Geliebter ungeliebter Muscadet

Als ich vor ziemlich genau 15 Jahren als Student („aha, so alt schon“/“was, so jung noch“/“hab ich mir eh gedacht“) ein Essen für meine Freunde aufgetischt hatte, gab es zwei Weißweine zur Auswahl: einen Franken-Silvaner und einen Muscadet. Ich kann mich deshalb noch genau daran erinnern, weil einer der Gäste sofort krächzte, „oh Gott, bloß keinen Muscadet, ich hasse süße Weine!“. Natürlich war der Muscadet geradezu furztrocken wie praktisch alle Muscadets, aber die Verwechslungsgefahr mit einem Muscat oder Muskateller ist, das gebe ich gern zu, vom Wortklang her sehr groß. Kam ich mir damals noch mondän vor, einen solchen Wein in die zugige Bude mitgebracht zu haben, musste ich später lernen, dass der Muscadet in weiten Kreisen einen Ruf genießt, der sich auf einer Stufe mit demjenigen eines Beaujolais oder eines Kalterersees befindet.

Andererseits gibt es auch gerade hier in Frankreich eine große Fangemeinde, die ihren Muscadet über alles liebt und ihm seit Jahrzehnten treu ist. Gibt es nachvollziehbare Gründe für diese Diskrepanzen? Ich denke schon.

Die Traube, aus der der Muscadet gekeltert wird, heißt „Melon de Bourgogne“, und das kommt nicht von ungefähr, auch wenn sie in ihrer burgundischen Heimat so gut wie nicht mehr angepflanzt wird. Rebforscher haben herausgefunden, dass es sich hier um eine spontane Kreuzung zweier genetisch sehr unterschiedlicher Sorten handelt, nämlich Pinot (vermutlich blanc) und Gouais blanc. Letztere, im Wallis auch als „Gwäss“ bekannt, ist wiederum Teil der großen Heunisch-Familie. Mit anderen Worten: robust, säuerlich und ansonsten ein wenig fad.

Das zweite Argument, das die Muscadet-Gegner ins Feld werfen, sind die Anbaubedingungen. Und tatsächlich wird hier in der flachen Gegend um Nantes einem Weinbau gefrönt, der an die 70er Jahre in Deutschland erinnert. Dabei bedingt sich auf diesem low level-Niveau alles gegenseitig: Die Hektarerträge sind enorm hoch. Um sie so hoch zu halten, ist eine Menge Chemie erforderlich und generell das Denken, dass Quantität vor Qualität geht. Eine riesige Menge neutraler Weine allerdings kann auf dem Markt nicht wirklich reüssieren, es sei denn über den Preis. Insofern darf kein Muscadet mehr als 5 € kosten, zumal sich die Kunden an dieses Niveau gewöhnt haben. Wer jetzt einen besseren Muscadet zu machen beabsichtigt, riskiert es, diesen zu seinem notwendigerweise höheren Preis nicht loszuwerden. Jedenfalls nicht an das typische Muscadet-Publikum, aber nur dieses liebt ja die Produkte.

Mittlerweile scheint die größte Baisse aber überwunden zu sein, und das hat vor allem zwei Gründe: Erstens haben sich doch ein paar mehr wirklich gute Winzer zusammen gefunden, die es auch schon einmal wagen, einen Muscadet von entsprechender Qualität zu einem Preis von knapp über 10 € auf den Markt zu werfen. Und zweitens gibt es kaum einen besseren Begleiter zu frischen Meeresfrüchten, was auch snobistischere Weinkritiker zugeben müssen.

Interessanterweise sind es gerade seine Mangelerscheinungen, die den Muscadet in dieser Hinsicht besonders stark machen. Ein vollfruchtig-süßer Wein schmeckt zu rohen Austern wirklich scheußlich. Glaubt mir, ich habe es testweise versucht. Der Muscadet hingegen wirkt an sich schon leicht jodig-mineralisch, straff, neutral und von einer schönen Spritzigkeit. Mit dem Alter, das er trotz dieser Eigenschaften durchaus erreichen kann, nimmt die Komplexität zu, es zeigen sich zunehmend weiß- und gelbblütige Noten sowie Honig. Trockener Honig allerdings. In diesem Stadium geht der Muscadet dann wunderbar zu gegrillten Fischen, sogar zu buttrigeren Saucen und kräftigeren Geschmäckern wie Jakobsmuscheln oder Krebstieren. Ich habe letztens einen 14 Jahre alten Muscadet getrunken, und es war verblüffend, wie elegant er gereift war, aber auch, wie frisch er immer noch schmeckte. Vielleicht auch eine Auswirkung der Urgesteinsböden der Gegend, die sich ja ebenfalls, der Name legt es nahe, als recht haltbar erwiesen haben.

