Zwei Kabinette, die aus der Kälte kommen

Der Frühherbst ist da. Die Sonnenstrahlen sehen schon mittags irgendwie rötlich aus. Mit leicht seufzendem Unterbewusstsein bereiten wir uns deshalb auf die kalte und dunkle Jahreszeit vor, die unweigerlich die nächsten sieben Monate unser Dasein bestimmen wird. Was passt zu diesem Moment besser als ein leichter, fruchtiger Kabinett von der Mosel? Wie? Ein Kastanienbier? Schon ausgetrunken. Ein mürber Spätburgunder? Ja, meinetwegen. Ein Barolo? Ein reifer Veltliner? Ein Rioja? Gut gut, ich sehe es ein. Jetzt geht es also völlig zur Unzeit um zwei Riesling-Kabinette aus dem Jahrgang 2008. Von der Mosel, wenn man dem Etikett folgen muss. Von Ruwer und Saar, wenn man präziser sein darf.

Kandidat Nr. 1 stammt von der Anbaugrenze für Riesling, dem Saartal. Und wenn Großmeister Egon Müller schon den Jahrgang 2008 als „typischen Kabinett-Jahrgang“ deklariert, dann kann es eigentlich nur klassisch-schlank einhergehen. Es handelt sich hier um den 2008er Riesling Serriger Schloss Saarsteiner Kabinett vom gleichnamigen Schloss Saarstein. Die Lage gilt als gut, vor allem weil sie größtenteils nach Südsüdost ausgerichtet ist und eine nicht unbeträchtliche Hangneigung von bis zu 60% aufweist. Das bedeutet, dass die – wenngleich seltenen – Sonnenstrahlen auf diese Weise wenigstens ihr Ziel „Rieslingreben“ erreichen. Das Weingut selbst, das diese Lage als Monopol besitzt, gilt auch ein wenig als letzter Außenposten des VDP, bevor dann die Reben langsam aber sicher dem Wald weichen.

Bei diesem Kabinett kann ich mit Analysewerten aufwarten: 51,3 g Restzucker, 9,4 g Säure (jeweils auf den Liter bezogen) und 7,5 vol% Alkohol. Farblich haben wir hier die blassest mögliche Weißwein-Variante im Glas. Wäre der Hintergrund nicht blütenweiß, könnte man den Wein auch für ein Mineralwasser halten. Die Nase bestätigt diesen Eindruck: extrem hell, reine Zitrone, ein wenig grüner Apfel und eine Ahnung von Süße. Im Mund ist der Saarsteiner in der Tat voll auf der Agrumenseite: saure Limette, die durch die feine Süße gepuffert wird, dazu schwarze und weiße Johannisbeere, sehr knackig, sehr fordernd, sehr erfrischend und sehr wenig elegant. Ich spreche das böse Wort von der Rieslingschorle nicht aus – aber ich schreibe es hin. Auch nicht viel besser. Damit wir uns nicht missverstehen: Ich mag diesen Wein, ich mag auch diese Art. Aber Jahrgang und geographische Lage haben hier einen Weintypus zutage gefördert, den ich im kräftig Mangogelb gewordenen Riesling-Deutschland gar nicht mehr erwartet hätte.

Der zweite Kandidat kann ebenfalls auf eine Monopollage verweisen, auf eine noch edlere sogar. Es handelt sich um den 2008er Maximin Grünhauser Abtsberg Kabinett der von Schubert’schen Schlosskellerei aus Mertesdorf an der Ruwer. Der Abtsberg ist insgesamt 14 ha groß, nach Süden ausgerichtet, vielleicht sogar noch steiler als der Serriger Schloss Saarstein und besteht wie jener aus skeletthaltigem blauem Devonschieferverwitterungsboden im Untergrund. Ob es sich bei D. um das längste korrekt ausgeschriebene Wort im Duden handelt, weiß ich nicht. Was ich jedoch aus der Literatur weiß, ist die dort vorherrschende Einschätzung, dass das bedeutende Ruwergut immer mehr zu alter Größe zurückfindet und sowohl die traditionelle Spontanvergärung als auch den Ausbau im großen Holzfass mittlerweile exzellent im Griff hat.

