Casot des Mailloles „Soulà V“ oder „Wie extrem kann Wein sein?“

Von Ghislaine und Alain gibt es eine schöne und romantische Geschichte. Als Ghislaine, die Frau aus Paris, vor vielen Jahren eine Landpartie machen wollte, blieb sie mit einer Autopanne im Roussillon liegen. Sie klopfte an die Tür des nächst gelegenen Hauses, um sich Hilfe zu holen. Es war das Haus von Alain. Er öffnete, sie trat ein – und blieb bis heute. Zu märchenhaft, um wahr zu sein? Nun, das Leben hält offenbar immer wieder glückliche Momente bereit, die man nur rechtzeitig erkennen muss, um sie auch zu nutzen. Konsequenterweise sind auch die Weine der beiden von einer romantischen Idee geprägt.

„Ich möchte die Weine gern lebendig haben“, sagt Alain. „Vielleicht sind wir Nostalgiker… oder aber Revolutionäre für einen zukünftigen Weg.“ Gearbeitet wird auf dem winzigen Weingut nur mit Hand- und Pferdekraft, die Reben sind uralt, die Weinbergterrassen steil und die Erträge gering. Im Weinberg wird nach biologischen Richtlinien gearbeitet, im Keller dagegen fast nichts gemacht. An den Weinen, die dabei entstehen, scheiden sich die Geister. Aus diesem Grund durfte ich die Flasche des roten Tafelweins „Soulà V“ auch nur nach eingehender Befragung durch den Weinhändler in Reims mitnehmen. Ob ich denn „so etwas“ schon einmal getrunken hätte. Ja, hatte ich, zum Beispiel vom Nachbarn Bruno Duchêne, und auch an der (nun gemeinsamen) Tür von Ghislaine und Alain in Banyuls war ich schon vorbeigeschlichen. Lest dazu unbedingt diesen hervorragenden Artikel über sie mit dem Titel „Eine Terrasse mit nur einem Weinstock“.

Ich muss zugeben, dass ich nicht im Detail weiß, was die beiden mit ihren Weinen im Keller machen, wie die Trauben verarbeitet werden, wie die Weine gelagert werden, wie der Transport von Banyuls zu den Weinhändlern dieser Welt vonstatten geht. Ich weiß nur, dass der Wein unfiltriert und komplett ungeschwefelt ist, aus einer „Spitzenparzelle“ (so der Weinhändler) im Hinterland von Banyuls stammt, vor allem aus alter Grenache besteht, Jahrgang 2005, 14,5 vol%, 29,90 €. Ein stolzer Preis, aber Gauby oder auch Clos des Fées, Matassa, Gardiés und andere in der Gegend haben solche Preise. Da ich allerdings wusste, dass ich es hier mit einem, nun ja, eher ungewöhnlichen Wein zu tun habe, habe ich ihn in drei Stufen verkostet: einmal frisch geöffnet, dann nach einer mehrstündigen Dekantierphase und schließlich noch einmal am nächsten Tag.

Die erste Stufe: Der Kork macht mich gleichzeitig froh und skeptisch. Froh deshalb, weil er so aussieht, als sei er nicht mit einem Gleitmittel behandelt worden, was ansonsten auf die allermeisten Korken zutrifft. Skeptisch, weil die rote Suppe aus der Flasche schon ein wenig an den Seiten und in die Ritzen des Korkens eingedrungen zu sein scheint. Schlecht gelagert? Im Heißen transportiert? Die Lagerbedingungen im Weingeschäft waren jedenfalls ausgezeichnet, ein Gewölbekeller im zweiten Untergeschoss. Die Nase nimmt in diesem Stadium fast ausschließlich flüchtige Säure wahr, von einem Essigstich möchte ich aber noch nicht sprechen. An der Zungenspitze wirkt der Wein süß vom Alkohol und von der vollreifen Materie. Dann folgt ein Bizzeln von der beim Öffnen freigesetzten Kohlensäure, und am Ende belegen noch Massen von Tanninen den Gaumen. Mein erster Eindruck: wahnsinnig unharmonisch. Viel Stoff, viel Tannin, Kohlensäure, dazu flüchtige Säure, solo jedenfalls ein Graus. Interessanterweise habe ich das Gefühl, dass sich vor allem das Tannin beim Essen eindeutig abmildert – oder stumpft mein Gaumen gerade ab? Ich weiß, dass man einen solchen Wein nicht frisch aus der Flasche trinken sollte, aber ich war halt neugierig, wie er sich derart „falsch behandelt“ zeigt. Nicht so gut jedenfalls.

