Wer ist Woinic?

In der Überschrift könnt Ihr eine Frage lesen, die Ihr Euch bestimmt noch nie gestellt habt. Dabei hat Woinic eine eigene Website, über 4.600 Freunde bei Facebook, ein ihm zu Ehren gebrautes Bier und sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Ganz schön viel und ziemlich modern für ein, äh, Wildschwein. Ich hatte Woinic zum ersten Mal auf den Bieretiketten entdeckt, bevor er mir auf der Autobahnfahrt von Reims nach Charleville-Mézières dann auch noch persönlich über den Weg gelaufen ist. Meine Erfahrungen mit Schweinen sind ja ziemlich zwiespältig. Einmal mussten wir bei einem Kindergeburtstag alle ein Spalier bilden, durch das dann die Schweine über den Hof in einen anderen Stallteil getrieben worden sind. Ein anderes Mal hatte ich mich mit einem Rennschwein angelegt. Die Geschichte hatte ich hier ja schon mal erzählt, aber das habt Ihr bestimmt genauso verdrängt wie ich. Jetzt also Woinic.

Woinic ist sozusagen das Wappentier der französischen Ardennen, deren Wälder es bewohnt. Es ist aber auch das Werk eines künstlerischen Nerds oder nerdischen Künstlers, ganz wie man will. Als „Person“ ist Woinic nämlich das größte Wildschwein der Welt. Es ist zehn Meter hoch, vierzehn Meter lang und fünf Meter breit, wiegt exakt 56,5 Tonnen und wohnt mittlerweile auf einem Autobahnparkplatz in einem Landstrich, den man getrost als abgelegen bezeichnen kann.

Der ehemalige Metallarbeiter Eric Sléziak hat zehn Jahre seines kostbaren Lebens gegeben, um Woinic zu erschaffen. Mit einem Schweißgerät hat er Stück für Stück kleine Metallplatten miteinander verbunden, bis am 11. Dezember 1993 endlich das Schwein in seiner vollen und prächtigen Größe vor ihm stand. Weitere 15 Jahre verbrachte Woinic noch in der Obhut seines Schöpfers im Dorf Bogny-sur-Meuse. Während dieser Zeit wuchsen der Respekt der Ardennaiser vor dem Werk und die Liebe zu ihrem Schwein immer weiter. Schließlich beschlossen sie, es einer größeren Zahl von Menschen zugänglich zu machen, denn nach Bogny verirrt sich nun einmal so gut wie kein Tourist.

Am 08.08.08 wurde Woinic mit einer Geschwindigkeit von 8 km/h auf den Hügel des Autobahnparkplatzes gebracht, der heute ganz offiziell „Aire des Ardennes – Woinic“ heißt. 300.000 Besucher kommen jährlich hier vorbei, die meisten wahrscheinlich genauso zufällig wie ich. Einen fast ebenso großen Auftrieb gab es übrigens beim Transport von Woinic, der auf ein paar Fotos an der Gedenktafel eindrucksvoll dokumentiert wird. Wieso aber diese ganzen Achten? Ganz einfach, „Ardennes“ ist das französische Département mit der Ordnungsnummer 08, und die Acht wird Euch hier überall begegnen. Übrigens ist es kein Geheimnis, dass die Spieler und Fans des Fußballclubs CS Sedan (derzeit Siebter der 2. Liga in Frankreich) und eigentlich alle Menschen aus den Ardennen „Les Sangliers“ genannt werden, die Wildschweine.

Nachdem ich dieses großartige Schwein nun leibhaftig vor mir gesehen hatte, musste ich natürlich auch sein Bier kaufen. Das „Woinic“ ist ein Starkbier im Stil der belgischen Abteibiere, ein Triple, ein dreifach fermentiertes Bier. Gebraut wird es von Ardwen in Launois-sur-Vence, nur wenige Kilometer von Woinics heutigen Wohnort entfernt. Ich hatte die Biere von Ardwen schon ein paarmal in kleineren Läden in der Gegend gesehen, aber irgendwie hatte ich nicht zugegriffen, weil mir peinlicherweise die Aufmachung zu billig aussah. Ich befürchtete ein Lohnbräu oder eine Philosophie wie bei Oettinger, aber ich muss wirklich Buße tun, denn ich habe mich vollkommen getäuscht.

