Weiße Riesen von der Rhône mit der Bonner Weinrunde

Weißweine von der Rhône führen hierzulande ein Schattendasein. Kaum ein Weinhändler hat eine vernünftige Auswahl zu bieten. Die Argumentation lautet meist, dass die Kunden eher auf frische Rieslinge stehen würden. Damit beißt sich die Katze natürlich in den Schwanz, denn auf diese Weise wird niemand seine Vorurteile loswerden können. Glücklicherweise gibt es höchst private Bildungsinstitutionen wie die Bonner Weinrunde, deren harter Kern sich aus den Machern des unparteiischsten Weinblogs der Welt zusammen setzt. Und so saß ich denn letzten Samstag im „Grün der Zeit„, einer ausgesprochen sympathischen Weinhandlung in der Bonner Altstadt, und harrte der weißen Riesen, die da kommen sollten.

Quelle: Benoît France: Grand Atlas des vignobles de France

Bei jedem Treffen der Weinrunde erklärt sich ein anderer aus der Mitte der Weinfreunde bereit, für einen Abend den Gastgeber zu spielen. Das hat den unschätzbaren Vorteil, dass alle Weine zunächst blind verkostet und bewertet werden können. Nach jedem Doppelflight deckte Conférencier Steffen dann die Flaschen auf, und die Runde nahm das Ergebnis mal mehr und mal weniger überrascht zur Kenntnis. Die Notizen waren da natürlich schon längst geschrieben, Ihr habt beim Lesen also einen gewissen Vorteil gegenüber uns verzweifelt im Nebel Stochernden. Ich werde an dieser Stelle übrigens nur wenig Hintergründiges zu Lagen und Weingütern beitragen, sonst wären wir schnell wieder bei einem Artikel in Buchlänge (das wird aber auch so passieren…). Jetzt also los ohne weitere Vorbemerkungen:

0. Lustig, dass es bei Verkostungen immer wieder diesen ominösen „Wein Null“ gibt. Château Mourgues du Grès „Les Galets Dorés“, Costières de Nîmes 2010, 14 %vol, Grenache blanc, Roussanne, Vermentino (= Rolle, wie er in Frankreich meist heißt).

In der Nase ist der Wein floral mit einer blütigen Aromatik, wirkt aber auch ölig und feurig. So stelle ich mir einen jungen Wein von der Südrhône vor. Am Gaumen ist der „Goldkiesel“ enorm aromatisch und würzig, das überrascht mich hingegen. Baumblüte, helle Frucht, viel Pfeffer, auch Anis, also eine Kombination aus floralen Noten und Gewürzen. Am Schluss macht sich der Alkohol bemerkbar, der Wein darf nicht zu warm werden. Ich weiß, dass andere hier wesentlich niedriger gepunktet haben, aber ich fand den Wein nicht schlecht (und das, bevor ich das Etikett gesehen habe; er kostet nämlich nur ca. 7 € ab Hof). 14 MP.

1. Maison Guigal, Côtes du Rhône 2009, 13,5 vol%, Viognier, Roussanne, Marsanne, Bourboulenc.

Ein absoluter Massenwein, von dem das Handelshaus jedes Jahr enorme Mengen auf den Markt bringt. Viognier dominiert, Robert Parker gab 89 Punkte, der Witzbold. Sehr dezente Nase, ganz leicht Birne, ansonsten weiß, wirkt sehr leicht. Am Gaumen bleibt der Wein erst leicht und wird dann vollständig flach. Das erinnert mich an Reinzucht-Eskapaden. Erst weit weit hinten kommt ein nussiger Ton, dann auch ein wenig Feuer am Gaumenzäpfchen, ganz zum Schluss noch eine Bitternote. Ich finde den Wein ziemlich nichtssagend, obgleich natürlich deutlich im trinkbaren Bereich. Guigal liefert in Weiß und Rot in seinem Basissegment immer passable Qualitäten, aber passabel heißt halt 13 MP.

