Bangkok step four: Auf dem Markt der Märkte

Als ich im Dezember in Paris war, wollte ich eigentlich auf den Markt von Rungis gehen. Von Rungis aus wird nicht nur ganz Frankreich, sondern sogar ganz Europa mit exquisiten Waren beliefert. Dabei hätte mich das frühe Aufstehen nicht geschockt. Wenn Dieter Müller seine mit dem Bastfaden geangelten Koi-Karpfen mittags auf den Tisch bringen will, muss der Deal halt schon um vier Uhr früh über die Bühne gehen. Nur ist Rungis für Berufsfremde praktisch unzugänglich. Auf die wenigen zugelassenen Plätze bewirbt sich in Frankreich die halbe Nation. Das ist in Bangkok anders. Der Markt von Khlong Toei im Südosten der Stadt beginnt zwar auch um zwei Uhr nachts, und wer tagsüber erscheint, bekommt nur noch einen müden Abklatsch zu sehen. Aber erstens darf hier jeder kommen. Und zweitens ist sowieso alles ganz anders als in Paris. Ganz anders.

Khlong Toei ist zunächst einmal der größte Markt in Bangkok. Da die Metropolregion nach der neuesten Volkszählung nicht weniger als 14,5 Millionen Einwohner aufweist, will allein das schon etwas heißen. Khlong Toei ist auch sozusagen der Markt der Märkte. Hier gehen in aller Frühe jene Sachen über die Theke, die später in Abertausenden von Straßenständen und kleinen Restaurants aufbereitet werden. Früher lag Khlong Toei direkt am Wasser, aber auch heute noch trennen nur die Hafenanlagen den Markt vom Chao Phraya-Fluss. Gottseidank, muss man bei der jetzigen Hochwassersituation sagen. Die Bezeichnung „wet market“, die ich damit in Beziehung gesetzt hatte, besitzt allerdings eine völlig andere Bedeutung. Aber dazu komme ich später.

Als ich heute Morgen noch vor dem Wecker aufgewacht war, habe ich instinktiv gespürt, dass dies nur ein guter Tag werden kann. Es war noch vor sechs Uhr früh, die Sonne gerade aufgegangen, und die unsichtbaren tropischen Vögel draußen stimmten ihren Morgengesang an. Um sechs Uhr fährt auch der erste Skytrain die Werktätigen aller Länder zur Arbeit. Obwohl, halt, um diese Uhrzeit sind lediglich Thai unterwegs, und selbst jene nicht in großer Anzahl. Ich kann aus einer Reihe von Sitzplätzen wählen, was zu anderen Zeiten nicht unbedingt der Fall ist. Auch die Straßen sind noch ziemlich unbelebt. Ganz im Gegensatz allerdings zu den Fußwegen, und das ist einer der Gründe, weshalb es sich auch ohne Khlong-Toei-Besuch gelohnt hätte, so früh aufzustehen. Ab Sonnenaufgang wird nämlich auf den Fußwegen gefrühstückt. Ich bin total überrascht, wie viele Straßenstände schon geöffnet haben und wie viele Bangkoker zum Frühstück eine Suppe löffeln. Ich hätte mich am liebsten auch dazu gesetzt, aber der Auftrag, der Auftrag!

Als ich aus der Metrostation „Khlong Toei“ trete, finde ich unglaublich, wie heiß es schon wieder ist (es wird abends noch einen tobenden Tropensturm geben, aber das konnte ich natürlich nicht wissen). Das mit der Hitze liegt vielleicht auch ein wenig daran, dass ich der gerade aufgegangenen Sonne direkt entgegen gehe. Für all diejenigen unter Euch, die es mir nachmachen wollen: Egal aus welchem Metroschacht Ihr bei dieser Station kommt, Richtung Sonne heißt immer Richtung Markt. Praktisch nicht zu verfehlen.

Zuerst denke ich, dass ich schon da wäre, als rechts ein paar mehr von den Straßenständen und Wägelchen auftauchen, aber das ist nur die Vorhut. Auf meinem Stadtplan heißt dieser Teil der „Singapore Market“, und ich werde später zum Essen wiederkommen. Auf dem eigentlichen Markt von Khlong Toei, der sich jenseits der Straßenkreuzung befindet, gibt es nämlich kaum Essgelegenheiten. Dafür gibt es alles nur Denkbare zu kaufen, was sich später in der Thai-Küche wiederfindet.