Echte Analysewerte für diesen Wein habe ich nicht, nur dass er mit 8 vol% ein winziges Stück stärker ist als sein Pendant von der Saar. Farblich sehe ich hier mehr Gelb im Glas, aber als kräftig würde ich dieses Weißgelb dennoch nicht bezeichnen. In der Nase fallen sofort rauchige Noten auf, dazu wiederum viel Zitrus, ein reiferer Apfel als beim Vorgänger und die Anmutung einer höheren Mineralität. Am Gaumen moussiert der Abtsberg noch genauso leicht wie der Saarsteiner, was für mich persönlich den animierenden Charakter schön zur Geltung bringt. Von der Frucht her sind weiße Johannisbeeren zu schmecken, aber insgesamt ist der Wein nicht nur auf die Frucht fixiert, sondern finessenreich, ausgewogen im Süße-Säure-Spiel, kräuterig und gar ein wenig cremig. Es fällt mir nicht schwer, bereits nach dem ersten Schluck festzustellen, dass der Abtsberg mehr Substanz in sich trägt und einfach reifer wirkt.

Mein Fazit sieht entsprechend aus: Der Saarwein hat mir geschmeckt. Er war sehr erfrischend, aber irgendwie auch bleich in seiner Zitronigkeit. 5 Punkte für Eleganz, 5 Punkte für Charakter, macht 14 MP insgesamt. Der Ruwerwein hingegen besitzt nicht nur ein größeres Alterungspotenzial, er zeigt auch jetzt schon mehr Kraft und Fülle. Relativ gesehen natürlich, denn dies sind klassische Kabinettweine. 7 Punkte für Eleganz, 6 für Charakter, macht 16 MP insgesamt.

Das Wort „lecker“ ist bei Weinbeschreibungen ja so ungefähr das Unqualifizierteste, was man von sich geben kann. Also: Diese Weine sind frisch, fruchtig, animierend (= lecker) und können hervorragend auf der Terrasse genossen werden, wenn es mal wieder so richtig heiß draußen ist. Im nächsten Jahr.

Zum Schluss noch zwei Worte zum Preis. Für den Serriger Schloss Saarsteiner habe ich 9,25 € bezahlt, für den Maximin Grünhäuser Abtsberg 11,25 €. Ich habe beide Weine beim Kölner Wein-Depot gekauft, aber für diese nicht unbekannten Güter gibt es sicher auch Verkaufsstellen in Eurer Nähe. Dass ich nach dem reuelosen Genuss wieder mal gedacht habe, „warum kaufe ich solche fruchtigen Kabinette eigentlich nicht häufiger?“, ist eine Feststellung, die ich sicher mit einigen von Euch teile.

Oder etwa nicht? Trinkt Ihr oft fruchtsüße Kabinettweine?

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10 Antworten zu Zwei Kabinette, die aus der Kälte kommen

  1. utecht schreibt:

    Nein. Kabinett bisher nur knochentrocken. Meist vom Mittelrhein. Allerdings hast Du mich nun animiert, leckeres Neuland zu verkosten.

  2. Eline schreibt:

    Mit den Weinen von Egon Müller werde ich mich nicht anfreunden können, obwohl ich Moselweine sehr gerne mag. Die ganz teuren, süssen kenn ich allerdings nicht. Selbst der nicht gerade günstige 2007 Riesling Scharzhof schmeckt für mich wie „Almdudler“, nur mit viel mehr Säure.