Die zweite Stufe: Die flüchtige Säure ist fast weg in der Nase, dafür hat sie einer bräunlicheren Anmutung Platz gemacht, die ich im derzeitigen Stadium als „oxidativ“ bezeichnen würde. Also auf dem Weg von Rot zu Braun, aber noch nicht im Bereich des Oxidierten angekommen. Am Gaumen, oh Wunder, ist die Kohlensäure weg. Endlich kann man auch schmecken, welch reife Materie zwischen Süßkirsche und Zwetschge in der Flasche steckt. Eine Ahnung von Spitzenwein. Hier in der Mitte zeigt sich der Wein von seiner besten Seite. Die Frucht ist wirklich schön, aber trotz des südlichen Herzens nie zu körperreich und schwer, sondern einfach nur gut gepolstert und lebendig. Die Tannine sind allerdings überraschenderweise noch genauso munter und trocknen den Gaumen letztlich ziemlich aus. Ich fühle mich an einige norditalienische Rotweine erinnert, die auch solo eher unerfreulich wirken, zu kräftigem Essen (rotem Fleisch, am besten Wild) hingegen aufblühen. Im Abgang kommt das Patinierte schon stärker zum Tragen, der Oxidationsvorgang ist vom Gaumenzäpfchen am leichtesten zu spüren. In diesem Stadium ist der Wein für mich gerade auf seinem (momentanen) Höhepunkt angekommen, steigt aber schon ziemlich schnell wieder herab.

Dritte Stufe: Die Nase zeigt noch stärkere oxidative Momente. Auch wenn die Frucht immer noch brilliert, hinten zerrt es schon ziemlich arg, und die Essigbakterien fangen an, sich Lätzchen umzubinden.

So, das war also ein „Vin Naturel“ der Spitzenklasse für 30 €. Anders als bei dem Wein von Yannick Pelletier, der nur die Hälfte gekostet hatte und wesentlich leichter verständlich war, bin ich hier bei einem echten, unmissverständlichen Freakwein angelangt. Viele Fragen hat dieser Wein bei mir ausgelöst und nur einige davon beantwortet.

Die erste Frage lautet für mich: Ist der Wein so gewollt? Also in dieser Kombination aus offenbar gesundem Traubenmaterial, heftigen Tanninen, irritierender flüchtiger Säure, dem „goût du naturel“? Falls ja, dieser Wein schmeckt eindeutig nicht so, wie man das von vergleichbar hochwertigen Weinen kennt. Dass ich diese Noten teilweise als störend empfinde, liegt das an meiner konventionellen Konditionierung? Besitzen die Winzer mittlerweile einen anderen Geschmackshorizont? Immerhin macht Alain solche Weine ja seit mehr als 15 Jahren, die Wahrnehmungen und ihre Interpretation haben sich seitdem sicherlich verändert. Oder ist die Idee von dem Produkt hier wichtiger als das Produkt selbst? Ist es also eher ein Ausdruck von Idealismus als der Wunsch, einen besonders „gut schmeckenden“ Wein zu bereiten. Oder – auch das ist möglich – sind die Winzer einfach nur naiv und machen sich gar nicht allzu viele Gedanken, kennen vor allem keine anderen Weine? Sind sie also, wie Alain das ausdrückt, „nur“ Nostalgiker oder die bewusste Speerspitze einer Bewegung? Ist letzteres der Fall, frage ich mich, ob sie noch einen langen Weg der Entwicklung vor sich haben, auf dem sie Schritt für Schritt Prozesse besser verstehen. Eine Entwicklung, die ohne Aufgabe ihrer fundamentalen Prinzipien zu einem ihrer Idealvorstellung entsprechenden Wein führt. Vielleicht bildet der 2005er ja auch eine Stufe ab, die sie heute schon längst verlassen haben.