2. Château Mont-Redon, Côtes du Rhône 2009, 13 vol%, 90% Roussanne, 10% Viognier.

Die Nase macht auf mich wieder einen ziemlich zurückhaltenden Eindruck, sehr basisch, sehr blass, ein wenig Heu, kühl wie ein Eisbonbon. Am Gaumen erfreuen zunächst die etwas höhere Säure (ja, das kann man an der Rhône so sagen) und die Feinheit, während sich aromatisch relativ wenig tut. Dies ist ein typischer und wahrscheinlich sehr guter Essensbegleiter, der in seiner Jugend noch keine echten Aromen präsentiert. Steffen meinte, er hätte ihn schon in wesentlich besserer Form getrunken (den Wein). Im Moment ist er nett und geradlinig, aber auch ziemlich kurz. 13,5 MP.

3. Domaine de l’Oratoire St-Martin „Haut-Coustias“, Côtes du Rhône Villages Cairanne 2008, 14 vol%, Marsanne, Roussanne, Grenache blanc, Clairette.

Wesentlich dunkler als die Weine davor, fast mit rosafarbenen Reflexen. Wenn ich nicht wüsste, dass man an der Rhône in der Regel keinen Grenache gris benutzt, ich würde genau darauf tippen. In der Nase zeigt sich der Wein deutlich gereifter, Honig, Firn, Feuerstein, leicht Terpentin, ein ganz bisschen Quitte. Das Motto lautet: Weg mit den Pflanzen, her mit den Steinen. Am Gaumen ist unser Saft im ersten Moment sehr stark vom Holz dominiert, deutlich bitter und fast ohne Frucht. Die Substanz hat eine mittlere Konzentration, vorn an der Zungenspitze passiert fast gar nichts, alles kommt weiter hinten. Scharf schmeckt der Wein wie ein Kaffee mit zu viel Kardamom, wie eine Steinfrucht ohne Fruchtfleisch, dann Blockmalz und ein bitterer Abgang. Ein sehr kontroverser Wein. Mangelnden Charakter kann man ihm nicht vorwerfen, aber ein ganz klein wenig mehr Gefälligkeit wäre schon nett gewesen. Alle sind verblüfft, als sie das noch junge Alter erfahren. Ich gebe 14,5 MP, aber absolute Liebhaber des Groben können auch mehr geben, Liebhaber des Feinen müssen allerdings, nun ja, weinen. Ohne Reim zum nächsten Wein:

4. Château Mont-Redon, Châteauneuf-du-Pape 2009, 13,5 vol%, zur Hälfte Grenache blanc, dazu Clairette, Bourboulenc, Roussanne und Picpoul.

Aha, ein Wein, der jung wirkt in der Nase, aromatisch, zwischen Zitrus und Papaya, aber eher in die helle Richtung tendierend. Am Gaumen (oder vielmehr an den Zungenseiten) hat der Wein viel mehr Säure, ist pikanter, deutlich frischer. Die Materie lässt allerdings ein wenig zu wünschen übrig. Okay, Gewürze, Kräuter und das obligatorische Bitterchen sind da, aber es gibt nichts in der Mitte, was den Alkohol am Auslaufen hindern könnte. Wenn der Wein zu warm wird, kommt der Schnaps. Ich bin wenig erfreut und gebe 13,5 MP. Blind. Beim Betrachten der Appellation hätte ich diesem Wein vielleicht ein wenig mehr gegeben, aber zum Glück sind wir ja strikt neutral und nur unseren Sinnen verpflichtet. Das Etikett malträtiert jene übrigens nicht unwesentlich. Ich besaß einmal eine Platte eines klassischen Quartetts aus der Tschechoslowakei, die ich auf dem Flohmarkt erworben hatte. Deren Covergestalter muss in der Nähe von Avignon untergetaucht sein, scheint mir.

5. Clos des Papes, Châteauneuf-du-Pape 2001, 14 vol%, Grenache blanc, Clairette, Roussanne, Bourboulenc.

Wieder ein dunklerer Wein, also entweder Holz oder gereift. Oder beides. Meint jedenfalls die Nase, die Holz spürt, eine ziemlich belegte Frucht, basisch wieder, dazu Weißdorn, einer meiner Lieblingstöne aus dem Riechkasten. Am Gaumen prägt sich mir eine sehr dominante Haselnussschale ein. Petroltöne sind auch da, alles noch vorn im Zungenbereich. Im zweiten Drittel kommt eine gewisse Bitterkeit, während das letzte Drittel samt dem Abgang ein wenig kurz ist. Kräuterbonbon, ein bisschen Gemüse, ein bisschen Brandigkeit, nicht überzeugend. 14 MP. Und das ist nicht gerade ein günstiger Wein.