Zwei Muscadet-Produzenten haben es vor allen anderen geschafft, sich einen wahrhaft guten Ruf zu erarbeiten. Einer davon ist Guy Bossard von der Domaine de l’Ecu, der seit Jahrzehnten biodynamischen, sorgsamen Anbau betreibt und damit als eines der wenigen echten Role-Models für jüngere Winzer gilt. Seine Weine, die nach den jeweiligen Formationen benannt sind (Granit, Gneiss und Orthogneiss) sind wirklich krass unzugänglich und solo ein viel geringeres Vergnügen als zu einer Austernplatte. Der zweite Winzer, der mit einer ganz ähnlichen Philosophie arbeitet, ist Jo Landron. Nicht nur seines beeindruckenden Schnauzbartes wegen erinnert er mich stark an Hajo Becker aus dem Rheingau. Beide machen kompromisslose, in ihrer vermeintlich altmodischen Art zeitlose Weine.

Der Einstieg ins Landron’sche Portfolio bietet der einfache Muscadet der Domaine de la Louvetrie. Frisch, neutral, ein reiner Begleitwein für 5 €. Darüber befindet sich der „Amphibolite Nature“, ein Wein, der sich vor allem in den Wein- und Austernbars von Paris großer Beliebtheit erfreut. Er ist ebenso für den schnellen Konsum gedacht, dabei von einer spritzigen Frische und Klarheit, die ihn deutlich animierender wirken lässt als den Einstiegswein. Nicht chaptalisiert übrigens, was die Ausnahme zu sein scheint, und mit 11,5 vol% ein vollwertiger Wein ohne Mangelerscheinungen.

Für mich qualitativ noch eine Stufe darüber, obgleich auf demselben Preisniveau (ich habe für beide knapp 8 € gezahlt), befindet sich die „Hermine d’Or“. Ähnlich wie beim „Fief du Breil“ handelt es sich hier um einen Lagenwein, in diesem Fall vom sandig-kiesigen Terroir „Les Houx“. Was diese Weine von den vorhergehenden unterscheidet, ist nicht nur das höhere Alter der Rebstöcke, sondern vor allem die Ausbauart. Die Hermine wird zwischen acht und zehn Monaten auf der Hefe liegen gelassen, was die Komplexität eindeutig erhöht. Meiner Erfahrung nach gewinnt der Wein sogar durch eine gute Belüftung noch mehr, er wird dann tatsächlich fruchtiger, geschmeidiger und gehaltvoller. In jedem Fall zu diesem Preis absolut zu empfehlen und mit seiner deutlich hedonistischeren Ader fast schon ein Solowein.

Ganz oben gibt es noch eine große Lagencuvée namens „Haute Tradition“ (was aber meist nicht auf den Flaschen steht), den ich für exorbitant hohe 16 € erstanden habe. So teuer ist ein Muscadet sonst nie, aber dieser hier reift wirklich wie ein guter Burgunder, zumal er auch im Holzfass ausgebaut wird. Ich werde ihm deshalb noch ein paar Jahre im Keller gönnen.

Mein Fazit: Es gibt Muscadet und es gibt Muscadet. Die meisten sind nichtssagende, industriell hergestellte, billige Weine, die dennoch selten so schlecht ausfallen, dass sie als Begleiter komplett versagen. Die besseren und mit entsprechender Umsicht hergestellten Muscadets sind immer noch recht streng, aber wirklich perfekt für Meeresfrüchte und Fisch. Dank der unterschiedlichen Lagen und Ausbaumethoden wie bei Jo Landron ist quasi für jeden Zweck der passende Wein vorhanden. Auf den beschämend günstigen Preis für diese Qualität muss ich nicht gesondert hinweisen.

Bei meiner Suche in Internet-Shops, welche die Weine von Jo Landron führen, bin ich bei Naturian fündig geworden. Selbst kenne ich den Shop nicht, aber es werden immerhin drei Landron-Weine angeboten, darunter auch der 2002er Fief du Breil. Komischerweise werden die Preise auf der Seite nicht veröffentlicht, aber der Wein aus diesem für die Loire-Weißen herausragenden Jahrgang ist auf jeden Fall meine persönliche Empfehlung.

Wie steht Ihr zum Muscadet? Und welche Weine haben Euch zu Austern und allerlei Meeresgetier am besten gefallen? Champagner und Konsorten finde ich immer ein bisschen zu stark schäumend…

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11 Antworten zu Geliebter ungeliebter Muscadet

  1. Sarah schreibt:

    Da ich als Schon-Immer-Vegetarierin keine Ahnung von Meeresfrüchten habe, kann ich da leider keine Vergleiche ziehen – dennoch meine Neugier ist geweckt und ich werde mal zusehen, dass ich mir ein/zwei Fläschchen zum Probieren zulege…. 😀

    • chezmatze schreibt:

      Solltest Du eine un-vegane Vegetarierin sein (quasi „normal“ vegetarisch), passt Ziegenkäse auch sehr gut dazu. Ansonsten Gemüse, aber nichts Kräftiges oder lang Gekochtes, eher roh bis halbroh. Nach meiner Erfahrung jedenfalls…

  2. jens schreibt:

    Hallo Matze!

