Wer sucht, der findet… das „Enopolio“ in Bottrop

Was ist ein gutes Restaurant? Zwei Möglichkeiten: a) ein Platz, der mich staunen lässt, b) ein Platz, an dem ich mich zu Hause fühle. Richtig geraten, hier kann man beide Möglichkeiten ankreuzen. Das „Enopolio“ in Bottrop ist kein gutes Restaurant. Das aber nur, weil es (noch) kein echtes Restaurant ist, sondern eine Weinbar/Weinhandlung mit kleiner Speisekarte. Die beiden Kriterien für ein gutes Restaurant treffen nämlich ansonsten voll ins Schwarze. Der Betreiber ist ein ehemaliger Spitzensommelier, der sein Wissen bestimmt nicht mit dem Verlassen der Sternegastronomie abgegeben hat. Und die Atmosphäre hat etwas von jenen Orten, an denen man sich als gleichzeitig unprätentiöser und anspruchsvoller Weinliebhaber sofort wohlfühlt.

Beispiel gefällig? Als ich dort mit Jens (ohne den ich diese Weinbar nie gefunden hätte) am Tisch saß und wir Wirt Ignazio gefragt hatten, was er uns denn an ungewöhnlicheren Roten anbieten könne, ist er mit vier Flaschen gekommen: Barral, Arretxea, Alliet und Cos. Plumpes Namedropping von mir, könntet Ihr jetzt sagen, und Ignazio war auch fast enttäuscht, dass ich die Weine kannte, aber das ist es ja gerade: In einem „normalen“ Restaurant oder auch einer „normalen“ Weinbar kommt der Rotwein gelegentlich vom Pizzadienst-Großvertrieb, und dass ich jenen Geheimtipp dann nicht kenne, freut zwar den Besitzer, mich aber im Nachhinein weniger, denn so doll sind die Sachen meist nicht.

Hier hingegen leuchten die Augen der Freaks. Die genannten Weine stammen alle aus sehr bewusstem bis hin zu biodynamischem Anbau und wurden im Keller nicht durch önologische Kunstgriffe modifiziert. Dennoch ist das Ergebnis dann kein Experimentalgetränk, sondern einfach ein hochkarätiger Rotwein, der enorm viel Regionalcharakter in sich trägt. Im Fall von Didier Barral ist das ein Faugères (Languedoc), im Fall der Domaine Arretxea ein Irouléguy (Baskenland), im Fall von Philippe Alliet ein Chinon (Loire) und im Fall von Cos ein Cerasuolo aus dem Süden Siziliens.

Letzteren haben wir dann auch genommen, weil ich – wie so oft – die Weine zwar kannte, aber nur theoretisch. Probiert hatte ich sie noch nie. Das Interessante an Cos ist nicht nur, dass… Halt, umgekehrt, eigentlich ist alles interessant an Cos. Die Historie, die Betriebsphilosophie, die Produkte. Besonders interessant finde ich aber, dass sie für zwei ihrer Weine dasselbe Rebmaterial benutzen, sie aber unterschiedlich ausbauen. Beide Weine bestehen aus 60% Nero d’Avola und 40% Frappato di Vittoria.

Der eine Wein, der bereits erwähnte „Cerasuolo di Vittoria“ (DOCG übrigens), wird mehr oder weniger klassisch bereitet. Betongefäße für den Frappato und große Holzfässer für den Nero d’Avola, beides nachher miteinander verschnitten. Beim zweiten Wein, dem „Pithos“, wurden die nicht entrappten Trauben drei Monate lang in einer großen Tonamphore auf der Maische gelassen, der vergorene Wein dann noch zehn Monate in der Amphore ausgebaut. Wie oben schon angedeutet, gelegentlich können aus extrem non-interventionistischen Methoden auch extrem gewöhnungsbedürftige Produkte entstehen. Nicht so bei Cos. Oder nicht mehr.