6. Château Beaucastel „Vieilles Vignes“, Châteauneuf-du-Pape 2007, 14 vol%, 100% Roussanne.

In der Nase kommt mir eine Note entgegen, die wie ein Sponti-Stinker wirkt. Ein ungemein spannender Wein, der sich mit zunehmender Luft ständig verändert – und wir sind erst bei der Nase. Erst wird er cremiger, das Holz scheint durch, dann kommen Aprikosennoten, eine direkt wollüstige Schmelzigkeit. Am Gaumen kommt dann sofort die Frucht, die für mich am ehesten einem weißen Weinbergpfirsich ähnelt. Dies ist ein sehr starker, viskoser und auch alkoholischer Wein mit immenser Würze. Trockene Kräuter folgen, eine mineralische Salzigkeit, alles hintereinander und nachher alles irgendwie gleichzeitig am Gaumen hängend. Ich persönlich glaube, dass dies ein sehr hochwertiger Wein ist, der sich fantastisch entwickeln kann, aber von den Aromen her eindeutig noch zu jung ist. Für mich mit riesigem Abstand der beste Wein bisher, 17,5 MP mindestens. Jetzt schon, und da kommt noch einiges. Dass es sich um einen derartig großen Wein handelt, erstaunt uns dann allerdings alle, denn der Vieilles Vignes von Beaucastel kostet gut und gern 100 €. Ich bin begeistert und entsetzt zugleich. Endlich gefällt mir ein Wein mal richtig gut, und dann kann ich ihn mir nicht leisten. Hätte ich allerdings fünf Mont-Redons im Keller, ich würde sie alle gegen eine Flasche hiervor eintauschen.

Damit verlassen wir die südliche Rhône, und ich lasse mich zu einem Zwischenfazit hinreißen: Eigentlich bin ich in anderen Regionen ja ein Freund der Mittelklasse, in der viel Charakter und eine anständige Form zusammen kommen. Hier – wiewohl meilenweit von irgendwelcher Repräsentativität entfernt – habe ich einen anderen Eindruck gewonnen. Die relativ kleinen Weine eines verlässlichen Produzenten bieten für geringes Geld rhônetypische Eigenschaften und eignen sich als Begleitung mediterraner Speisen. Olivenlastiger Speisen zum Beispiel, Tapenade, Kräuter, Rotbarbe, Fenchel, Ziegenkäse, so etwas. In der Mitte scheint das Alkoholproblem der Südrhône am deutlichsten spürbar zu sein. Ganz oben, und damit meine ich wirklich ganz oben, gibt es dann wieder so viel an sonstiger Materie, dass alles Unharmonische weggesteckt werden kann. Jetzt mögt Ihr fragen, was heißt denn für mich „ganz oben“, wenn ein Clos des Papes nicht dazu gehört. Also: Beaucastel, Rayas, Les Cailloux, vielleicht noch Marcoux und Vieux Télégraphe. Nebst ein paar Überraschungen, die man nie vorhersagen kann. Vor einiger Zeit hatte ich einmal einen 1993er Châteauneuf bei einem der unzähligen Geburtstage meines Vaters getrunken, großartig. Leider war das Weingut derart unbekannt, dass ich den Namen gleich wieder vergessen habe. Aber ein sicherer Wert ist ein weißer Südrhônist nicht unbedingt. Damit gehen wir in die Halbzeitpause und gönnen uns köstliche, tja, Tortellinis nach einem Rezept aus der Drôme. Genaueres kann ich dazu leider nicht sagen, außer dass es sich bei dem Fleisch um Pintade, also Perlhuhn handelte. Wen die Details interessieren, kann sie gern über mich bei Steffen erfahren, der auch als Küchenchef verantwortlich zeichnete.

Ich beginne beim Zählen jetzt nicht von vorn, aber uns wurde mitgeteilt, dass nun die steile, steinige Nordrhône auf uns warten würde. Preislich muss man hier für das untere Segment etwa das Doppelte veranschlagen, unter 15 € läuft wenig, aber die Anbaubedingungen sind auch völlig anders. Viel Granit, viel Handarbeit.

