Restaurant „Aux Bons Amis“ in Reims

Reims ist die Welthauptstadt des Champagners. Durch den unaufhaltsamen Siegeszug des Champagners in den letzten beiden Jahrzehnten, durch das Erobern gänzlich neuer Märkte, durch die Etablierung der automatischen Gleichsetzung „Champagner = Luxus“ ist unvorstellbar viel Geld in die Stadt gekommen. Obwohl… das muss ich differenzieren: Es ist unvorstellbar viel Geld zu den Unternehmen geflossen, die in der Stadt ansässig sind. Dass in Reims der überbordende Reichtum an jeder Straßenecke zu sehen wäre, davon kann man nämlich nicht sprechen. Und so habe ich denn auch ein Restaurant aufgesucht, das sich zwar mitten zwischen den Champagnerhäusern Roederer, Henriot und Mumm befindet, aber nun wirklich gar keinen Luxus ausstrahlt.

Was nämlich auch nicht unterschätzt werden darf, ist die Tatsache, dass ein nicht unbedeutendes Völkchen von Arbeitern in der Champagnerindustrie beschäftigt ist, das nicht in Maßanzügen herumläuft. Immerhin geht es bei den drei genannten Häusern um insgesamt 14 Millionen Flaschen pro Jahr, die gefüllt, gelagert, gerüttelt, beklebt und distribuiert werden müssen. Und so erweist sich das im „Guide de Routard“ empfohlene „Aux Bons Amis“ mittags als vor Lärm und Leben berstende Arbeiterkantine im alten Stil.

Als wir das Haus betreten, das als Solitär an einer Straßenkreuzung steht, sind praktisch alle Tische belegt. 100 Gäste, davon 99 Männer und eine Frau, die aber gerade zum Rauchen nach draußen geht. Eine Karte gibt es nicht, aber einen sehr flotten, routinierten und ausnehmend freundlichen Service. Es gibt die Wahl zwischen zwei Vorspeisen, fünf Hauptgerichten und danach entweder ein Assortiment von Süßspeisen oder eine Käseplatte. Zu trinken nehmen alle Wein, man braucht nur die Farbe zu sagen, schon steht eine Karaffe mit Hauswein auf dem Tisch. Wein und Wasser sind ohnehin im Preis inbegriffen.

Ich wähle als Hauptgericht aus der Rubrik „Grillades“ die Andouillette mit Fritten, meine Begleitung das Zungenragout mit pikanter Sauce. Beides schmeckt nicht nur so herzhaft, wie die Namen es vermuten lassen, sondern sogar richtig gut. Meine Gekrösewurst (so heißt das wohl im Deutschen) wurde zweifellos auf einem Holzkohlengrill zubereitet, und die Zunge befindet sich in einer fein säuerlichen Marinade. Alles ist ultra-französisch, ultra-altmodisch und ultra-unprätentiös. Es gibt keine Tischdecken, das Publikum ist laut, fröhlich und sämtlichst miteinander bekannt, aber wir fühlen uns überhaupt nicht fehl am Platz. Zum Abschluss kommt noch der Café, während die Arbeiterrunde nebenan sich an der Käseplatte gütlich tut, die deutschen Restaurants (da haben wir es wieder, ich weiß) die Schamesröte ins Gesicht treiben würde.

Ein „Formule“ mit zwei Gängen kostet 9,60 €, das „Menu“ mit drei Gängen 13,80 €, Getränke sind inbegriffen. So bumsvoll, wie es um zwölf Uhr mittags war, so leer wird das Lokal um kurz nach eins. Die Mittagspause ist vorbei, es geht wieder an die Arbeit, und die Kellnerinnen beginnen schon damit, die Tische abzuwischen. Nach Feierabend soll es hier wieder genauso voll werden. Übrigens haben wir nur noch einen Platz bekommen, weil gerade Ferien in ganz Frankreich sind. Zu anderen Zeiten wird hier mittags in zwei Schichten gegessen, ohne dass auch nur ein Stuhl frei bliebe.

