Besuch bei einem Winzer: Paul Schumacher von der Ahr

Früher war nicht alles besser. Da gab es zum Beispiel einen Dichter, der sich hauptsächlich dem Sujet „Wein, Weib und Gesang“ verschrieben hatte. Vor 150 Jahren reimte jener: „Der Aßmannshäuser am Rhein fürwahr ist köstliches Traubenblut, doch auch an dem Ufer der rauschenden Ahr der Walporzheimer ist gut.“ Da haben wir es: „Auch gut“ als Beschreibung für einen Wein wird in der heutigen Zeit der permanenten sprachlichen Superlative ganz sicher als unterdurchschnittliche Performance gelten müssen. Dabei könnte es mittlerweile durchaus möglich sein, dass es sich genau umgekehrt verhält und der Rheingauer Rotwein es kaum mehr schafft, die Qualität mancher Walporzheimer Tropfen zu erreichen. Einer derjenigen, der mit seinem Walporzheimer in den letzten Jahren von einem Erfolg zum anderen geeilt ist (sprich: immer wieder ein Sternchen mehr), heißt Paul Schumacher und besitzt ein bemerkenswert kleines Weingut an der Ahr. Ihn musste ich besuchen – an einem herrlichen Frühherbsttag.

Leider war ich nicht der einzige. Und damit meine ich nicht den anderen Weinfreund von der Hohen-Sülzener Schlemmerrunde, dem ich diesen Besuch überhaupt erst zu verdanken hatte, nein, ich meine die ungeheuren Massen an Menschen, die an diesem Sonntag über das Ahrtal hereingefallen sind. Von weitem kann ich schon sehen, wie sie aus der Schumacher’schen Straußwirtschaft herausgeperlt kommen und drinnen die Bedienungen im Dauerstress halten. Aber ich kann es ihnen noch nicht einmal verübeln. Zum einen ist die bescheiden benamte Straußwirtschaft in Marienthal ein Ort, der kulinarisch weit über dem steht, was es ansonsten an ähnlichen Ausflugszielen zu bieten gibt. Und dann noch dieses Wetter und diese Landschaft. Ich stehe unten im Tal und blicke die steilen und herrlich ungleichmäßig terrassierten Weinberge der Walporzheimer Lagen Kräuterberg und Gärkammer hinauf. Ich stehe oben am Abhang des Pfaffenbergs und sehe das ganze Tal vor mir im Sonnenschein. Langsam glaube ich, dass die Weinrebe selbst eine Seele besitzt, die ganz genau weiß, wo es am schönsten ist und wo sie deshalb gedeihen mag.

Zurück beim Weingut hat Paul Schumacher sich inzwischen loseisen können und führt uns hinab in den Keller.  Die Ausmaße hier sind human. Ein Weingut, das gerade einmal 17.000 Flaschen pro Jahr aus seinen Weinbergen abfüllt, braucht keine riesige Produktionsstätte. Aber ein Weingut, das 17.000 Flaschen hochwertigen Wein abfüllen möchte, braucht dafür ein paar qualitative Voraussetzungen. Ich sehe blitzende Edelstahltanks und weiter hinten im Gewölbe einige offenbar neue Barriques. Aber dazu kommen wir später, denn jetzt sollen erst einmal die Weine des Jahrgangs 2009 probiert werden. Viermal Rot, alles zwischen 20 und 30 €. Das ist für den überwiegenden Teil der Weinwelt teuer, für den Spitzenbereich an der Ahr jedoch günstig. Dass rote Ahrweine allerdings wirklich vorzüglich sein können, davon hatte ich mich erst vor ein paar Monaten bei Alexander Stodden überzeugt.

Einer der Schumacher’schen Weine ist nicht mit einer Herkunftsbezeichnung gesegnet, sondern nur mit einem Statement als Namen: „Patience“, Geduld. So heißen Weine, denen man Zeit gelassen hat. Keinen aufblähenden Dünger im Weinberg, deutlich weniger Spritzmittel als EU-Bio, Handlese, gemütlich ablaufende Spontangärung, gebrauchtes großes Holzfass und schön spät abfüllen, so würde es bei mir aussehen. Sieht es bei Paul Schumacher auch so aus? Jaaa, größtenteils, nicht ganz. Schließlich sind wir hier an der Ahr und nicht an der Loire (was sich mit viel gutem Willen sogar reimt), und der deutsche Weinbau im Allgemeinen ist natürlich eher auf der konventionellen Seite. Da gilt man ja schon fast als Freak, wenn man spontan vergärt.