7. Yves Cuilleron „Les Cerfs“, St-Peray 2009, 13,5 vol%, 100% Marsanne.

Eins hatte ich noch vergessen bei der Nordrhône: Interessanterweise steht hier in der Regel der Winzer mit Namen auf dem Etikett und nicht irgendeine Domaine oder ein Château, wie das an der Südrhône üblich ist. Warum das so ist, weiß ich auch nicht, aber achtet mal darauf. Der erste Nordrhônese zeigt eine kräftige Farbe. An der Nase ist die Sache sofort sehr expressiv: Holz, Tropenfrüchte, auch ein kleiner Stinker. Am Gaumen kommen viele Früchte, das hatten wir bislang eher weniger. Ich schmecke etwas Quitte, Birne und Pfirsich, aber es gibt auch Mineralität und ein hinten loderndes Feuer. Was sich jetzt so positiv anhört, wird allerdings dadurch getrübt, dass erstens ein unangenehmer Bitterton gleich zu Anfang mit einzieht. Zweitens ist das Ganze höchstens mittelgewichtig und ziemlich unausgewogen. Von der Nase ausgehend hatte ich mir hier deutlich mehr versprochen, und ich notiere ganz vorsichtig 14 MP. Okay, 14,5, aber das war’s.

8. Yves Cuilleron „St-Pierre“, St-Joseph 2008, 13,5 vol%, 100% Roussanne.

Ein kräftiges Gelb steht im Glas. An der Nase ist heller Honig zu spüren, dazu Wiesenkräuter. Am Gaumen präsentiert sich eine für mich sehr schöne Säure, die ein langes Leben garantiert. Wie ich höre, gefällt das allerdings nicht jedem in der Runde. Ganz leicht laktische Noten sind zu spüren, eine deutliche Mineralität und einfach ein sympathisches Erscheinungsbild. Das nenne ich eine fachlich akkurate Beschreibung, aber diese Kombination aus Frische und sich andeutendem Gehalt – der Wein scheint mir noch zu jung zu sein – lässt mich die 16 MP zücken. Nach dem Aufdecken fühle ich mich fast ein wenig ertappt, dass ich schon wieder einer reinsortigen Roussanne meine Zuneigung geschenkt habe. Eine Rebsorte, die ich künftig mehr beachten werde.

9. Chapoutier „De l’Orée“, Hermitage 2005 (heißt bei Chapoutier nach altem Vorbild noch „Ermitage“), 14,5 vol%, 100% Marsanne. Für 75 € sehr günstig eingekauft.

Gelbliche Farbe. An der Nase Holz, Honig, Mineralität, soweit ganz nachvollziehbar. Am Gaumen kommt eine mächtige Klebstoffnote, sofort viel Viskosität, aber wenig Säure. Es gibt eine krasse Aromatik mit vielen Geschmackspartikeln, die in alle Richtungen fliegen, wieder Blockmalz, Honig, ein Feuer aus flüssigem Bernstein, viel Bitterkeit. Nur eine Sache stört mich massiv: Der Wein schmeckt mir nicht. Natürlich weiß ich noch nicht, was das ist und notiere spontan 15,5 MP, was mir ein guter Kompromiss zu sein scheint zwischen der objektiv erkannten Qualität der Materie und der subjektiv empfundenen Unattraktivität. Hier sind wir wieder mal bei dem zentralen Dilemma aller Bewertungen, vom Eiskunstlauf bis zum Schlager-Grand-Prix. Und, nur mal nebenbei, ein Dilemma heißt deshalb so, weil es sich nicht befriedigend auflösen lässt. Gebe ich viele Punkte, weil ich den Wein für wertvoll halte, bin ich unzufrieden, weil er mir nicht gefällt. Gebe ich wenige aus genau diesem Grund, verhalte ich mich unprofessionell, weil ich die Qualität ahnen kann. Ich finde Michel Chapoutier als Person, als Winzer und als Unternehmer höchst sympathisch. Vielleicht sollte ich mir als Buße einen kleineren Roten von ihm kaufen…

10. Chapoutier „De l’Orée“, Hermitage 1994, 13,9 vol%, 100% Marsanne, 115 €, aber nur, weil der Jahrgang nicht gerade als groß gilt.