Beide Weine besitzen gewisse Gemeinsamkeiten, da sie beide die Grundphilosophie des Weinguts in sich tragen. Die Weine sind erstaunlich hell für Sizilien, erstaunlich mild im Tannin, erstaunlich elegant und erstaunlich trinkig. Ich glaube, niemand würde blind auf einen Wein tippen, dessen Trauben die Hitze des Südens gesehen haben. Das wirkt viel eher wie Burgund. Dann aber kommen die Unterschiede. Der Amphorenwein zeigt ein gewisses Stinkerle in der Nase, der Cerasuolo wirkt klassisch. Am Gaumen ist der Cerasuolo frisch, ziemlich fruchtig, ein klein wenig rustikal, aber sehr schmackhaft und durchaus konsensfähig. Der Pithos (der Name eines griechischen Vorratsgefäßes übrigens) zeigt sich deutlich anders. Weniger Frucht vorn, luftiger, transparenter, aber gleichzeitig tiefer. Ich finde, dass der Einfluss der Ausbaumethode enorm spürbar ist, denn beide Weine besitzen ebenso viele Gemeinsamkeiten wie Unterschiede. Wer bislang um sizilianische Weine einen großen Bogen gemacht hat, eben wegen der Befürchtung dicker, alkoholstarker Marmeladigkeit, ist hier jedenfalls an der richtigen Adresse.

Mein Fazit: Wenn ich jemals Bottrop unterschätzt hätte, vielleicht auch dank des lautmalerischen Autokennzeichens „BOT“, jetzt passiert mir das nicht mehr. Das „Enopolio“ ist ein Ort für den individuellen Weingenuss, es befindet sich in einer tollen Location (einer ehemaligen Mühle) und – wenn ich die Andeutung auf dem Klospiegel richtig verstanden habe (siehe Foto) – soll es hier bald auch eine größere Speisenauswahl geben. Verständige Köche dieser Welt, ergreift Eure Chance. Eine aussagekräftige Website ist übrigens auch in Planung. Wer jetzt sagt, „französische und italienische Rotweine – schön und gut, aber gibt es denn auch Weiße?“, den weise ich einfach darauf hin, dass ich aus der Weinhandlung noch den Riesling „Junges Schwaben“ von Jochen Beurer mitgenommen habe. Echtes Liebhaberniveau, ich sagte es ja bereits.

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7 Antworten zu Wer sucht, der findet… das „Enopolio“ in Bottrop

  1. Sarah schreibt:

    das hört sich ja nach einer richtigen kleinen oase an! schade, dass bottrop so weit weg ist, sonst würde ich dem laden glatt einen spontanbesuch abstatten 😉

  2. Rainer Kaltenecker schreibt:

    Hi Matze,
    wie war denn das Süppchen – für sich und mit den Weinen? Und viel Spaß mit dem Beurer, ein sicherer Kauf – vorausgesetzt du magst die knochentrockene, auf Eleganz getrimmte Stilistik.
    VG, Rainer

    • chezmatze schreibt:

      Ja Rainer,

      die Beurer-Stilistik mag ich. Das heißt nicht, dass ich ausschließlich weißstaubige Weine trinke, aber erst mal bin ich auf das Weingut über einen der kleineren Weine aufmerksam geworden (den Gipskeuper), und außerdem finde ich den nicht so stromlinienförmigen Weg sehr unterstützenswert. Nicht nur, weil ich gerade von der Hohenlohe komme, denke ich, dass im württembergischen Weinbau noch jede Menge spannendes Potenzial steckt.

      Und das Süppchen war wirklich sehr schön. Wie es heißt, habe ich vergessen aufzuschreiben, aber in jedem Fall mit würzigen italienischen Mettwürsten – also genau richtig für einen Wein, der nicht mit Holzmarmelade um sich wirft.

  3. jens schreibt:

    Hallo Matze!

    Bin soeben wieder mit vielen neuen Eindrücken aus Frankreich zurück. Schöner Bericht! Hat mich gefreut Dich mal persönlich kennen gelernt zu haben. Hoffe wir trinken mal wieder was zusammen.

    P.S.: Hab‘ die letzte Reise auch genutzt um einige weiße Flecken auf emienr Frankreichkarte zu schwärzen…

    Jens

    • chezmatze schreibt:

      Na, das Kompliment geb ich doch gern zurück: super Tipp von Dir. Da sollten wir das nächste Mal die Weißen angehen, …wenn ich im nächsten Jahr wieder in good old Germany bin.

  4. Pingback: K&U-Hausmesse 2012 – die „anderen“ Weine | Chez Matze

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