„Das mache ich natürlich“, meint Paul Schumacher, „und dann gibt es noch drei Dinge, die ich für essentiell halte – jedenfalls, was meinen Ansatz anbelangt: frühe Lese, Kaltmazeration, gute Fässer. Damit hat man schon eine Menge in Richtung eines guten Rotweins getan.“ Die Fässer, feine Barriques aus Burgund vom Tonnelier Chassin („super Qualität und gar nicht so teuer, wie man denkt“), sehe ich schon hinten stehen.

Mit der „frühen Lese“ meint Paul natürlich nicht unreifes Lesegut. „Aber das Problem hatten wir 2011 sowieso nicht, ganz im Gegenteil. Als ich Anfang September schon 98° Oechsle in den Trauben gemessen hatte, war mir klar, reifer darf der nicht werden.“ Aber gerade eben, fast einen Monat später (Ihr merkt, ich war natürlich vor meinem Bangkok-Trip an der Ahr), hatte ich immer noch etliche traubenbehangene Rebstöcke draußen gesehen. Bei anderen Winzern. „Jo, da können wir uns dann auf 16 vol% einstellen, wenn die Dinger mal voll durchgegoren sind“, meint er mit einem Grinsen. Die Menge wäre 2011 auch exzellent gewesen. „Da haben wir vorher schon an Trauben mehr rausgeschnitten, als wir 2009 oder gar 2010 überhaupt geerntet hatten.“

Bevor die 2011er auf den Markt kommen und zeigen können, dass sie nicht nur viel, sondern auch gut im Sinne von harmonisch sind, wird allerdings noch eine ganze Weile vergehen. Bis dahin können wir uns erstmal mit den 2009ern vergnügen. Los geht es also. Dabei sollte ich gleich mal bemerken, dass ich die Schumacher’schen Brot-und-Butter-Weine nicht probiert habe. Dafür aber – und das ist mir eine gute Lehre gewesen für künftige Verkostungen – habe ich einmal hin und einmal zurück probiert. Also alle vier Weine jeweils in zwei Durchgängen, nur in umgekehrter Reihenfolge. Mir hat gerade die Rückverkostung sehr dabei geholfen, die Weine noch besser einordnen zu können.

Bevor es hier konkret wird, schnell noch ein Hinweis: Meine geschätzten Bloggerkollegen von betterwine.de waren in diesem Spätsommer auch an der Ahr unterwegs. Mitgebracht haben sie eine Menge interessanter Aufzeichnungen. Lest also hier von ihrem Ahr-Trip mit drei Winzerbesuchen (und einem halben), hier über den getesteten „Patience 2009“ von Paul Schumacher, hier den Dreiervergleich zwischen Schumachers Kräuterberg und zwei anderen nicht gerade schwächlichen Weinen und hier die Verkostung des Trotzenbergs.

Die Jungs hatten beim Nachverkosten viel mehr Zeit und haben die Weine viel genauer beschreiben können als ich mit meinem schnellen Durchschlucker. Das werdet Ihr beim Lesen sofort merken. Meine intensivere Nachverkostung wird dagegen noch ein wenig auf sich warten lassen. Ich habe mich nämlich (aus rein egoistischen Erwägungen) dazu entschlossen, die Weine erst in einem höheren Reifestadium zu trinken. Anscheinend geht mir da Eigennutz vor Gemeinnutz. Insofern müsst Ihr hier mit unvollkommenen Spontaneindrücken vorlieb nehmen. Ich finde das allerdings auch immer ganz spannend, weil es irgendwie ungefiltert wirkt. Wenn die Psychologie behauptet, zwei Menschen könnten innerhalb von zwei Sekunden ihre gegenseitige Attraktivität, Sympathie und Anziehung feststellen, sollte das mit Weinen doch auch funktionieren. Oder?

Der erste Wein ist der bereits angesprochene „Patience“. Und, was soll ich sagen, hundssolide auf hohem Niveau. Im Vergleich mit den drei anderen Weinen habe ich hier den leichtesten, schlank-strengsten Wein im Glas. Alles andere ist aber im Gutsstil gehalten: relativ dunkle Beerenfrucht, gut präsente Säure, gekonnter Holzeinsatz, Lager- und Harmonisierungspotenzial. Ich für meinen Teil finde, die Weine sollte man keinesfalls zu früh trinken, eben weil die Harmonie noch nicht vollkommen ist. Für einen fruchtig-frischen Suffwein sind die Schumacher’schen Werke nämlich zu sehr auf Tiefe angelegt.

