Das soll das beste Bier der Welt sein?

Vor einiger Zeit habe ich von einem Leser den Tipp bekommen, das „Firestone Walker Pale 31“ bei Gelegenheit mal zu testen. Warum? Weil es das beste Bier sei, das er je getrunken habe. Über solche Tipps freue ich mich wirklich jedesmal, denn Neugier gehört bei mir praktisch zu den genetisch festgelegten Eigenschaften. Und wenn eine Sache jemandem besonders geschmeckt hat, dann will ich das natürlich auch ausprobieren. Vorausgesetzt, es handelt sich um ein erschwingliches Gut, aber eine Flasche Bier ist ja kein Romanée-Conti. Da ich die kleinen Vergleichswettkämpfe liebe, habe ich dem kalifornischen Superbier noch ein solides englisches an die Seite gestellt, das „Samuel Smith Organic Best Ale„. Wer gewinnt also, die Neue oder die Alte Welt?

Der Aufwand, den ich treiben musste, um an diese interessanten Biere zu kommen, war schon fast unangenehm gering. Ich bin einfach zum Kaufhof in der Kölner Fußgängerzone gegangen. Dort fand ich das „Samuel Smith“ in der allgemeinen Bierauswahl und das „Firestone Walker“ im Aufsteller von Braufactum. Jener ist jetzt übrigens als offener Kühlschrank voll in die Weinabteilung integriert worden, 20 Zentimeter neben Sociando-Mallet und Léoville-Barton (den 2008er gibt’s dort für 59 €, das aber nur nebenbei). Die Biere kosteten jeweils 2,99 € für die 355ml-Flasche, was exakt zwölf flüssigen Unzen entspricht. Nun, es gibt drei Länder auf der Welt, die das metrische System noch nicht übernommen haben, und das sind die USA, Myanmar und Liberia. Wer gern liberianische Biere trinkt, kennt die Flaschengröße sicher bestens. Das Vereinigte Königreich übrigens befindet sich seit 30 Jahren in der offiziellen Umstellungsphase von der Meile zum Kilometer…

Nun noch kurz zu den beiden Herstellern, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten: „Firestone Walker“ ist ein typisch amerikanisches Startup-Unternehmen der ersten Stunde. In Paso Robles, also mitten im kalifornischen Weinbaugebiet gelegen, hatten Adam Firestone und David Walker im Jahr 1996 eine geniale Idee: Warum nicht Spezialbiere brauen und sie dann in gebrauchten Eichenholzfässern der benachbarten Chardonnay-Winzer ausbauen? Genial, aber leider im ersten Versuch völlig daneben. Erstens waren damals die Amerikaner noch nicht reif für ein kräftiges Bier aus Hopfen, Gerstenmalz und Wasser. Zweitens oxidierte ihnen die Biersuppe im schönen Eichenholzfass komplett, und übrig blieb ein köstlicher Malt Vinegar. Die beiden engagierten nach dieser Pleite einen echten Braumeister, und der brachte das Schiff zum Laufen. Heute brummt der Laden ungemein, was die ständig wachsende Zahl der weltweiten Fans belegt.

„Samuel Smith“ war irgendwann einmal auch so eine Art Startup, aber ich wage zu bezweifeln, dass man diese Bezeichnung seinerzeit benutzte. Die alte Brauerei wurde im nordenglischen Tadcaster bereits im Jahr 1758 gegründet, fungiert aber „erst“ seit 1886 unter dem Namen von Samuel Smith höchstselbst. Bis heute in Familienbesitz, geriert sich die Brauerei selbst als Hort ältesthergebrachter Traditionen. In den 300 Pubs, die Sam Smith beliefert (England ist ja in weiten Teilen klassisches Fassbierland), sind Softdrinks verpönt und Dudelmusik aus dem Radio gar verboten. Nur gefrorenes Convenience-Food, das gibt es mittlerweile. Ich bin mir übrigens gar nicht sicher, ob Sam Smith überhaupt „Real Ale in a Bottle“ im Sinne der Gralshüter von CAMRA herstellt. Zertifiziert organisch und vegan ist das Bier jedenfalls, und da gibt es ja gerade in England eine große Anhängerschaft. Aber die Kenner würden Sammy höchstens Außenseiterchancen geben.