Ich laufe einfach kreuz und quer zwischen den Ständen umher. Zwar gibt es ein paar Sektionen, die gewisse Schwerpunkte besitzen, die Gewürze beispielsweise unter dem festen Hallendach, die Fischstände eher davor. Aber im Grunde genommen mischt sich hier alles mit allem. Dass der Markt schon seit ein paar Stunden läuft, merke ich daran, dass sich ein paar Standbesitzer bereits in ihren Liegestühlen gemütlich gemacht haben. Und daran, dass unaufhörlich Putzkolonnen unterwegs sind. Solche mit einem Reisigbesen, solche mit einem Abfallkorb und solche mit Wasserschläuchen.

Überhaupt, das Wasser. Ziemlich schnell wird mir bewusst, weshalb dies hier ein „wet market“ ist. Weil nämlich immer wieder alles mit Wasser abgespült und gereinigt wird. So lange, bis der ganze Markt unter Wasser steht und sich die Rinnsale in den nahe gelegenen Khlong ergießen. Jetzt fällt mir auch auf, dass ich der einzige bin, der hier eine lange Hose trägt. Der einzige, der keine Gummistiefel oder wenigstens Gummisandalen an den Füßen besitzt. Nach meiner Rückkehr werde ich im Hotelzimmer noch die triefenden und schmutzstarrenden Hosenbeine mit Shampoo schrubben. Ins Fußbett meiner Sandalen hat sich der Geruch von Khlong Toei allerdings bis in alle Ewigkeit festgefressen. Dafür kann ich Euch versprechen, was immer Ihr woanders über die hygienischen Zustände auf tropischen Märkten lest, auf Khlong Toei wird gewässert und geputzt, bis alles potenziell Böse fortgeschwemmt ist.

Fische gibt es in Khlong Toei grundsätzlich in zwei Zuständen: getrocknet oder lebendig. Letzteres zumindest bei der Anlieferung, denn hier werden die Waren nicht nur in „fertiger“ Form verkauft, sondern auch, tja, zubereitet. Was mir bei der Gelegenheit schon ein wenig makaber vorkommt, ist die Tatsache, dass lebende Hühner zum Beispiel in einem Korb angeboten werden, auf dessen Dach die bereits gerupften und küchenfertigen Hähnchen thronen. In dieser Hinsicht sollte man schon einen realistischen Blick auf das besitzen, was wir täglich essen und woher es stammt, wenn man Khlong Toei besucht. Andererseits ist es aber auch nicht so, dass man hier abstruse Praktiken zu sehen bekäme, die einem europäischen Metzger völlig fremd wären. Als Grundsatz gilt nur (auf gut Französisch): Tout est bon dans le cochon. Meist übrigens bereits appetitlich portioniert, denn die asiatische Küche kennt nun einmal keine furchteinflößenden Messer, mit denen der Restaurantgast sein Schnitzel erst noch zerlegen müsste. Das wird bereits auf dem Markt erledigt.

Neben Fischigem und Fleischigem allerlei Couleur gibt es auf dem Markt von Khlong Toei auch noch die Bereiche für Obst, Gemüse, Gewürze und sonstige Zubereitungen. Nun bin ich ohnehin kein besonderer Gemüsekenner, aber hier merke ich, welch großen Nachholbedarf ich tatsächlich besitze. Es ist sicher realistisch, wenn ich behaupte, dass ich hier deutlich mehr mir komplett unbekannte Gemüsesorten zu Gesicht bekomme als solche, die mir geläufig sind. Mag sein, dass diese Frage peinlich ist, aber was ist das zum Beispiel für eine Wurzel mit dem farnartigen Kraut auf dem Foto links? Von Blattgemüse will ich gar nicht erst sprechen. Bei den Früchten stelle ich mich weniger dumm an, die meisten davon erkenne ich. Allerdings ist der große Obstmarkt auch nicht hier, sondern in Nonthaburi, etwa 20 Kilometer von Bangkok flußaufwärts in Richtung Norden. Leider befindet sich Nonthaburi derzeit unter Wasser, und das gilt auch für den dortigen Markt.

