Die Glaciers von Vaison-la-Romaine

Warum gibt es im nordprovençalischen Vaison-la-Romaine derartig viele Glaciers? Ich war jetzt dreimal in der Stadt, und jedesmal habe ich wieder einen oder zwei neue entdeckt. Eventuell sind italienische Wanderarbeiter aus den armen Alpentälern für diese Konzentration seit dem frühen 20. Jahrhundert verantwortlich. Möglicherweise haben aber auch die beachtlichen Touristenzahlen den einen oder anderen Pâtissier auf die Idee gebracht, es im Sommerhalbjahr mal mit einem anderen Produkt zu versuchen. Fakt ist jedenfalls, dass Vaison eine knappe Handvoll artisanaler Glaciers aufweisen kann, und zwei davon gehören meiner bescheidenen Meinung nach zu den Meistern ihres Fachs.

Über Gilles Peyrerol weiß ich gar nicht viel. Auf seiner Website schwelgt er in bunten Bildern (nebst den notwendigen Informationen zu Ort und Öffnungszeiten), über seinen eigenen Parcours erfährt man aber wenig. Vor zwölf Jahren hat er die Pâtisserie im Herzen von Vaison eröffnet, und inspirieren lässt er sich von Pierre Hermé. Das ist alles, aber es sagt natürlich schon einiges. Denn das Geschäft ist ausnehmend schick. Die Kreationen sind sogar derartig innovativ, dass es fast zu viel erscheint für einen Provinzbäcker. Aber seit kurzer Zeit hat Gilles Peyrerol auch einen echten Kooperations-Coup gelandet, der ihn bis in die Galeries Lafayette am Boulevard Haussmann tragen könnte. Aber davon werde ich später noch schreiben, denn ich habe eigentlich die andere Seite der Kooperation zuerst besucht.

Jetzt nämlich zu seinen Eiskreationen. Ich stehe in dieser Hinsicht ja ehrlich gesagt nicht so auf Schnickschnack und wähle lieber zwei anständige Kugeln für die Tüte. Diese zwei Kugeln kosten nicht weniger als 3,50 €, aber sie sind auch derartig groß, mehr würde man ohnehin nicht essen wollen. Die Auswahl besteht aus etwa 20 Sorten, die genauso appetitlich bezeichnet sind wie sie aussehen. Ich würde Euch dabei zu den fruchtigen Kreationen raten. Die Sorte „Mango aus Réunion“ ist ein Wunder an Mangozität: ungemein fruchtig, dicht, saftig, niemals zu süß und mit diesem leichten Bitterton ausgestattet, der an die Tristesse der tropfenden Blätter in den Tropen gemahnt. „Feige“ hingegen möchte ich vor allem den wahren Fans dieser mythischen Kulturpflanze empfehlen. Ich habe noch nie – und auch nicht annähernd – ein solches Feigeneis gegessen: dick, üppig, orientalisch, die pure, fast überreife Frucht, eingebunden in eine sahnig-nussige Umgebung. Du grand art.

Der zweite Glacier gibt sich ein bisschen bescheidener. Das Maison Lesage befindet sich nur wenige Schritte entfernt auf dem Weg zur alten Römerbrücke. Hier wird die Mittagspause knallhart eingehalten, und neben exquisiten Eissorten gibt es auch noch Baguette und Croissant im Laden zu kaufen. Man merkt gleich, dass die Glacier-Kunst hier aus einer anderen Richtung erreicht wurde. Vor dem Laden stehen eine Truhe mit Eisbottichen und ein gläserner Eisschrank mit Steckerleis, also Eis am Stiel. Ich wähle die Sorte „Pêche-Melba“ und fühle mich beim Entgegennehmen ans Hantelstemmen erinnert, so schwer ist das Eis. Handgemachter kann so etwas kaum sein. Eine dicke Glasur aus weißer Schokolade mit leichtem Pfirsichanklang umhüllt das eigentliche Produkt. Jenes besteht aus Vanilleeis (natürlich mit echter Vanille), aus Pfirsich-Sorbet und aus Himbeer-Coulis. Leider gibt es von diesem köstlichen Eis immer nur wenige Exemplare, weil sie jeden Tag neu per Hand angefertigt werden. Bei meinem zweiten Vaison-Besuch hatten die Marktbesucher bereits den ganzen Inhalt des Eisschranks vertilgt.

A propos Markt. Jener findet dienstags statt und scheint sich weiterhin zunehmender Beliebtheit zu erfreuen, genau wie der gesamte Ort. Hier gibt es nicht die Einsamkeit und Leere verschlafener Dörfer, sondern durchaus Menschen in der Innenstadt. Vielleicht liegt es daran, dass Vaison nicht nur provençalischen Charme zu bieten hat, sondern mit den römischen Hinterlassenschaften auch echte kulturelle Highlights.

Das dürfte letztlich auch der Grund dafür sein, weshalb es Weinbars wie „Le bonheur suit son cours„, die Meister-Käserin Josiane Déal und eben die hervorragenden Glaciers überhaupt gibt. Denn derart hervorragende Produzenten benötigen immer eine Klientel, die das auch zu schätzen weiß. Sonst wandern sie nämlich nach Paris ab oder gehen bereits vorher pleite.

Ein einheimisches Stammpublikum, das sich eher mit Alltagsdingen eindeckt, ist da als Kundschaft nicht ausreichend. Badehosen-Touristen, denen man jeden Ramsch andrehen kann, erst recht nicht. Eine Mischung aus bewusst handelnden Einheimischen, Zugezogenen mit Kleingeld und Touristen mit Horizont bilden die Basis, auf der derartige Produzenten gut überleben und kreativ weiterwerkeln können. Diese besondere Stimmung, intellektuell und leicht bobo-haft, kann man übrigens bereits vor den Toren der Stadt spüren. Hier sind nämlich an jeder Einfallstraße Schilder angebracht, die Vaison als gentechnikfreie Kommune ankündigen.

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Eine Antwort zu Die Glaciers von Vaison-la-Romaine

  1. Bolliskitchen schreibt:

    weil Franzosen Tonnen von Eis essen! 3,50€ ist eher billig für frz. Eisverhältnisse…. Und die Haut Vaucluse sind touristischer und mehr besucht als zB der Luberon, so unbekannt ist Vaison jetzt auch nicht…..Samstags gibt’s von Nov-März auch noch einen Trüffelmarché, aber die richtigen Verkäufe spielen sich in der Bar ab…..

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