Falls der Wein nicht so gewollt ist, weil er Elemente enthält, die auch für die Macher unerwünscht sind, sehen die Fragen natürlich ganz anders aus: Wurden irgendwelche Fehler gemacht? Bei der Weinbereitung, indem das Traubengut zu wenig geschützt wurde, nicht schnell genug gearbeitet wurde oder zu unsauber? Oder beim anschließenden Ausbau? Oder beim Transport, weil man die tatsächliche Fragilität des tanninmäßig so robust wirkenden Weins nicht richtig eingeschätzt hat? Nicht umsonst (und sehr verantwortlich, wie ich finde) holen und verschicken ja manche Weinhändler wie Torsten in Bernburg seine Weine nicht in den Sommermonaten. Oder habe ich etwas falsch gemacht, weil diese Art von Wein nur jung genossen werden kann? Oder aber – wie die Bordeaux des 19. Jahrhunderts – umgekehrt erst nach 30 Jahren im Keller. In diesem Zusammenhang muss natürlich auch eine Frage erlaubt sein, die konservative Weintrinker (im Sinne konservativer Haltungen des späten 20. Jahrhunderts) sich gar nicht erst stellen, weil sie sie schon als beantwortet ansehen: Ist das hier eine einzige große, pardon, Verarsche? Die Möglichkeit, mit viel Brimborium einen unzureichend bereiteten Wein teuer zu verkaufen? Damit ist sicherlich nicht die ungeheuer aufwändige Arbeit im Weinberg gemeint, denn – das kann man ja schmecken – das Ausgangsmaterial dürfte ausgezeichnet gewesen sein. Aber vielleicht die Limitation bei der Weinbereitung oder eben auch die Fehler, die dabei und bei der späteren Lagerung unterlaufen sind. Und die letzte Frage in dieser Hinsicht, weil mir dabei fast nur eindeutige Pro- und Kontra-Positionen bekannt sind, die letztlich auch nichts anderes als bloße Meinungen darstellen: Kann es tatsächlich sein, dass die minimale Zugabe von 10 oder maximal 20 mg Schwefel pro Liter allein dafür verantwortlich ist (den peniblem Umgang mit dem Wein vorausgesetzt), dass dieser Wein keine Muntada ist? Kein Trévallon? Weine also, die minimal „manipuliert“ sind, aber bei der großen Mehrheit der Weinfreunde als Spitzenprodukte gelten.

Als Fazit stellt man sich ja gelegentlich die Frage, ob es sich gelohnt hat, den Wein zu kaufen und zu trinken. Und ich muss zugeben, dass ich natürlich beim Kauf schon gezögert habe, weil der Preis sich auf demselben hohen Niveau bewegt wie das Risiko. Als ich dann den ersten Schluck genommen hatte, habe ich spontan gedacht: Wie kann man solch prächtiges Ausgangsmaterial nur so verhunzen! Dann bin ich aber auf all die Fragen gekommen, die Ihr oben lesen könnt, angefangen bei meiner Erwartungshaltung und Konditionierung über mögliche Absichten der Winzer bis hin zu Rahmenbedingungen der Weinbereitung. Und das Ergebnis war, so komisch sich das vielleicht auch für manche anhören wird: Die ganzen Gedanken, die vielen Diskussionen, die wir darüber geführt haben, also die mittelbaren Auswirkungen, haben den Kauf und den Genuss dieser Flasche lohnenswert werden lassen. Es ist nichts, was man wegschluckt und dann wieder vergisst. Es ist aber auch nichts, was man aus simpler Begeisterung nicht wieder vergisst. Sondern etwas, das von der Kontroverse lebt. Und das kann ja manchmal sogar spannender sein als die pure Harmonie.

