Glanz und Elend eines Pilzsammlers – das zweite Kapitel

Am Ende des ersten Kapitels war ich voller Hoffnung in Richtung Solling gestartet, denn Pilze sollen in diesem Jahr ja überall zu finden sein. Auch hier im schönen Weserbergland, das ich mit voller Berechtigung so bezeichnen darf, weil ich nach meinem Studium für ein halbes Jahr beim regionalen Tourismusverband gearbeitet habe. Früher waren die Orte im Solling beliebte Sommerfrischen, in die man sich wegen der guten Luft und der vielfältigen Wandermöglichkeiten in der Hitzeperiode gern zurückgezogen hat. Heute nutzen hauptsächlich Rentner die Pensionen – und das sind bekanntermaßen gefährliche Pilzkonkurrenten. Vor allem deshalb, weil es ihnen nicht fremd ist, Essbares aus dem Wald zu holen und weil ihre Sozialisation auch das Erkennen der Pilzsorten beinhaltete. Zum Glück ist dieselbe Sozialisation dafür verantwortlich, dass sie meist zu eitel sind, bei der Pilzsuche eine Brille aufzusetzen. Ich war also weiterhin optimistisch.

Kaum habe ich das Auto abgestellt, finde ich keine zehn Meter weiter einen prachtvollen Röhrling. Ich nehme ihn sofort mit. Ansonsten gibt es aber fast nichts. Einen gigantischen Pfifferling noch. Ich hatte bereits gelesen, dass diese im Oberbayerischen und Österreichischen auch als „Eierschwammerl“ bezeichnete Spezies dieses Jahr ganz besonders groß gewachsen sei. Meine Mutter meinte allerdings, es seien dieses Jahr auch schon ein paar „Pilzsucher“ nach dem Genuss selbst gefundener Pfifferlinge ins Krankenhaus eingeliefert worden. Ob es an einer bösartigen Genmutation der Pfiffer lag oder an dem in Wirklichkeit wilden Mischpilzgericht, vermag ich allerdings nicht zu beurteilen.

Jedenfalls wird man von einem Pfifferling nicht satt. Was musste ich aber beim Putzen des einzig schönen Sollingpilzes sehen? Es handelt sich in Wirklichkeit um einen Gallenröhrling. Nach dem Satanspilz, den man mit seinem hellgrauen Hut, dem giftig gelblich-roten Stiel und den roten Lamellen ziemlich gut erkennt, ist dies eigentlich der einzige Röhrling, der bäh ist. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: nicht giftig, aber in der Lage, eine ganze Pilzpfanne zu verbittern. Schaut Euch das Bild also noch einmal gut an. Zu schade aber auch, ausgerechnet so ein wohlgeformter Pilz.

Am nächsten Tag schwinge ich mich aufs Rad in Richtung Osterholz, eine pilzige Sandsteinlandschaft nordwestlich des Harzes. Hier war ich schon mit meinem Großvater, und wir haben immer reiche Ernte nach Hause gebracht. Nun, zunächst muss ich feststellen, dass meine kleine Abkürzung durch den Wald abrupt an einem Holzrückeplatz endet. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als das Rad und mich selbst durch Dornengestrüpp, Brennesselfelder, total versumpfte Löcher und zeckenverseuchtes Unterholz zu kämpfen. Natürlich habe ich ausgerechnet heute eine kurze Hose an wegen der schwülen Hitze. Ein Elend. Immerhin versöhnt mich die Natur am Waldrand wieder: Ich sehe Kaisermäntel und Distelfalter, und ein wilder Zwetschgenbaum trägt so reichlich, dass ich mich drei Wochen lang sattessen könnte.

Von Pilzen keine Spur. Dafür riecht man die blöden Dinger drei Meilen gegen den Wind. Das Geflecht steckt ganz zweifellos im Boden, scheint aber keine Lust zu haben, seinen Fruchtkörper an die frische Luft zu bringen. Einen gigantischen Röhrling sehe ich noch, aber er ist bereits von einem anderen Pilz befallen, dem Schimmel. Neben zwei bis drei Maronen und Butterpilzen finde ich vor allem eins: Hexeneier. Ich hatte Euch die Hexeneier ja schon einmal errätseln lassen, und jetzt denke ich mir, dass ich sie nicht nur als Gag, sondern auch als Nahrung mitnehmen muss.

Was macht man also mit einem Hexenei? Schaut Euch hier im Minifilm an, wie ich ein Hexenei aufschneide:

Das Hexenei ist ein frühes Entwicklungsstadium der Stinkmorchel, bevor die Morchel sozusagen aus ihrem Ei schlüpft. Außen hat das Hexenei eine weißlich-rissige Schale. Darunter befindet sich eine Gallertschicht, die den eigentlichen Kern schützt. Jener besteht aus dem weißen Teil, das ist der zukünftige Stiel, und dem grünbraunen Teil, das sind die zukünftigen Sporen. Ein Hexenei ist nicht nur lustig anzufassen, weil es unter der festen Haut so seltsam glibbert, es ist auch schwer wie ein Golfball. Ich halte es daher für keine gute Idee, auf eine Lage empfindlicher Pilze im Korb einen Haufen Hexeneier zu pfeffern.

