„Oh! Légumes Oubliés“

Eigentlich hätte ich die Überschrift mit einem ® versehen müssen, denn „Oh! Légumes Oubliés“ ist nicht nur der Ausruf „Oh! Vergessene Gemüsesorten“, sondern eine eingetragene Marke. Allerdings führt die Bezeichnung „Marke“ ein wenig in die Irre. In Wirklichkeit handelt es sich nämlich um einen Bauernhof mit 18 Hektar Land in der Nähe von Bordeaux, den Bernard Lafon seit dem Jahr 1977 sozusagen zu einem Gesamtkonzept entwickelt hat. Angebaut werden nicht weniger als 300 verschiedene Obst- und Gemüsesorten, von denen mir viele völlig unbekannt waren. Und es hört nie auf, denn Bernard Lafon sucht weiterhin in den alten Bauerngärten abgelegenster Provinzen nach Pflanzen, von denen sich unsere Vorfahren ernährt haben. Was gibt es unter anderem hier?

Eins vorweg: Ich musste einige Male das Internet-Lexikon bemühen, passiert mir sonst nicht so schrecklich häufig bei Lebensmitteln.

  • Amour-en-cage (Lampionblume, aus der Gattung Physalis, wurde schon in neolithischen Stätten im Jura als Kulturpflanze gefunden)
  • Angélique (Angelika, ein Doldenblütler, sieht aus wie Schafgarbe, die Stängel werden meist kandiert)
  • Courge-gourde und Courge-pipette (verschiedene Arten von Flaschenkürbissen)
  • Giraumon-turban (Turban-Kürbis, eine mit dem Riesen-Kürbis verwandte Art)
  • Maceron (Pferdeeppich, die Wurzeln werden als Gemüse genutzt)
  • Nèfle (Mispel, ein säuerlich-frisches Kernobst)
  • Ortie (Brennessel, als Gemüse und für Salate)
  • Oseille (Sauerampfer, mein Vater hat ihn in seiner Kindheit gern roh gegessen )
  • Patidou (eine runde, grün-weiß gefleckte Kürbisart, zu der ich keinen deutschen Namen gefunden habe)
  • Pâtisson (Patisson, eine flache Variante des Gartenkürbis)
  • Pissenlit (Löwenzahn, als Salat oder Gelee)
  • Potimarron (Hokkaido-Kürbis, der kleine rote, von Kolumbus aus Amerika nach Europa gebracht)
  • Pourpier (Portulak, kleine Blätter zerschnitten in Quark oder als Gemüse)
  • Ras-puncho (keine Ahnung, was das sein soll)
  • Rutabaga (Steckrübe, das Standardgemüse der Notzeiten)
  • Scorsonère (Schwarzwurzel, wobei man die gelben Blüten als Salat im ersten Jahr, als Omelette im zweiten Jahr und die Wurzeln im dritten Jahr essen soll)
  • Sureau sauvage (wilder Holunder, ausgebackene Blüten als Hollerküchle, die Beeren für Gelee oder als Saft, altbewährt – bei mir jedenfalls – als Abwehrmittel bei einer aufziehenden Erkältung)
  • Topinambour (Topinambur, wie süße Kartoffeln als Gemüse oder zum Schnapsbrennen)

Aus all diesen Früchten und Gemüsesorten und noch einigen mehr werden dann auf dem Hof von zwölf Mitarbeitern Präparationen hergestellt und in Gläser abgefüllt. Weil Monsieur Lafon nicht nur ein begeisterter Entdecker, sondern auch ein findiger Geschäftsmann ist, gibt es mittlerweile einen Online-Shop, über den man sich die Produkte (natürlich keine frischen Brennesseln…) nach ganz Frankreich und – soweit ich weiß – auch in benachbarte Länder schicken lassen kann. Da alle Produkte das AB-Siegel besitzen, also biologisch zertifiziert sind, haben des öfteren besser sortierte Bioläden oder Feinkostgeschäfte in Frankreich das eine oder andere Exemplar im Programm. Achtet mal darauf, wenn Ihr dort einkaufen solltet. Farb-, Streck- und Zusatzstoffe unpassender Art werdet Ihr in den Produkten übrigens nicht finden, aber das ist ja logisch bei dem Konzept. Ich habe diesmal mitgebracht (aus dem Laden „La Vie Saine“ in Essey-les-Nancy, aber über den wird es einen eigenen Post geben):

Carotte à la Menthe & au Cumin

Das ist ein Brotaufstrich, der sich besonders gut für getoastetes Weißbrot eignet. Wer möchte, kann das ein wenig an orientalischen Babybrei erinnernde Produkt auch solo löffeln.

Gelée d’Orties Sauvages

Brennesselgelee, eine erstaunliche Sache, kräuterlich-süß. Eignet sich gut als Aufstrich fürs Frühstücksbrot, als Kombination mit (säuerlichem) Quark oder einfach so zum Staunen.

Confiture Extra Sureau Sauvage

Wilder Holunder schmeckt tiefdunkel, saftig, bitter, und genau deshalb rühre ich ihn am liebsten in meinen Frühstücksjoghurt. Gefällt mir wesentlich besser als Erdbeer & Co.

Confiture Extra Nèfle

Eine meiner Lieblingsfrüchte, hat mir wegen seiner Säure auch schon mal den Gaumen aufgerieben. Jene sind übrigens außen seidig-gelb, lassen sich aber schlecht transportieren.

