Kleiner internationaler Weizenwettstreit

In den nächsten Tagen soll es ja immens heiß werden. Gut, wie üblich im deutschen Sommer kladderadatscht es spätestens am dritten Tag wieder vom Himmel wie nichts Gutes, aber bis dahin dürfen wir schwitzen. Unter derartigen Bedingungen sind mir alkoholische Getränke in der Regel keine angenehmen Begleiter. Aber wenn schon irgendetwas Vergorenes den Weg in meine Kehle findet, dann ein richtig kühles Weizenbier. Seinen Ursprung hat das Gebräu mit Weizen bereits in Babylon und im alten Ägypten, bekanntermaßen auch nicht gerade kalte Landstriche. Heutzutage streiten hauptsächlich zwei obergärige Stile um die Weltvorherrschaft: der „bayerische“ mit mindestens 50% Weizenanteil und der „belgische“ mit Koriandersamen und Orangenschale. Heute stehen sich zwei der bekanntesten Repräsentanten gegenüber, dazu noch ein etwas, tja, exaltierter Außenseiter.

Zunächst zum Klassiker aus München respektive Kelheim an der Donau. Dorthin verlagerte Georg Schneider IV die Produktion nicht ganz freiwillig, nachdem die Münchner Brauerei im Zweiten Weltkrieg ein wenig in Mitleidenschaft gezogen worden war. Bis vor zwei Jahren noch einfach als „Schneider Weisse Original“ bezeichnet, heißt das Flaggschiff nunmehr „TAP7 – Unser Original„. Hört sich albern an, soll aber darauf hinweisen, dass es auch andere Varianten, sprich „TAPs“ (= Fässer) gibt und sich nicht alle nur auf eine Sorte stürzen sollen. „TAP4“ habe ich hier ja schon einmal getestet. „TAP7“ wird seit 1872 nach dem Originalrezept gebraut, diese Litanei kennen wir ja von vielen Großbrauern. Ratebeer gibt dem Bier aber nach wie vor 95%, was nichts anderes bedeutet, als dass dieses Weizen weltweit als Aushängeschild deutscher Brauerkunst angesehen wird.

Dunkel ist die Farbe, Kastanie, trüb natürlich auch. Das gilt für alle drei Biere, denn selbstverständlich steckt bei allen die Hefe noch in der Flasche. Wer Kristallweizen trinkt, hat den Sinn dieses Bierstils nicht verstanden. In der Nase die typische Banane, leicht obergärige Frucht nur. Am Gaumen bleibt Banane die bestimmende Note, ein wenig Getreideanklang ist auch dabei. Aber insgesamt fallen mir besonders die geringe Süße und die erstaunliche Geradlinigkeit auf. Dies ist kein zitronig-erfrischendes Weizen, sondern ein Bier für alle Jahreszeiten. Der schönen Malzigkeit steht kein Hopfen entgegen, sondern eine durchaus mittelschwer zu nennende Getreidesuppe. Fehltöne oder faule Kompromisse gibt es nicht. Und damit gehört die Schneider Weisse, pardon, das TAP7, weiterhin als eines der wenigen Biere aus Massenproduktion zur erweiterten Spitze. 16 MP.

Kandidat 2 stammt dagegen aus einer lediglich mittelgroßen Brauerei. Jene befindet sich im südlichsten Teil der Niederlande, in der Provinz Limburg, und heißt nach dem Brauort „Gulpener„. Auch bei den Gulpenern hat sich die Inhaberfamilie nach wie vor erfolgreich gegen die Expansionsbestrebungen internationaler Großkonzerne gewehrt. Obwohl ihr vielleicht bekanntestes Produkt ein untergäriges Pilsener ist, genießt ihr Weizen den besseren Ruf. Der „Gulpener Korenwolf“ ist ein Witbier belgischer Art. Den Namen finde ich immer wieder nett, denn dass der Hamster im Niederländischen als gefräßiger „Kornwolf“ bezeichnet wird, bedeutet für mich, dass es in dieser Region nicht wirklich viel zu fürchten gibt. Anders als beim leicht puristischen bayerischen Weizen, sieht die Zutatenliste beim Korenwolf ein wenig üppiger aus: Wasser, Weizenmalz, Gerstenmalz, Roggen, Dinkel, Holunder, Hopfen, Koriandersamen, Orangenschale. Vier Sorten Getreide also, dazu noch Gewürze, die zwar gewöhnungsbedürftig anmuten, aber sämtlichst natürlicher Herkunft sind. 72% bei Ratebeer, also auch unter die besseren Bieren dieser Welt eingereiht.

