Kastanienbiere aus Frankreich

Es ist eine – unter deutschen Biertrinkern allerdings weit verbreitete – Mär, dass das Reinheitsgebot mit seiner Beschränkung auf Hopfen und Malz ein Instrument sei, mit dem man die „wahren“ von den „manipulierten“ Bieren sauber trennen könne. In manchen Regionen, in denen man nicht auf goldene Gerstenfelder blickt, gibt es seit Jahrhunderten nämlich ganz andere Traditionen, welche lokalen Zutaten für Biere geeignet sind. Was dabei herauskommt, muss keineswegs weniger „naturrein“ sein. Und geschmacklich sind teilweise echte Entdeckungen zu machen.

Die Idee, zerkleinerte Esskastanien (= Maroni) in den Sud zu werfen, ist vermutlich schon uralt. Als „Brot der Armen“ wurde Kastanienmehl in südlichen Bergregionen zum Backen und für den täglichen Brei verwendet, warum also nicht auch zum Brauen? Die ersten, die diese aus der Not heraus geborene Verwendungsart professionell aufgriffen, waren die Korsen Armelle und Dominique Sialelli mit ihrem im Jahr 1996 auf den Markt gebrachten Pietra. Mittlerweile werden jährlich 50.000 hl gebraut, und das Bier soll, nun ja, „sauber“ bereitet, einiges von seinem Kastaniencharakter eingebüßt haben. Wenn Ihr selbst einen Test wagen wollt, das Pietra gibt es in Frankreich in vielen Supermärkten, in der Schweiz ebenso, in Deutschland unter anderem bei Ambrosetti in Berlin oder online beim Bierzwerg.

Da ich aber gerade selbst in Frankreich bin, habe ich die Gelegenheit genutzt, mir vor Ort zwei charaktervolle Kastanienbiere zu besorgen – eins von einer kleinen Brauerei und eins von einer unglaublich kleinen Brauerei. Beide Brauereien befinden sich im Département „Ardèche“ in der Nähe der Stadt Aubenas. Hier hat der Anbau von Kastanien nicht nur eine große Tradition; es gelang sogar, mit Produkten wie Maronencreme oder „marrons glacés“ sich auf dem nationalen Markt einen Namen zu machen. Der Export von Kastanienbier ist hingegen eine neue Idee, die interessanterweise von zwei Quereinsteigern aufgegriffen wurde.

Christian Bourganel war schon länger im Bereich der Getränkedistribution beschäftigt, und Bier liebte er auch, aber erst im Jahr 1997 beschloss er, in Zusammenarbeit mit einem Bierforschungsinstitut sein eigenes Bier zu brauen. Danach dauerte es noch drei Jahre, bis die Brasserie Bourganel in Vals-les-Bains tatsächlich installiert wurde. Am 1. Juni 2000 wurde die Neugründung mit einem selbst gebrauten Hellen gefeiert. Seit dem Jahr 2008 gibt es nun endlich das Kastanienbier, und die Brauerei ist mittlerweile groß genug, um Besichtigungen anzubieten.

Das „Bourganel Marrons“ besitzt 5 vol% und ist – wie alle Biere der Brauerei – untergärig. Bei handwerklich gebrauten Bieren in Frankreich ist das die absolute Ausnahme, da die meisten Brauer ihre Inspiration aus dem obergärig geprägten Belgien beziehen. Farblich steht hier ein klares Kastanienrotbraun im Glas, was wiederum weniger überrascht. Auf Gerstenmalz als Zutat wurde nicht verzichtet, jenes aber mit 2,5% zerkleinerten Kastanien ergänzt. Christian Bourganel war darüber hinaus offenbar der Meinung, dass ein wenig Vanille den rustikalen Kastaniengeschmack angenehm abrundet. So ganz falsch liegt er da sicher nicht, denn am Gaumen präsentiert sich sein Bier mildmalzig wie ein fränkisches „Halbdunkel“ im Stil eines Krug. Die Kastaniennote kommt deutlich zum Ausdruck, und fast ärgere ich mich, nicht auch noch das Heidelbeerbier genommen zu haben, eine weitere Spezialität des Hauses.

Bei unserem zweiten Brauer, André Robardet aus der Nähe von Beaumont, sieht das alles ein wenig anders aus. Er ist ein echter „Alternativer“, stammt aus dem Norden Frankreichs und braut nicht nur Bier auf seinem abgelegenen Hof, sondern betreibt auch ein wenig Landwirtschaft und züchtet Bienen. Seine Biere der Marke „La Joyeuse“ sind alle bio-zertifiziert (AB), und er baut sogar seinen eigenen Hopfen vor dem Hof an. Mehr als 130 hl Bier pro Jahr kommen dabei selten heraus, so dass man seine (übrigens mit einem Kuli handnummerierten) Flaschen auch nur auf den Märkten der Umgebung kaufen kann. Dennoch ist mittlerweile das renommierte „Bière Magazine“ auf die Brauerei aufmerksam geworden. Statt die Mikrobrauerei nur zu besichtigen, könnt Ihr auf dem Hof von ihm und seiner Frau Véronique am besten gleich Urlaub machen. Schaut mal hier nach, sieht sehr nett aus.