Goldene Farbe, dunkelgolden fast. Das muss ein sehr gereifter Wein sein. Traubensaft in der Nase, Traubenkern, Muskatnote, Bratapfel, Malz. Ganz erstaunlich und irgendwie auch faszinierend. Was am Gaumen sofort klar wird: Hier kommt keine Frucht. Statt dessen dunkles Malz. Wer viel Bier trinkt, englisches Amber Ale vor allem oder auch mal ein fränkisches Dunkel, der kennt diese Note gut. Ein reiner Weintrinker weniger. Der Wein wirkt zusätzlich leicht oxidativ (oder halt ein ganz bisschen oxidiert), ein gewisser Sherry-Anklang, dazu trockene Botrytis. Irgendjemand bringt es auf den Punkt mit dem Begriff „trockene Beerenauslese“. Aber ohne Säure und ohne Frucht, dafür mit malzig-oxidativer Note. Ein ungeheuer komplexer Wein jedenfalls, sehr beeindruckend. Nicht wirklich schwierig in dem Sinne, dass man nur Bahnhof versteht, aber so speziell, dass es schwer fällt, aus dem Spektrum aller alkoholischen Getränke sofort und eindeutig auf das Wort „Wein“ zu tippen. Wenn ich 60 bin und die Welt in ihren zentralen Elementen verstanden habe, könnte das ein echter Genuss für mich sein. Bis dahin ist allerdings noch ein wenig Zeit. 16,5 MP.

11. Robert Niero „Les Ravines“, Condrieu 2006, 14,5 vol%, 100% Viognier.

Eigentlich hätte ich gedacht, dass nach dem L’Orée die Sache beendet wäre, denn wie sollte es noch kräftiger, gereifter und abgehangener weiter gehen? Aber es kann ja auch Kurven im Leben geben und nicht nur Geraden, weshalb jetzt ein wesentlich hellerer Wein im Glas steht. In der Nase ist auch mehr Frucht vorhanden, Aprikose mit Stein, dazu ein wenig Kräuter und wieder eine gewisse Malzigkeit (nein, das Glas ist gut ausgespült worden). Am Gaumen zeigt sich der Wein wesentlich zugänglicher: viel Frucht, die genannte Aprikose, dazu Mandarine, alles von einer deutlichen, angenehm pikanten Säure getragen. Dazu kommt eine Extraktsüße, die ein echtes Gegengewicht darstellt. Der Wein wirkt sehr jung, aber bereits sehr balanciert, die Fruchtsäure drückt den Alkohol einfach weg. Und dass jener da ist, kann man hinter der Fassade ahnen. Die hochwertige Anmutung in Kombination mit der Eleganz ergibt einen starken Wein. Ich gebe 17 MP, was vielleicht ein ganz klein wenig zu hoch erscheint, aber irgendwie habe ich nicht viel zu meckern. Vielleicht ist es aber auch genau das: ein bisschen mehr Dreck hätte dem Wein gut getan. Nach dem Aufdecken bin ich überrascht. Nicht wegen der Herkunft, Condrieu mit seinem Viognier kann man deutlich schmecken. Aber wegen des Herstellers. Robert Niero kannte ich bislang nur aus der Supermarktkette Cora, wo er die teuersten Rhôneweine des Angebots präsentiert. Zugegriffen habe ich nie, denn einen Winzerwein kaufe ich nun mal nicht im Supermarkt.

12. Mathilde & Yves Gangloff, Condrieu 2008, 15 vol%, 100% Viognier, 56 € hat Steffen dafür ausgegeben, und das ist fast noch ein Schnäppchen. Ich habe den Wein auch schon für 79 € gesehen, wenn man ihn denn überhaupt bekommt. Natürlich sind das alles Vorurteile, aber wer Leute wie Yves Gangloff oder den leider verstorbenen Didier Dagueneau schon einmal gesehen und erlebt hat, der weiß, dass sie mit ihrem Image als Kultwinzer irgendwie bewusst hantieren. Yves stellt nirgends seine Weine an, weshalb weder der Guide Vert noch der Bettane & Desseauve sie gelistet haben. Trotzdem gehören sie ohne Zweifel zu den besten (und auch teuersten) Weinen der nördlichen Rhône. Ich hatte glücklicherweise bei David Michel in Lüttich schon einmal das Vergnügen, das ganze Gangloff’sche Portfolio aus dem Jahrgang davor zu probieren. Diesmal wusste ich natürlich nicht, dass ich ihn vor mir habe, denn so genial bin ich beim Wiedererkennen dann doch nicht.

