Japanische Milchschokoladen unter der Lupe

Die Überschrift lässt einen Test der abwegigeren Sorte erwarten. Ich muss zugeben, dass sich die Kombination „Japan“ und „Schokolade“ auch nicht von vornherein so anhört, als hätten diese beiden Elemente etwas miteinander zu tun. In feinen Studien wie dieser kann man allerdings lesen, dass die Japaner pro Jahr insgesamt 2,7 Milliarden Euro für Schokolade ausgeben – mit stark steigender Tendenz. So ganz unbekannt scheint die Kakaopressware den Japanern offenbar nicht zu sein. Umgekehrt gingen meine persönlichen Erfahrungen mit japanischer Schokolade vor diesem Test gegen Null. In Paris hatte ich einmal eine köstliche und ungemein teure Matcha-Tee-Schokolade vom Pâtissier-Meister Sadaharu Aoki gekauft. Aber Aoki lebt seit 1991 in Frankreich, hat also im Zweifelsfall in den letzten zwei Jahrzehnten mehr Schokolade um sich herum gesehen als der Fuji hoch ist.

Nun ist es ja so, dass gewisse Ernährungsgewohnheiten im Zeitalter der Globalisierung rasend schnell über die Kontinente eilen. Das gilt nicht nur für die gern in diesem Zusammenhang erwähnten Hamburger, Cola und Pommes Frites, nein, das gilt auch für Kaffee, Tee und Schokolade. Als ich in Bangkok war, ist mir im Isetan Department Store ein luxuriöser Counter mit Schokoprodukten aufgefallen. Was, dachte ich, thailändische Schokolade? Aber es war keine thailändische Schokolade, wie auch die anderen hochwertigen Lebensmittel hier nicht aus Thailand stammten, sondern – erraten – aus Japan. Überraschend für Informierte ist das nicht, weil es sich bei Isetan nun einmal um eine japanische Kaufhauskette handelt, aber ich wusste das natürlich nicht.

Hier kommen sie also, die vier japanischen Schoko-Samurai:

1. Royce‘ Creamy Milk Chocolate

Dass die Schokolade so heißt, stand als Übersetzung am Counter. Ansonsten gilt als Marschroute für mich die freie Interpretation, denn ich weiß zwar, dass die Schriftarten im Japanischen Kanji, Hiragana und Katakana heißen, aber lesen kann ich keinen einzigen Buchstaben. Und von jenen wimmelt es auf den Packungen. Die in Sapporo beheimatete Firma verfügt übrigens über 700 Angestellte. Damit lässt sich schon eine Menge Schokolade formen.

Die Royce‘ (fragt mich nicht, was der Apostroph am Wortende soll) ist extrem hell, ich hätte es mir denken können. Der Kakaoanteil liegt unter 30%, aber ansonsten scheint es sich um ein Produkt des gehobenen Bedarfs zu handeln. So richtig kräckt unser Kandidat beim Brechen nicht, ist aber dafür beeindruckend fein conchiert. Vom Geschmack her erinnert es tatsächlich an eine Mischung aus einer Milchschokolade und einer weißen Schokolade. Kakao ist wenig zu spüren, Intensität ebenso Mangelware, ein sehr dezentes Produkt. Vielleicht hätte ich lieber eine höherkakaoisierte Ausgabe nehmen sollen. Dennoch letztlich Platz 2.

2. Meiji (der Link führt zur englischen Singapur-Website, hier das japanische Original)

Meiji war ursprünglich ein Zuckerhersteller, dessen nachfolgende Firma im Jahr 1926 ihre erste Milchschokolade produzierte. Mittlerweile ist die Meiji Holding ein börsennotierter Mischkonzern mit 14.860 Mitarbeitern, der allerdings immer noch seinen Hauptumsatz im Süßwarenbereich macht. Mit anderen Worten: schon wieder keine sympathische Manufaktur.

Die Schokoladentafel ist bemerkenswert klein, das merke ich gleich beim Einkauf. Ansonsten ist dies hier der Kandidat mit dem festesten Biss, der knackigsten Erscheinung. Leider folgt nach dem schönen Einstieg der Geschmack, und jener kommt mir dann gar nicht attraktiv vor. Zwar ist der Kakaoanteil spürbar höher als bei der Royce‘, aber das hilft nichts, wenn ich das Gefühl habe, dass billige Fette hier die Hauptrolle spielen. Ich fühle mich an Osterhasen, Nikoläuse und ähnliche Schokodarsteller erinnert. Nicht gut, Platz 3.

3. Morinaga

Die Firma Morinaga hat auch schon einige Jahre auf dem Buckel. Gegründet in Tokyo im Jahr 1899, ist Morinaga aber mittlerweile auf irgendeine Weise mit dem weltgrößten Schokokonzern Barry Callebaut verbandelt. Ob bei Morinaga eine Schokolade produziert wird, die Callebaut dann als Sarotti oder Alpia vertreibt – oder aber in einem der Callebaut-Werke in Indien oder China die dann japanisch werdende Morinaga-Schokolade hergestellt wird, weiß ich nicht. In jedem Fall keine Manufaktur, ich ahnte es schon. Einen riesigen Erfolg konnte Morinaga übrigens feiern, seitdem sie vor über 50 Jahren in einer Werbekampagne den japanischen Frauen vorgeschlagen haben, ihren Männern am Valentinstag Schokolade zu schenken. Seit zwei Jahren gibt es auch die umgekehrte „Schokolade für die Frau“. Diese Valentinstag-Geschichte hat dazu geführt, dass etwa zehn Prozent des gesamten Jahresumsatzes an Schokolade in Japan allein um diesen Tag herum erfolgen.

