Weißwein aus dem Jura: Domaine Labet Savagnin 2000

Weine aus dem französischen Jura spielen in der Statistik des deutschen Weinhandels vermutlich überhaupt keine Rolle. Sie dürften noch nicht einmal eine eigene Rubrik besitzen, sondern unter „Frankreich, sonstige“ gelistet werden. Das ist genauso schade wie ungerechtfertigt, denn aus dieser Gegend westlich des Genfer Sees stammen einige der interessantesten und charakterstärksten Weine, die man für relativ kleines Geld bekommen kann. Egal ob rot oder weiß, schäumend oder oxidativ. Und sie halten sich erstaunlich gut. Das beweist dieser Weiße, den ich nach zehn Jahren jetzt auch endlich einmal geöffnet habe.

Was die Juraweine selbst für nur mäßig kundige Mitteleuropäer so leicht verständlich macht, das ist die Tatsache, dass sie in der Regel rebsortenrein ausgebaut werden. Man kann also meist auf dem Etikett erkennen, mit welcher Rebsorte man es zu tun hat. Falls es sich doch einmal um eine Cuvée handelt, sind die Verdächtigen schnell aufgezählt: Pinot Noir, Poulsard und Trousseau heißen die roten, Chardonnay und Savagnin die weißen Rebsorten. Hier haben wir es also mit einem reinsortigen Savagnin zu tun, und zwar mit einem sogenannten „Savagnin ouillé“. Was bedeutet das?

Nun, die große Jura-Tradition sind eigentlich die Vins Jaunes, die ebenfalls aus 100% Savagnin bestehen. Beide Formen werden im Holzfass ausgebaut. Während aber bei der „ouillé“-Version der verdunstete Schwund im Fass immer wieder aufgefüllt wird (wie normal üblich), passiert genau das bei der „non ouillé“-Version (also der Vin-Jaune-Version) nicht. Der Sauerstoff kommt ins Fass und lässt den Wein leicht, aber nicht komplett oxidieren, denn eine sich bildende Florhefe-Schicht auf dem Wein stoppt das vollkommene Braunwerden. Unter dieser Hefe entwickelt sich der Wein weiter und schrumpft vom Volumen her nach sechs Jahren um 17% (kann natürlich auch schwanken). Deshalb fasst die traditionelle Clavelin-Flasche, die für den Vin Jaune benutzt wird, auch nur 0,62 l und nicht 0,75 l.

Weshalb ich das an dieser Stelle erzähle, obgleich doch mein Wein hier ganz „normal“ ausgebaut wurde? Weil ich finde, dass über die Juraweine im Allgemeinen zu wenig berichtet wird und man sich solche Spezialitäten nicht entgehen lassen sollte, wenn man sie irgendwo findet. Die Rebsorte „Savagnin“ wird übrigens bei Stéphane Tissot, dem wohl bekanntesten Jurawinzer, auch als „Traminer“ bezeichnet, denn genau das ist er ampelographisch. Dieselbe Rebsorte wird im oberen Wallis auch als „Heida“ oder „Païen“ bezeichnet, wo sie bei Visperterminen am höchst gelegenen Weinberg Europas angebaut wird. Der Gewürztraminer ist übrigens die leicht rosafarbene und wesentlich aromatischere Variante davon, aber nicht dieselbe Rebsorte.

Nun aber zum Savagnin der Domaine Labet. Mittlerweile gibt es den derartig einfach bezeichneten Wein nicht mehr, und sein „Nachfolger“ wird als „Fleur de Savagnin En Chalasse“ bezeichnet. Dass sowohl Vater Alain (als Domaine Labet) als auch Sohn Julien (als Julien Labet Vigneron) aus unterschiedlich alten Rebstöcken diesen Wein mit zwei verschiedenen Etiketten bereiten, macht die Sache zusätzlich und irgendwie unnötig kompliziert. Beide stammen zudem aus derselben Parzelle von blauem Mergel.

Im Glas befindet sich bei mir sofort eine enorme Menge braunen Trubs, den ich im Schwung der Begeisterung gleich mit hineingeschüttet habe. Ein Blick auf den Kork zeigt mir aber, dass jener sich in einem ausgezeichneten Zustand befindet. Die Schwebeteilchen müssen also aus dem Wein selbst stammen. Goldgelb in der Farbe, in der Nase Fino-Noten, als ob da doch ein wenig Oxidation mit im Spiel wäre, dazu Curry, Gelbwurz, weißer Pfeffer, ein wenig Honig, aber fast gar keine Frucht. Ein Wein, der sehr auf der gewürzigen Seite steht. Am Gaumen bin ich über die enorme Säure verblüfft, die den Wein frisch gehalten hat. Falls noch jemand den Unterschied zwischen Traminer und Gewürztraminer für erfunden hält, hier ist er. Die Säure transportiert auch feine Fruchtnoten mit sich, die ich in der Nase noch gar nicht wahrgenommen hatte: Stachelbeere, saurer Bratapfel, ein wenig trockene Aprikose, dann auch wieder Zimt und Curry. Süße kann ich hier gar keine finden, und erstaunlicherweise sind auch die leicht oxidativen Elemente aus der Nase jetzt so gut wie gar nicht mehr zu schmecken.