In der Nase ist der Wein sehr aromatisch und leicht parfümiert. Dabei geht es alles andere als eindimensional zu. Im Gegenteil, es gibt einen ganzen Haufen von Eindrücken: Rose, Honig, Baumblüten, Akazie besonders, dann eine rauchige, mineralische Bitterkeit und einen Touch helles, reifes Getreide. An der Zunge fällt sofort die schöne Säure auf, gepaart mit der Mineralik. 2008 ist ein insgesamt eher schlanker Jahrgang an der Rhône, der diejenigen ein bisschen irritiert, die die dicken Brummer vorheriger Jahre gewohnt sind. Mir gefällt das aber ziemlich gut – wenn es mit der Materie stimmt, schließlich möchte ich keine mit Regenwasser verdünnte Zitronensäure trinken. Hier stimmt aber alles: deutliche Würze, weiter dieser rauchige Anklang, Holzkohle, Bittertraube, alles sehr präsent. Interessant wird es dann beim Lagerpotenzial: Ich bin der Meinung, dass dieser Wein jetzt auf dem Höhepunkt ist, denn so frisch und gleichzeitig präsent kommen wir nie mehr zusammen. Optimale Speise dazu: Schnecken à la Crème, diese Kombination aus Ledrigkeit, fast wildartiger Intensität und mildem Ausklang. Rainer von der Weinrunde würde lieber noch zehn Jahre mit dem Öffnen warten. Wäre zwar ein interessantes Experiment, aber in Anbetracht des Preises und der Seltenheit dieser Flasche werden wir es leider nicht selbst durchführen. Vielleicht gibt es da draußen ja jemanden, der für uns eine Gangloff-Vertikale veranstalten möchte… Ach ja, 17,5 MP, mit dem Beaucastel VV zusammen der beste Wein der heutigen Probe.

13. Georges Vernay, Condrieu „Coteau de Vernon“, Condrieu 1997, 14 vol%, 100% Viognier.

Nicht wenige sind der Meinung, dass dies hier der beste Condrieu überhaupt ist. 60 € kostet der aktuelle Jahrgang ab Hof. Auch wenn dies hier nicht der Wein von Gangloff ist, können wir ganz hervorragend nachvollziehen, was denn die Jahre der Reifung mit einem hochwertigen Condrieu machen. Denn dass es sich um einen solchen handelt, merken wir schnell. Sehr gelb fließt oder eher gleitet der Wein ins Glas. In der Nase hat das Parfüm nicht abgebaut, ganz im Gegenteil: Rose und andere Blüten, Öl, alles etwas over the top, wie ein Schwall, dazu Malz, eine Schwefelnote, die aus dem Gestein entstiegen scheint und kandierte Orangenschale wie bei einem belgischen Witbier. Am Gaumen ist es mit der Aufdringlichkeit vorbei: null Frucht, enorm viel Bitterkeit, gepuffert allerdings von einem echten, honighaften Restsüße-Gefühl. Hinten am Gaumen bleibt zwar viel hängen, aber – so ist das mit der Subjektivität – mir ist dieser Wein zu lange abgelagert. Genau das meinte ich beim Vorgänger, aber wer einen Weißwein auf diese Art liebt, wird das mit derselben Berechtigung genau umgekehrt sehen. Für mich ein typisches Beispiel eines hochwertigen Weins (deshalb 16 MP), der aber keine degustativen Sympathiepunkte zusätzlich einfahren kann.

14. François Villard „Quintessence“, Condrieu 1999, 13,5 vol%, 100% Viognier.

Ohne weitere Analysewerte hören sich die obigen Daten erst einmal recht normal an. Dem ist aber nicht so. Es handelt sich nämlich um eine edelsüße Spezialität, die der Winzer mit einem enormen Mostgewicht eingebracht haben muss, denn süß heißt hier richtig süß, und 13,5 vol% ist nun mal das Doppelte einer deutschen TBA. Solche Weine gibt es gelegentlich an der Nordrhône, aber sie sind auch unter den Winzern höchst umstritten. François Villard ist aber auch ansonsten jemand, der einen richtigen Bumms in seinen Weinen liebt, also passt es stilistisch wenn schon nicht zu der Region, dann wenigstens zum Winzer. Schaut Euch einfach mal an, was Gary Vay-ner-chuk zu dem trockenen Villard gesagt hat. Ich hatte den Wein mehr aus Neugier gekauft. Eine tolle Verkostungsnotiz für den Nachfolgejahrgang 2000 gibt es übrigens beim Winedoctor, der Pflichtseite für alle Weinfreaks.

