Auf dem Freitagsmarkt von Carpentras

Als ich gestern mein Hemd anziehen wollte, um stadtfein zum Markt zu gehen, machte es auf einmal „plumps!“, und eine fette, sehr unangenehm aussehende Spinne ließ sich zu Boden fallen. Das ist einer der Gründe, weshalb ich zum Beispiel nicht so gern im Amazonasurwald zelten würde. Trotz dieses kleinen Zwischenfalls ging es dann doch ohne Verspätung nach Carpentras, denn der dortige Freitagsmarkt ist einer der größten der Region. Vor unzähligen Jahren war ich das letzte Mal dort, verändert hat sich auf den ersten Blick wenig. Die Stadt ist weiterhin schläfrig bis leicht dubios, und der Markt vereint Provence-Klimbim und hervorragende Produzenten.

Der Markt findet sowohl auf der Avenue Jean Jaurès im Südosten der Stadt als auch in der zentralen Nord-Süd-Achse der Rue de la République und den angrenzenden Gässchen statt. Fahrt aber auf keinen Fall in die Innenstadt rein, sondern parkt lieber auf dem großen Parkplatz der Roseraie im Nordwesten, knapp außerhalb der alten Stadtmauer.

Früher erschien mir der Markt etwas strikter geordnet, die Gemüsehändler und -produzenten auf der Avenue, Wurst und Käse in der Rue de la République und die Klamottenhändler um den Platz vor der Kathedrale herum. Mittlerweile scheint es alles überall zu geben, was einen Rundgang ehrlich gesagt noch interessanter macht.

An kulinarischen Genüssen gibt es eine ganze Reihe von Ständen mit verschiedensten Hartwürsten und anderen Charcuterie-Waren aus eigener Produktion. Bekannter als Carpentras ist dafür allerdings das Département Ardèche, und entsprechend viele Wurstwaren kommen aus jener Gegend. Mit Knoblauch und Olivenöl gibt es die wirklich unvermeidlichen Zutaten für die provençalische Küche in einer überwältigenden Auswahl. Für den Käsefreund ist ebenfalls an allen Ecken und Enden gesorgt: Kuh-, Ziegen- oder Schafskäse, hart, mittelhart und weich, jung oder alt, von winzig bis riesig.

Herausheben möchte ich hier das „L’Atelier Fromager des Calans“ von Yannick Borel und François Moggia aus Maussanne-les-Alpilles. Der Stand in der Rue de la République ist eigentlich nicht zu verfehlen. Yannick bietet preisgekrönten Ziegenkäse aus der Milch der 50 Ziegen von François an, und wer sich für die Hintergründe interessiert, kann hier nicht nur eine interessante Geschichte lesen (auf Englisch), sondern auch schöne Fotos betrachten. Von den Ziegen natürlich.

Solltet Ihr übrigens fantastischen Käse und Feinkost aller Art nebst Wein auf einen Schlag haben wollen, geht einfach zu Claudine Vigiers „Fromagerie du Comtat“. Der Laden ist auf der Rückseite des Rathauses, 23 place de la Mairie.

Das beste Brot gibt es nicht auf dem Markt, aber unmittelbar angrenzend bei den Brüdern Olivero, die eine kleine Zweigstelle ihrer Backstube aus Avignon in ein Geschäft am Place Charles de Gaulle gezwängt haben. Berühmt sind sie nicht nur für ihre mit natürlichen Hefen bereiteten Brote, sondern auch für die Fougasse, die provençalische Version der Focaccia.

Nur wenige Schritte weiter, in der Rue de l’Evêché, befindet sich die Pâtisserie Jouvaud. Ihre Spezialität sind verschiedenste Kuchenvariationen, mit denen sie es in alle einschlägigen Gourmet-Guides geschafft haben. Auch die kandierten Früchte sind ausgezeichnet, darunter die Aprikosen aus Barroux und die selten zubereiteten Erdbeeren von Carpentras. Zur Mittagszeit war es mir aber eher nach einer salzigen als nach einer süßen Speise, weshalb ich zwei Stücke der „Tarte Salée“ genommen habe. Wenn alles Gemüsige so wäre wie dies hier, ich könnte glatt Vegetarier werden. Rein hypothetisch.

Sehr interessant (besonders für Eline) fand ich auch einen Stand mit verschiedenen Chilisorten. Ich habe einfach mal den Tisch fotografiert. Um den Stand herum hingen übrigens Piments d’Espelette und trockneten in der Sonne.