Dadurch dass auch keine Firnnoten vorhanden sind, wirkt der Wein irgendwie komplett alterslos. Dem Korken nach zu urteilen, hätte er auch noch deutlich länger halten können. Ohnehin setzen die Labets mit ihrem langsamen und schonenden Ausbau (nur natürliche Hefen, alle Weine kommen ins gebrauchte Eichenholzfass) kompromisslos auf Haltbarkeit. Die Weinhändlerin in Paris, bei der ich diesen Wein erstanden habe, sagte mir, an einem zu jungen Labet-Wein hätte man viel weniger Freude als an einem gereiften. So sei es.

Meine Punkte: 5 für Eleganz, 8 für Charakter, macht 15,5 MP insgesamt. Ich habe für den Wein bei „La Dernière Goutte“ in Paris 14,90 € bezahlt. Obwohl ich mir einbilde, die Weine der Domaine Labet auch schon in deutschen Weinhandlungen gesehen zu haben, kann ich mich nicht an den Ort erinnern. Auf die Schnelle habe ich nur die Seite des Weincontors Wiesbaden gefunden, auf der zumindest angekündigt wird, dass sie Labet-Weine führen. Darüber hinaus kann ich die Juraweine aber insgesamt empfehlen. Ich bin jedenfalls schon öfter auf der Urlaubsfahrt nach Südfrankreich (oder eher auf der Rücktour) bei der Durchreise auf ein paar interessante Fläschchen gestoßen.

Habt Ihr auch schon Weine aus dem Jura getrunken? Wo habt Ihr sie gekauft? Was könnte die Ursache für den bräunlichen Trub in der Flasche sein, der sich übrigens geschmacklich nicht negativ bemerkbar gemacht hat?

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6 Antworten zu Weißwein aus dem Jura: Domaine Labet Savagnin 2000

  1. thvins schreibt:

    Hallo Matze,

    das wird doch langweilig, wenn ich mich schon wieder als großer Fan der Jura-Weine oute… Aber schon zu wissen, dass ich mit dir neben der Loire und manchen Prioratos / Südfranzosen noch eine weitere Schnittmenge habe.

    Wo ich meine relativ große Sammlung von sicher mehr als 100 Juraweinen gekauft habe? Bei den Winzern natürlich, wo sonst auch…

    • thvins schreibt:

      Da war der Finger wieder zu schnell auf dem Senden – Button…

      Vielleicht gibt es beim nächsten Besuch in Bernburg was aus dem Jura – essens- und Trinkenstechnisch.

      Beste Grüße

      Torsten

  2. chezmatze schreibt:

    Na Torsten, langweilig ist das wohl kaum. Ich glaube sogar, dass Du mit 100 Juraweinen im Keller die Nr. 1 östlich von Strasbourg bist. Jedenfalls kenne ich keinen Weinhändler in Deutschland, der mehr als zwei Winzer aus dem Jura im Angebot hat, und in Privatkellern dürfte das ähnlich aussehen. Ich habe grad mal nachgeschaut, ich habe elf verschiedene Juraweine im Keller, was immer noch mehr sein dürfte als bei den meisten anderen Weinfreunden. Okay, Du als Kletterer hast wahrscheinlich auch noch einen Affinitätspunkt mehr zum Jura…

  3. Keller G. schreibt:

    Ich wohne in der franz. Schweiz und kenne einen guten roten Jura-Wein „Côtes du Jura“.
    Hier eine Adresse:
    Fruitière Vinicole, rue du Ploussard F 39600 Puppilin.

    Santé!

    • chezmatze schreibt:

      Ja, die Fruitière Vinicole ist die dortige Genossenschaft. Die Weine finde ich alle okay. Allerdings halte ich die Rotweine von Tissot oder Rolet oder Puffeney noch für ein ganzes Stück besser. Leider sind sie außerhalb der Region keinem breiteren Kreis bekannt. Aber vielleicht ist das auch nicht gar so schlecht; schließlich lieben wir alle unsere Nischen 😉

  4. Christian schreibt:

    Hallo Matze,

    auch ich liebe die Weine des Jura sehr und habe mich bei der Gestaltung des Sortiments für meine Weinhandlung in Frankfurt auf diese Weine spezialisiert. Mittlerweile habe ich Weine von sechs verschiedenen Domaines im Programm. Darunter Labet, Didier Grappe, Bodines und Rousset-Martin.
    Einfach mal vorbeischauen und sich durchprobieren!

    Viele Grüße und weiterhin viel Erfolg mit deinem spannenden Blog,

    Christian

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