Natürlich ist das Essen bei den „alten Freunden“ nicht elaboriert oder von einer besonderen Erlesenheit. Aber darum geht es auch nicht. Und das lässt mich ganz kurz darüber nachdenken, weshalb es mich eigentlich regelmäßig in solche Schänken zieht und nicht etwa in Etablissements mit viel Raum, Geschmack und livrierten Kellnern. Ich glaube, es ist so: Essen gehen bedeutet nicht nur Nahrungsaufnahme im biologischen Sinne, sondern es ist auch ein sozialer Akt. Damit ist es auch gewissermaßen ein Akt der Selbstdarstellung. Ich gehe also dorthin, wo ich glaube, tatsächlich unter meinesgleichen zu sein, oder dorthin, wo ich mir den Traum einer scheinbaren Zugehörigkeit erfüllen kann. Ich möchte das jetzt nicht negativ im Sinne von Statusneid oder Ähnlichem verstanden wissen, sondern es hat einfach etwas mit Sehnsüchten zu tun, denen nachzugeben in der Regel ja eher bereichernd ist.

Deshalb zieht es mich auch viel eher in die Läden mit Neonlicht und blanken Tischen als in die Welt der Übergardinen aus Seide. Ich bin auf der Suche nach dem Echten, dem Authentischen, dem Lebendigen – und das scheine ich in einer solchen Welt zu erahnen. Diese Suche trägt aber auch ein anachronistisches Element in sich, denn die „wirkliche“ Arbeiterkantine von heute heißt McDonald’s, und die Masse der einfachen Restaurants bietet nichts anderes als Convenience-Müll.

Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass es mehr solcher Orte gibt wie das „Aux Bons Amis“. Orte, die das Gefühl von Ursprünglichkeit, Herzlichkeit und Zugehörigkeit vermitteln – und gute, herzhafte Küche. Innereien sollte man allerdings mögen, sonst bleibt man beim Salatteller hängen. Dann schwindet vermutlich auch das subjektive Zugehörigkeitsgefühl recht schnell.

Aux Bons Amis, 13 rue Gosset, Reims, geöffnet MO-DO mittags und abends, FR nur mittags

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9 Antworten zu Restaurant „Aux Bons Amis“ in Reims

  1. jens schreibt:

    Hi Matze!

    Werde die Adresse sofort beim nächsten mal ausprobieren. Zunge und „Gekrösewurst“ sind dann aber auch wirklich speziell und nicht Jedermanns Sache. Deine Andouiellette sieht auf dem Foto aber wirklich geradezu zum anbeißen aus.

    Du hast die Situation in Reims übrigens recht treffend beschrieben. Man verkennt sicherlich oft, dass Champus nicht nur Luxus ist, sondern dass das auch ne‘ Menge Arbeit in den Kellern bedeutet und das da auch ne‘ Menge Leute arbeiten, die nicht zu jedem Menü ne‘ Flasche Champus trinken.

    Recht problematisch ist in letzter Zeit geworden, so hört man jedenfalls des öfteren, dass sich Reims aufgrund der guten TGV- Anbindung zu einem „Vorort“ von Paris entwickelt. Und dabei ist natürlich nicht das übliche Banlieue gemeint. Das hat erhebliche Auswirkungen auf die Mieten und Imobilienpreise in Reims und Umgebung und dürfte sich im allgemeinen auch auf die Restaurantbesuche, hinsichtlich der Preise, negativ auswirken.

    Wie auch immer. Wenn Du meinem Tip mit dem Boulingrin nachgehen solltest, dann wirst Du sicherlich auch nicht enttäuscht werden. Hier ist zwar die Zahl der Anzugträger vielleicht etwas höher, aber dafür ist auch hier der Laden immer voll und ohne Reservierung geht nichts. Die Tische werden auch Mittags in der Regel zweimal belegt. Die Preise für ein Drei- Gang- Menü mit Wein und Cafe sind zwar etwas höher, liegen jedoch auch deutlich unter 20 EUR am Mittag. Was mir hier gut gefällt ist, dass ich immer wieder mir inzwischen bekannte Gesichter wiedersehe. Viele ältere Menschen des Viertels nutzen das Boulingrin offensichtlich um sich Mittags zum Essen und zu einem kleinen Schwätzchen und natürlich der obliatorischen Coupe zu treffen. Das finde ich auch irgendwie sympatisch.