Unser Wein hier hat deutlich Botrytis in der Nase, ist aber nicht nur honigartig, sondern vor allem sehr vegetal, kräuterig, minzig, grasig. Am Gaumen ist der süße Condrieu ungeheuer viskos. Im vorderen Drittel dominiert die Botrytis total, der Honig kommt richtig gut zur Geltung wie bei einem Sauternes, dann folgt eine feine Würze in der Mitte, dazu Dörrobstnoten. Ganz leicht Kork hat er, finde ich, aber der Charakter wird davon jedenfalls nicht beeinflusst. Zum Schluss ist dann allerdings nicht mehr viel von einem großen Sauternes zu spüren; der Abgang von der Bühne erfolgt ohne großes Huldigen – schon weg. Ich schließe mich allen an, die behaupten, ein solcher Süßwein muss in dieser Region nicht unbedingt produziert werden. Aber er kann, und wenn ein Winzer Lust dazu hat, besitzt er alles Recht der Welt, sich auszuprobieren. Wenigstens fällt mir ein, zu welchem Essen man diesen Wein genießen kann: Crème brûlée – aber ohne die Schicht oben drauf. Die bringt der Wein nämlich selbst mit. 16 MP.

Zum Schluss noch ein kurzes Fazit zu den Weißweinen der Nordrhône im Speziellen und der Veranstaltung im Allgemeinen: Ich hätte nicht gedacht, dass mir die Rebsorte Viognier so gefallen würde. Vielleicht ist es aber auch so, dass sie nur in Condrieu oder ähnlichen Lagen derartige Ergebnisse bringen kann. Denn aus anderen Bereichen, seien es Südrhône, Spanien, Österreich oder gar Übersee, habe ich mich schon öfter mit parfümierten, platten Alkoholwässern herumgeplagt. Wer einen Weinberg auf einem Granitsockel mit einer Auflage aus Glimmerschiefer besitzt, kann es meinetwegen auch woanders versuchen. Das Ergebnis würde ich dann auch probieren wollen, ansonsten aber eher nicht.

Die zweite Rebsorte meiner Wahl ist die Roussanne, denn sie scheint in der Lage zu sein, die typisch rhônesque Kräuterigkeit und honighafte Blütigkeit mit einer entsprechenden Frische zu verbinden. Ob der Roussanne-lastige Wein dann eher aus Châteauneuf oder von der Nordrhône kommt, erscheint mir dabei eher zweitrangig zu sein.

Nur eine unglückliche Sache habe ich registrieren müssen: Ein guter Weißwein von der Rhône kostet echtes Geld. Oder nein, ein exzellenter Weißwein. Anständige Speisenbegleiter gibt es auch für zehn Euro, aber der wahre Weingenuss stellt sich erst beim dreifachen Betrag ein. Aber das ist natürlich meine subjektive Empfindung.

Was die Veranstaltung im Allgemeinen anbelangt, kann ich nur eins sagen: Hut ab und herzlichen Dank! Super organisiert, ein tolles, unkompliziertes Ambiente und eine ausgesprochen interessante Vielfalt an Weinen aller Preiskategorien. Wer schon einmal mehr als 15 Weißweine von der Rhône an einem Abend verkostet hat, der melde sich bitte. Nicht aus Wettkampfgründen, wer mehr und teurer getrunken hat, sondern zum inspirierenden Austausch.

Dieser Beitrag wurde unter Wein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Antworten zu Weiße Riesen von der Rhône mit der Bonner Weinrunde

  1. BerlinKitchen schreibt:

    Wenn ich das so lese, dann ich hab was für Dich. Wird Dir gefallen! Gerade erst am WE entdeckt: 2008 Matassa blanc. Bekommst Du für 27 € bei viniculture. Bei alleswein.com leider schon ausverkauft. http://viniculture.de/

    Photo+Beschreibung:
    http://www.alleswein.com/product_info.php?manufacturers_id=&products_id=55

    • chezmatze schreibt:

