Der formidable Hohen-Sülzen-Weinabend

Jener formidable Hohen-Sülzen-Weinabend endete für mich um 2:40 Uhr, als ich diese Zahlen voller Schreck auf meinem Handy erspähte. Dabei musste ich doch am nächsten Tag noch so viel schaffen! Aber wovon spreche ich hier eigentlich? Zunächst einmal: Hohen-Sülzen ist ein Weinort in Rheinhessen, Sitz eines recht bekannten und hochkarätigen Weinguts. Unser Gastgeber hat für dieses und ein verwandtschaftlich verbandeltes Weingut bereits den einen oder anderen Handschlag getan. Diesmal waren aber Weinliebhaber aus der näheren und weiteren Umgebung eingeladen, sich bei der Blindverkostung am Erraten echter Kellerschätze zu versuchen. Ihr könnt dagegen raten, wer der Gastgeber war.

Das Thema des Weinabends lautete dabei „Alt gegen Neu“. Nein, ausgerechnet die einfachste Variante, nämlich einen alten Wein gegen einen jungen antreten zu lassen, war damit nicht gemeint. Vielmehr ging es um Herkünfte (Alte gegen Neue Welt) und Herstellungsphilosophien. Alle Weine waren vormittags dekantiert worden und wurden uns nun paarweise aus neutralen Behältnissen eingeschenkt. Deshalb beschreibe ich auch immer erst meine Eindrücke – nebst den Fehleinschätzungen – bevor ich auflöse, um welchen Wein es sich handelt. Gut, ein Blick auf das Foto neben dem Absatz verrät auch vorher alles. Aber versucht Euch mal in meine Lage zu versetzen und stellt Euch vor, Ihr wärt genauso ahnungslos wie ich.

Ich mag ja dieses Spiel, wenn es – ich hatte es schon früher mal erwähnt – nicht in einen testosteron-geschwängerten Wettbewerb ausartet, wer alles am besten errät. Wenn man sich da ein wenig zurücklehnt, bietet ein solches Blindspielchen nämlich ganz ungewohnte Möglichkeiten: Man kann viel besser sagen, ob einem ein Wein schmeckt – und warum er das tut. Das ist Subjektivität im Quadrat. Ob er hingegen „typisch“ für seine Herkunft ist oder uns an der Nase herumgeführt hat, merkt man erst beim Aufdecken.

Paar 1

a) Ein Weißwein, soviel kann man dann doch erkennen. Die Nase ist parfümiert, am Gaumen vermeine ich erst leicht flüchtige Säure zu spüren. Die Materie ist krachschwer, Restsüße, viel Würze, Holz. Fette Brummer sind ja nicht so nach meinem Geschmack, aber – wie soll ich das ausdrücken – der Wein wirkt zumindest „wertig“. Also schon üppig, aber ohne das Gefühl einer billigen Kopie, die nur auf fett getrimmt wurde. Trotzdem nicht mein Fall.

b) Farblich noch etwas dunkler. Es gibt Noten von Eistee, Apfelsaft, ohnehin etwas Mostiges, aber dennoch mit viel Kraft. Auch dies ist ein richtig schwerer Wein, aber er wirkt „durchgegorener“, also ohne Restsüßeanmutung, wobei das beim ersten Wein auch durch die Alkoholschwere bedingt sein könnte. Über die Herkunft kann man viel spekulieren, und so richtig bekommen wir das auch nicht hin, erst mit gütiger Mithilfe des Gastgebers. Nur dass der erste Wein der moderne und der zweite der traditionelle ist, das kann man ohne großes Spekulieren sagen. Mir gefällt letzterer besser, aber das ist nur relativ.

Jetzt also die Auflösung: Wein a) ist der Sgaminegg von Muster aus der Steiermark, eine Sauvignon blanc-Chardonnay-Cuvée, Wein b) der Châteauneuf-du-Pape vom Château de Beaucastel aus 80% Roussanne, 15% Grenache blanc und zusammen 5% Clairette, Bourboulenc und Picardan. Beide Weine sind ein wenig untypisch, um es mal vorsichtig zu formulieren, was in erster Linie daran liegt, dass sie aus dem Jahrgang 2003 stammen. Der Sgaminegg hat in diesem Sonnenbrand-Jahr 15 vol% auf die Waage gebracht, der Beaucastel konnte bei 13,5 vol% gezügelt werden. Dass mir der Sgaminegg aus diesem Jahrgang so gar nicht gefallen mag, soll allerdings weder gegen andere Jahrgänge noch gegen die anderen Muster-Weine sprechen. Von denen bin ich nämlich durchaus überzeugt. Jo, jetzt könnte schon mal der Reparatur-Riesling kommen.