In den nächsten Wochen werde ich mir einen solch teuren „Naturwein“ sicher nicht wieder kaufen. Aber es wird garantiert nicht das letzte Mal gewesen sein. Wenigstens einmal im Jahr möchte ich wissen, wie weit die „Bewegung“ an ihrer Spitze gekommen ist – und wie ich das inzwischen wahrnehme.

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10 Antworten zu Casot des Mailloles „Soulà V“ oder „Wie extrem kann Wein sein?“

  1. Stephan schreibt:

    Hallo Matze,

    interessanter Bericht. Was ist denn auf dem vierten Photo von oben (mit dem grün) abgebildet? Ich sehe diese alternative Weinbewegung mit möglichst geringen Interventionen grundsätzlich positiv, wenn ich sie auch eher als Alternative und weniger als Richtschnur sehe. Für mich persönlich kommen die meisten nicht oder nur ganz schwach geschwefelten Weine nicht in Betracht, da ich sie in meinem nicht optimalen Keller nicht vernünftig lagern kann. Ich finde auch SO2 als Konservierungs- und Stabilisierungsmittel nicht so problematisch, wenn es sensibel eingesetzt wird. Solche „Kompromisse“ sind mir zugunsten einer besseren Lagerfähigkeit auch unter nicht optimalen Bedingungen und einer etwas größeren Sicherheit in Bezug auf Stabilität lieber als eine „reine Lehre“. Wichtig ist aber aus meiner Sicht, die Alternativen auszuloten und ernst zu nehmen.

    Wo du Trévallon ansprichst – ich hatte das Glück, neulich einen 1989 Trévallon probieren zu dürfen. Das war bislang mein Weinhighlight in Rot dieses Jahr. Ob der komplett ohne SO2 sich ebenso gut gehalten hätte, wer weiß? Man wird entsprechende Experimente einfach ausprobieren müssen.

    • chezmatze schreibt:

      Das auf dem Bild sind die festen Bestandteile, die nach dem Dekantieren in der Flasche zurückgeblieben sind. Ich glaube auch, dass SO2 in geringen Gaben – zumal ja eh in noch geringerem Maße natürlicherweise vorhanden – für Nicht-Allergiker wie mich unproblematisch ist. Ich frage mich nur, ob wir da das eine Zünglein an der Waage ausgemacht haben, das die auch konventionell hochkarätig schmeckenden Weine von den konventionell fehlerbehaftet schmeckenden Weinen trennt. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht wirklich und müsste mich noch näher damit beschäftigen, ob es wirklich unabhängige Testreihen mit verschiedenen, zur Konservierung oder Stabilisierung geeigneten Stoffen schon gegeben hat – nebst Beschreibung der Wirkungen und Nebenwirkungen.

  2. Alex schreibt:

    Sehe ich den primären Wert eines Produktes darin, das es artisanal, natürlich und so non-interventionistisch wie möglich hergestellt wurde? Wer das für sich bejahen kann – und ich bin sicher es gibt genug Leute, die das so monolithisch betrachten – für den ist die objektive Qualität eines Weines zweitrangig. Das ist sogar nur konsequent, denn völlige Natürlichkeit ist auch per definitionem hochgradig unberechenbar. Wer das nicht als Makel betrachtet, wird sich wahrscheinlich sogar daran erfreuen, das, auf die Spitze getrieben, jede Flasche anders schmeckt und die Weine im konservativen Sinne fehlerbehaftet sind. Für mich ist das nichts – ich kaufe zwar gerne einen artisanal hergestellten Käse oder eine handgemachte, ewig luftgetrocknete Salami. Ich zahle dafür auch gerne mehr als für die Industrieware, weil ich die Arbeit die darin steckt respektiere. Aber es muss bitte schön immer noch schmecken.