    Wenn Du einmal in Epernay unterwegs sein solltest und in den Mittagstunden Hunger verspüren solltest, dann wiederstehe der Versuchung in Epernay zu Speisen und fahre die Avenue de Champagne stadtauswärts in Rtg. Chouilly, über den Kreisverkehr drüber Weg und weiter ins Dorf rein. Nach einer Ampel, die meistens Rotlicht zeigt, siehst Du nach ca. 100 Metern auf der rechten Seite ein kleines Bistro, welches nur Mittags geöffnet hat.

    Voila!

    BRASSERIE DE SAINT MARTIN
    24 GRANDE RUE,
    51530 CHOUILLY

    Da sind fast ausschließlich Winzer aus Chouilly und Weinbergsarbeiter in ihren Arbeitsklamotten und essen zu Mittag. Drei Gänge incl. Wein und Cafe für deutlich unter 20 EUR am Mittag. Das dürfte nach Deinem Geschmack sein.

    Viel Spass noch in Reims und Umgebung wünscht Dir Jens

    • chezmatze schreibt:

      Okay, jetzt sollten wir uns endgültig mal treffen. Wenn das Unglück mit der Zylinderkopfdichtung wieder behoben ist, das mich vorgestern bei Charleville-Mezières ereilte…

      Dein Tipp klingt super, genau nach meinem Geschmack. Allerdings hatte ich Deine Warnung noch nicht gelesen, bevor ich in Epernay essen war, und zwar im „L’Oeuil de Boeuf“. War wirklich sehr nett, und ich fürchte (wenn man das als Fürchten bezeichnen soll), dass Epernay abseits der geschleckten Avenue de Champagne tatsächlich ein paar wirklich sympathische Essgelegenheiten zu bieten hat. Ich werd demnächst darüber berichten…

      • jens schreibt:

        Ja! Für Epernay hätte ich auch den einen oder anderen Tip. Was Du aber auf keinen Fall machen solltest, dass ist in das Restaurant / Champagner Bar „Le Bank“ an der Place de la Repuplique gehen. Das ist Unsinn.

        Das mit Deinem Auto tut mit natürlich leid. Aber was machst Du in Charleville Mezieres? Ich hoffe Du bist nicht schon auf dem Rückweg.

        Wie auch immer. Schreib mir ne Mail und wir werden gemeinsam einer, oder besser mehreren Flaschen auf den Grund gehen.

      • chezmatze schreibt:

        Dochdoch, bin schon auf der Rückfahrt – mit Umwegen. Die Grenzregion zwischen der Champagne und Lothringen ist – nur mal so am Rande – wirklich sehr nett und viel mehr als einen Pannenaufenthalt wert. Besonders im Herbst, denke ich. Wieder eine dieser unterschätzten Idyllen…

    • jens schreibt:

      Wenn Du damit die Aube meinst, dann kann ich Dir nur zustimmen. Leider bin ich da in der Vergangenheit eigentlich immer nur „durchgeflogen“, was sicherlich sträflich ist. Letztens habe ich noch die A5 bei Arcis sur Aube verlassen und bin dann weiter in Rtg. Norden an die Cote des Blancs gefahren. Leider hat es in Strömen geschüttet und so bin ich auf direktem Weg gen Norden gefahren. Irgendwie nehme ich mir auch immer vor mal nach Troyers zu fahren und mir was anzuschauen – hat noch nie geklappt.

      • chezmatze schreibt:

        Ein Freund hat mir erzählt, dass sein schönster Urlaub der war, als sie spontan vom Jura bis nach Reims gefahren sind, einfach über Land, ganz unspektakulär. Natürlich quer durch die Aube. Leider war ich da auch noch nie.

        Lustigerweise meinte ich das nämlich gar nicht, sondern weiter nördlich, also zwischen den Départements Meuse und Ardennes, also zwischen 55 und 08. Stenay, Montmédy, Mouzon, das obere Maastal. War mir bislang komplett unbekannt und ist sicher nichts für Leute, die Welthighlights und Aufregung suchen. Aber für Naturfreunde ist es super. Und wir sind immer noch in Frankreich, was die gute Versorgung mit Spezialitäten gewährleistet. Eine alte Brauergegend übrigens, Stenay hat ein hervorragend aufgemachtes Biermuseum, und ein paar Preziosen habe ich mir dort auch besorgen können.

