Lambrusco – des Suffweins erste Folge

Im Sommer, selbst wenn er sich nicht wirklich wie einer aufführt, verhalte ich mich Rotweinen gegenüber meist distanziert. Eine in der Gartenhitze schnell auf 25 Grad erwärmte Brühe mit 15 vol% macht mich nicht nur vorzeitig lull und lall, sie schmeckt auch einfach überhaupt nicht. Zum Glück gibt es für diese Gelegenheiten einen anderen Typus Rotwein, der noch dazu günstig ist, weil er unter einem immensen Imageproblem leidet. Zu recht? Jawohl. Lambrusco und Artverwandte sind zu einem hohen Prozentanteil Technoweine aus Überertrag. Kein allgemeiner Widerspruch bitte. Aber erstens geht es auch anders (ein wenig jedenfalls), und zweitens hat Lambrusco dennoch seine Existenzberechtigung.

Vielleicht gleich mal etwas am Rande: Lambrusco scheint irgendwie wieder eine Art Kult zu werden. Vor einiger Zeit wurde bei Captain Cork (okay, waren noch andere Zeiten dort) ein halbtrockener Lambrusco zu Grillfleisch empfohlen, bei der Zeitschrift „Merum“ haben sie den „Lambrusco-Sommer 2011“ ausgerufen, und auf dem Blog von Dirk Würtz schreibt ein Gastautor über dasselbe Thema. Okay, könnte auch ein Händler-Beitrag sein, aber wir sind da ja nicht so. Denn um an dieser Stelle gleich einmal einen (mir bislang unbekannten) Händler ins Spiel zu bringen: Als ich letztens bei Mitblogger Marqueee zu Gast war, gab es eine Reihe netter Lambruschi vom Händler „Wirtz-Wein„, eine Namensähnlichkeit, die mich zum Schmunzeln brachte.

Als weitere kleine Einleitung vorweg: „Lambrusco“ ist ähnlich wie „Prosecco“ nicht nur ein Wein, sondern auch eine Rebsorte. Eine Rebsortenfamilie, um genau zu sein. Der Galet, dessen Kauf ich allen ernsthaft an Wein Interessierten nach wie vor nur ans Herz legen kann, listet gleich 15 verschiedene Varietäten mit diversen Aliasnamen auf. Am besten soll dabei der Wein aus der DOC „Lambrusco di Sorbara“ sein, und mit jenem starten wir den Test auch.

Es handelt sich um den „Corti delle Duchessa“, einen mit dem seltsamen Kürzel VFQPRD versehenen Lambrusco di Sorbara Secco der Cantine Ceci. Dass es sich bei diesem Hersteller nicht um einen in seinem Schuppen werkelnden Ziegenbauern handelt, kann man schon daran erkennen, dass sie ihre Homepage ganz bescheiden http://www.lambrusco.it genannt haben. Dieser Lambrusco besitzt 11 vol%, ist gesetzlich trocken und kostet 5,60 € bei dem erwähnten Händler. Ins Glas kommt ein hellrot sprudelndes Getränk. An der Zunge das typische Bizzeln, das vermutlich eher zugesetzt wurde als dem jahrelangen Hefelager entsprungen ist. Die Frucht überzeugt allerdings vollkommen: eher auf der hellen Seite, Walderdbeere, nicht zu trocken oder spröde, frisch und lecker, wenngleich natürlich kurz, aber wirklich sehr zu empfehlen. Leider wird das Vergnügen durch einen leichten Korkschmecker getrübt. Presskork. Es sollte nicht der letzte bleiben.

Der zweite Lambrusco kann nicht auf eine edle DOC verweisen, sondern wurde unter der schnöderen, aber offenbar auch weniger einschnürenden IGT Emilia abgefüllt. Wiederum vom Hersteller Ceci ist dies hier auch ein unter der Linie „Corti della Duchessa“ fahrendes Produkt, allerdings mit dem Zusatz „Antico Bruscone„. Alkohol 11 vol%, Preis 5,40 €. Schon beim Einschenken ins Glas merkt man, dass es sich hier um einen völlig anderen Spross aus der Traubenfamilie handeln muss. Auf dem Etikett steht noch „Lambrusco a bacca scura“, also aus der Dunkelbeere, mal frei übersetzt, wie die Rebsorte Lambrusco Maestri hier genannt wird. Dementsprechend undurchdringlich dunkel fließt der Wein ins Glas. Sowohl in der Nase als auch am Gaumen ist das hier ein ziemlich scheuer Geselle. Sehr starkes Veilchenaroma, ansonsten verschlossene Aromatik, mehr Tannin, dennoch eine gewisse Süße spürbar, die aber nicht von der Frucht zu kommen scheint. Solo ist das nur mäßig, da hilft nur gut angebratener geräucherter Schinken, der – oh Wunder – ausgerechnet jetzt zur Hand ist. Trotzdem ist das im Gegensatz zum ersten Wein keiner, den ich nachkaufen müsste.