Das Bier „La Joyeuse Châtaigne“ besitzt 7,5 vol%, ist also deutlich stärker als das „Bourganel“, obergärig und unfiltriert. Ich wusste das alles beim Kauf nicht und bin erst beim Testen darauf gekommen, dass die Verwendung von Kastanien fast die einzige Gemeinsamkeit zwischen den beiden Bieren darstellt. Das „Joyeuse“ ist deutlich hellfarbiger und ein wenig stärker karboniert, aber keinesfalls übertrieben. Die Alkoholstärke wird auch durch die Verwendung des hofeigenen Honigs als Zutat erreicht. Bis auf eine ganz zum Schluss auftauchende feine Süße werden aber weder der Honig noch die Hochprozentigkeit spürbar. Im Gegenteil, das Bier bleibt erstaunlich frisch mit seiner typisch obergärigen Zitronigkeit und den angenehmen Kastaniennoten. Für Freunde des kräftigen Hefeweizens eine sehr schöne Alternative.

Mein Fazit: Diese beiden handwerklich hergestellten Biere machen für mich zwei Dinge deutlich: 1. Mit Kastanien als Zutat kann man sehr gute Biere brauen. 2. Spezialbiere müssen nicht unbedingt freakig oder gewöhnungsbedürftig schmecken, um eine große Bandbreite an Aromen bereit zu halten. Diese Biere tragen irgendwie den Charakter eines herbstlichen Waldrandes in sich, und das gefällt mir.

Ich weiß, dass Ihr vermutlich Schwierigkeiten haben dürftet, an eines dieser ebenso gelungenen wie seltenen Biere zu kommen. Ich weiß aber auch, dass die Brauerei Locher in der Schweiz ein Kastanienbier herstellt, an das Ihr vielleicht leichter gelangt. Ob in anderen Kastaniengegenden wie der Steiermark oder der Pfalz auch derartige Biere gebraut werden, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis. Falls ja, schreibt mir Eure Erfahrungen mit Kastanienbieren doch bitte in die Kommentare. Falls nein, vielleicht könnt Ihr ja einen Brauer Eures Vertrauens mal zu einem kleinen Experiment überreden…

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11 Antworten zu Kastanienbiere aus Frankreich

  1. Ti saluto Ticino schreibt:

    Ich werde ab nächster Woche wieder im Tessin sein, DIE Kastanien-Gegend überhaupt ! 😉 Und werde dann mal Ausschau halten nach einem Kastanienbier.

    • chezmatze schreibt:

      Da wünsche ich Dir viel Erfolg! Aber es wird schon funktionieren, denn ich denke, dass sich im Bierbereich mehr tut, als man so erfährt. In der Lombardei gibt es mittlerweile etliche interessante Brauer. Vielleicht bekommt man deren Biere ja auch auf der anderen Seite der Grenze…

  2. Stephan schreibt:

    Hi Matze,
    das Kastanienbier von Bourganel habe ich vor drei Jahren in der Ardèche auch ein paar Mal getrunken – sehr gut. Auch das Myrtilles Bier habe ich probiert. Das schmeckt ebenfalls sehr gut und auch nicht künstlich. Auf André Robardet bin ich leider nicht gestoßen. Vals Les Bains hat übrigens – wie ich finde – einen ganz besonders angenehmen, verblassten Bädercharme mit Casino, usw. Ich hab mich da echt gerne aufgehalten, auch das Mineralwasser ist naturgemäß sehr gut. Es gibt ein spitzenmäßiges Restaurant in Vals etwas abseits vom Stadtzentrum, nämlich Chez Mireille (3 rue Jean-Jaurès – 07600 Vals les Bains). Mireille kocht kreative südfranzösische Hausmannskost – ihre Gazpacho mit Thymianeis ist mir bis heute im Kopf geblieben. Wenn du mal etwas wirklich perverses probieren willst, fahr in die Auberge de la Tour de Brison in Sanilhac, genieße die schöne Aussicht ins Tal und bestelle auf jeden Fall den Käsewagen. Die Spezialität ist hier der Fromage Fort, mit Knoblauch, Essig und Zwiebeln versetzte Käsereste. Ich fand den Geruch und Geschmack dieses Käses so unglaublich widerlich, dass er fast schon wieder faszinierend war. Dass ich ein Einzelfall bin, zeigt, dass alle Franzosen genau diesen Käse in größeren Mengen bestellen.
    Viel Spaß noch.