Paar 2

a) Aha, ein Rotwein. In der Nase Holz, Wärme, Alkohol, am Gaumen sehr bis ungemein würzig. Das wirkt für mich wie Südfrankreich, und zwar in einer relativ schweren, heißen Form.

b) Ganz anders in der Nase: kühl, Minze, Johannisbeere, leicht bitter. Ein Cabernet aus der Neuen Welt, würde ich sagen, denn Tannine sind nicht oder nicht mehr in einem gesteigerten Maß vorhanden. Der erste Wein ist in jedem Fall der traditionellere, auch wenn beide recht fruchtig und glatt wirken, also keine starken Ecken und Kanten besitzen. Mir gefällt der vermeintliche Altwelt-Wein etwas besser, aber beide bewegen sich auf einem ähnlichen Qualitätsniveau. Kommt mir jedenfalls so vor.

Wein a) ist der Coranya von Sangenís i Vaqué aus dem Priorat, 50% Garnatxa, 50% Carinyena, wie man die Rebsorten dort schreibt. Im Nachhinein fällt uns natürlich auch der Schieferton auf, na klar, und so falsch lagen wir bei den geographischen Vermutungen gar nicht. Wein b) ist der Finniss River vom australischen Salomon-Ableger, ein Blend, der hauptsächlich aus Cabernet Sauvignon besteht mit einer kleinen Zugabe Merlot. Auf Australien wäre ich nicht gekommen, aber erstens kenne ich mich mit Neuwelt-Weinen nicht so gut aus, und zweitens vermute ich, dass es diesen modernen Cabernet-Merlot-Weine zu eigen ist, eben nicht gleich ihre Herkunft vor sich her zu tragen. Beide Weine stammen übrigens aus dem Jahrgang 2001 und lassen sich dementsprechend jetzt schön trinken.

Paar 3

a) Wieder Rotwein, diesmal die weniger farbkräftige Version. In der Nase behält der Wein diese hellbeerigen Noten bei, allerdings mit einem gewissen himbeerigen Biss, der alle gleich „Pinot Noir!“ schreien lässt. Am Gaumen muss ich zugeben, dass sich mein Gesicht ein wenig verzieht. Die Himbeere kommt mir leicht bis mittelschwer künstlich vor, eine gewisse Süße (oder Alkoholschwere) ist spürbar, als ob hier mit einer fröhlichen Schar von E-Stoffen gearbeitet wurde. Das muss die moderne Version sein, Pinot aus Oregon oder so ähnlich.

b) Dunkel wie nichts Gutes, in der Nase dann Mineralität nebst Traubenzucker und einer weichen Sauerkirsche. Am Gaumen bleibt die Sauerkirsche, und der Wein wirkt zunächst noch ein bisschen unfertig. Nach und nach kommt aber eine deutliche Säure zum Vorschein, die ganze Sache wird harmonischer und gefällt mir letztlich. Welchen Wein wir hier im Glas haben, erraten wir erst nach ein paar Hinweisen. Ich komme deshalb darauf, weil ich das Programm von K&U recht gut kenne und annehme, dass der Sgaminegg von Muster dort gekauft wurde. Und Martin Kössler hat nun einmal auch die Weine von Uwe Schiefer im Programm…

Wein a) kommt zwar nicht aus Oregon, aber immerhin aus den USA. Es handelt sich um den McDougall Ranch Vineyard von Drew, Sonoma. Wein b) ist der Reihburg, der große Blaufränkisch von Uwe Schiefer aus dem österreichischen Südburgenland. Interessanterweise scheine ich der einzige zu sein (oder jedenfalls einer der wenigen), dem dieser Wein gefällt. Den meisten wirkt er zu unsauber, und beim Blick auf den Jahrgang beider Weine (2007) stellt man sich hier die Frage, was der Reihburg in fünf Jahren macht, wenn die Frucht erst einmal weg ist. Ich habe das Gefühl, dass die Lagerfähigkeit ähnlich wie bei den Priorats ein wenig unterschätzt wird. Säure ist da, Substanz ist da, warum sollte dann in einigen Jahren nach dem Fruchtabschied nicht ein harmonisch gereifter Wein dabei herausschauen? Übrigens bewegen wir uns bei beiden Weinen im „gesunden“ Alkoholbereich von 13,5-13,8 vol%.