Trübes Gelb wie ein Birnensaft im Glas. In der Nase viel Getreide, es war zu erwarten, dazu ein bisschen Koriander und ein Anklang nach puderigem Malz. Am Gaumen ist die Gewürznote zunächst deutlich milder als erwartet, aber dennoch schmeckbar. Was sofort auffällt, ist die ungeheure Geschmeidigkeit. So wie der Kornwolf zwischen den Halmen des Getreidefeldes umherflitzt, so flitzen die Geschmacksmoleküle auch um die Zähne herum und die Kehle hinab. Die Bananennote ist natürlich wieder da, aber auch ein sehr heller Getreideanklang, zusammen mit ein paar laktischen Nuancen. Die Kombination aus geringer Säure und leicht kräuterigen Noten lässt mich spontan festhalten, dass dies ein optimales Bier zu stark gewürzten Speisen ist. Asiatische Küche bietet sich an, aber auch – und das ist wirklich am anderen Ende der Schärfeskala, passt aber auch – gekochter Fisch. Ein gutes Bier, keine Frage, aber auch ziemlich weich. 15 MP für sich allein.

Unser letzter Kandidat fällt in eine etwas andere Kategorie. Nicht von den Zutaten her, denn das „Isaac“ der italienischen Gasthausbrauerei „Baladin“ des leicht abgedrehten, aber enorm kreativen Teo Musso ist ein Witbier im belgischen Stil. Aber der Preis… Wegen der unterschiedlich großen Darreichungsformen gebe ich bei Bieren immer gern den Preis pro 10 cl an. Beim Gulpener waren das 23 Cent, beim Schneider 28 Cent, beim Baladin sind es dafür glatte 2 €. Ein Spezialbier mit anderen Worten, das vielleicht nicht mittags an der Biertischgarnitur weggeschluckt werden möchte, sondern lieber abends am Bartresen. Trotz dieser selbstgewählten Ausrichtung gibt Ratebeer vergleichsweise geringe 64%, was natürlich immer noch überdurchschnittlich ist, aber nicht so gut wie erwartet. Nachdem ich vor ein paar Tagen ein wenig länger auf der Website der weltweiten Bierbewerter unterwegs war, sind mir allerdings einige Ungereimtheiten aufgefallen, die darauf hindeuten, dass je nach bewertetem Bier eine völlig unterschiedlich zusammen gesetzte Community für die Punktzahl verantwortlich ist. Ich werde weiter forschen.

Nun aber zum Isaac: Wieder ein trübes Bier, zwischen karamellfarben und angerösteter Butter, also heller als das Schneider, aber wesentlich dunkler als ein gewöhnliches Weizen. An der Nase verblüfft mich die Sache bereits. Das Bier ist sehr süß und fast blütig zu nennen, kombiniert mit einer gewissen Schärfe aus den Koriandersamen. Dass jene völlig anders riechen und schmecken als die Korianderblätter, davon kann man sich bei einem herzhaften Biss in beide Pflanzenteile gern überzeugen. Am Gaumen spüre ich nämlich sofort sehr stark jene Koriandersamen, zu stark für meinen Geschmack. Das Isaac wirkt eher wie ein Gewürzbier, bei dem alle anderen Nuancen verblassen. Die Orangenschale präsentiert sich zögerlich, von Banane oder gar Zitrone dafür keine Spur. Komischerweise kommen gegen Ende noch Anis- und Nelkennoten dazu, und damit verbreitet das Bier endgültig eine weihnachtliche Stimmung. Ich kann mir vorstellen, dass die Bierfreaks um Teo Musso ihre ganze Jugend mit fürchterlich dünnen Plörren verbracht haben. Jetzt aber genau das Gegenteil zu machen und ein an sich schönes Bier durch übertrieben hohe Gaben edler Zutaten aus dem Gleichgewicht zu bringen, kann auch nicht das Wahre sein. Wäre Robert Parker Biertrinker, würde er das Isaac lieben. Vermutlich. Ich gebe 14 MP, weil ich die handwerkliche Kunst schätze – aber nicht unbedingt den Geschmack.

Mein Fazit: Alle drei Biere sind gut gemacht und besitzen starke Charaktere. Ein ideales Hitzeweizen sieht allerdings anders aus. Das Schneider war zwar trocken und straight, hatte aber zu viel Bumms (5,4 vol%, nebenbei bemerkt). Der Korenwolf erschien mir schön getreidig, aber ansonsten ziemlich basisch – er will vor allem eine Mahlzeit begleiten. Und Isaac hatte sich schon damals bei seinen Söhnen bös getäuscht. Aber das ist eine andere Geschichte. Damit steht mein Sieger fest, auch wenn er gar nicht angetreten war: Er nennt sich saure Apfelschorle.