    Die andere Frage ist somit, ob solche Weine nicht auch eine objektive Qualität haben sollten oder ob man das alles einfach mit der unzureichenden Geschmackssozialisierung der Kundschaft beiseite wischen kann. Oder anders: Um wieviel „besser“ ist der Vin Naturel Winzer im Midi, der zwar im Weinberg buckelt und sich jede Menge Arbeit macht als z.B. der High Tech Winzer in Kalifornien, der sich auf die Sonne und seine Kellertechnik verlässt? Im Regelfall produzieren beide einen nicht optimalen Wein, weil sie zwar die Vorteile ihrer Herangehensweise in den Wein einbringen, aber andere Aspekte vernachlässigen. Oder im Fall der Vin Naturel sogar kategorisch ausschließen. Ein krasser Vin Naturel ist das eine Extrem, auf der anderen Seite stehen die hyperkonzentrierten, durch 10 unterschiedlich getoastete Holzfässer gepumpten Frankenstein-Weine wie z.B. die Tropling-Mondots der letzten Jahrgänge. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich wie immer irgendwo in der Mitte.Auch wenn ich es an gleicher Stelle schon einmal geschrieben habe- ich bin dankbar dafür, das es eine Art Vin Naturel Bewegung gibt, und sei es nur als Gegengewicht zu den „technokratischen“ Parkerweinen.

    Cheers,
    Alex

    • chezmatze schreibt:

      Hallo Alex,

      so ähnlich sehe ich das persönlich auch. Ich muss zugeben, dass es mir gefallen würde, einen möglichst „untechnischen“ Wein von hoher Qualität auch für den konventionellen Gaumen zu trinken. Ich weiß aber nicht, ob das bei all den komplexen Wirkzusammenhängen, die hier präsent sind, überhaupt funktionieren kann. Ein „klassisch“ ausgebildeter Önologe wird Dir sicher sagen, dass es ohne die Stoffe x und y kein stabiler Wein dabei herauskommt. Aber es gibt ja nicht die Stufen „stabil“ und „instabil“ und dazwischen nichts – und abgesehen davon hat uns das Nacherzählen „gültiger“ Schulmeinungen in den vergangenen Jahrtausenden selten weitergebracht.

      Insofern sehe ich meinen Kauf auch immer ein bisschen symbolisch, nämlich als Zeichen der Solidarität mit Leuten, die sich einen Weg abseits der Normen suchen wollen. Dadurch dass manche Produkte relativ teuer (wie in diesem Fall) und/oder kein geschmackliches Vergnügen sind, hält sich die Frequenz meiner Käufe aus diesem Bereich stark im Rahmen. Aber ich verstehe die Absicht der Macher und ihren Traum. Und sollte es sich tatsächlich um einen Weg in dem Sinne handeln, dass man später feststellt, dass Fehlbehandlungen und Wurschtigkeiten zu den unerwünschten Tönen geführt haben – umso besser. Sollte es aber so sein, dass es bei aller Liebe und Sorgfalt ein Wein nach dem von mir derzeit bevorzugten Geschmacksmuster nicht hergestellt werden KANN (anders als bei komplett unbehandeltem Gemüse etc), dann sage ich mir, shit happens, einen Versuch war es wert.

      Den kalifornischen oder wo auch immer lokalisierten Frankenstein-Winzer möchte ich dagegen auf keinem seiner Schritte unterstützen, weil mir weder der Weg noch das Ziel gefällt. Dass ich trotzdem (natürlich noch viel viel seltener als bei vins naturels) solch ein Produkt ausprobiere, liegt einfach daran, dass meine Neugier meist größer ist als meine Ablehnung. Schließlich möchte ich auch da wissen, wohin die Reise geht. Hatte ich vor nicht allzu langer Zeit auch mit einem hoch gelobten und preisgünstigen Bordeaux (komme gerade nicht auf den Namen, da müsste ich in meiner Liste lange suchen…), dunkelfruchtig, marmeladig, konzentriert, für mich ein müder Plumpatsch und das Gegenteil des von mir geschätzten klassisch eleganten Bordeaux. Aber gut, dass ich ihn probiert habe.