Paar 4

a) Sehr dunkel in der Farbe, eine typische Bordeaux-Würze in der Nase mit schöner Frucht, am Gaumen ein feiner, glatter, typischer – nun ja – Bordeaux. Linkes Ufer, würde ich sagen, aber darin erschöpfen sich dann auch meine Vermutungen. Ein schöner Wein jedenfalls, Frucht, Säure, Tannine, alles da und alles gut.

b) Holla, das ist diesmal ein Pärchen im Gleichschritt. Farbe ganz ähnlich, Nase auch, nur ein wenig expressiver, aufdringlicher könnte man auch sagen. Der Wein wirkt auch wie ein Bordeaux-Blend, aber einer, der nicht aus Bordeaux stammt, mehr Merlot wird vermutet. Dunklere Noten, etwas bitterer und mehr Biss, zweifellos ein gelungener Wein. Nur – woher könnte der kommen? Viele Diskussionen heben an, aber das Ah und Oh folgt erst nach dem Aufdecken.

Wein a) ist der Château Pichon-Longueville Baron, ein Pauillac aus dem Lehrbuch. Jahrgang 2002, der ja allgemein als nicht gerade großartig gilt, aber der Baron hat sich wirklich ins Zeug gelegt. Klassisch. Wein b) ist der Admiral von Josef Pöckl aus dem Burgenland, auch aus dem Jahrgang 2002, beide mit 13,5 vol%. Die Diskussionen sind damit aber nicht beendet. Während einige Teilnehmer schlichtweg begeistert sind, was „die Österreicher“ alles können, fragen sich andere, was denn jetzt außer einer schönen Frucht das typische Merkmal österreichischer Rotweine ist. Der Admiral 2002 besteht nämlich aus 50% Zweigelt, 20% Blaufränkisch, 20% Cabernet Sauvignon, 5% Merlot und 5% Syrah, letztlich also 70% autochthonen Rebsorten, aber niemand hat’s gemerkt.

Jetzt, liebe Freunde, folgt das emotionale Highlight, das deshalb auch nicht in Paarform auftritt. Ein Rotwein in einer Karaffe, sichtbar gereift. Bordeaux-Noten in der Nase, ganz klar. Am Gaumen sehr fein, mild, abgelagert, aber immer noch mit einer erstaunlich schönen Frucht und einer deutlichen Säure. Die leichte Flüchtigkeit der Materie kann man nur daran erahnen, dass es ein wenig am Gaumenzäpfchen beißt. Was mich neben der präsenten Frucht am meisten erstaunt, ist die Viskosität des Weins. Da gibt es nichts Grünes, Paprikahaftes oder Mageres. Fast bin ich versucht zu sagen, das hier sei ein „moderner“ Bordeaux. Wenn ich es nicht besser wüsste. Es handelt sich nämlich um den 1966er Château Pichon-Longueville Comtesse de Lalande. Das erinnert mich daran, dass ich gar keinen Wein aus meinem eigenen Geburtsjahrgang besitze. Sollte es jemals dazu kommen, ein Bordeaux würde es jedenfalls nicht sein. War nämlich ein grauenhafter Jahrgang dort.

So. Jetzt kommt erst einmal die große Terrassenpause, und da lässt sich bei dem schon angekündigten Reparatur-Riesling trefflich weiterdiskutieren. Obwohl ich zugeben muss, dass gerade die letzten Rotweine nicht so mumpfig waren, als dass sie dringend nach Gaumenreparatur verlangt hätten. Aber der Wein, der ausgeschenkt wird, repariert auch, wenn gar nichts kaputt ist. Ein enorm frischer, offener und einfach extrem „leckerer“ (das böse Wort) Riesling mit einer leichten Restsüße, der wirklich allen gefällt. Was uns hingegen verblüfft: Der Quarzit von Peter Jakob Kühn aus dem Rheingau stammt aus dem Jahrgang 2004 und hat sich dennoch alle Frische der Welt bewahrt. Sehr schön.

Paar 5

a) Weiter geht’s beim fröhlichen Weinraten. Ein Rotwein kommt ins Glas, der in der Nase ziemlich breit wirkt, Hagebutte, eine gewisse Oxidationsnote, gereift und alkoholisch. Und flüchtige Säure. Und Strenge. Und Säure. Und ein Touch Schweinestall. Wenn das nicht der traditionelle Wein ist, dann fresse ich den sprichwörtlichen Besen. Am Gaumen tritt die Sauerkirsche als Frucht in den Vordergrund, die Saftigkeit ist ohnehin hoch, aber die Tannine zeigen sich weiterhin präsent. Das Nasenkarussell wiederholt sich. Ein richtig großer Wein für mich, denn er zeigt sich enorm vielschichtig, spannend, hochwertig – aber zugegebenermaßen für Einsteiger eher schwierig. Südliche Rhône der hochtraditionellen Art jedenfalls.