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8 Antworten zu Kleiner internationaler Weizenwettstreit

  1. Ralf schreibt:

    Hallo,

    muss es denn gleich ein Apfelschorle sein. Ich würde dir, um beim Weizen zu bleiben, die herstellung einen ‚Russen‘ empfehlen – hier in Bayern nix anderes als das Weizen-Pendant zum Radler. Hervorragend geeignet sind m.E. dunklere Weizen, wie z.B. das Schneider. Mit der Menge und der Marke des (Zitronen-) Limo sollte nach Geschmack experimentiert werden, und – eiskalt trinken.

    P.S.: Falls du mal in die nördliche Oberpfalz kommen solltest. In Vohenstrauß (an der Autobahn Nürnberg/Prag gelegen, nicht weit zur tschechischen Grenze) gibt es ein kleines Weizenbrauhaus Namens ‚Behringer‘, gelegen am Marktplatz, Ausschank bis dato m.W. nur in der recht einfachen Braustube, traditionell im Steingutseidl mit Deckel und Zitronenspalte, ein Weizen fast ohne Kohlensäure, aber frisch und süffig!

    • chezmatze schreibt:

      Hallo Ralf,

      huh, Vohenstrauß, so tief drin war ich noch nie 😉 Östlich der Linie Regensburg-Hof ist bei mir noch vieles weiß auf der Landkarte. Sollte ich aber dringend ändern, schon wegen der Zoigl-Tradition. Und vielen Dank für den Tipp, das hört sich gut an!

  2. Ralf schreibt:

    Na,

    wenn alles östlich der Linie Hof-Regensburg für dich Neuland ist, dann gibt es wohl noch so einiges zu entdecken.
    Zoigl – echtes Zoigl – ist sicher schon ein Thema für sich, so zu sagen Terroir-Bier, dass es ohne die Nord-Oberpfälzer wohl nicht mehr gäbe. Für Zoigl kannst du dich dafür auf eine recht kleine Region im Dreieck ‚Neustadt/WN – Windischeschenbach – Tirschenreuth‘ beschränken. Und, soweit ich weis gibt das Netz schon einige gute Infos hierzu.

    P.S. noch ein Tipp östlich Regensburgs, jedoch Niederbayrisches Flachland: Klosterbrauerei Mallersdorf – sogar auf ratebeer.com gelistet. Hier das ‚Hell‘ und das ‚Zoigl‘ eine Empfehlung wert. (Dieses Mallersdorfer Zoigl ist natürlich kein ‚echtes‘ Zoigl, sondern nur in der Art eines Zoigls gebraut – hefigtrüb, frisch, aromatisch, süffig; wenn schon Bier und kein Weizen, dann trink‘ ich gern so ein’s.)

    • chezmatze schreibt:

      Da hast Du mehr als Recht, dass es im Südosten noch so einiges für mich zu entdecken gibt. Einerseits bin ich ein großer Verfechter lokaler Traditionen, was einschließt, dass die Erzeugnisse nicht in der ganzen Welt zu haben sind (bei echtem Zoigl logisch). Andererseits ist es natürlich schade, an meinem derzeitigen Standort Köln so etwas nicht zu bekommen. Und per Internet bestell ich ungern, weil ich so viel im Ausland (und das heißt leider nicht die Oberpfalz) unterwegs bin, dass das Zeug garantiert dann geliefert wird, wenn ich nicht da bin.

      Ohnehin hat sich ja in Bayern in den letzten Jahren ziemlich viel in Sachen Bier getan. Als Laie würde man sicher denken, eh klar, aber so klar ist das gar nicht. Hoher Bierkonsum im Allgemeinen hat ja nichts mit Innovation zu tun. Was mir jedenfalls Harald (Schieder) so aus Oberbayern alles berichtet hat, klingt auch enorm spannend…

      • Ralf schreibt:

