Der Festtags-Champagner: ein Vorschlag

Nein, heut‘ ist natürlich alles andere als Weihnachten. Aber schließlich geht man an Weihnachten ja auch nicht in die Stadt, um einen feinen Champagner zu erstehen, was einen Kauftipp, der am 25. Dezember erscheint, ziemlich obsolet macht. Aus taktischen Gründen habe ich mir deshalb überlegt, dass ich Euch a) meine Champagner-Empfehlung für die Festtage schon einmal vorab präsentiere und b) bei dieser Gelegenheit jene an und für sich zweckgebundene Flasche gleich einmal anteste. Bei mir wird es zum Fest deshalb die übliche Diät aus Wasser und Brot geben. Bei Euch hingegen (wenn Ihr sehr schnell seid) eventuell diesen Champagner, sollte Euch die Beschreibung zusagen.

Das Champagnerhaus Egly-Ouriet ist eine Besonderheit in der Riege der Weltklasse-Erzeuger, und das gleich in mehrerer Hinsicht: Erstens handelt es sich eigentlich gar nicht um ein „Haus“, wie man die dort üblichen Industrieunternehmen beschönigend nennt, sondern um ein Weingut im ganz klassischen Sinne. 12 ha unter Reben, davon fast zehn Hektar in den Grand Cru-Lagen Bouzy, Verzenay und besonders Ambonnay, bestockt mit der ebenso klassischen Champagner-Dreieinigkeit von Pinot Noir, Chardonnay und Pinot Meunier. Zweitens gehört das Weingut seit Generationen der Familie, und das soll auch so bleiben, denn Vater Michel hat das Zepter mittlerweile auch offiziell an seinen Sohn Francis weitergegeben. Drittens gibt es immer noch keine Homepage, aber wenigstens eine Telefonnummer und eine Email-Adresse, so dass man seinen Besuch bei Bedarf ankündigen kann.

In Frankreich genießen die Champagner von Egly-Ouriet einen Ruf, der mit „Hochachtung“ nur unzureichend umschrieben werden kann. Sie tummeln sich schlichtweg unter den allergrößten, allerbesten und allerteuersten Champagnern. Anders jedoch als Krug, Dom Pérignon oder Bollinger sind die Weine von Francis Egly nicht nur relativ erschwinglich geblieben (kein Werbebudget, das der Kunde mitzahlen muss), sie sind leider auch ziemlich schwer zu bekommen. Oder vielleicht muss ich eher „waren“ sagen, denn prompt habe ich nicht weniger als drei Online-Shops gefunden, bei denen Ihr Egly-Ouriet-Champagner bestellen könnt – die Links folgen unten.

Den Festtagswein, den ich Euch heute vorstellen möchte, ist im oberen Segment der Eglys angesiedelt. Es handelt sich um den „V.P. Extra-Brut“, wobei V.P. für „Vieillissement Prolongé“ steht, also eine verlängerte Ausbauzeit im Keller. „Verlängert“ ist ein wenig bescheiden ausgedrückt, denn 64 Monate sind nun einmal mehr als fünf Jahre, in denen die Fläschchen gelagert und gerüttelt wurden. Die Dosage ist minimal, um die 2 g pro Liter. Die Trauben stammen aus den drei gutseigenen Grand Cru-Lagen, zu 60% Pinot Noir und zu 40% Chardonnay, aber die Zusammensetzung wechselt jedesmal leicht.

Per Hand wird hier übrigens nicht nur gerüttelt, auch die Weinbergsarbeit geht besonnen und mit viel Aufmerksamkeit vor sich. Biologisch oder anderweitig zertifiziert ist das Gut nicht. Bei manch bauernschlauem Winzer würde ich skeptisch sein, wenn er zwar immer betont, wie nachhaltig und natürlich er arbeitet, dann jedoch auf eine Zertifizierung verzichtet, um sich reihenweise kontrollunabhängige Hintertürchen offen zu halten. Hier jedoch passt alles in das Bild des konsequent unabhängigen, aber vollständig integren Winzers: wie gesagt, keine Homepage, keine Werbung, eigene Massenselektion, Spontangärung im Keller, Ausbau in Barriques, keine Filtration, keine Malolaktik – alles Maßnahmen, die für 95% der Champagner nicht gelten und die helfen, standardisierte Geschmäcker zu vermeiden.