b) Die erste Flasche korkt leider, und wir weinen, denn aufgedeckt wird der Canon-la-Gaffelière 1990, wie schade. Die zweite Flasche kommt in der Nase auch wie ein Bordeaux-Blend heran, aber einer mit viel Merlot. Oder ist es gar Zweigelt, Mavrud oder Agiorgitiko, und wir liegen wieder völlig daneben? Am Gaumen ist der Wein jedenfalls ganz anders als der erste. Süß, weich, rund, voll Trub, aber dennoch mit Säure und Druck. „Auf eine geile Art modern“, sagt jemand, und das trifft es genau. Weich am Gaumen, viel Schokolade, smoothes Tannin. Für mich sind neben diesen wollüstigen Noten aber wiederum keinerlei Herkunftsanzeichen zu spüren. Und wenn ich nicht schmecke, woher ein Wein kommt, dann kommt er in aller Regel nicht aus Frankreich. Ich tippe auf einen Kalifornien-Merlot. Wenn ich jetzt sage, dass er mir ganz subjektiv deutlich schlechter gefällt als der erste, dann ist das nur meinen persönlichen Vorlieben geschuldet und nicht der Qualität des Weins. Hier sind wir nämlich bei der Frage der Punktevergabe angekommen, über die dann auch lebhaft diskutiert wird. Was würden Punkte bei diesen Weinen aussagen? Kann man Äpfel und Birnen überhaupt in dieselbe Skala pressen? Wem ist damit geholfen, wenn beide Weine dieselbe Punktzahl bekämen, aber ein völlig unterschiedliches Publikum bedienen würden? Fakt ist für mich: Punkte ohne Worte sind reichlich daneben. Gerade an diesem schönen Fallbeispiel ist das prächtig zu erkennen.

Wein a) ist der Châteauneuf-du-Pape 1990 vom Château de Beaucastel. 13,5 vol%, einfach ganz individuell und prächtig gereift. Die Tatsache, dass ein 21 Jahre alter Châteauneuf dieser Qualität immer noch Frucht, Säure und Tannine besitzt, verhilft den entsprechenden Exemplaren in meinem Keller jedenfalls zu einer weiteren Ruhezeit. Wein b) ist der Against the Wall 1996 vom Weingut Sine Qua Non aus Kalifornien. Krankl, Manfred allerdings, nicht Hansi. Mit 14,5 vol% genau auf der vermuteten Seite, aber dank Kultetikett, spürbarer Unfiltriertheit und ebenso spürbarem Neuwelt-Bums auf seine Art auch ein großer Wein. Nur dass er aus 100% Syrah besteht, das will in meinen Kopf nicht rein. Aber ich habe ja letztens auch ausschließlich die Nordrhône-Syrahs probiert, das ist einfach eine ganz andere Welt. Welchen Wein Hans Krankl wohl machen würde, wenn er könnte?

Paar 6

a) Rotweine. Dies hier ist ein dunkles und trübes Exemplar, in der Nase wie ein moderner Bordeaux-Blend wirkend, die totale Schokolade, ein reifer Merlot. Am Gaumen setzt sich das Ganze fort, extrem würzig, Brombeere. Und diesmal bleibe ich bei Bordeaux und Merlot. Jawohl.

b) Weniger trüb, wirkt aber von der Farbgestaltung her älter, bräunliche Töne am Glasrand. In der Nase ist der Wein frischer, aber auch mit einem ganz kleinen Stinker ausgestattet. Am Gaumen zeigt sich der Wein sogar noch expressiver als der erste. Jung wirken beide, fast bissig. Ein wenig gefällt mir der zweite Wein besser, aber die Rebsorten kann ich nicht erraten. Irgendetwas Südlicheres jedenfalls. Wenn der erste Wein leicht moderner ist, ist der zweite leicht traditioneller, aber die Unterschiede kommen keinesfalls so krass zum Ausdruck wie beim Pärchen davor.

Was uns richtiggehend schockt, ist die Tatsache, dass beide Weine aus dem Jahrgang 2000 stammen. Denn sie wirken noch wahrsinnig jung und hätten unserer werten Meinung nach ein weiteres Jahrzehnt im Keller verbleiben können. Und das, obwohl sie vor zehn Stunden schon dekantiert wurden. Verblüffend. Beide Weine besitzen 13,5 vol%, und beide stammen aus Frankreich, aber das war es dann auch mit den Gemeinsamkeiten. Wein a) ist – Triumph – ein St-Emilion, und zwar der Pavie-Macquin aus 75% Merlot. Bei Wein b) handelt es sich wiederum um einen Châteauneuf-du-Pape, und zwar die Cuvée Réservée der Domaine du Pegau.