Der dritte Lambrusco scheint sich ziemlich nobel vorzukommen, denn die Flasche besitzt eine fast konische Form, ein goldfarbenes Etikett und wiegt einiges. Er heißt „Otello„, stammt wiederum von Ceci und verrät wie die anderen Lambruschi auch seinen Jahrgang nicht. Man hört es aber munkeln, dass es sich um einen Perler aus dem Jahr 2003 handeln soll, und das ist eindeutig eine Seltenheit. Der mit dem Zusatz „Nero di Lambrusco“ versetzte Wein mit seinen 11,5 vol% fließt dann auch wesentlich viskoser ins Glas als die Jungspunde. Aber klar, die Perlen haben natürlich im Laufe der Jahre ihre Kraft verloren. Farblich erscheint mir der „Otello“ fast noch dunkler als der Wein davor, aber vielleicht ist es auch die Namensassoziation. In der Nase merkt man das Alter und möglicherweise auch den Jahrgang: Ich erschnuppere Balsamico-Töne milder Art und als Frucht eine dunkle Pflaume. Am Gaumen kommt dann noch schwarze Johannisbeere dazu, verknüpft mit immer noch ordentlichen Tanninen. Der Wein wirkt dunkel und kühl, leicht portig und maderisiert, aber nicht extrem und erst recht nicht verdorben. Natürlich ist dies kein frisches und spritziges Getränk mehr, aber irgendwie interessant.

Der letzte Lambrusco ist nun endlich ein halbtrockenes Exemplar. Er stammt aus der Fortana-Traube, nennt sich entsprechend „Fortanina Spargo La Luna“ und besitzt lediglich 7 vol%. Und das mit Abstand modernste Etikett. Preislich bleibt alles sehr im Rahmen: 5,80 €. Farblich geht es wieder in die hellere Richtung, von der Frucht her auch. Die Nase ist süßbitter, Walderdbeeren, aber nicht künstlich. Am Gaumen schmecke ich – Kork. Kein katastrophaler Kork, und geschätzte 90% der Lambrusco-Trinker würden das auch nicht wahrnehmen, oder es würde sie nicht stören, wobei wenn sie’s wüssten, würden sie, obwohl sie es nicht schmecken, den Ober rufen, beschimpfen und nach einer Ersatzflasche, nein, nach einem Wiedergutmachungs-Barolo verlangen. Geschmacklich bietet dieser Lambrusco davon abgesehen leider etwas zu wenig: eine Mischung aus feiner Süße und einer gewissen Bitterkeit, insgesamt etwas unausgewogen.

Ich komme zum Fazit: Der Lambrusco hat, dem kleinen Test nach zu urteilen, zwei Probleme: 1. Image, 2. Kork. Welche Probleme er hingegen nicht hat, sind 1. Preis und 2. Süffigkeit. Während mir die Lambruschi aus den dunkleren Beeren eher weniger behagen, fand ich den trockenen, hellroten „Lambrusco di Sorbara“ von den Korkschwierigkeiten abgesehen sehr attraktiv. Was mir dabei besonders gefällt, ist die enorme Vielseitigkeit. Als Apéritif eignet sich der Wein genauso wie als Begleiter herzhafter kalter und warmer Wurstgerichte. Und – mit einem leicht erhobenen Warnungs-Zeigefinger versehen – auch wahnsinnig gut als Durstlöscher und gewaltiger Suffwein. So soll es nämlich sein: Wer zum Lambrusco ein gut abgehangenes Kobe-Rind empfiehlt, hat gelinde gesagt eine Meise. Am Lambrusco nippt man nicht, sondern man trinkt ihn in großen Schlucken.

Fast habe ich das Gefühl, dass ich hier in eine kleine Sommer-Serie starte, auf der auch noch Beaujolais, Vinho Verde, spritziger Rosé und Trollinger auf mich (und mittelbar auch auf Euch) warten. Alle schön gekühlt. Ich habe sogar im Nachhinein die Überschrift noch geändert. Ist das okay, oder wendet Ihr Euch schon jetzt mit Grausen ab?

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10 Antworten zu Lambrusco – des Suffweins erste Folge

  1. Marqueee schreibt:

    Mit Grausen ab? Aber keine Spur – im Gegenteil: als überzeugte Suff-Wein-Köppe erwarten wir froh die nächste Folge.