Wie schmeckt er denn nun, unser lange abgelagerter Festtags-Champagner? Nein, schauen wir ihn uns zunächst einmal an: Die Farbe ist wirklich phänomenal dunkel, wirkt sehr reif und vom Holzausbau beeinflusst. Die Perlage ist zunächst munter, lässt dann mit der Zeit aber doch nach. Wer hier also keinen Stillwein im Glas haben möchte, sollte keine ewig lange Dekantierzeit einplanen. Ein wenig Luft tut dem Champagner aber in jedem Fall gut. In der Nase ist der typische Brioche-Ton zu spüren, die entsprechende Hefigkeit, ein leichter Stinker, der mit der Vinifikationsform einhergeht und ansonsten viel reife Weichheit. Am Gaumen bin ich schon ein wenig überrascht, denn ich hatte mehr Kraft und Würze bei dieser Farbe erwartet. In Wirklichkeit ist dies ein sehr eleganter Champagner; zunächst überraschend frisch mit deutlicher, leicht zitroniger Säure, dann mit kräuterlichen Noten und Früchten in Richtung Quitten. Der Säureanklang lässt mit der Zeit nach, und der Wein breitet sich aus. Wenn Selosse ohne Perlen ein Meursault ist, dann ist das hier ein Puligny-Montrachet. Vom Stil her. Kurzum, perfekt für richtig feierliche Angelegenheiten.

A propos Selosse: Vor fast genau einem Jahr, nachdem ich über die Standard-Champagner ja so geschimpft hatte, kam ein Exemplar von Anselme Selosse daher, das mich gelehrt hat, wie es anders gehen kann. Hier habe ich davon berichtet. Diesmal ist es ganz ähnlich. Hier steht ein großer Wein. Jeweils 8 Punkte bei Eleganz und Charakter, 18 MP insgesamt und fraglos einer meiner Favoriten des Jahres.

Was passt jetzt als Begleitung am besten (denn das ist ja die heikle Festtagsfrage)? Gans sicherlich nicht. Was ich versucht habe, könnt Ihr unten auf den kleinen Fotos sehen. Die unvermeidlichen Austern: ja, ganz nett, gibt schlechtere Kombinationen. Die undekadente Eierplatte, also selbst gerührte Mayonnaise, Tomaten, Schnittlauch, Eigelb, Salz, Pfeffer als Füllung, bisschen guten Senf vielleicht noch: ausgezeichnet, fast optimal. Frischer Ziegenkäse von der Loire mit geaschter Rinde: auch okay, aber hier wäre ein schlankeres, frischeres Weinexemplar noch besser gewesen. Bleu de Gex aus roher Kuhmilch, gut affiniert: verblüffend, man rät ja immer zu Sauternes und Ähnlichem, aber der V.P. geht ganz hervorragend. Das sollen aber nur ein paar Anregungen sein, denn mir erschien der Champagner wirklich kompatibel mit allerlei Geschmäckern zu sein.

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Zum Abschluss noch die wichtige Frage, wie Ihr denn nun an den Egly-Ouriet kommt. Ich habe den Champagner für 57 € aus dem Cave des Oblats in Liège mitgenommen, aber von dort aus wird ja nichts verschickt. Bei Bernd Kreis in Stuttgart gibt es nicht weniger als sechs verschiedene Champagner von Egly-Ouriet, darunter den noch deutlich festlicheren Grand Cru Blanc de Noirs Vieilles Vignes, aber den V.P. leider nicht. Bei Wein nach Maß in Erlangen gibt es sogar neun verschiedene Egly-Ouriets, darunter den V.P. für nur 57,80 €, also praktisch den Liège-Preis, aber den Händler kenne ich persönlich nicht. Schließlich führt auch der Pinot-Weinhandel in Nürnberg sechs Weine von Egly-Ouriet, auch den V.P., aber die Preise sind nur auf Anfrage zu erfahren. Alles in allem sind das doch gute Aussichten für die Festtage, oder irre ich mich?

Wie sieht es bei Euch aus? Was habt Ihr für die Festtage weintechnisch vorgesehen? Einen edlen Bordeaux, einen Burgunder, einen gereiften Riesling, einen Champagner – oder vielleicht doch etwas wesentlich Asketischeres?

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18 Antworten zu Der Festtags-Champagner: ein Vorschlag

  1. Christoph Raffelt schreibt:

    Abgesehen davon, dass ich eine breitere Palette zum Fest empfohlen hätte (Nachtigall ick hör die trapsen), kenne ich »Wein nach Maß« und würde da immer noch eine Flasche Léclapart mit einpacken. Und bei Bernd Kreis ne Flasche Cédric Bouchard (Roses de Jeanne).