  3. Eline schreibt:

    Ich bewundere deine Geduld, Matze, wie du versuchst, diesem Wein in den verschiedenen Stadien etwas Positives abzuringen. Mein Zugang zu Wein ist weit nicht so intellektuell. Ich will Wein geniessen. Dazu darf/soll er durchaus Ecken und Kanten haben, aber ich möchte nicht mit ihm kämpfen müssen 😉
    Obwohl Winzer, von deren Fähigkeiten und Wissen ich viel halte (Foradori, Gravner, Anselmi) jetzt sehr auf Vin Naturel setzen: für mich bleibt der völlige Verzicht auf Konservierung und Technik ein fundamentalistischer Zugang. Bisher haben alle nach Most geschmeckt. Den kann ich aber in meiner Nachbarschaft billiger und frischer trinken. Und selbst wenn mir mal ein Vin Naturel begegnet, der mich geschmacklich voll überzeugt, halte ich mehr vom Mittelweg: Bioweine mit minimalstem Einsatz von Spritzmitteln und Kellertechnik.

    • chezmatze schreibt:

      Naja, Wein gar nicht zum Vergnügen, sondern ausschließlich zwecks intellektueller Auseinandersetzung, das ist bei mir auch eher die Ausnahme ;).Obwohl die intellektuelle Auseinandersetzung dann auch wieder Vergnügen auf ganz andere Art bedeutet. Und der Wein war im Kern qualitativ hochwertig, das kommt auch noch dazu.

      Das mit dem fundamentalistischen Zugang ist sicher nicht von der Hand zu weisen. Es gibt sogar Autoren (bekannte Weinjournalisten gar), die von der Gefahr des „Geschmacksfaschismus“ und der „Öko-Taliban“ in diesem Zusammenhang sprechen. Dass sie weder die „echten“ Faschisten noch die „echten“ Taliban jemals kennengelernt haben dürften, macht diese hanebüchenen Vergleiche in meinen Augen nicht besser. Ich sehe die vin naturel-Bewegung als Teil des Spektrums an, wie man Wein und Weinbereitung interpretiert. Dass sie sich selbst Regeln auferlegen (und muten jene vielleicht auch anachronistisch an), ist ja erst einmal okay, vor allem als Positionierungsmerkmal. Die Demeter-Winzer haben sich ja auch an bestimmte Regeln zu halten, und wenn katastrophale Wetterbedingungen herrschent, bei denen es nur die Möglichkeit gibt „spritzen und das Label für mindestens drei Jahre verlieren“ oder „Gefahr des Totalverlusts“, dann ist das auch eine harte Entscheidung. Darüber hinaus gibt es – soweit ich weiß – auch innerhalb der vin naturel-Bewegung die „zéro-zéro“-Vertreter und die „schwefelarmen“ Vertreter, also fließende Grenzen.

      Langer Rede kurzer Sinn: Solange mir die Leute ihre Produkte nicht als die einzig gültige und einzig zulässige Wahrheit verkaufen wollen (wobei wir in Italien und dem Begriff der „vini veri“ schon ziemlich nah dran sind), finde ich den Ansatz durchaus unterstützenswert. Für meine bisherige Geschmackssozialisation passender bleiben allerdings die von Dir beschriebenen, möglichst wenig in Weinberg und Keller behandelten Weine, die sich noch in meinem gustativen Diesseits befinden.

      Wobei die günstigen (um 5 €, gar weniger) und leicht an erfrischenden Most gemahnenden vins naturels, die es praktisch nur vor Ort gibt, auch meine Zustimmung finden – als Traubenmost halt.

      • Eline schreibt:

        @günstige vins naturels
        In Südtirol gab es früher (ich weiss nicht, ob dieser Brauch noch existiert) den sogenannten „Lebbs“: einen Wein für die Weinbergarbeiter, mit ganz wenig Alkohol, aus zweiter Pressung. De konnte kellerkalt ganz phantastisch schmecken. Bio war er meist nicht, vor 20 Jahren wurde ja gepritzt auf Teufelkommraus, aber völlig ungeschönt und ungeschwefelt.

  4. Pingback: Die Suche geht weiter: Vin Naturel von Marcel Richaud | Chez Matze

  5. Surk-ki Schrade schreibt:

    Lieber Matze, jetzt schreibe ich Dir mal hier, lange haben wir uns nicht gesehen!