Noch etwas zum Fischthema: Erstaunlich finde ich, dass die allermeisten der hier angebotenen Fische ehemalige Flussbewohner sind. Natürlich gibt es auch Fische und Tintenfische aus dem Meer, aber die Gattungen der Wels- und Karpfenartigen nehmen einen bedeutenden Raum ein. Soweit ich weiß, wird ihr Geschmack in der chinesisch inspirierten Küche besonders geschätzt. Krabben und Muscheln gibt es im übrigen zuhauf, in allen erdenklichen Formen, Farben und Größen. Ich bin sehr stolz, dass ich die Muscheln mit dem charakteristischen Zickzack-Muster als „hoy lai“ erkenne, auf Deutsch die „gewellte Teppichmuschel“.

Ohnehin: Die Leute sind ausgesprochen freundlich hier. Ich bin in der ganzen Zeit, die ich auf dem Markt verbringe, keinem einzigen anderen Ausländer begegnet. Und natürlich auch keinem einzigen, der einen Fotoapparat mit sich herumträgt. Auch wenn ich den zahllosen Trägern, die ständig mit ihren fahrenden Körben unterwegs sind, sicherlich oft genug im Weg gestanden habe, niemand hat auch nur eine ärgerliche Handbewegung gemacht. Wenn man die Standbesitzer fragend anlächelt, hat auch niemand etwas gegen ein Foto seiner Waren einzuwenden. Ich bin ja in dieser Hinsicht ebenfalls ein wenig schüchtern, weshalb das rein kommunikativ wahrscheinlich recht gut gepasst hat. Wer etwas offensiver vorgeht, kann auf dem Markt von Khlong Toei sicher auch preiskrönungswürdige Motive finden, aber ich möchte ja nicht die ganze Welt nur durch meine Linse sehen.

Gegen acht Uhr habe ich das Gefühl, jetzt lang genug auf dem Markt hin- und hergelaufen zu sein. Außerdem meldet sich langsam ein kleines Hungergefühl. Zurück auf der Kreuzung merke ich an einem anderen Element, dass inzwischen einige Zeit vergangen ist. Von den Fußgängerbrücken, die die Kreuzung umspannen, ist mittlerweile in alle Richtungen die berüchtigte Bangkok Rush Hour zu erahnen. Ich stehe ein paar Minuten lang hier oben und schaue mir das Treiben an. Wahnsinn, wie langsam die Ampelschaltungen sind. Aber wahrscheinlich muss es so sein, denn aus jeder Straße quillt der Verkehr.

Ich gehe wieder runter auf die andere Straßenseite in den bereits erwähnten „Singapore Market“. Hier finde ich endlich die Marktcafés in großer Anzahl. Oder vielmehr die Essgelegenheiten, denn mehr als mit Planen überdachte Straßenstände sind es nicht. Dafür gibt es eine unglaubliche Anzahl an Gerichten, die in zwanzig, dreißig, vierzig Töpfen zu köcheln scheinen. Karten gibt es keine, also setze ich mich einfach und bestelle das, was der Standbesitzer mir anbietet, weil es viele andere auch nehmen. Es handelt sich vordergründig um einen Teller Spaghetti mit Bolognese-Sauce. Natürlich ist es das nicht, sondern eine wunderbar gewürzte Tom Yam-Brühe mit Nudeln und klein geschrotetem Krabbenfleisch. Stickig heiß ist es unter der Plane und das Essen so gut gewürzt, dass ich gleich zu schwitzen beginne.

Aber – um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen – das Tellergericht ist nicht unerträglich scharf, sondern einfach auf den Punkt genau abgestimmt. Eine Balance zwischen der Chillischärfe, dem Geschmack der Krabbenbrühe und demjenigen der Säurefraktion, namentlich Zitronengras, Kaffirlimette, Ingwer und Tamarinde. Stärkend, erfrischend und schmackhaft gleichzeitig. Großartig, und das für 25 Baht. Als Zusatzservice bekomme ich noch einen Becher mit Eiswasser gereicht, aber nach dem ersten Schluck (ich probiere alles) schmecke ich den Fluss, die Mudde – und lasse das Wasser dann doch lieber stehen. Ein paar Schritte weiter gibt es übrigens auch einen Tortenstand, aber den Thai-Geschmack in dieser Hinsicht muss ich mir wohl erst von jemand anders nahebringen lassen. Für mich ist das pappsüßer Klebe-Kitsch, aber gut, früher bei einem Kindergeburtstag hatte ich vor Freunde gejuchzt.