      Tom Lubbe, die neue Calce-Mafia, das sind wahrhaftig feine Weine! Ich hatte seinerzeit Thomas Teibert gefragt, ob es nicht ziemlich mutig ist, als neues und völlig unbekanntes Gut gleich mit einem Wein für fast 30 € auf den Markt zu kommen. Er hatte gerade mit der Domaine de l’Horizon angefangen. Er meinte, das funktioniert, Tom hätte das auch so gemacht, Gérard Gauby hat den Weg dafür ja ziemlich gut bereitet. Funktioniert aber nur wegen ihrer weltweiten Connections, würde ich sagen, obwohl die Weine wirklich toll sind. Dieses neue, frische Roussillon, das scheint mir – obwohl ich persönlich genau diesen Stil schätze – für die alten, Parker-angefixten Roussillon-Trinker immer fremd zu bleiben.

  2. Eline schreibt:

    Ich trinke weisse Rhoneweine sehr gerne.

    5.
    Clos du Pape in Weiss hat mich noch nie ueberzeugt,Rot kann grossartig sein.
    ad 6.
    Beaucastel Ch9dP VV Roussanne ist einer meiner Lieblingsrhoneweine in Weiss. Etwas „guenstiger“ (und weinger extrem) ist der Cuvee Ch9dP.

    ad 7.
    Da wir uns den Beaucastel nicht allzu oft leisten, gehoert ein St. Peray zu den preisguenstigen Alternativen. Allerdings von Tardieu-Laurent, deren Weine ich durchgehend empfehlen kann, auch den weissen Ch9dP.

    • chezmatze schreibt:

      Hast Du schon den weißen Coudoulet von Beaucastel getrunken? Ist vielleicht noch eine Alternative, denn auch der „normale“ Ch9dP ist ja schon recht festlich bepreist.

      Tardieu-Laurent, aber das ist nur mein Eindruck, scheinen mir in den letzten Jahren etwas arg in die Breite gegangen zu sein (die Weine natürlich). Ist mir mittlerweile zu modern, aber gut, von dem riesigen Angebot kenne ich natürlich nur einen Ausschnitt.

      Einer meiner persönlichen Lieblingsweine der Südrhône (diesmal in Rot) ist die Domaine du Cayron in Gigondas. Extrem konsequent, machen nur einen einzigen Wein, und den zu einem unschlagbaren Preis (16 € habe ich glaub ich bezahlt). Da lohnt sich jeder Jahrgang.

  3. Eline schreibt:

    Nein, den Coudoulet habe ich noch nicht getrunken.

  4. Eline schreibt:

    Nachtrag. ich (und H.) haben über deine Meinung zu den weissen Weinen von T-L noch etwas reflektiert. In Summe haben wir deine Erfahrung der Breite nicht gemacht. St. Joseph und St. Perray empfinde ich ich als im Vergleich zur Konkurrenz relativ schlank und elegant am Gaumen, ebenso den Ch9dP Blanc Vieille Vignes. Den trinken wir lieber als den eher breiten, fast pappigen Beaucastel Ch9dP, nicht nur wegen des Preisunterschieds von ca. 20 EUR (50 kostet der T-L, 70 der Beaucastel).

    • chezmatze schreibt:

      Pardon, die Roten meinte ich auch, hätte ich bei einem Weißweinpost natürlich dazusagen müssen 😉 Da hatte ich schon so drei bis vier Exemplare, die mir zu holzig und marmeladig waren…

  5. Thomas Riedl schreibt:

    Hallo Matze,

    ein gut lesbarer und sachlicher Probenbericht. Dein Fazit teile ich völlig. Viognier und Roussanne waren auch meine Favoriten. Eigentlich ein Anreiz, mal Viogniers aus Deutschland zusammenzustellen. Es gibt ja ein paar…
    Deine Photos gefallen mir auch. Die Querverweise machen Dich zum glaubhaften Netzwerker.

    Außerdem ein Danke schön für Deine lobenden Worte zur Atmosphäre und dem organisatorischen wie sensorischen Niveau der Bonner Weinrunde. Wo Du recht hat, hast Du recht 😉

    Du bist uns in jedem Fall jederzeit willkommen und ich melde mich wenn es an die Randlagen der Bourgogne geht!

    Thomas

  6. Pingback: Die große Verkostung: bei Chapoutier an der Nordrhône | Chez Matze

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s