Paar 7

a) Aha, wir sind wieder beim Weißwein angekommen. Wow, ein ganz frischer Riesling. Apfelnase, dann weiterhin extrem frisch, hell, kalkkreidig und mit echter Säure im Mund. Ein sehr interessanter Wein, viel zu jung natürlich, aber gleißend und klar. Die Spritzigkeit wird vergehen, uns was danach kommt, darüber kann man nur spekulieren.

b) Ebenfalls apfelige Nase, dann aber stiller und tiefer als der erste Wein. Riesling natürlich. Die Säure ist ebenso deutlich präsent, und wir tippen alle auf 2010. Im Gegensatz zum ersten Wein wirkt dieser hier aber reifer und gelber, „größer“ mithin im Sinne eines Großen Gewächses. Aber was heißt das überhaupt? Die Diskussionen beginnen nämlich schon vor dem Aufdecken.

Wein a) ist das neue 2010er GG Am Schwarzen Herrgott von Battenfeld-Spanier, der aus der weithin bekannten Lage Mölsheimer Zellerweg stammt. Wein b), das haben einige erkannt, ist das 2010er GG Pettenthal von Kühling-Gillot. Im ersten Moment habe ich mich dabei ertappt zu denken, der Schwarze Herrgott wirkt wie ein edler trockener Kabinett, aber niemals wie ein Großes Gewächs. Aber – wie schon gesagt – was ist ein Großes Gewächs eigentlich? Welche Erwartungshaltung hat der Verbraucher? Welche Ansprüche besitzt der Winzer? Sollte es einen einheitlichen Stil geben, damit eine gemeinsame Bezeichnung gerechtfertigt ist? Oder ist es lediglich ein Qualitätsmerkmal, das je nach Lage, Winzer und Jahrgang völlig unterschiedlich interpretiert werden kann? Was nützt eine Bezeichnung als Marketinginstrument, wenn man ohne Fachkenntnisse nicht weiß, was sich tatsächlich dahinter verbirgt?

Das sind Fragen, die ich hier nicht weiter vertiefen kann. Ich würde einfach vorschlagen, dass Ihr Euch zwei Flaschen von dem Herrgott kauft, eine gleich öffnet, diskutiert und Eure Gedanken aufschreibt, die andere hingegen noch acht Jahre lang in den Keller legt. Bis dahin hat sich die Welt wieder ein ganzes Stück weitergedreht, und es ist sicher sehr erhellend, die Diskussion dann anhand Eurer acht Jahre alten Notizen wieder aufzunehmen. Ich kann nur sagen, dass ich den stilistischen Ansatz spannend finde und dass mir der Wein gefällt. Von einem spannenden Riesling der „gelben“ Interpretationslinie würde ich wahrscheinlich dasselbe sagen, nur von einem plumpsüßen und flachen nicht. Für mich ist das in erster Linie keine Stilfrage, sondern eine Frage der Qualität und der Vielschichtigkeit. Aber da könnt Ihr gern anderer Meinung sein.

Paar 8

a) Wieder weiß, wieder Riesling, aber gereifter, soviel steht fest. Eine krass mineralische Nase haben wir hier, von der Frucht scheint zunächst nicht viel übrig geblieben zu sein. Am Gaumen wirkt der Wein fast noch zu jung, man glaubt es kaum. Aber ultra-aromatisch ist er, weiße Traubennoten und eine Intensität, die in die Nase zieht wie Kampher. Streng aber stark.

b) Nicht von schlechten Eltern. Die Mineralität erscheint in der Nase genauso krass, insgesamt wirkt der Wein aber etwas üppiger. Am Gaumen geht das Ganze seinen konsequenten Weg: reifer, süßer und fruchtiger als der erste Wein, mehr Korianderkörner, aber dieselbe lebhafte Säure und eine seltsamerweise ähnlich wirkende Handschrift. Wie soll ich mich ausdrücklich, „perfektionistisch naturnah“. Zwei richtig gute Rieslinge, meinetwegen auch richtig große Rieslinge. Fast gefällt mir der zweite noch besser, aber das hieße, auf hohem Niveau mit Marginalien zu hantieren.