  2. thvins schreibt:

    Hallo Matze,

    da bist du ja schon wieder in einer Gegend, die ich sehr mag, Natur und Ruhe, aber auch hübsche kleine Orte. Und für mich nicht unwichtig, es gibt paar nette Gelegenheiten zum Klettern in der Gegend um Monthermé. Nicht hoch, aber lustige Klettereien in schönem Granit, netter Outdoorsportplatz für ein paar Stunden zum Wege abgrasen. Für Nichtkletterer trotzdem ein schöner Spazierweg durch den Wald und herrliche Fernsichten in die Ardennen.

    Ganz nett ist auch Givet kurz vor der belgischen Grenze. Dann unbedingt im Maastal weiter fahren und beim Schloß Freyr die tollen Felsen auf der anderen Flußseite anschauen. Das ist eines meiner Lieblingsklettergebiete, auch wenn man mir dort letzten September das Auto aufgebrochen hat… Wenn du in Dinant (auch nett anzusehen) auf die andere Flußseite wechselst, kommst du hinter Anseremme zum Zugang zu den Felsen (links mehrere Gaststätten, rechts der berüchtigte Parkplatz. Es gibt auch einen beeindruckenden Blick von einem Point de Vue oben.

    Im nächsten Dorf nach Heer runter und schon bist du wieder in Frankreich.

    Auch unbedingt mitnehmen solltest du Rocroi, die wunderbar erhaltene Vauban – Festungsstadt.
    Leider gibt es niemanden mehr, der wohl die Tradition des „echten“ Rocroi – Käses aufrecht erhält, bei meinen ersten Besuchen um 1998 – 2001 herum konnte ich den fast mit einem Harzer zu vergleichenden Käse noch kaufen – der Echte hatte 0% Fett !, hat bestialisch gestunken, aber sehr gut geschmeckt – wäre für dich eine Extrasünde wert gewesen. Dennoch solltest du das mal mitnehmen.

    Hach, ich könnte schon wieder gleich das Auto packen…

    • chezmatze schreibt:

      Doch, den gibt es noch, den echten „Fromage de Rocroi“ (wozu hat man schließlich seine tausend Bücher dabei 😉 ?). Und zwar direkt bei diesem Bauernhof: http://www.ferme-la-harnoterie.com/index.html Bei der anderen Adresse bin ich mir nicht mehr sicher, ob er den Käse noch herstellt. Das wäre jedenfalls Jean Pire in La Grande Chaudière, einem Weiler bei Taillette. Leider kann ich dort nicht mehr vorbeifahren, weil ich wieder zurück nach Köln muss. Aber vielleicht komme ich ja mal wieder in die Gegend…

      Übrigens scheint es mir kein Wunder zu sein, dass man hier in den Ardennen auch eine Version eines fettarmen oder ganz fettfreien Käses herstellt wie seinerzeit im Harz. Ist halt eine abgelegene und arme Mittelgebirgsgegend gewesen, nachdem der Bergbau im alten Stil nicht mehr so lief. Da wurde das Fett aus der Milch anderweitig benötigt. Falls Du übrigens den „Bergues“ kennst, das ist ein anderer Magerkäse aus dem Département Nord, der mich auch sehr beeindruckt hat. Das mit dem „Auto packen“ muss ich jetzt auch angehen, aber leider in die falsche Richtung 😉

      • thvins schreibt:

        Vielleicht bezog sich die Aussage in dem Laden in Rocroi, wo ich den Käse kaufte auch auf Erzeuger in und ganz nah um Rocroi. Dort soll niemand mehr den 0%er machen und es gab nur noch Käse auch unter der Bezeichnung Rocroi mit zwar wenig, aber immerhin mit noch Fettanteil.
        In einer Vergleichsverkostung bei meinem ersten Besuch, wo es noch sicher fünf verschiedene Rocroi – Käse gab, hat mir der 0%ige am besten gefallen, weil er um unvergleichlichsten war…

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