    Ich habe Alain und Ghislaine auch kennen gelernt, und den Soula ( allerdings den 2008er)! Ich habe mich nach dem ersten Schluck hingesetzt und gefragt, wie sie denn diesen Wein machen. Sie schaute sich an, sagten, wir lieben uns und haben keine Angst. Puh! Ich kenne die vin naturel Winzer aus Frankreich nun schon seit vier Jahren, und in den Diskussionen um Wein geht es nie um guten und schlechten Wein. Es geht darum, ob er Dir schmeckt, gut bekommt, oder nicht. Daher glaube ich auch, dass ganz bestimmte Schubladen, Diskussionen, Maßstäbe aus der konventionellen Weinwelt hier einfach nicht anwendbar sind. Sich die Freiheit zu nehmen, einem Wein offen zu begegnen, und nur mit seinen offenen Geschmackssinnen zu urteilen…das fällt natürlich manchmal schwer. Fehlersuche, Indoktrinierungen, wie ein Wein schmecken soll und darf, legen einem da Steine in den Weg. Ich möchte jeden neugierigen und offenen Menschen einladen, mal die Nase in vin naturel zu stecken! Und dann kann jeder für sich entscheiden, ob dieser Wein für einen gut oder schlecht ist…Existieren tun sie ja schon länger, trinken kann ihn jeder der will…
    Diskussionen, ob es jetzt große Weine sind, ob sie ihren Preis wert sind? Du sagtest ja schon, ein vin de table, und der Preis ist Ausdruck der Arbeit, die sie reingesteckt haben…also wieder nicht wirklich vergleichbar!
    Eine andere Weinwelt, die – von dem was ich in den letzten Jahren mitgekriegt habe – nie den Anspruch hatte, sich unbedingt mit der herkömmlichen zu messen. Sie ist entstanden und existiert, weiter nichts.
    Nach vier Jahren vin naturel trinken – und zwar die zero/zero- kann ich persönlich vom Weingenuss her gesehen nicht mehr zurück!
    Auf bald vielleicht mal wieder! Liebe Grüße!
    Surk-ki

    • chezmatze schreibt:

      Hallo Surk-ki,

      ja, ich bin im letzten halben Jahr eigentlich permanent unterwegs gewesen, sehr schade, dass wir uns da nicht treffen konnten! Ich finde das sehr wichtig, dass Du noch mal darauf hinweist, dass es nicht heißen sollte „der Wein schmeckt“, sondern „der Wein schmeckt MIR“, denn nur darauf kommt es ja letztlich an. Und es stimmt sicher, dass sich bei den strengen „vin naturel“-Winzern eine ganz eigene Welt entwickelt hat, die sich mit derjenigen des konventionellen Weinbereitens schlecht vergleichen lässt.

      Ein paar Gemeinsasmkeiten gibt es aber natürlich. Auch geschmacklich. Wein darf nicht Essig sein. Und ich glaube mittlerweile, dass der „Soulà V“ durch schlechte Transportbedingungen stark gelitten hat (siehe den Kork). Inzwischen habe ich nämlich auch ein paar richtig gute (und genauso konsequent bereitete) „vins naturels“ getrunken, unter anderem diese hier: https://chezmatze.wordpress.com/2012/04/27/weinrallye-50-zwei-von-drei-naturweinen-schmecken-gut/

      Interessanterweise glaube ich, dass die Diskussion, ob „vin naturel“ jetzt auch gut schmeckt oder sogar ausschließlich, gar nicht auf diese Art geführt werden würde, wenn man diese zéro-zéro-Produkte (also tatsächlich vergorenen Traubensaft) mit einem eigenen Namen bezeichnet hätte. Denn solche Bezeichnungen wie „vin naturel“ oder „vino vero“ suggerieren ja erst einmal, dass die Macher der Meinung sind, ebenso einen Wein zu bereiten, nur halt „ehrlicher“, „echter“, „natürlicher“. Das ist schon rein sprachlich provozierend (und soll es ja auch sein), aber es hat halt den Nachteil, dass man ständig ins Vergleichen zwischen Äpfeln und Birnen kommt…

      Übrigens, morgen (Samstag) bin ich in Köln und komme gern vorbei!

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