Wein a) ist der Kallstadter Saumagen Riesling Auslese trocken R von Koehler-Ruprecht. Die Bezeichnung ginge sicherlich auch kürzer, der Wein hingegen kaum länger. Jahrgang 2001, 13,5 vol%. Falls es jemals eines Beweises bedurft hätte, dass große Rieslinge aus guten Jahrgängen prachtvoll reifen können, vielleicht sogar müssen, um ein solches Niveau an Raffinesse und Ausgewogenheit zu erlangen – bitteschön. Das gilt sogar noch mehr für Wein b), denn jener ist die Aulerde 2001 von Wittmann, 13 vol%. Dabei hatte ich die Aulerde bei allen meinen bisherigen Wittmann-Jungweinproben immer als den deutlich kleinsten der Großen in Erinnerung.

Wer mich kennt, weiß sicherlich, dass ich der in gewissen Kreisen derzeit irgendwie en vogue scheinenden Nationaltrinkerei so gar nichts abgewinnen kann. Praktisch nur noch deutsche Weine zu trinken und ausschließlich darüber zu sprechen, aus welchen Gründen auch immer, wäre für mich schlichtweg eine geistige Bankrotterklärung. Diese prachtvollen Weine jedoch nicht zu kaufen, einzulagern und nach einer gebührenden Anzahl von Jahren wieder ans Tageslicht zu holen, das käme mir zum Glück ebenfalls nie im Leben in den Sinn. In meiner Kellerliste stehen unter anderem Wittmanns Morstein 2007 und Brunnenhäuschen 2008. Gute Aussichten.

Paar 10

a) Ein singulärer Weißer mit einer Naturwein-Nase ins Glas: Apfelsäure, Mazerationstannine, Nussnoten. Am Gaumen ist dann die Florhefe zu spüren, die Salzigkeit, die fast beißende Trockenheit ohne Frucht. Ganz klar, dies hier ist ein Sherry oder vielmehr ein Manzanilla. Um ganz genau zu sein, der Manzanilla Papirusa von Emilio Lustau. Salzmandeln sind meine klassische Begleit-Assoziation, bei anderen werden Gelüste nach Stopfleber geweckt. Interessant finde ich die Teilung in zwei Lager bei der Bewertung dieses Weins. Die einen wollen Frucht im Weißwein, und jene besitzt der Manzanilla nun einmal überhaupt nicht. Die anderen finden hingegen, dass man viel zu selten auf die Idee kommt, diesen ultraklassischen Apéritifwein zu sich zu nehmen.

b) Eigentlich handelt es sich hier nicht um ein klassisches Paar, denn wir nehmen die Weine hintereinander zu uns. Bei diesem Wein ist – so scheint es – so einiges oxidiert. Bräunlich fließt er ins Glas, in der Nase geröstete Haselnüsse und Curry, aber nicht so krass oder flüchtig, wie die Farbe es andeutet. Der Wein ist am Gaumen erstaunlich frisch mit präsenter Säure und apfelig-quittiger Frucht, aber im Abgang seltsam kurz. Es handelt sich um den Coulée de Serrant 1986 von Nicolas Joly. Da ich vor einiger Zeit die Jungweine direkt vor Ort probiert habe, wage ich mich zu der Vermutung vor, dass diese verstärkte Oxidation eigentlich nicht von vornherein im Sinne des Winzers ist, anders als gelegentlich vermutet oder gar unterstellt. Das sind (wie gesagt, eine reine Interpretation meinerseits) eher die Konsequenzen einer risikoreichen, sehr naturnahen Vinifikation, kombiniert mit den Konsequenzen eines möglicherweise nicht schonend genug verlaufenen Transports. Gut, 25 Jahre unter Naturkork sind auch nicht von Pappe bei einem entsprechend sensiblen Wein.

Paar 11, der Abschluss

a) Süß und weiß und Riesling. Und jung, das sagt jedenfalls die Nase: blass, von exorbitanter Mineralität und einer grün-süßen Anmutung. Am Gaumen bizzelt der vermeintliche Jungwein noch leicht und bleibt auf seiner weiß-grünen Linie. Was für ein frisches Leckerchen, das wir hier zu später Stunde in einem frühen Entwicklungsstadium geöffnet haben.

b) Dasselbe in weniger Grün, aber genauso jung. Hell, apfelig, gegenüber dem Wein davor aber nicht nur mit einer etwas prononcierteren Säure ausgestattet, sondern auch stärkeren Kräuternoten und einfach einer größeren Komplexität. Dennoch derselbe Stil, dasselbe Weingut vermutlich sogar.

So ist es auch. Beides sind Weine aus dem Jahrgang 2007, und zwar vom Weingut Schloss Lieser an der Mosel. Wein a) ist der Brauneberger Juffer Kabinett mit 8,5 vol%, Wein b) der Lieser Niederberg Helden Auslese Goldkapsel mit 7 vol%. Wer weiß, für welch geringes Geld (vergleichsweise jedenfalls) solche zukünftigen Preziosen zu haben sind, fragt sich unwillkürlich, ob im eigenen Keller bereits genug davon lagert. 9,90 € übrigens für den Kabinett, in der 0,75 l-Flasche, versteht sich.