Mein Ausflug ist jetzt fast beendet, und mir kommt es so vor, als sei ich bereits einen ganzen Tag unterwegs gewesen. Im Lumpini-Park setze ich mich noch auf eine Bank, nuckele einen Eiskaffee und stelle mit Erstaunen fest, dass der große Waran überhaupt keine Attrappe ist. Uff, das dürften wohl die wahren Herrscher des Parks sein, wenn sich abends die Tore geschlossen haben.

Das Fazit dieses Morgens könnt Ihr Euch vorstellen: Liebe Foodies dieser Welt (wenn Ihr Euch auf eine vertretbar kleine Anzahl reduzieren lasst, aber das ist bei der beschränkten Verbreitung meines Blogs automatisch gegeben), fahrt nach Bangkok, erhebt Euch beim ersten virtuellen Hahnenschrei aus den Federn und pilgert nach Khlong Toei, meinem persönlichen Bangkok-Highlight. Danke. Ende.

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8 Antworten zu Bangkok step four: Auf dem Markt der Märkte

  1. chezuli schreibt:

    schöner Bericht, macht ja richtig Lust darauf. Besten Dank.

  2. katha schreibt:

    danke fürs mitnehmen (ich wär‘ da jetzt sehr gerne) – und komm gut heim.

  3. Birgit schreibt:

    Toll, scheint nochmal was ganz anderes zu sein, als der Kor Or Tor Markt. Muss ich mir für einen nächsten Bangkok Besuch unbedingt vormerken.

  4. Kuechenschabe schreibt:

    herrlich zu lesen, danke! ich geb mir ein jahr zeit, dann hab ich den mitkoch so weit 😉 – komm gut heim!

  5. Winebasterd schreibt:

    Ein toller Blog und ein wunderbarer Reisebericht – und das unter größten Gefahren, wie soeben dpa meldet:

    dt0332 4 vm 235 dpa 0782

    Thailand/Wetter/Hochwasser/Unwetter/Deutschland/
    Auswärtiges Amt rät von Reisen nach Zentralthailand ab =

    Berlin (dpa) – Das Auswärtige Amt hat wegen der schweren
    Flutkatastrophe in Thailand seine Reisehinweise für die Region
    verschärft. «Von nicht unbedingt erforderlichen Reisen in den
    Großraum Bangkok und Zentralthailand wird dringend abgeraten», hieß
    es am Donnerstag auf der Internetseite des Amtes in Berlin. «Reisende
    sollten sich umgehend mit ihrem Reiseveranstalter in Verbindung
    setzen, um die Möglichkeit der Verschiebung der Reise oder der
    Änderung der Reiseroute zu besprechen.»

    Seit Wochen kämpft Thailand mit den Wassermassen. In der
    Hauptstadt Bangkok wird die Lage immer prekärer. Die Randgebiete sind
    bereits überschwemmt. Und die thailändischen Behörden rechnen mit der
    möglichen Überschwemmung aller Stadtteile. Das könnte Einschränkungen
    in der Strom- und Wasserversorgung sowie des Transportwesens
    bedeuten. Der Internationale Flughafen Bangkok – Suvarnabhumi Airport
    – sei aber weiterhin geöffnet, hieß es auf der Internetseite des
    Auswärtigen Amtes. Der Reisehinweis gelte daher nicht für
    Transitaufenthalte.

  6. cedric fischer schreibt:

    ein wunderbarer bericht

  7. chezmatze schreibt:

    Danke für die netten Kommentare! Bin wieder wohlbehalten zurück und hatte ein paar Tage „computer-frei“ ;). Am letzten Tag war ich noch in Chinatown, wo es mit der Flut schon so langsam ernst wurde. Zum Glück ist es einigermaßen glimpflich ausgegangen, aber ich berichte Euch natürlich noch darüber – quasi als Nachschlag.

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