter in der Gegend als ich.

      Ansonsten habe ich mich bei roten Stillweinen auch eher zurückgehalten. Sind eh schwer zu bekommen, und die knackige Säure im Ausgangsmaterial, die einen Champagner von seinen müden südlicheren Kollegen unterscheidet, ist im Grundwein ja so immer eine Sache. Einen einzigen habe ich gekauft, den „Ambonnay Cuvée des Grands Côtés Vieilles Vignes“ von Egly-Ouriet, und der wird noch ein paar Jährchen lagern. Damit hatte ich seinerzeit aus Versehen meinen persönlichen Preisrekord gebrochen 😉

      • jens schreibt:

        Hi Matze!

        Mit dem Egly-Ouriet hast Du natürlich alles richtig gemacht. Andre Clouet in Bouzy kann ich für Rotweine noch empfehlen (ist auch nicht so teuer) und Regis Fliniaux in Ay macht manchmal einen sehr günstigen, sehr lagerfähigen Rotwein ohne Jahrgang, der zumindest in den Weingeschäften in Epernay (Mdme Salvatori z.B.) und auch auf diversen Karten der Restaurants zu haben ist.

        Jens

      • chezmatze schreibt:

        Von der Domaine Vesselle aus Bouzy hab ich noch einen Roten im Keller. Aber den hatte ich mehr aus Zufall gekauft, weil er letztes Jahr bei der Foire im Leclerc angeboten wurde.

        A propos Pinot Noir aus dem Norden (Frankreichs), ich hatte neulich ein sehr schönes Exemplar der Domaine Vacheron aus Sancerre im Glas. Gerade in warmen Jahrgängen wie 2009 sollte man die Roten aus Sancerre nicht unterschätzen. Da mischen sich dann reife Frucht, gute Würze und diese Noten der weißen und feuersteinigen Erde. Die „Vendanges Entières“ von Pinard würde ich gern mal kaufen…

  2. Alfredo schreibt:

    Hallo Matthias,

    hier kann ich ziemlich gut mitreden. Über eine Woche haben wir (meine Frau und ich) vergangenes Jahr in der Umgebung von Les Riceys mit Rennrad und Füßen für den Köln-Mara trainiert. Radfahren ist dort einfach herrlich. Aux Riceys waren wir bei Morel. Schöner einfacher Champagner und prima Rosé. Der Knaller ist die Verbindung mit einem Chaource fermier, es muss aber fermier sein! gewohnt haben wir in einem gîte in Polisy. Auf der Rückreise aus Bourges vom diesjährigen Trainingscamp wollten wir bei dem von Dir genannten Bio-Produzenten vorbei. Leider alles verschlossen und ausgestorben. Also sind wir wieder zu Morel.

    Beste Grüße und frohe Weihnachten
    Alfredo

    • chezmatze schreibt:

      Ich bin auch immer wieder begeistert von den Möglichkeiten, in Frankreich auf dem „platten Land“ Rad zu fahren. Habe ich leider schon lange nicht mehr gemacht, aber im oberen Vaucluse war ich auch total verblüfft, wie viele kleine, fast unbefahrene Sträßchen es gibt. Ich musste keine Runde zweimal drehen…

      In Les Riceys (etwas zu spät, ich weiß) gibt es auch das sehr interessante Champagnergut von Olivier Horiot. Ich war zwar selbst noch nie dort, hatte aber Olivier mit seinen Weinen in Paris getroffen. Das sind wirklich charakterstarke Sachen, u.a. der „5 Sens“, ein Brut Nature aus fünf Rebsorten, darunter auch Petit Meslier und Arbane, den fast ausgestorbenen Rebsorten der Südchampagne. Gibt’s (habe grad nachgeschaut) übrigens hier: http://www.originalverkorkt.de/catalog/index.php?cPath=36_242.

      Beim „Quattuor“ von Drappier sind auch die beiden Rebsorten zu je 25% enthalten. Und den Wein gibt es hier: http://www.der-franzoesische-weinkeller.de/product_info.php?info=p81_Drappier-Champagner-Quattuor.html. Drappier ist zwar etliche Kilometer nordöstlich in Urville beheimatet und einen Rosé des Riceys machen sie natürlich auch nicht… aber wenn schon kontextlos kommentieren, dann richtig ;).

  3. Alexander schreibt:

    Hallo Matthias,
    ich habe mir mal den „Laden“ angeschaut (im Web). Der hat keine Weine nach 2004. Gibt es den noch? Hast Du da mal was bestellt? Hat z.B. einen Priorat von 1977!, auch die Olivenöle sind von 2004. Habe gerade irgendwie das Bild einer Geisterstadt aus dem wilden Westen vor Augen 😉

    Beste Grüße und schöne Feiertage
    Alexander

    • chezmatze schreibt:

      Hallo Alexander,

      so ähnlich ging es mir auch. Das Netz hat ja einen entscheidenden Nachteil: Es vergisst nichts, wenn man nicht selbst dafür sorgt ;). Bei dem „Laden“ habe ich auch noch nie bestellt. Vielleicht gibt es ihn ja weiter vor Ort, nur hatte der Inhaber keine Lust mehr, die Sache online weiterzumachen. Jedenfalls hat Streetview Saarwellingen noch nicht besucht, also weiß ich leider auch nicht mehr…

  4. Pingback: Rauf aufs Rad! - BLEU, BLANC, ROUGE

  5. michaelmagwein schreibt:

    Hallo!
    Diesen Wein MUSS ich probieren!
    Es ist so toll zu lesen, wie du darüber schreibst, dass ich den Wein quasi schon riechen und schmecken kann…
    LG Michael
    PS: Du kennst die schwarze Katz in Bamberg… Erinnerungen werden gerade bei mir wach^^

  6. Bernd Handschuh schreibt:

    Hallo Mathias,
    habe gerade einen Rose des Riceys bei Ebay von der Vwe. Devaux ersteigert. Wie sich dann herausstellte, ist es der Jahrgang 1989. Da kann ich demnächst mal die Probe auf“s Exempel machen, ob die wirklich so gut altert 😉
    Viele Grüße
    Bernd Handschuh

    • Matze schreibt:

      In der Tat 😉 Ich würde ja schätzen, dass er blind wie ein sehr gereifter Weißer wirkt. Ich hatte mir vor einiger Zeit einen Bandol Rosé in den Keller gelegt, auf dass er ein ähnliches Alter erreichen möge. Mal schauen…

  7. Pingback: Vendanges 2010 Rosé des Riceys „En Barmont“ Olivier Horiot Les Riceys SH | michaelmagwein

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