Dass es ansonsten heute großartige, teure, vielschichtige, abwechslungsreiche und zu Diskussionen anregende Weine zu trinken gab, das habt Ihr sicher schon mitbekommen. Unter der Voraussetzung, dass Ihr bis zum Ende durchgehalten habt, was – ich gebe es zu – alles andere als eine kleine Fingerübung ist. Mea culpa für die vielen Worte, dies ist wieder einmal kein Blogpost, sondern eine Verkostungsnotizenliste für die Freaks unter Euch. Aber davon gibt es ja ein paar, habe ich mir sagen lassen. Meine Gesamt-Favoriten waren übrigens die Aulerde 2001 in Weiß und der Beaucastel 1990 in Rot. Nur für den Fall, dass Ihr unter einem meterlangen Artikel noch ein minikleines Fazit haben wollt…

Worauf ich an dieser Stelle nicht näher eingegangen bin: Natürlich sind wir nicht nur mit prächtigen Flüssigkeiten versorgt worden, sondern auch mit ebenso prächtigen Festig- und Halbfestigkeiten. Brote und Häppchen, eine fantastische Quiche und ein wohlschmeckendes Fleisch, das die Franzosen unsäglicherweise nicht nur so aussprechen, sondern auch so schreiben: „Rosbif“. Die Fleischscheibe aus Pfanne und Grill heißt dort übrigens „Bifteck“. Mit derartigen Gedanken im Kopf und dem Mond über Hohen-Sülzen verabschiede ich mich von der Runde. Ein großes Privileg und ein großes Vergnügen, dabei gewesen zu sein.

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21 Antworten zu Der formidable Hohen-Sülzen-Weinabend

  1. BerlinKitchen schreibt:

    WOW……..Du warst bei Markus Vahlefeld.

  2. mark vogel schreibt:

    hallo matthias,

    das liest sich doch echt schön… interessant, wie man sich manchmal bei den weinen so einig und manchmal so unterschiedlich oder gegensätzlich sein kann 🙂

    war ein superabend und ich finde du hast die weine und die stimmung prima eingefangen…

    take care
    mark

    • chezmatze schreibt:

      Ja, nicht wahr, über Qualität kann man meinetwegen noch streiten (da gibt es ja auch handfestere Elemente), aber beim Geschmack geht je nach Erfahrung ziemlich viel, wie ich finde. Ich habe neulich mal gelesen, dass Wein mit seiner mehrtausendjährigen Kulturgeschichte, den ebenso mehreren tausend Rebsorten und den x Herkünften und Bereitungsmethoden das komplexeste Nahrungs- und Genussmittel überhaupt sei. So sehe ich das auch.

      Und fast habe ich das Gefühl, dass der Abend noch viel zu kurz war, um den Weinen und den Leuten komplett gerecht zu werden. Naja, es gibt Schlimmeres als ein super-kurzweiliger Abend 😉

  3. cedric fischer schreibt:

    endlich mal jemand, der für (zart) gereifte Wittmann-Weine eine Lanze bricht. Deren Reifungspotential war ja schon angelegentlich bezweifelt worden. Ansonsten: Sehr schöne Notizen.

    • chezmatze schreibt:

      An diesem Abend war ich zum Glück – so kam es mir jedenfalls vor – wahrhaftig nicht der einzige. Die Lagerbedingungen dürften aber auch entsprechend gut gewesen sein. Und manchmal, das gilt aber sehr generell für deutsche Rieslinge, habe ich auch das Gefühl, dass man sich zwar intensiv über virtuelle Lagerpotenziale austauscht, die Weine dann aber doch weitaus früher trinkt. Ich bin mir nach solchen Erlebnissen jedenfalls relativ sicher, dass da Großartiges auf mich wartet, wenn ich die Geduld besitze.

  4. Charlie schreibt:

    Krasse Reihenfolge, mit dem Sherry dazwischen. 1966er deutsche Rieslinge (passables Jahr) gibt es übrigens auch bei mir. Das sollte mal klappen!

    • chezmatze schreibt:

      Das sollte wirklich klappen! Meinst Du mit dem 1966er etwa einen trockenen Riesling? So etwas hätte ich in der Tat noch nie probiert. Ich glaube, mein ältester trockener Riesling stammte aus dem Jahrgang 1975.