    • chezmatze schreibt:

      Das freut mich ja, aber ich hätte es – zugegeben – bei Deiner offenen Sichtweise, was Weingeschmäcker anbelangt, auch nicht anders erwartet. Es gibt ja diesen Spruch, dass das Leben zu kurz sei, um schlechte Weine zu trinken. Ich würde noch hinzufügen: Das Leben ist auch zu kurz, um sich immer in denselben Weinbahnen zu bewegen.

  2. Marqueee schreibt:

    Hallo Matze, hier noch ein paar Anmerkungen von Oliver „I“ (nicht Dirk „Ü“) zu den Weinen:

    „Bisher habe ich noch nie feedback über Korkprobleme gehabt – vielleicht meint wirklich der überwiegende Teil der Säufer bei leichtem Müffeln ‚das gehört so‘. De facto wäre mir der Schrauber am Liebsten – aber Lambrusco und Schraubverschluss wird wohl in den nächsten 20 Jahren noch nicht denkbar sein😉

    CO2 wird nur bei den billigen Varianten/ Produzenten zugesetzt. Bei Ceci (und den anderen ‚teuren‘ Produzenten) wird gekühlter Most zugesetzt um eine 2. Gärung im Drucktank in Gang zu setzen. Und gerade dieser Most ist der kritische Punkt bei der Lambrusco-Herstellung: bis zu seinem ‚Einsatz‘ darf wirklich nix mit den Zeug passieren (Gärung etc.), sonst geht’s in die Hose.

    Fortana oder Fortanina ist eine Spielart der Raboso-Traube (Veneto/ Friaul). Trocken & jung wegen der Säure und des Tannins nahezu ungenießbar (dagegen ist Tannat geradezu ein Dornfelder…), daher auch der restsüße Ausbau.

    Generell präferie ich persönlich den Sorbara, , der Antico Bruscone ist mein Wurstbrotfreund und den 2003er genieße ich einfach nur so. Der ‚La Luna‘ hingegen ernährt ökonomisch betrachtet die 5-köpfige Familie. Dass halt zu dem spannenden Thema, ob das Gros der Deutschen überhaupt wirklich trockene Weine präferiert…“

    • chezmatze schreibt:

      Ah, sehr interessant. Natürlich auch, was die „Wahrheit“ über die Trockenweinsucht der Deutschen anbelangt. Lustigerweise hatte ich übrigens erst „Drucktank“ geschrieben und habe es dann durch „zugesetzt“ ersetzt (war rein spekulativ), weil es mir zu wenig gegensätzlich erschien. Mea culpa. Was den sauren und tanninigen Raboso anbelangt, da wartet noch ein Refosco auf mich, von dem ich ähnliche Qualitäten erwarte😉 Ich mag ja sowas…

  3. Marqueee schreibt:

    Und noch ein Nachtrag von mir: Der Othello hatte sehr wohl eine Jahrgangsangabe, in Form eine per Bändchen angehängten Etiketts mit der schönen Aufschrift: „Duemilatre“

  4. Eline schreibt:

    Sehr mutig, diese Verkostung.
    Lambrusco in der 1,5 l Flasche war in meiner Jugend DAS angesagte Getränk. Aus der Zeit stammt wahrcheinlihc auch das negative Image.
    Ich bin mit einen friulanischen Restaurantbesitzer befreundet, der so ziemlich das Beste und Teuerste in seinen Weinkellern zur Verfügung hat. Wenn aber das Thermometer über 30 Grad anzeigt, serviert er mit Grandezza und als Geschenk des hauses eiskalten Lambrusco zu köstlichen mit Ziegenfleisch gefüllten Tortelloni oder zu kurzgebratenem Fleisch. Sein Lambrusco (ich weiss nicht, von welchem Hersteller) ist fast trocken, dunkelrot und hat 7 % Alkohol. Ich könnte mich reinlegen …

  5. Frank schreibt:

    Lieber Matze,
    jetzt bin ich gerade noch über einen weiteren tollen Post von dir „gestolpert“.😉 Sehr interessant, was du zum Thema Lambrusco zu sagen hast! Ich finde es spannend, dass der Wein jetzt ein Comeback zu erleben scheint, nachdem er ja lange (zu Unrecht, meiner Meinung nach!) als billiger Fusel verkannt wurde. Habe neulich auch diesen Artikel zum Thema gelesen (
    http://www.emilia.de/lambrusco-wein.html), in dem z.B. auch nochmal erklärt wurde, woran man einen guten Lambrusco erkennt, vielleicht interessiert dich (oder einen der Leser) das ja auch.

    Und danke auch für deine Lambrusco-Tipps, davon werde ich demnächst sicher mal den ein oder anderen testen!🙂

    Liebe Grüße
    Frank

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