Woinic als Bier hat (natürlich) 8,08 vol%, wurde aber nicht mit Zuckermassen auf diese Stärke gebracht, sondern besteht aus Wasser, zwei Sorten Gerstenmalz, frischem Hopfen, Hefe und letztlich auch ordentlich Gluten (aus dem Getreide), was die Brauer als Konsumentenwarnung offenbar noch extra erwähnen mussten. Es besitzt eine attraktive, goldorange Farbe und einen grobporigen Schaum, der nicht wirklich lange auf dem Getränk verbleibt. In der Nase ist die typisch obergärige Note festzustellen, frische Aprikose, viele Dörrfrüchte. Im Mund bin ich verblüfft, wie mild das Bier ist, ein wirklich ausgereift wirkendes Triple ohne brandige Alkoholnoten oder unangemessene Süße. Stattdessen habe ich eher das Gefühl, den Saft und die Säure von Aprikosen weiterhin zu spüren. Der Hopfen kommt zum Schluss, aber auch eher ist ziemlich laid back.

Ein schönes, fruchtig-elegantes Bier ohne jede wüste Aggressivität. Hätte ich dem Wildschwein gar nicht zugetraut. Als Begleitung empfehle ich den herzhaften harten und halbweichen Käse, der hier traditionell zu Bieren gereicht wird.

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6 Antworten zu Wer ist Woinic?

  1. jens schreibt:

    Hi Matze!

    Ich freu mich eigentlich immer wenn ich Woinic sehe – weiß ich doch dann, dass es nicht mehr weit ist bis zu meinem Ziel….der Champagne. Aber ansonsten find ich das Schwein eher hässlich. Acht geben sollte man allerdings in den Ardennen, den französischen, wie auch den belgischen, denn Woinic und seine Kollegen sind dort reichlich unterwegs und die benutzen keine Ampel, wenn die mal die Straße queren wollen…..

    Grüße Jens

    • chezmatze schreibt:

      Was ich erstaunlich finde (und es spricht ja sehr für die schweinische Intelligenz): In all den Jahren habe ich im Wald kaum je Wildschweine zu Gesicht bekommen, aber ihre Spuren sind gerade in den letzten Jahren überall enorm zu sehen. Ich weiß nicht, ob das in den Ardennen auch so ist, aber bei uns heißt es, dass der zunehmende Maisanbau die Versorgungslage der Wildschweine enorm verbessert hat…

  2. jens schreibt:

    Mag schon sein. Eigentlich fressen die aber alles. Im letzten Winter und auch im vorletzten hatten aber gerade Wildschweine wohl eher Probleme was zu fressen zu finden, was dann dazu geführt hat, dass sie in Wohngebieten rumrandaliert haben und dabei ging einiges zu Bruch auf der Suche nach Futter. So ein hunriges, gestresstes Wildschwein ist im warsten Sinne des Wortes „saugefährlich“….;-)

  3. Gerrit schreibt:

    Französische bières artisanales hab‘ ich noch so gar nicht auf dem Schirm… Gibt’s hierfür eine Bezugsquelle, oder ist das ein Direktimport?

    • chezmatze schreibt:

      Ein Direktimport privater Natur 😉 Bezugsquellen für französische bières artisanales habe ich leider nicht gefunden. Mich würde es auch interessieren, ob wenigstens ein einziges dieser Biere den Weg ins Ausland findet. Im Moment sitze ich ja hier in Frankreich an der sprichwörtlichen Quelle, und ich muss wirklich sagen, dass sich sehr viel tut. Gestern habe ich beispielsweise zwei Kastanienbiere aus dem Ardèchegebiet probiert, über die ich demnächst noch schreibe. Ansonsten gibt es wohl keine Region, in der nicht irgendeine interessante Kleinbrauerei aufgemacht hätte. Bretagne und Nord sind klar, da hat das Tradition, Elsass und Lothringen auch (wobei es gerade im Elsass komischerweise ziemlich dünn aussieht). Was ich beispielsweise gar nicht wusste: Im Burgund um Dijon herum gibt es (die Klöster natürlich) eine jahrhundertealte Brautradition und immer noch eigene Hopfensorten. Ich werde mal ein paar Biere sammeln und mit ins Labor schleppen 😉

  4. Pingback: Terres et Vins de Champagne 2012: die schönere Champagnermesse | Chez Matze

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