      • Charlie schreibt:

        nein, nicht trocken sondern ehemals süß

      • chezmatze schreibt:

        Was ist nicht trocken, sondern ehemals süß? Ein 45 Jahre alter Riesling Kabinett.

        Die Fragestellung klingt ein bisschen nach dem Orakel von Delphi. Obwohl die Griechen das sicher alle hätten beantworten können 😉

      • Charlie schreibt:

        die Süße geht mit den Jahren zurück. Echt süße Weine (BA, TBA) bleiben immer süß, aber schon Auslesen, wenn sie nicht sehr süß waren, werden langsam immer trockener. H.h. eine Auslese oder Spätlese von 1966 (das Jahr warnicht so üppig) wirkt jetzt meist fast trocken.

      • chezmatze schreibt:

        Die Erfahrung habe ich mit den Spätlesen aus den 1970er Jahren aus dem Keller meiner Eltern auch gemacht. Die meisten waren – gerade aus einem Jahrgang wie 1976 – noch sehr schön. Allerdings waren auch einige darunter, die hinter der Süße nicht mehr viel zu bieten hatten. Neulich hatte ich wieder ein herrlich ausgezehrtes Exemplar, ein echtes Weinskelett sozusagen 😉

  5. Artur schreibt:

    Sehr schöner Bericht, klasse! Darf ich das auf FB verlinken?

    Gruß
    Artur

  6. Alfredo schreibt:

    Gefällt mir auch sehr, wie so viele Deiner Beiträge. Bitte weiterhin so schön und angenehm schreiben.

  7. Gastgeber schreibt:

    Ach, der Tissot hat Dir also nicht geschmeckt 😉

    Im Ernst: toller Bericht, Danke dafür, mir ist der ganze Abend nochmals wie im Zeitraffer vor mir abgelaufen. Ich gehe mit fast allen Deinen Bewertungen absolut konform, nur war ich überrascht, als Du den Schwarzen Herrgott charakterisiert hast. Ein Kabinettwein? War das Ironie oder habe ich da was nicht verstanden…. zwar lässt der Wein momentan einen eher „neutralen“ Eindruck zurück, aber Extrakt und Tiefe fand ich doch so ausgeprägt, dass ich keinen Zweifel habe, dass der Wein in spätestens 3 Jahren die erste sinnliche Trinkphase erreicht hat. Momentan hat er was von Zen-Buddhismus. Da ist Leere auch die höchste Fülle 😉

    Freue mich auf ein nächstes Mal

    • chezmatze schreibt:

      Tissot schmeckt mir offenbar immer so selbstverständlich, dass ich das Erwähnen ganz vergessen habe 😉

      Was den Herrgott anbelangt (den schwarzen, nicht den lieben), da hast Du das mit dem Zen-Buddhismus wirklich gut getroffen, was ich eigentlich ausdrücken wollte. Interessanterweise wüsste ich gar nicht, wie ich innere Spannung und zen-artige Gelassenheit in einem Wein auf Anhieb unterscheiden könnte. Was ich mit dem „Kabinett“ meinte: Stell Dir vor, ein exzellenter nördlicher Kabinettweintyp, mineralisch, hell, vibrierend, hätte weniger Restzucker, dafür aber mehr Substanz im Rücken. Das heißt, die gleißende Mineralität bliebe bestehen, die Materie ginge aber nicht in Richtung Gelbfruchtigkeit und Sonnenreife. „Kabinett“ ist in diesem Fall für mich also kein Begriff, der irgendetwas mit Oechsle zu tun hat, sondern soll eine gewisse Distanziertheit und beginnende Noblesse suggerieren. Ein Wein also, der sich erst im dritten Drittel zu Wort meldet, dann aber genau das sagt, was man bei der Diskussion vorher vermisst hatte. So in etwa.

      Freue mich auch auf ein nächstes Mal, lass mich dann aber den norwegischen Dornfelder mitbringen 😉

  8. Rainer Kaltenecker schreibt:

    Hallo Matze,
    sehr schöner Bericht. Da läuft einem ja das Wasser im Munde zusammen. Deine Reise durch Gebiete, Kulturen, Weine, Gerstensäfte und was auch immer ist immer ein Klick auf Deinen schönen Blog wert. Mach weiter so!
    Viele Grüße von Rainer

    • chezmatze schreibt:

      Dankeschön für die netten Worte. Wie ich gehört habe, hattet Ihr ja gleichzeitig zu meinem Hohen-Sülzen-Abend einen weiteren Riesling-Kraftakt geplant. Ich nehme an, das bringt Ihr auch noch aufs virtuelle Papier. Darauf bin ich jedenfalls schon sehr gespannt!

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