Der besondere Rosé: Bellet Collet de Bovis 2008

Jean Spizzo ist Professor, Spezialist für Theaterwissenschaft und italienische Literatur. Darüber hinaus betreibt er ein sehr kleines Weingut auf den Höhen über der Stadt Nizza, die „Domaine du Fogolar„. Von seiner eigentlichen Profession zeugen die Etiketten. Die AOC, aus der seine Weine stammen, heißt „Bellet“. Die Weine von hier sind immer gesucht und immer teuer. Gesucht deshalb, weil diese Ecke Frankreichs weintechnisch gesehen eine Insellage darstellt und weil die Weine aus Rebsorten gekeltert werden, die es auf der Welt nur hier gibt. Teuer deshalb, weil sie entsprechend selten sind, da nur eine Handvoll Winzer der Bodenspekulation im Hinterland der Côte d’Azur widerstanden hat.

Ich habe zunächst ein wenig gezuckt, als ich den Preis gehört hatte: 18 € für ein Fläschchen Rosé, das in keinem Weinführer erwähnt wird. Aber, soviel sei bereits verraten, es hat sich mehr als gelohnt. Die Rot- und Roséweine von Jean Spizzo stammen aus den Rebsorten Braquet und Folle Noire. Dass es jene nur hier gibt, trägt natürlich auch zur Legendenbildung bei. Der Boden besteht aus so genannten „Poudingues“, und der Name erinnert nicht von ungefähr an Pudding. Er bezeichnet nämlich ein Konglomerat aus „galets roulés“ (das ist eine Art Flusskies, wie man ihn auch in Châteauneuf-du-Pape findet), die in einer Masse sandigen Materials „festgebacken“ wurden. Diese spezifische Konstellation aus nährstoffarmem und quasi kleistrigem Boden sorgt für niedrige Erträge und eine entsprechende aromatische Konzentration in den Weinen.

Der Rosé steht abendrotfarben im Glas. Nichts anderes fällt mir dazu ein, da gerade die Sonne hinter dem Horizont verschwunden ist. In der Nase spürt man eine ungeheuer starke Kräuternote. Salbei, Liebstöckel, auch Ingwer, aber praktisch keine Frucht. Am Gaumen ist der Wein zunächst viskos und mutet dadurch fast schwer an, ist es aber ansonsten überhaupt nicht. Stattdessen kommt eine leichte Firnanmutung wie bei einem gereiften Riesling. Was dann folgt, habe ich bei einem Rosé noch nie erlebt. Die Mineralität ist so krass, blind könnte man fast an eine trockene Auslese von der Mosel denken. Auch wenn man erst denkt, dass die Säure fehlt, kommt sie im zweiten Drittel dezent aber prägnant am Gaumen an. Von den Aromen her wiederholen sich die Kräuter, ein winziges bisschen Erdbeere rettet die Fruchtnoten, aber dann folgen wieder Garrigue, grüner Tabak und ein langer, würziger Abgang.

Liebe Weinfreunde, ich bin begeistert. Wer sich für individuelle Charaktere interessiert, die dennoch nicht ungoûtierbar daherkommen, sollte diesen Rosé unbedingt probieren. Ich gebe 6 Punkte für Eleganz, 8 für Charakter und gehe insgesamt auf 17 MP.

Zugegeben, ein Rosé aus Bellet ist rar und nicht günstig. Solltet Ihr nicht genau diesen Rosé kaufen können, es gibt auch noch das Château de Bellet, den Clos Saint-Vincent, das Château de Crémat und ein paar winzige lokale Erzeuger. Schade dass Bloggerkollege und Roséexperte Marqueee gerade unerreichbar weit entfernt in Gruissan weilt. Diesen Wein hätte ich gern mit ihm geteilt. Als Speisenbegleitung gab es dazu übrigens ein Gericht von den Antillen: Achard de Légumes mit Huhn und Gambas.

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6 Antworten zu Der besondere Rosé: Bellet Collet de Bovis 2008

  1. Steffen schreibt:

    Interessant; und ergänzt ganz gut die Rosé-Diskussion. Die „anspruchsvolleren“ Rosés dieser Gegend sind den Weißen durchaus ähnlich. Und wenn sie so interessant sind wie dieser, dann hat das durchaus seine Betechtigung, egal ob weiß oder rosé…
    Schöne Grüße aus dem herbstlichen Deutschland
    Steffen

    • chezmatze schreibt:

      Ich fand die anspruchsvolleren Provence-Rosés (sprich: Bandols) bislang meist ein wenig flach und schwer. Ich weiß auch nicht, ob es an den Rebsorten, am Terroir oder am Jahrgang liegt, dass mir das diesmal nicht so ging. Hier ist ja noch Sommer, da kann ich glücklicherweise passend zum Wetter weiter in Sachen Rosé forschen 😉

  2. Marqueee schreibt:

    Ach ja, der wäre jetzt vermutlich auch hier auf der Terrasse in Gruissan-Chalets etwas. Da wäre ich wirklich gern beim Verkosten dabei gewesen – beim Verzehren übrigens auch. Mein Highlight war bisher ein sehr, sehr primärfruchtiger Clairet (gehört zwar eigentlich nicht hier ans Mittelmeer, aber ich konnte einfach nicht dran vorbeigehen). Aber der Corbiéres-Rose der örtlichen Cave erweist sich auch als durchaus trinkbar.

    • chezmatze schreibt:

      Ah, Du sitzt immer noch dort! Irgendwie meint es das Wetter dieses Jahr derartig gut mit uns, ich wüsste spontan gar keinen Grund, weshalb ich wieder zurückfahren sollte…

      Heute Abend gibt es einen Tavel von den jungen Négociants Dauvergne & Ranvier. Soll sehr vielversprechend sein, hab ich mir sagen lassen. Dazu braten wir „Encornets Rouges“ aus dem Mittelmeer. Da gibt es zwar keine Sorte, die so heißt, und irgendwie sehen die Dinger auch viel kleiner aus, aber was soll’s. Ein Fischer ist ja kein Zoologe.

      • Marqueee schreibt:

        Noch satte 2 Wochen – auch wenn wir heute wegen der Nachrichten aus Avignon ein wenig nervös waren (Du hast doch schon gehört?).

        Bei uns gab’s gestern Dorade Marble – so frisch, dass sie in der Tüte des Händlers einfach nur nach Meer rochen. Großartig.

        Übrigens: sehr schöner Supermarkt-Bericht. Ich hätte einzig die Anmerkung, dass mir die Qualität in den letzten Jahren ganz, ganz langsam (slightly, wie der Brite sagen würde) nachzulassen scheint. Wenn man die Anbebotsbreite an Paté (um nur mal ein Beispiel zu bemühen) eines Leclerc vor – sagnwirmal – 15 Jahren kennt, kann einen das Angebot jetzt schon leicht betrüben. Aber im Gegensatz zu Deutschland immer noch ein Traum…

      • chezmatze schreibt:

        Ja, wir sind ja nur 25 Kilometer Luftlinie von Marcoule entfernt. Wir klicken derzeit durch alle Newsagenturen und Zeitungen, schauen wir mal. Sehr unerfreulich jedenfalls.

        Was die Angebotspalette anbelangt, da magst Du Recht haben. Ich war ehrlich gesagt vor 15 Jahren noch im reinen Stadium des Staunens.

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