    • chezmatze schreibt:

      Ui, Almdudler, das ist gewagt. Aber fruchtsüße Kabinette sind nun mal leicht limo-artig, ob die Weine nun von Egon Müller stammen oder von einem anderen Winzer. Als Begleitung zu einem Rumpsteak würde ich einen solchen Wein vielleicht auch nicht grad trinken – aber halt bei allen Gelegenheiten, zu denen ein Almdudler auch passen würde 😉

  3. jens schreibt:

    Hallo Matze!

    Beide Weingüter kenne und schätze ich. Wer einmal auf Schloss Saarstein auf der Terrasse gesessen hat und nach unten ins Tal geschaut hat, der muss den Weinen einfach verfallen. Das ging mir im übrigen auch mit Sc

  4. jens schreibt:

    Oha! Da ist was schief gelaufen.

    Ich mach mal da weiter wo ich aufgehört habe…

    ..hloss Johannisberg im Rheingau so. Der Blick vom Berg auf den Rhein mit einem Glas Riesling in der Hand ist einfach grandios.

    Restsüße Weine setzte ich gerne zu asiatischem Essen (Thaifood scharf) und zur Foie Gras ein. Ansosnten trinke ich sie eher weniger. Ich trinke dann lieber trocken.

    Zum generellen, „farblosen“ Erscheinungsbild und dem eher zarten Stil dieser Weine muss ich sagen, dass ich besonders das schätze, ohne jedoch die „gelben“ und barocken Erzeugnisse anderer Winzer zu vernachlässigen. Aber ich finde beide Weingüter pflegen einen „alten“ oder besser gesagt früheren Stil, den es in unserer globalisierten (Wein)Welt zu erhalten gilt.

    Beste Grüße Jens

    • chezmatze schreibt:

      Genau das finde ich auch. Ein blasser und ziemlich kalt getrunkener Kabinett schließt einen barocken Botrytis-Wachauer ja nicht aus. Nur halt direkt hintereinander vertragen sie sich nicht so.

  5. Charlie schreibt:

    Wenn du mal wieder in Berlin bist, machen wir eine Kabinettprobe. Ich denke, du hast den Stil sehr gut, ohne Prospektsprüche beschrieben. Übrigens haben sowohl Schloss Saarsteiner als auch Grünhaus mit den 2010 gutes bis großartiges geleistet.
    „den ich im kräftig Mangogelb gewordenen Riesling-Deutschland gar nicht mehr erwartet hätte“
    Ha, das ist der Punkt!

    • chezmatze schreibt:

      Sehr gern! Ich denke ohnehin, dass 2010 (wenn überhaupt) ein Kabinett- und Spätlese- und kein Trocken-Jahr war, aber das ist natürlich immer so ein Allgemeinplatz, dass ich es fast nicht schreiben sollte.

      Was das „Mangogelbe“ anbelangt: Ich bin froh, dass es verschiedene Riesling-Interpretationen in Deutschland gibt. Das ist für mich erstmal der wichtigste Punkt. Um bei der Mosel (respektive der Saar) zu bleiben: Heymann-Löwenstein oder Van Volxem finde ich durchaus bereichernd. Ich möchte das also nicht als fundamentale Stilkritik verstanden wissen. Nur ist es halt so, wie Jens auch schon gesagt hatte: Dieser feinste, hellste und zarteste aller Weinstile ist offenbar in unseren nördlichen Weinbauregionen in aller Harmonie zu realisieren. Das ist etwas, um das die Weinwelt uns beneidet. Dass Neid mit der Farbe Gelb gleichgesetzt wird, ist allerdings Zufall. Wahrscheinlich jedenfalls.

      • Charlie schreibt:

        Natürlich, ich mag diese eher fetten Rieslinge, will nur nicht dass der Kabinett verschwindet. Grundsätzlich nicht und praktisch nicht.
        2010 war eher ein schwieriges Kabinettjahr, denn die Mostgewichte waren sehr hoch. Es war eher ein Jahr für Spät- und Auslesen, denn die Botrytis war sauber und „trocken“. Vergiss nicht, die zu melden, wenn du in B bist.

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