Ins Glas mit den Bieren. Übrigens habe ich mich gegen den Humpen entschieden, den Ihr oben auf dem Bild sehen könnt. Zwar hat er eine schöne Umschrift, die folgendermaßen lautet: „Noah trank oft gern und viel, da doch sein immenser Durst ihn quälte. Aeskulap hingegen kneippte, wenn der Appetit ihm fehlte.“ Als Kind habe ich da nur Bahnhof verstanden. Im Steinkrug sieht man aber keine Bierfarbe, und deshalb nehme ich das Bierglas mit der ebenso schönen Aufschrift (die offenbar ebenso aus anderer Zeit stammt): „1. FC Lokomotive Leipzig – FDGB-Pokalsieger 1957, 1976, 1981“. Es sollten später noch zwei Pokalsiege hinzukommen, verriet mir die Statistik. Warum diese seltsamen Gefäße? Nun, meine Eltern sind im Wanderurlaub, ich passe auf das Haus auf und weiß leider nicht, wo sich im Haushalt die neutralen Gläser befinden. Sag mal Matze, würdest du jetzt endlich in die Gänge kommen? Okay, hier der Test:

Das „Firestone Walker“ macht sich optisch schon mal gut, gold- bis kupferfarben, leuchtend, schöne Schaumkrone. Die Nase ist sehr expressiv mit Massen obergäriger Fruchtnoten. Viel Aprikose, Dörrobst allgemein, auch eine deutliche Süße. Da bin ich ja mal gespannt, was Mr. Fruity am Gaumen zu bieten hat. Interessanterweise wird das Bier dort wesentlich milder. Zwar sind die aprikosigen Töne als Aroma weiterhin dominant, aber nicht als vordergründiger Pflatsch, sondern sehr schön in eine cremige Materie eingebunden. Erst im Abgang macht sich der Hopfen stärker bemerkbar. Es handelt sich mithin nicht um eines der „überhopften“ Biere, zu denen amerikanische Mikros gelegentlich neigen. Insgesamt, wenn ich das mal so zusammenfassen darf, fällt mir bei diesem Bier die Farbe Gelb ein, und zwar in allen Schattierungen, vom mimosigen Hellgelb aus dem Frühjahr bis zum Herbstlaub. Was soll ich sagen? Ein sehr schönes, aromenreiches Bier. Nichts, was mich total aus den Latschen haut, aber ein eindeutiger Probiertipp. Gerade für Leute, die Aromen in Bieren nicht so gewohnt sind (sagen wir mal Kölschtrinker), die aber trotzdem nicht den sensorischen Overkill der italienischen Krassbiere brauchen. 17 MP

Das „Samuel Smith“ wartet mit einer fast identischen Farbe auf, geriert sich in der Nase aber deutlich anders. Nicht von der Art der Aromen her, denn auch hier gibt es eine leichte Dörrfruchtsüße und Noten von gebackener Banane. Aber von der Intensität. Sammy duftet zwei Skalenwerte weiter unten als das Firestone, deutlich weniger offensiv. Im Mund wirkt das Bier erst einmal durch seine Malznote. Dann kommen langsam die fruchtigen Töne durch, aber weiterhin eher dezent. Dazu gibt es einen leicht grasig-heuartigen Geschmack, den ich auf meinem Schmierzettel als „Küchenkräuter im Zinkeimer“ beschrieben habe. Beim ersten Schluck bleibt auch der Abgangs-Hopfen noch relativ schüchtern, aber das ändert sich im Laufe der Zeit. Was mir nämlich auffällt: Das „Samuel Smith“ besitzt eine feine Intensität, die sich erst im Laufe des hoffentlich geruhsamen Trinkvorgangs einstellt. Wer hier nur einen Probeschluck nimmt, setzt sich der Gefahr aus, die Chose ungemein zu unterschätzen. Nach dem ersten Antesten hätte ich hier 15 MP gegeben, auch das schon nicht übel, aber zum Schluss halte ich 16 MP für gerechtfertigt.

Mein Fazit: Hier habe ich zwei gute Biere getestet. Beide obergärig, beide mit gelbfruchtiger Art und keinerlei störenden Fehltönen. Das Firestone palavert aber sofort los, während Samuel Smith noch schweigend im Ohrensessel sitzt. Von letzterem bin ich ehrlich gesagt positiv überrascht, aber ich habe halt auch gewartet, bis er sich zu Wort meldet und seinen Beitrag zum Besten gibt. A propos best: Ist das „Firestone Walker Pale 31“ nun das beste Bier der Welt? Nun, die ratebeer-User geben ihm aktuell 90%, sind also der Meinung, dass 9% der von ihnen getesteten Biere noch darüber stehen. Aber das ist albern, denn wer will ernsthaft eine Cantillon Gueuze oder einen 12%igen Barley Wine mit einem sauberen Obergärigen von 4,8 vol% vergleichen? Da sind sich Äpfel und Birnen ja noch deutlich ähnlicher. Für Anspruchsvolle ist das „Firestone“ nach meinem Dafürhalten ein ideales Alltagsbier. Durch die offensiven Fruchtnoten eignet es sich als Speisenbegleiter allerdings nur eingeschränkt. Danke also nochmal für den Tipp, mehr Biere dieser Art will ich sehen in deutschen Ladengeschäften!

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