Der zweite Wein, der „Ex Core“ aus dem Bachemer Sonnenschein, straft diese Einschätzung gleich mal lügen. Aber es handelt sich gewissermaßen auch um ein Experiment. Zum einen stammt der Wein, der wärmesuggerierenden Lagenbezeichnung zum Trotz, von der „falschen“ Seite der Ahr. Zum anderen hat sich Paul Schumacher hier an die Ganztraubenmaischung herangetraut, also nix mit Kaltmazeration. Zum Dritten habe ich mich an der mit frischem Goldmarkierer beschrifteten Flasche eingeschmiert. Das tut aber nichts zur Sache. Der Wein ist jedenfalls ganzbeerig, reif, dunkelsaftig und mit weniger Tannin ausgestattet. Die Herstellungsmethode scheint deutlich durch. Da wir hier auf einem Privatblog sind, kann ich sagen, dass mir solche Weine nicht wirklich gefallen. Zu wenig Tannin, zu wenig Ausdruck, zu wenig Komplexität. Aber die Frucht vorn ist toll, und deshalb hätte ich echte Schwierigkeiten, wenn ich jetzt ein punktevergebender Weinkritiker wäre. Nur weil mir ein Stil nicht 100%ig zusagt, können andere das mit derselben Berechtigung ja völlig anders sehen. Übrigens meint Paul Schumacher, dass er selbst auch die tanninreicheren Roten liebt. Nur sei das an der Ahr gar nicht so einfach zu schaffen. „Hier im Norden fehlen uns die Sonnenstunden, um genügend Tannin in die Schalen zu bekommen.“ So hatte ich das noch gar nicht gesehen. Und deshalb ist es doch immer wieder wertvoll, vor Ort zu sein und den Winzer selbst erklären zu lassen.

Jetzt geht es aber zu den beiden großen Weinen, zunächst zum Walporzheimer Kräuterberg.Die Lage ist exzellent: klein genug (3,7 ha), um nicht verwischend zu wirken, steil (bis 60%), steinig (Schieferverwitterung mit Grauwacke, teils Gehängelehm), ein mediterranes Kleinklima dank der Südausrichtung, uralte Terrassen – ein enorm arbeitsintensiver Weinberg, und die Anstrengung merkt man den Weinen an, die gar nicht anders als bedeutend sein können (theoretisch jedenfalls). Auf diesen Wein trifft das jedenfalls zu. Der Kräuterberg ist stark brombeerig, tatsächlich mit kräuterwürzigen Noten ausgestattet und – im Vergleich zum Ex Core – wieder mit eindeutig mehr Würze und Säure gesegnet. In der Rückwärtsprobe fällt mir noch der zugänglichere, süße Kern auf, die Stoffigkeit. Natürlich ist das – aus dieser Lage und diesem Jahrgang – ein vergleichsweise südlicher Wein. Aber nur vergleichsweise, denn mit 13 vol% steht er noch eindeutig auf der moderaten Seite. Ich habe das Gefühl, dass dies ein richtig großer Wein werden kann, wenn er erst mal aus der Frucht- und Zugänglichkeitsphase raus ist. Deshalb kaufe ich ihn auch, obwohl er momentan weniger fordernd und spannend wirkt als der vierte Wein.

Bei jenem handelt es sich um den echten „Hausberg-Wein“ von Paul Schumacher. Erst seit kurzer Zeit einzeln vinifiziert, ist der Spätburgunder aus dem Marienthaler Trotzenberg noch keine Nummer, von der die Welt schwärmt. Das braucht auch Zeit, Patience sozusagen. Aber ich glaube, dass es passieren wird. Warum? Ganz einfach: Bewusster Weingenuss ist ja immer etwas, das auch emotionale Züge in sich trägt. Oder gar in erster Linie. Insofern finde ich es schon allein als identitätsstiftendes Merkmal sehr wichtig, wenn Winzer und Wein eine gewisse Einheit bilden. Von Paul Schumachers kleinem Hof kann man direkt in den Grauwackeklotz des Trotzenbergs schauen. Von dort, vielleicht 200 Meter Luftlinie entfernt, stammen die Trauben. Dies ist der näheste, eigenste, persönlichste Wein des Winzers.