Viele Pilzsammler sind für Hexeneier allein wegen ihrer Konsistenz oder im Angesicht ihrer unangenehmen Zukunft nicht zu begeistern. Ich finde sie aber zumindest interessant, und sie schmecken auch einfach anders als andere Pilze. Zunächst muss man allerdings die Glibberschicht entfernen, die zwar an den Fingern klebt, sich aber erstaunlich leicht vom Innern des Eis lösen lässt. Dann kommt es darauf an, ob man auf die Sporen auch noch verzichten möchte. Aber das wäre ehrlich gesagt ein riesenhafter Abfall für nichts. Ich nehme also den grünbraunen und den weißen Teil und schneide beides in dünne Scheiben.

Man kann Hexeneier entweder in solchen Scheiben anbraten oder sogar wie ein Gemüse kochen. Das ist gar nicht so abwegig, wie es sich anhört, denn Hexeneier besitzen einen eher gemüsigen als pilzigen Geschmack. Die werte Küchenschabe meinte ja, Hexeneier würden wie Kartoffeln schmecken. Ich finde, sie schmecken nach mildem Radi. Aber interessant auf jedem Fall – und giftig sind sie natürlich auch nicht, das nur mal nebenbei. Am Abend gibt es also eine Mischpilzpfanne der ungewöhnlichen Art. Dennoch wird mir wohl niemand widersprechen, wenn ich diesen Fund eher als „Elend“ bezeichne. Als nächstes geht es in den Harz, den legendären. Wie wäre es da mit ein wenig Glanz für meinen Blog? Hört ihr, Pilze, Glanz!

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8 Antworten zu Glanz und Elend eines Pilzsammlers – das zweite Kapitel

  1. Kuechenschabe schreibt:

    Lieber Matze,
    wir müssen uns in Geduld üben. Der von vielen heiß ersehnte Sommer, jetzt schon den fünften Tag mit Temperaturen über 30 Grad und extremer Trockenheit, ist Gift für unsere Lieblinge in den Wäldern. Sogar der Mitkoch, der mich sonst immer durch die Wälder schleifen möchte, verweigert. Dabei reicht sonst ein leichter Nebel über einem Wäldchen zu seiner Behauptung: „Schau, Schwammerlnebel, jetzt wachsen sie“. Sie wachsen gar nicht. Es ist ihnen zu heiß. Mir übrigens auch. Ich kann mich kaum aufraffen zu kochen, dabei hat man ja eine Verantwortung, wenn man einen Kochblog betreibt ;-)) – ich muss kochen, sonst kann ich nix Neues bloggen.
    Wir warten auf den September, du wirst sehen, das wird ein Schwammerljahr!

    • chezmatze schreibt:

      Ich muss zugeben, dass ich in erster Linie wieder mal eine feine Radtour machen wollte, aber das Wekzeug hatte ich natürlich dabei 😉

      Übrigens ist es hier in der Mitte Deutschlands immer noch fatal nass und gar nicht so heiß. Einen Tag über 30 Grad hat’s noch nicht gegeben, wenngleich nah dran. Aber das, was man so aus anderen Regionen sieht, findet hier nicht statt. Dafür wächst es im Garten wie wild. Die Wespen sind auch in ungeheuerlicher Anzahl unterwegs, wir haben schon (schwarzes) Moskitonetz an die Fensterrahmen spannen müssen. Vielleicht ein lokales Phänomen, aber die greifen einen sogar schon an, wenn man nur in Richtung Kompost unterwegs ist…

  2. Eline schreibt:

    Matze, du schreckst vor gar nix zurück. hexeneier essen! pass auf, dass dir kein pferdefuss und hörner wachsen 😉 wie schon beim pilzrätsel erwähnt, mir sind stinkmorcheln unheimlich. dabei bin ich ein rationaler mensch, frei von jedem aberglauben. aber stinkmorcheln, wenn sie so von hunderten fliegen bedeckt, so leichenmässig vor sich hin stinken, vor denen ekelt mich dummer weise.
    noch unheimlicher ist mir der tintenfischpilz. da bin ich mal gehüpft vor schreck, als ich diesen emigranten auf einer filmooser alm entdeckte. ich dachte, er ist ein tier. der hätte auch hexeneier für dich und er stinkt ebenfalls erbärmlich.
    es wird sicher noch ein schönes schwammerljahr, da schliesse ich mich der küchenschabe an.

    • chezmatze schreibt:

      Was meinst Du, weshalb ich so lange schon keinen Film gedreht habe, in dem ich selbst zu sehen bin 😉

      Den Tintenfischpilz kenne ich nur vom Titel meines Pilzbuchs, und da muss ich wirklich zugeben, dass er ganz übel nach Mord und Totschlag aussieht. Schauen wir mal, wie sich das Wetter weiter entwickelt. Durch die starken Niederschläge stecken die Pilzgeflechte wie gesagt schon gut im Boden. Ich bin da ja immer etwas zwiegespalten, denn ein gutes Pilzjahr ist meist ein schlechtes Weinjahr. Und wenn die Winzer eins nicht gebrauchen können, dann ist das ein feuchter September…

  3. eline schreibt:

    im zweifel eindeutig wein vor pilze!

    • chezmatze schreibt:

      Davon hat man auch noch länger etwas – obwohl ich sagen muss, dass ich auch schon erfolgreiche „Einkochversuche“ mit Pilzen gemacht habe. Ganz im Gegensatz zu den Einfrierversuchen, die endeten nämlich in einem aromaarmen Schlamassel…

  4. chezmatze schreibt:

    Habe aus Versehen per voreiligem Knopfdruck meinen eigenen Artikel geliked. Macht man nicht. Wollte ich aber auch nicht. Wer weiß, wie ich’s wieder rückgängig machen kann?

  5. Pingback: Glanz und Elend eines Pilzsammlers – das dritte Kapitel | Chez Matze

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