    Champagner trinke ich zur Not auch! 😉 Besser gefällt mir allerdings auch ein Stillwein zu einem Plateau. Ich bevorzuge da eigentlich auch Muscadet, obwohl auch weiße Bordeaux oder der Rest der Loire (Chenin eher nicht so) mit Austern harmonieren. In Bordeaux haben wir mal Sauternes zu Austern getrunken. Auch nicht schlecht.

    Speziell bin ich ein Fan der Weine von Louis Métaireau!

    http://www.muscadet-grandmouton.com

    In Deutschland unter anderem bei C&D in Köln zubekommen – das dürfte ja nicht allzu weit für Dich sein.

    Muscadet ist, wie der meiste Rest der Loire auch, klar unterschätzt!

    Grüße Jens

    • chezmatze schreibt:

      Jaja, die unterschätzte Loire… Habe gerade wieder einen Chinon vom Château de Coulaine (Etienne de Bonnaventure) gekauft, keine zehn Euro.

      Bei C&D war ich übrigens noch nie. Ist atmosphärisch doch wohl eher etwas für Kartonabholer, da hat man als Internet-Besteller gar keine Nachteile 😉

  3. Stephan schreibt:

    Muscadet trinke ich oft in Frankreich, selten in Deutschland, vielleicht einfach, weil ich hier so selten Krustentiere und Muscheln esse. Die von Jo Landron finde ich auf jeden Fall besser als die von Guy Bossard.

    Zu Austern finde ich sonst auch die „harte“ Variante des Muscadet ganz gut, nämlich den Gros Plant du Nantais. Ein besonders feiner Wein muss es zu Austern m.E. nicht sein. Alles mit einem erheblichen Gros Manseng Anteil geht auch (Jurancon sec, Irouleguey blanc). Sehr gut ist auch der baskische Txakoli mit viel Säure, furztrocken und minimal moussierend.

    • chezmatze schreibt:

      Muscheln esse ich in Deutschland gelegentlich, die anderen Sachen auch extrem selten. Ist halt kein Teil unserer Alltagskultur und deshalb immer mit Rahmenerscheinungen versehen, die mir nicht so liegen.

      Guy Bossard macht ja auch einen viel gepriesenen Gros Plant, aber das wäre dann wahrscheinlich das Härteste vom Harten ;). Txakolí kann ich mir auch sehr gut vorstellen, leider nicht allzu häufig zu bekommen außerhalb der Region. A propos Regionales: Hast Du schon einmal ein malzig-salzig-trockenes „Oyster Stout“ probiert? Ich hatte letztes oder vorletztes Jahr in Whitstable zu den flachen „Whitstable Natives“ das Vergnügen. Eine völlig andere Geschmacksrichtung, hat mir aber erstaunlich gut gefallen.

      • Stephan schreibt:

        Txakoli ist tatsächlich in Deutschland gar nicht so einfach zu bekommen, ich habe aber mit etwas Suchen eine Bezugsquelle aufgetan – nämlich den spanischen Großhandel Silica in Hamburg-Bahrenfeld. Da gibt es Txomin Etxaniz, der auch einer der besseren Txakoli ist.

        Mit Oyster Stout hatte ich noch nicht das Vergnügen, klingt aber sehr interessant.

      • chezmatze schreibt:

        Ich glaube, ich habe in Deutschland noch nie baskischen Wein getrunken (also spanisch-baskischen, die Domaine Arretxea gibt es ja in einigen Geschäften). Hab aber gerade auch einmal nachgeschaut und noch zwei Händler aufgetan: den hier (http://www.vinogusta.com/txakoli-2010.html), der in Frechen sitzt, aber es kann auch derselbe wie Dein Bahrenfelder sein, denn es gibt dort auch den Txomín Etxaniz, und dann noch den hier (http://www.weine-feinkost.de/shop/Weine/Spanien/Txakoli-de-Getaria) aus Wuppertal, der den Agerre führt. Bleibt aber definitiv ein Schattengewächs, und rot-sauren spanischen Baskenwein habe ich gar noch nie gefunden…

  4. Sylvia schreibt:

    Nachdem wir grade einen „Haute Tradition 2005″ genossen haben: Vielen Dank für den interessanten Beitrag zu dem Muscadets (Sèvre et Maine) von Landron.

    • chezmatze schreibt:

      Hallo Sylvia,

      ich hab Deinen Kommentar hierhin verschoben, da Du ja sicherlich zu diesem Artikel kommentieren wolltest. Mein „Haute Tradition“ von 2004 liegt ja immer noch im Keller…

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