Im großen Garten

Nein, trotz der leicht in die Irre führenden Überschrift wird es hier nicht um die Barockgärten in Dresden oder Herrenhausen gehen. Und auch nicht um einen Pfälzer Wein von Knipser aus der gleichnamigen Parzelle. Hier geht es um einen Gemüsegarten, um den Garten meiner Eltern. Früher wäre es ein wenig vermessen gewesen, ihn als „groß“ zu bezeichnen. In meiner Kindheit besaß mein Heimatdorf knapp 700 Einwohner und mindestens 100 große Gemüsegärten. Heute leben noch 400 Menschen dort, unter denen sich – wenn ich richtig gezählt habe – vier Gemüsegärten verlieren.

Was ist da passiert? Nun, die Frage lässt sich nicht mit einem kurzen Satz beantworten. Viel ist nämlich passiert, und das nicht nur in meinem Heimatdorf, sondern in ähnlicher Form in vielen anderen Dörfern. Deshalb tun Name und geographische Position auch kaum etwas zur Sache, von Flensburg bis Villach dieselbe Chose: Rasenflächen, Swimmingpools, Doppel-Carports, Ziersträucher, Interpretationen von Zen-Gärten, Blumen, ein paar Kräuter vielleicht – aber kein Gemüse.

Lustigerweise ist mir die Rasenfixierung in dem Moment besonders aufgefallen, als eine Unwetterfront angekündigt war. Innerhalb von einer halben Stunde waren mindestens 15 Rasenmäher zu hören, die aus dem Dorf akustisch eine Cart-Bahn machten. Zwar möchte ich nicht bestreiten, dass es mittlerweile eine recht aktive Revival-Bewegung der Gemüsejünger gibt. Aber es ist eine urbane oder suburbane und keine ländliche Bewegung.

Bevor ich mich hier an einer ellenlangen soziologischen Abhandlung versuche, möchte ich nur ein paar Schlagwörter als Begründung dafür in den Ring werfen, weshalb denn derzeit – im Gegensatz zu wahrscheinlich fast allen vorangegangenen Zeiten – auf dem Dorf die Selbstversorgerneigung so gering ist: weniger Armut, weniger Kinder (die man mit wenig Geld durchfüttern musste), Industrialisierung der Landwirtschaft, globaler Handel mit Lebensmitteln, Sinken der Transportkosten, dementsprechend geringere Preise im Supermarkt, veränderte Ernährungspräferenzen (mehr Fleisch und Nicht-Jahreszeitiges), ein verändertes Zeitmanagement (Gartenarbeit als Freizeitbeschäftigung ist nicht wirklich beliebt), verstärkt Berufspendler (also schnell nach der Arbeit einkaufen, weil eh in der Stadt), weniger Selbstkocher und und und.

Kurzum: Gemüseselbstversorgung ist nur etwas für Leute mit sehr viel Zeit und einem ausgeprägten Hang zum Abweichlertum. Geld spart man jedenfalls nicht dabei. Aber es geht ja auch um etwas ganz anderes. Zwei wichtige Argumente für den Gemüseanbau fallen mir ein. Das erste ist quasi gleichzeitig die Grundvoraussetzung: Man muss die Gartenarbeit lieben. Ganz einfach.

Ich glaube, genau das tun meine Eltern. Sie lieben es, mit ihren eigenen Händen etwas zu erschaffen. Sie lieben es, im Wandel der Jahreszeiten zu leben und zu essen. Sie lieben es, die Vielfalt der Natur vor der eigenen Kellertür wachsen zu sehen. Vielleicht ist es auch psychologisch tröstlich, in jedem Frühjahr von Neuem das Werden mitverfolgen zu können, wenn man selbst im Alter eher die Empfindung hat, dass alles schwindet.

Das zweite wichtige Argument fürs eigene Gemüse lautet: Es schmeckt nicht nur besser, es ist auch besser. Aber nur, wenn man nicht mit Dünger, Unkrautvernichter und Schneckenkorn in den Garten zieht. Wer solche quasi-industriellen Anbaumethoden anwendet, hat den Sinn des privaten Gemüseanbaus nicht verstanden. Behaupte ich.

Denn der Vorteil, eine Sache nicht aus beruflichen Gründen, sondern als Hobby, als Liebhaberei machen zu können, liegt ja gerade darin, dass nicht alles gelingen muss. Im fetten Aueboden bei uns gedeiht beispielsweise nicht nur Gemüse, sondern auch allerlei Geziefer und Ungeziefer. Blumenkohl und Erbsen mussten deshalb schon vor Jahren aufgegeben werden. Auch Spätfröste und andere Wetterkapriolen haben schon oft die Kirsch- oder Erdbeerernte arg reduziert. Dafür wird halt nicht gespritzt oder anderweitig behandelt, und wir Kinder konnten alles direkt von Baum und Beet in den Mund pflücken.

Ich habe jetzt fast zwei Wochen lang auf den Garten „achtgeben“ dürfen, ein wenig gegossen, ein wenig geerntet und viel herumgeschaut. Mein momentaner Lebenswandel lässt sich mit der Bewirtschaftung eines Gartens nicht verbinden. Auch das Dorfleben kommt mir derzeit reichlich uninspirierend vor. Aber wer weiß, vielleicht haben sich in zwei bis drei Jahrzehnten die Zeiten geändert und ich mich mit ihnen. Dann erfreue ich mich an sprießenden Mangoldblättern und ernte die dicksten Kartoffeln.

 

 

 

Besitzt Ihr einen Gemüsegarten? Spielt Ihr mit dem Gedanken, einen solchen anzulegen?