Die Schokoladentafel, die ich in den Händen halte, ist nicht gerade mächtig. Nur 55 g leicht und dünn. Die Knackigkeit erscheint mir mittel, und zunächst finde ich die Morinaga im Mund auch eindeutig zu ruppig. Dann bahnt sich aber ein sehr anständiger Kakaogeschmack durch die Grobmasse. Dieser wahrhaft schokoladig wirkende Ansatz ist bei keiner anderen der hier getesteten Schokoladen zu spüren. Folgerichtig wird dies hier mein Platz 1.

4. Lotte Ghana

Ach Gott, schon wieder so ein Fall. Lotte ist ein südkoreanisch-japanisches Konglomerat, gegründet im Jahr 1948. Die Süßigkeiten spielen zwar immer noch eine entscheidende Rolle, aber engagiert ist man auch bei (Luft holen) Getränken, Hotels, Fast Food, Einzelhandel, Finanzdienstleistungen, Schwerchemie, Elektronik, IT, Bau, Verlag, Unterhaltung. 3.600 Angestellte davon sitzen in Japan, zudem hat die Firma im letzten Jahr den größten polnischen Süßwarenhersteller, Wedel, von Kraft gekauft.

Natürlich wusste ich das alles nicht, als ich diese Tafel zum ersten Mal öffnete. Wieder sehr dünn und leicht, 58 g, Kakaoanteil bei knapp über 30%. Die Tafel knackt überhaupt nicht beim Brechen, und im Mund setzt sich dieser Eindruck mit einer bemerkenswert schleimigen Konsistenz fort. Am Ende kommt noch die Anmutung aller möglichen künstlichen Süßstoffe, die aber ganz sicher in der Schokolade gar nicht enthalten sind. Ganz sicher nicht. Schade, bei dem Namen hatte ich mich eigentlich auf einen feinen Kakaogeschmack gefreut. So geht’s aber gar nicht. Platz 4.

Mein Fazit: Es muss exzellente Chocolatiers in Japan geben. Genannt wurden in verschiedenen Foren zum Beispiel Message de Rose, Bel Amer, Origines Cacao, Wako Chocolate, Theobroma und Chocolat de H. Leider fand keine dieser Schokoladen den weiten Weg nach Bangkok, und so musste ich mich offensichtlich mit den Unternehmen begnügen, die finanzkräftig genug sind, sich hier ins Sortiment zu kaufen. Dass an überregionalen Schokoladen noch Milka und Hershey’s im Angebot waren, bestätigt im Nachhinein meine Vermutung. Aber Spaß hat es natürlich trotzdem gemacht, die weißen Flecken auf der meiner Genusslandkarte wieder ein wenig zu verkleinern. Ihr wisst, das ist ja meine größte Leidenschaft, und ein paar kleinere Enttäuschungen gehören dabei einfach dazu.

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5 Antworten zu Japanische Milchschokoladen unter der Lupe

  1. Eline schreibt:

    Ich würde ja lieber japanischen Whisky verkosten als Schokolade 😉 Aber ich finde deine Verkostungsnotizen sehr interessant. Die Verpackungen sind so gänzlich anders als unsere.

    • chezmatze schreibt:

      Ich glaube fast, an den Whisky kommt man wesentlich leichter ;). Aber ehrlich gesagt habe ich davon auch nur gelesen, probiert habe ich noch keinen. For the decades still to come. Das mit den Verpackungen finde ich auch interessant. Dieses klare japanische Design scheint sogar in der Supermarkt-Qualität durchzuscheinen.

  2. jens schreibt:

    Zu Wedel in Warschau! Das ist ein Kaffeehaus nach, na ja, vieleicht Wiener Vorbild – vorsichtig ausgedrückt. Der Schokoladenkuchen und die heiße Schokolade mit Chili sind der absolute Hammer. Wer den Film Chocolat mit Johnny Depp und Juliette Binoche kennt, der weiß von welcher flüssigen Trinkschokolade ich rede. Leider war beides zusammen genossen dann doch zu viel des guten – für mich!

    Jens

    • chezmatze schreibt:

      Das ist dann doch die wahre Globalisierung. Macht mich immer ziemlich skeptisch, was Atmosphäre und Qualität anbelangt, aber es muss nicht immer schlecht ausgehen. Siehe Huet. Da haben auch alle gedacht, wenn das jetzt ein chinesischer Amerikaner aufkauft, können wir die Weine bald vergessen. Aber nix da, Anthony Hwang scheint ja ein echtes Goldstück zu sein. Noel Pinguet bleibt auf ewig am Ruder, biodynamisch und mit viel Gespür wird weiter Wein gemacht. Hoffentlich komme ich bald mal nach Warschau. Nicht nur des Wedels wegen, soll sich ja auch sonst ziemlich viel dort tun.

  3. jens schreibt:

    Warschau ist schon ne tolle Stadt, hat aber langsam auch preislich und vor allem verkehtstechnisch zu anderen Metropolen aufgeschlossen. Ne‘ Reise aber auf alle Fälle wert.

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