    Ich habe De Sousa & Fils vorgesehen, 2009er Riesling vom Porphyr und Clos Puy Arnauld 2005. Vielleicht noch Petit Manseng von Manincor zum Schluss…

    • chezmatze schreibt:

      Hatte grad beim Durchblättern auch die Champagner von David Léclapart gesehen. Vor Jahren, als ich noch wenig Ahnung hatte und David noch nicht viele Jahrgänge auf die Flasche gebracht, hatte ich mal den L’Amateur probiert, den ich damals sehr mutig bepreist fand für die recht simple Säurefrische. Aber jetzt, wo man von mehreren Seiten lesen kann, dass die Weine WIRKLICH gut sind, würde ich auch gern noch mal ran…

      Bei meiner Festpalette bin ich mir übrigens noch überhaupt nicht sicher, weder Essen noch Getränke. Naja, ist ja noch Zeit. Früher hab ich die Geschenke immer am 24. vormittags besorgt 😉

  2. Marqueee schreibt:

    Sylvester gibt’s im Hause Marqueee einen Paul Bara Rosé (ihr wisst, ich habe bei Schaumweinen diese Farbstörung). Der Bouchard wurde übrigens gerade sehr von Eline (Küchentanz) gelobt. Und, wo wir gerade bei lobenden Erwähnungen von Bloggerinnen sind – ich habe am Samstag einen wirklich tollen methode ancestrale aus Mauzac vinifiziert von Bernard Plageoles probiert – Bolli hatte den unlängst sehr gelobt. Zurecht, wie ich jetzt sagen kann. Grandioses Zeugs, das.

    • chezmatze schreibt:

      Ja, den Mauzac Nature von Plageoles habe ich auch schon ein paarmal getrunken, bin auch absolut begeistert. Eigentlich wollte ich ja schon längst einen Post über die Plageoles-Philosophie und seine Weine schreiben, aber in Liège waren die Weine bis auf eine Flasche alle ausgegangen… Muss also noch etwas darauf warten.

  3. BerlinKitchen schreibt:

    Mein Freund Thomas aus Kopenhagen ist ein Champagner-aficionado. Hier mehr rund um Selosse……….http://madwine.blogspot.com/search/label/Champagne%20visit%202009

    In Berlin gibt es 2005 Raumland „Triumvirat“

    • chezmatze schreibt:

      Tatsächlich, willst Du den Triumvirat-Jungspund schon aufmachen? Ich würde da eher an den 2001er denken, aber zugegeben, ich bin auch ein Freund fein gereifter Fläschchen 😉

      • BerlinKitchen schreibt:

        Ich hatte den 2005er bereits vor 3 Wochen, großartig. Warum warten………

      • chezmatze schreibt:

        Gut, wenn man entweder viele Flaschen besitzt oder jederzeit welche nachkaufen kann, muss man natürlich auf gar keinen Wein warten, sondern kann die Entwicklung immer mitverfolgen. Sowas nennt man dann Luxus 😉

  4. Bolliskitchen schreibt:

    Muss mal wieder in die Champagne, ist ja fast la banlieue….

    Bei uns gibt’s Champagne Haton, und dann nur für mich Grauburgunder von Alexander Laible! Die Kisten sind schon im Süden angekommen.

    • chezmatze schreibt:

      Nur für Dich? Mögen da die anderen nicht mittun ;)? Champagne Bedel liegt glaube ich wirklich fast in der Banlieue, das sind keine 80 km bis Paris. Wär ich gern hingefahren, aber genau aus dem umgekehrten Grund – relativ weit von Reims – hab ich’s dann nicht gemacht.

  5. Bolliskitchen schreibt:

    na ja, so ist es nun Mal, ich lebe in F. und bin heiss auf dt. Weissweine, meine Familie lebt in D. und die trinken dann lieber frz. Weine…..Und, Bordier Butter gibt’s auch, allerdings mit fleur de sel, zum Trüffelbrot. Joyeux Noël!

    • jens schreibt:

      Das könnte mir nicht passieren mit all den schönen Weinen aus dem gelobten Land. Na ja! Riesling würde mir ab und an mal fehlen. Paris – Reims mit dem TGV sollte doch nicht länger als 40 oder 50 Minuten dauern. Aufgrund der Nähe und der Verbindung ziehen gerade auch in Reims die Imobilienpreise deutlich an.

      • chezmatze schreibt:

        Hallo Jens,

        wer nicht von Reims zu Bedel gefahren ist wegen des Umwegs, das war ich. Bolli will doch gern wieder in die Champagne, wegen des Banlieue-Charakters ;). Nein, natürlich wegen der Banlieue-haften kurzen Entfernung. Für mich macht’s übrigens gerade die Abwechslung. Wenn ich jetzt nur noch französische oder nur noch deutsche Weine trinken müsste, würde ich zwar einerseits denken, dass es wohl noch härtere Strafen im Leben gibt, aber andererseits würde ich mich schon eingeschränkt fühlen.

  6. Guenter schreibt:

    Sehr gute Auswahl! Egly-Ouriet ist zwar sehr klein und unbekannt, aber die Champagner sind absolute Spitzenklasse. Und im Vergleich zu vielen „Kult“ Champagnern von kleinen Produzenten sind sie recht preisgünstig.

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