    • chezmatze schreibt:

      Ich glaube, dass viele Leute in Deutschland bei „Heidelbeerbier“ und ähnlichen Sachen meist künstliche, gesüßte und mit Farbstoffen versetzte Brühe im Kopf haben. Dass es so was gibt, keine Frage. Es gibt ja auch Bols Likör (oder gibt es den nicht mehr?). In der Regel hilft schon der Blick aufs Etikett weiter, womit man es hier zu tun hat. Bei Ratebeer kommen die Bourganel-Biere übrigens nicht so gut weg; die Gemeinde beklagt sich über zu wenig Aroma. Ich finde es gerade deshalb gut. Ein Bier muss nicht 10 vol% haben, fünffach gemälzt und mit Hopfenmassen vollgepumpt sein. Trinkbiere sind selten Degustationsbiere und umgekehrt. Aber das nur nebenbei.

      Fromage Fort habe ich auch schon mal gegessen – aber aus Versehen! Ich hatte „den kleinen Topf da bitte noch in der Ecke“ gekauft, weil ich dachte, dass es irgendeine Art Frischkäse ist. Der Geruch nach dem Öffnen ließ mich erst vermuten, dass der Käse in einen ewig währenden Gärprozess eingetreten ist. Beim ersten Bestreichen hatte ich noch eine zu dicke Schicht auf dem gerösteten Baguette – hatte Noten nach Enzianschnaps. Dann hatte ich es begriffen. Aber es ist und bleibt ein sehr gewöhnungsbedürftiges Produkt…

  3. Toni Hutter schreibt:

    Wir sind alle paar Jahre mal auf Kosika und das Pietra ist wirklich ein sehr gehaltvolles Kastanienbier. Obwohl die Familienbrauerei Locher in Appenzell (Schweiz) sehr innovativ ist, vermisse ich beim Kastanienbier den eigentlichen Kastaniengeschmack d.h. er ist nur sehr schwach warzunehmen. Wohl eine Anpassung an den Publikumsgeschmack. Ganz zu Beginn war das Aroma intensiver.
    Herzlichen Dank für den fundierten Artikel zum Thema Bier.
    Mit hopfigen Grüssen
    Toni

    • chezmatze schreibt:

      Interessant. Laut eigenen Angaben sind die Lochers nach dem Genuss von Pietra erst auf die Idee gekommen, ein eigenes Kastanienbier zu brauen. Sie vermissten aber das deutliche Kastanienaroma im Pietra und wollten es bei ihrem Bier kräftiger mit einbringen. Dass es jetzt genau umgekehrt zu sein scheint, ist erstaunlich. Vielleicht kaufe ich mir das Pietra jetzt doch noch, meine Notizen sind da schon zwei bis drei Jahre alt…

  4. Keita schreibt:

    Hi Matze,
    von Bourganel habe ich letzens das Nougat-Bier vor Ort in der Ardeche probiert und war hier von begeistert. Kräftiger Duft von Nüssen in der Nase, aber keine Süße im Mund.
    Von der Kastaniengenossenschaft in Collobrieres ist mir auf dem Markt in St Tropez noch ein Bier Namens „La Marrouge“ über den Weg gelaufen, mit Marronen aus dem Massif des Maures, aber gebraut von Bourganel, hier auch mit Zusatz von Vanille. Habe diese aber nicht probiert, weil mir beim Bourganel der Kastaniengeschmack auch schon zu gering war, das Auto schon zu beladen und gekühlt zum sofortigen Genuß war es auch nicht…

    • Matze schreibt:

      Interessant, das scheint erst dieses Jahr rausgekommen zu sein, selbst auf ratebeer ist es noch nicht erwähnt. Dir wird es wie mir gehen – die Gelegenheit, das zu probieren, kommt erst nächstes Jahr wieder…

  5. Lukas schreibt:

    Wir waren auch gerade auf Korsika und haben dort das Pietra probiert. Der Kastaniengeschmack findet sich relativ leicht in einer feinen nussigen Note wieder. So richtig intensiv nach Esskastanie schmeckt das Bier aber nicht. Gut gekühlt ist es aber definitiv eine leckere Sache.

    Hier mal ein Link zu unserem Blogartikel dazu:
    http://www.alkoblog.de/pietra-kastanienbier-korsika-test/

    Viele Grüße
    Lukas

    • Matze schreibt:

      Sehe ich ähnlich. Pietra gebührt halt das Verdienst, als erstes ein solches Bier kommerziell auf den Markt gebracht zu haben. Pionierarbeit sozusagen.

  6. Reiner Trometer schreibt:

    Hallo Matze,
    habe neulich in der Pfalz ein Kastanienbier getrunken. Gebraut wird es von “Kuchems Brauhaus” in Pirmasens/Pfalz und als “Wasgau-Bräu – Kastanie” in der 0,5l-Flasche verkauft. Es ist – wie ich finde – ein insgesamt gutes bis sehr gutes bock-ähnliches Bier mit 6,8 % vol., für dessen Herstellung auch Esskastanienmehl verwendet wird. Allerdings ist das Kastanienaroma bei diesem Bier nur sehr schwach. Im direkten Vergleich mit Pietra ist bei dem korsischen Bier der typische Kastaniengeschmack deutlich stärker.
    Viele Grüße, Reiner

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