        Na Matthias,

        die grösste Problematik mit den Nord- und Ostbayerischen Bierspezialitäten, aus Kleinbrauereien, oder wie bei ‚Zoigl‘ aus sog. ‚Kommunbrauhäusern‘, ist: Du wirst diese wohl nicht mal über das Internet bekommen – keine Logistik, kaum ‚ausser Haus‘ Verkauf, wenn überhaupt, dann nur regionaler Vertrieb (z.B. bei der Kleinbrauerei ‚Mallersdorfer Klosterbier‘ kenne ich genau 1 Verkaufsstelle ‚ausserhalb‘, ein Regensburger ‚Süsswarengrossist‘, der nebenbei einen kleinen Getränkehandel betreibt – und ab und zu ein paar Kästen direkt in Mallersdorf abholt und das Leergut zurückfährt *grins* – wobei Mallersdorfer jetzt so zu sagen noch ein richtig ‚grosses‘ Brauhaus unter den kleinen ist, und ich diese Quelle nur deswegen habe, weil ich früher nur ein paar Schritte weit weg im gleichen Altstadtviertel wohnte.)
        Die Zoiglbrauer, ob aus Neuhaus, Windischeschenbach, Falkenberg, Mitterteich, Eslarn, etc. kennen eine Vertrieb gar nicht.
        Es wird gebraut und nach kurzer Lagerung in der Familieneigenen ‚Schankstube‘, oftmals ein umgebauter Stall, od. dergl., ausgeschenkt, bis das Bier weg ist und der turnusmäßig nächste Sud gebraut werden darf.
        Soweit mir geläufig werden 2 oder 3 Wirtshäuser im Ort, bzw. der Region, mit Brosamen des gebrauten Zoigl beliefert – mehr ist nicht.

        Und grundsätzlich gebe ich Recht mit der Aussage – „Hoher Bierkonsum im Allgemeinen hat ja nichts mit Innovation zu tun“ – und mit der Originalität oder Qualität des getrunkenen schon gleich gar nicht. – Da bleib ich doch meistens lieber beim Wein (aber nicht beim ‚Regensburger Landwein‘, der hat zwar Originalität, trifft aber meinen Geschmack bis dato noch nicht so ganz.

      • chezmatze schreibt:

        Genau das ist es, was ich meine. Dass es echtes Zoigl nicht in Flaschen gibt, ist bei der entsprechenden Tradition logisch. Aber bei den anderen Kleinbrauern (den guten, es gibt natürlich auch kleine, die nicht so toll sind, ebenfalls logisch) steht dieser Rund-um-den-Kirchturm-Gedanke ein bisschen den Fortbildungsmöglichkeiten Nord-, West- oder Ostdeutscher entgegen. Die „Craft Beer Revolution“ in den USA hat ja auch erst dann richtig Tempo bekommen, als es kalifornisches Mikro-Bräu auch vereinzelt in New York zu kaufen gab. Oder Cantillon in Brüssel: nur 1.000 hl pro Jahr, aber weltweit berühmt, weil in kleinsten Quantitäten weit verbreitet zu haben. Insofern sehe ich die Aktivitäten z.B. vom Bierzwerg mit großer Freude.

  3. Harald Schieder schreibt:

    Na da muss ich mich doch mal einklinken 😉
    Gute Nachrichten zum Kennenlernen der oberpfälzer und niederbayerischen Biere: Wir sind fürs nächste Buch dort unterwegs und alles, was wir mitbringen können, kann dann auch gern bei uns in Nürnberg verkostet werden… die ersten niederbayerischen Probeflaschen stehen schon im Kühlschrank! Also Matthias, Nürnberg ist gar nicht so weit!
    Viele Grüße,
    Harald
    P.S.: Gerüchte gehen um, die sagen, dass in Vohenstrauß nicht mehr selbst gebraut wird, aber wir sind bald da und werden berichten!
    P.P.S.: Und auch die Mikro-Bräu-Ambitionen in Bayern gehen voran! Bald gibts auch hier eine größere Vielfalt jenseits von Hell und Export… Uns sind allein schon vier IPAs in Oberbayern begegnet und es werden täglich mehr…
    Ach ja, seit Freitag gibts den Bierführer Oberbayern mit allen Brauereien und Bieren, ist gut geworden!

    • chezmatze schreibt:

      Hallo Harald,

      das freut mich ja alles zu hören! Die Mikro-Bräu-Ambitionen in Bayern finde ich auch höchst lobenswert, da kommt man ja bald aus dem Testen gar nicht mehr raus 😉 Aber gut so! Und dass der Bierführer Oberbayern super gelungen ist, wundert mich nicht. Hast Du schon je ein schlechtes Buch geschrieben? Übrigens habe ich hier (http://www.beck-shop.de/Schieder-Forster-Bierf%C3%BChrer-Oberbayern/productview.aspx?product=8751841) die Ankündigung gefunden „erscheint diese Woche“. Na dann.

      Nach Nürnberg komme ich auch gern wieder. Aber lasst die Flaschen nicht verderben, wenn’s noch etwas dauern sollte! Ich habe hier ein Dutzend französische Biere stehen aus der Gegend zwischen den Vogesen und der Bretagne. Alle obergärig natürlich… Da ist auch Bewegung reingekommen, man muss nicht immer nur Kronenbourg trinken 😉

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