Wie fast überall hier im Süden, nehmen sie es in Carpentras mit der Siesta sehr genau. Nach zwölf Uhr braucht man auf dem Markt nicht mehr zu erscheinen, und auch die angrenzenden Läden schließen um halb eins.

Carpentras selbst müsst Ihr übrigens mal aus der Vogelperspektive betrachten. Am besten bei Google Earth, da ich leider meine Diplomarbeit nicht zu Hand habe, aus der ich Euch ungestraft die Fotos hier reinkopieren könnte. Kaum woanders kann man nämlich derart anschaulich die verschiedenen Epochen der Stadtentwicklung ablesen wie in Carpentras. Von der Römerzeit über das Mittelalter, den Eisenbahnbau und die „modernen“ französischen Errungenschaften der 1960er Jahre bis heute. Schaut mal selbst nach, ist faszinierend – oder glaubt mir einfach, wenn Stadtentwicklung nicht gerade Euer Steckenpferd ist.

Ich fand es jedenfalls sehr nett, wieder mal in der Stadt gewesen zu sein, in der ich immerhin zwei Monate lang gelebt habe. Zum Abschluss ging es noch in den Leclerc, der mittlerweile mit einem Parkhaus ausgestattet ist, ein großer Vorteil in der Sonnenhitze. Die Leclercs werden ja alle unabhängig geführt, und der Marktleiter kann selbst entscheiden, wie sein Angebot aussieht. Der Carpentras’sche Marktleiter ist jedenfalls kein Kostverächter: riesige Fischauswahl und südliche Spitzenweine von der Domaine Ott oder dem Château Simone. Das bringt mich darauf, dass ich mir vorgenommen hatte, einen Überblicksartikel über französische Supermärkte zu schreiben. Naja, für heute Nachmittag und morgen sind Regen und Gewitter angekündigt. Keine gute Zeit für Ausflüge, vielleicht eine bessere Zeit zum Schreiben…

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Food, Unterwegs abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Auf dem Freitagsmarkt von Carpentras

  1. Christoph schreibt:

    Hach, Neid! 🙂

  2. Bolliskitchen schreibt:

    wir fahren irgendwie selten auf den marché in carpentras, höchstens zur Trüffelzeit…..

    Geh unbedingt auch mal nach Coustellet ( Luberon) am So, der marché de producteurs ist echt klasse und regional. Aber auch Velleron abends ist nicht schlecht, wenn auch Velleron très laid ist,ein Landsmann von uns tut sich dort in Alain Ducasse…non comment!
    Und, in Vaison la Romaine den Käse kaufen, bei Josiane Deal, meilleure ouvrière de France, für die chèvres….

    • chezmatze schreibt:

      An Velleron sind wir gestern nur vorbeigefahren …zum „Coq Noir“ in der Nähe von Velorgues. Die haben seit zehn Jahren jedes Jahr den „Coq d’Or“ bekommen und stellen Präparationen für die Antillenküche her.

      Bei Josiane Déal war ich auch schon, aber das sollte nicht das letzte Mal gewesen sein! Die chèvres sind wirklich großartig.

    • jens schreibt:

      Coustellet ist Sonntags wirklich gut. Du kannst dann beim örtlichen Metzger, der auch ein Bistro betreibt (Name ist mir entfallen, aber bis vor kurzem war er der einzigste) Mittags was essen oder nach Gordes fahren und die Aussicht genießen – wenn nicht zuviele Touris da sind. Velleron ist auch ne top Adresse. Die besten Tomaten die ich je in meinem Leben gegessen habe, die habe ich dort gekauft.

      Viel Spaß noch im gelobten Land.

  3. Hanjo Ulbrecht schreibt:

    Wir sind im vorigen Jahr aus vielerlei Gründen, u.a. weil wir dadurch unseren kulinarischen Horizont deutlich erweitern können, vom Schiff aufs Wohnmobil umgestiegen. Bei der Planung unserer nächsten Reise, die uns im Frühjahr in die Provence führen wird, bin ich auf Deinen Bericht gestoßen. Wir würden am liebsten sofort losfahren. Gaumen und Nase können es kaum noch erwarten. Gibt es noch andere Berichte mit nützlichen Tipps aus der Gegend?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s