Und es ist auch der schwierigste. Beim ersten Probieren bemerke ich vorn eine ziemlich spitze Säure, die hinten heraus milder wird. Hier haben wir auch die stärksten Tannine, die fast ein wenig zehrend wirken. Dadurch dass der Fruchtkern bei weitem nicht so zugänglich ist wie bei den anderen Weinen, hat man fast das Gefühl, dass dieser Wein nie in einer wirklichen Fruchtphase war. Er arbeitet von vorn bis hinten, sträubt sich, windet sich, bietet eine Nuance mal hier und mal da und beendet seinen Auftritt nach dem Schlussstrich mit einem einzigen Wort: lagern.

Ob aus diesem Trotzenberg irgendwann einmal ein großer Wein wird, weiß ich nicht. Aber er wird all jenen gefallen, die mit schmeichelnder Beliebigkeit nicht so viel anfangen können. Auch das bitte ich allerdings relativ zu verstehen, denn ein absoluter Freakwein ist selbst der Trotzenberg nicht. Aber er zeigt, dass sich etwas tut an der Ahr. Vielleicht werden wir es noch erleben können, dass Alexander Stodden hier seinen eigenen Romanée-Conti entwirft. Dann wird aus Paul Schumachers Trotzenberg möglicherweise ein Château Rayas geworden sein. Der ist zwar auch groß und individuell und selten, aber man kann ihn noch bezahlen.

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7 Antworten zu Besuch bei einem Winzer: Paul Schumacher von der Ahr

  1. utecht schreibt:

    Lieblingsstraußwirtschaft an der Ahr. Und gerade der Trotzenberg ist mein Favorit.
    Paul Schumacher hat Deine schöne Würdigung mehr als verdient…

    • chezmatze schreibt:

      Ja, mir tat es fast leid, dass ich gerade vorher gegessen hatte. Aber der Laden war so voll, wir hätten wahrscheinlich eh keinen Platz bekommen. Vom Trotzenberg gibt es glaube ich gerade einmal 800 Flaschen. Die werden jetzt schon fast weg sein, fürchte ich…

  2. Alex schreibt:

    Sehr schöner Artikel. ich denke auch das der Trotzenberg eine Menge Potential hat, zum Glück haben wir ein paar Flaschen eingekellert.

    Man steht unten am Fuß der Lage, man sieht den Winzer und wie er arbeitet, und wenn man dann am Ende des Tages den abgefüllten Wein trinkt, ist es wie ein Spiegelbild oder Extrakt seiner Provenienz. Objektive Qualität hin oder her, aber mehr finde ich kann man von einem guten Wein nicht verlangen.

    LG,
    Alex

    • chezmatze schreibt:

      Das hast Du sehr schön gesagt. Voraussetzung ist allerdings, dass man weiß, welche Einheit Wein und Winzer hier bilden. Das ist dann sozusagen unsere Aufgabe, die Leute darauf hinzuweisen, dass hier keine Trauben über 100 Kilometer von irgendwo her angekarrt worden sind, sondern dass zur Not die Trauben vom Rebstock per Schwerkraft in den Keller gelangen 😉

  3. Pinot Nerd schreibt:

    Matze, das hast Du wirklich schön geschrieben.
    Ich persönlich bin schon länger fasziniert von dem Weg den Paul Schumacher die vergangenen Jahre gegangen ist. Mit jedem Jahrgang wurde er besser und ich denke, mit den 2009er Trotzenberg und Kräuterberg hat er seinen ersten großen Meilenstein erreicht. Mit welcher Konsequenz Schumacher seine Ideen vom Ahr-Pinot verwirklicht, finde ich mehr als respektabel und manchmal schon fast beängstigend. Wenn ein Spitzen-Wein seinen hohen Qualitätsansprüchen nicht im vollem Umfang genügt, stuft Schumacher in herab, wie in 2007 und 2008. Auch wenn das aus wirtschaftlichen Gründen nicht immer einfach ist, er zog es durch. So etwas gefällt mir als Wein-Freak natürlich, aber ich muss ja nicht davon leben. Deswegen verdienen solche Schritte meinen höchsten Respekt.
    Was für die Weine gilt, gilt auch für die Straußwirtschaft. Für mich verkörpert sie einen neuen Stil im Ahrtal, der sich hoffentlich weiter durchsetzt. Wer kann, sollte unbedingt mal reinschauen!

  4. Bertram Krenz schreibt:

    2007 das erste Mal Schumacherschen Wein probiert und dabei süchtig geworden.Schade das Brandenburg so weit entfernt ist.Aber man kann ja bestellen, um seine Sehnsucht zu stillen.
    Danke Paul Schumacher

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