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Alltag, Natur, Unterwegs abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Im großen Garten

  1. Eline schreibt:

    Schöne Impressionen!
    Ich hatte mal einen Gemüsegarten, so ein bisschen alternativ mit Bauernhaus und Brotbackofen. Jetzt in der Stadt habe ich keinen, hätte auch nicht die zeit dafür. ich bin mit Kräuter- und Chilizucht auf der Terrasse ausgelastet. Aber ich liebe es, zu Gärtnern. Gärtnerin war als Kind mein Traumberuf. Ich hatte zuhause immer mein eigenes Gemüsebeet mit Radieschen,Karotten und Monatserdbeeren, das prägt fürs Leben.

    • chezmatze schreibt:

      Wir Kinder hatten auch alle ein eigenes Beet, auf dem wir anpflanzen konnten, was wir wollten. Ich habe sogar mein Taschengeld dafür ausgegeben, Dahlienknollen, Erdbeerpflanzen und Samen zu kaufen. Ich glaube, ich habe sogar noch die verschiedenen Entwürfe dafür in irgendeinem Schrank… Irgendwie hatte ich das fast wieder vergessen, weil ich seit vielen Jahren nicht mehr die Gelegenheit hatte, im Sommer mal ein paar Tage in unserem alten Haus zu sein.

  2. Oinophilist schreibt:

    Lieber Matze,
    vielen Dank für Deinen schönen Gartenbericht, den ich wie viele andere Deiner Posts zum Thema Wein und Genuß mit großem Vergnügen gelesen habe. Meine Großmutter und meine Eltern bewirtschafteten einen Gemüsegarten, den ich immer gehasst habe, weil ich mitarbeiten musste und den Dreck an den Fingern nicht mochte.
    Heute würde ich das anders bewerten und wir haben zumindest für unseren kleinen Sohn eine winzige Fläche, auf der er Bohnen, Erbsen, Kohlrabi etc. pflanzen, wachsen sehen und ernten kann. Die Notwendigkeit der Rasenpflege (in Schwaben erste Bürgerpflicht) kann das nur bedingt reduzieren.

    Weiterhin viel Freude mit Wein und Co. wünscht Dir
    Oinophilist

    • chezmatze schreibt:

      Und weiterhin viel Spaß beim Lesen, lieber Oinophilist! Meine Eltern fragen sich – so kommt es mir vor – manchmal heute noch, ob sie mit ihrer Haltung, ihre Kinder nicht zur Gartenarbeit zu zwingen, uns eine zu stark spaß- und zu wenig pflichtorientierte Sichtweise mitgegeben haben. Der Meinung bin ich natürlich gar nicht. Wenn eine Sache von Herzen Spaß macht, dann kümmert man sich quasi wie von selbst darum.

  3. utecht schreibt:

    Gerade erst gelesen, Dein Gartenplädoyer: Ich bin ja neuerdings auch „Ackerer“, mit ähnlichem Background wie Du. Aufgewachsen auf dem Dorf und vor allem im riesigen elterlichen Gemüse-, Obst- und Hühnergarten. Später dann Stadtphase ohne Grün. Inzwischen: Zurück auf’s Land. Mit Ende 30 ein eigenes Stück Land gepachtet. Und begonnen, die Hände in die Erde zu stecken. Es ist: Großartig! Bisweilen: Ermüdend. Hin und wieder nenne ich mich Idiot!
    Aber seit wenigen Wochen ernte ich, Radieschen erst, dann Zucchini und Mangold, dicke und gelbe Bohnen. In wenigen Tagen sind die Tomaten und die Gurken soweit. Alles wird gut.

    Was aber auch stimmt: Gemüsegärtnern macht mich in meiner Peergroup zum Exoten. Und raubt bisweilen die Zeit zum Bloggen. Beides ist aber gar nicht so schlecht, letztendlich.

    • chezmatze schreibt:

      Ich hab auch bisweilen und vielleicht immer stärker das Bedürfnis nach etwas Konkretem, Geerdetem im besten Wortsinne. Ist vielleicht wirklich das Alter. Allerdings schwebt mir da bislang eher so etwas vor, was nicht darunter leidet, wenn ich mal wieder einen Monat lang nicht vor Ort bin. Das funktioniert mit einem Garten gerade im Sommer natürlich nicht… Mal schauen, ich brüte gerade eine Alternative aus…

  4. Die Küchenschabe schreibt:

    Lieber Matze,
    ich habe einen Garten, den ich am Anfang nur als Ziergarten genutzt habe. In den letzten Jahren bemühe ich mich vermehrt darum, mehr Gemüse und Kräuter anzupflanzen. Ich liebe alte Tomatensorten (12 heuer), Zucchini (sehr pflegeleicht). Die zwei Gemüsesorten müssen jedes Jahr gepflanzt werden. Außerdem bin ich jedes Jahr auf der Suche nach alten Sorten, die ich noch nicht kenne (heuer waren es Sclopit, Leimkraut, das im Friaul im Frühling eine Spezialität ist, echter Wasabi und Mönchsbart, Agretti. Von dem bin ich so begeistert, dass ich ihn irgendwie über den Winter bringen möchte :-)) Außerdem habe ich jede Menge Kräuter, Chilis, einen Klarapfelbaum, eine Apfelbeere, einen Mispelbaum, einen echten Wachauer Marillenbaum, Himbeeren, Erdbeeren Mieze Schindler. Ich kann es mir ohne Garten gar nicht mehr vorstellen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s