Das ist ganz sicher einer der Gründe dafür, weshalb Mispeln in unserer Supermarkt-Kultur keine echte Chance haben. Von solchen Früchten handelt übrigens ein hundsteures Buch, offenbar in geringster Auflage, das ich vor einiger Zeit erstanden habe. In jenem sind alle Obstsorten aufgeführt und aus der Natur abgebildet, die es im französischen Südwesten gibt. Prächtige Fotos von alten Nèfliers in weltvergessenen Dörfern am Fuß der Pyrenäen sind dabei. Einen echten praktischen Nutzen hatte das Buch bislang noch nicht – außer vielleicht, dass ich einen Mispelbaum in freier Natur sofort erkennen kann. Das Titelfoto zu diesem Artikel zeigt einen solchen, den ich an der Loire gefunden habe.

Der französische Südwesten ist natürlich in erster Linie ein bedeutendes Weinland, und das zeigt sich auch bei Bernard Lafon. Sein „produit phare“, wie der gemeine Franzose sagt, ist und bleibt nämlich der Verjus. Ich hatte ihn auch bei einem früheren Frankreich-Besuch gekauft, aber vergessen, ein Foto davon zu machen. Verjus ist ein saurer Saft aus ausgepressten unreifen Trauben, das Ergebnis der Grünlese sozusagen. Er wurde schon vor Urzeiten als Säuerungs- und Heilmittel benutzt, kommt aber gerade in den letzten Jahren wieder in Mode. Als Alternative zu Zitronensaft oder Weinessig kann man ihn universell verwenden. Ich muss allerdings zugeben, die Säure bei meinem ersten „Würzversuch“ mit Verjus ein wenig unterschätzt zu haben. Es mag durchaus mildere Produkte geben, aber dieser hier von Bernard Lafon hatte es wirklich in sich.

Was es auch in sich hat, das sind die pädagogischen Aktivitäten, die Bernard Lafon auf seinem Hof (er heißt „Château de Belloc“, Bordeaux-Schlösser halt…) anbietet. Da kann man den gesamten Garten besichtigen, es gibt Kurse für Schulklassen, verschiedene Events und Feste – und natürlich eine Boutique, in der man alle Produkte kaufen kann. Inklusive Samen und Pflanzen für den eigenen Garten.

Ich finde diese ganze Sache großartig, zumal hier nicht jemand auf irgendeinen Zug aufspringt, sondern sich seit über 30 Jahren den vergessenen Obst- und Gemüsesorten widmet. Dass ein derart positiv Verrückter manchmal ein wenig übers Ziel hinausschießen kann, habe ich allerdings beim genaueren Blick auf die Rubrik „Epicerie Salée“ im Online-Shop gemerkt. Neben Kompotten und Kräutermischungen findet sich dort nämlich auch folgendes Angebot: „Auerochse, männlich, drei Jahre, 2.321 €“.

„Oh! Légumes Oubliés“, Château de Belloc, Sadirac, 15 km östlich von Bordeaux, geöffnet MO-FR 9-17.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Food, Natur abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu „Oh! Légumes Oubliés“

  1. eline schreibt:

    schoen, schoen!
    bei uns gibt es einige bauern, gaertner und koeche, die sich um legumes oublies verdient machen. so bekannt sind sie allerdings nicht. mispeln bekommt man im spaetsomme rin fast jeden tuerkischen obstgeschaeft. mispelpuree serviere ich gerne zu wildgefluegel.

    • chezmatze schreibt:

      Ah, Mispel und Wild, das passt sicher sehr gut! Allerdings habe ich mich auch schon gefragt, ob die Mispeln, die ich in den türkischen Obstgeschäften sehe, dieselben sind, die wir fast nicht unbeschädigt vom Baum in die Wohnung getragen hätten. Vielleicht gibt es robustere Sorten, vielleicht wird auch für den Vertrieb leicht unreif geerntet, ich weiß es nicht.

  2. utecht schreibt:

    Und ich bemühe mich gerade um den Erhalt der „Söötelsche Muure“ auf dem eigenen Acker. Das hat nicht ganz bordelaiser Ausmaße, zugegeben, aber macht Spaß. http://www.lobberland.de/aktuell/2006/moehren/start-rechts.html
    In wenigen Tagen wird geerntet.
    Mispeln übrigens sind bei uns sogar im Stadtwappen und die wieder zu kultivieren, ist ein Projekt für’s nächste Jahr.

  3. Kuechenschabe schreibt:

    Einen Mispelbaum habe ich im Garten. Mispelgelee steht also in zwei, drei Monaten wieder auf dem Programm :-)) Und meine Apfelbeere (Aronia) könnte ich auch noch schnell bewerben: dieser Strauch stand jahrelang ziemlich unbeachtet im Garten, heuer hab ich zum ersten Mal Gelee daraus gemacht: passt sehr gut zu Käse und Wein (und zu !

    • chezmatze schreibt:

      Toll, das klingt nach herbstlichen Freuden! Als Kulturpflanze war die Mispel ja relativ verbreitet in Europa. Aus dem dicken französischen Buch weiß ich, dass es zum Beispiel im Baskenland auch wilde Mispeln gibt, die sich in den Wäldern spontan vermehren. Bei uns habe ich aber noch nie einen Mispelbaum im Wald oder am Waldrand gesehen, obwohl er sich in mikroklimatisch günstigen Lagen ja auch dort halten sollte. Vielleicht werde ich ab jetzt mal verstärkt darauf achten…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s