BrewDog, die Bier-Rebellen aus Schottland

Im Jahr 2007 wurde die Mikrobrauerei BrewDog von zwei Freunden im schottischen Fraserburgh gegründet. Zwei Jahre später waren sie schon die größte Privatbrauerei Schottlands. Wiederum zwei Jahre später geht es um nichts weniger als die Weltherrschaft. Wie ist ein derartiger Aufstieg überhaupt möglich gewesen? Muss man immer noch nach Schottland fahren, um BrewDog-Biere kaufen zu können? Und vor allem: Schmecken die Biere von BrewDog überhaupt? All diese Fragen werde ich hoffentlich in meinem schlanken Artikel beantworten können.

Fakt ist: Bescheidenheit ist nicht die Stärke von James Watt und Martin Dickie. Oder sollte man besser sagen: von ihrer PR-Abteilung? Denn der Aufstieg von BrewDog hat von Anfang an nur zur Hälfte etwas mit dem Produkt selbst zu tun gehabt, die andere Hälfte der Investitionen floss und fließt in spektakuläres Marketing. So wird man auf der Website gleich mit dem selbstgewählten Motto „Welcome to the craft beer revolution“ begrüßt. Dabei gibt es nur eine Richtschnur: Krachen muss es, Auffallen um jeden Preis. Auf den Etiketten wird der Trinker in spe dann auch schon einmal beleidigt und als Industriebier-Schlucker diffamiert („Weißt du, was du hier gekauft hast? Du wirst es leider nicht begreifen können.“). Einige ihrer Marketing-Kampagnen sind durchaus witzig (wie der inszenierte Kampf mit dem Schorschbräu um die Krone des stärksten Bieres der Welt), andere dagegen reichlich daneben.

Was den BrewDogs von Anfang an geholfen hat, aus ihrer Nische bei Aberdeen zu kommen, waren Verträge mit den britischen Supermarktketten Tesco, ASDA und Sainsbury’s. Letztere wollten zeigen, dass sie an der „craft beer revolution“ teilhaben, erstere waren dafür bereit, ihr craft beer zu einem bescheidenen Preis abzugeben. Punk sieht anders aus, aber wie gesagt, zwischen Schein und Sein liegen manchmal Welten. Das wahre Sein des Bieres liegt aber nicht in der Verpackung, sondern im Inhalt. Insofern geht es jetzt ans Eingemachte:

Trashy Blonde, Golden Ale, 4,1 vol%, IBU 30

„IBU“ bezeichnet übrigens die „International Bitterness Unit“, ist also ein Indiz für die Hopfung. Je höher der Wert, desto bitterer. Eine IBU von 30 bewegt sich am unteren Spektrum dessen, was man von einem Pils gewohnt ist, liegt aber am oberen Ende eines Hellen. Ratebeer gibt dem Bier 86%. Wieso Prozent? Das ist ein ganz interessantes Prinzip. Es handelt sich nämlich nicht um einen absoluten Wert, sondern um einen relativen. 14% aller getesteten Biere sind besser gewesen, 85% schlechter. Wenn es also nur 100 Biere auf der Welt geben würde, wäre das Trashy Blonde die Nummer 15 auf der Liste. Mit anderen Worten: ein gutes Bier, aber nicht das allerbeste. Der zweite Wert betrifft die Stilkategorie. Hier gibt es von Ratebeer 99%, was bedeutet, dass es in seiner Kategorie, nämlich „Golden Ale/Blond Ale“, keine Konkurrenz zu fürchten hat. Was das Interessante an dieser Bewertung ist: Sie ist ständigen Veränderungen unterworfen, und zwar sowohl durch Bewertungen der Neutests genau dieses Bieres als auch durch neue Bewertungen aller anderen Biere. Faszinierend, oder? Mit einer solchen Methode könnte man sicher auch ein wenig Schwung in die Parker’sche 100-Punkte-Skala bringen. Da wäre es dann nämlich wurscht, ob er (oder seine Adjutanten) nur noch zwischen 90 und 100 Punkten bewerten; die relative Verteilung macht’s.

Sorry für diese Abschweifungen, mir war bloß grad danach. Das „Trashy Blonde“, denn da sind wir stehen geblieben, ist leicht gefiltert worden, obgleich sie sich auf dem Etikett deshalb selbst beschuldigen: „You know you shouldn’t“. Farblich erkenne ich ein trübes Orange, so schrecklich gefiltert sieht es also gar nicht aus. In der Nase süße Frucht, typisch für obergärige Biere, der Hopfen ist aber direkt spürbar. Am Gaumen ist das Bier leicht, erfrischend und deutlich bitter, vor allem in der Mitte. Die IBU-Zahl müsste eigentlich auch relativ gesehen werden, bei leichten Bieren wirkt sich die exzessive Hopfung viel stärker aus. Zudem wird da nichts durch irgendwelche Süße abgepuffert: Das Bier ist furztrocken und deshalb wirklich kompromisslos. Mir gefällt’s, aber mir gefallen ja auch sonst oberflächlich spröde Persönlichkeiten. Eine perfekte Begleitung zu Fisch und würzigem orientalischen Essen. 15 MP.

5 A.M. Saint, Amber Ale, 5 vol%, IBU 25

96% bei Ratebeer insgesamt und 100% im Stilbereich. Holla, das scheint bei den Experten äußerst beliebt zu sein. Mehr Alkohol und weniger IBU bedeuten in der Regel eine mildere Anmutung – trivial, ich weiß. Das Bier ist leicht trüb, rot-kastanienhaft in der Farbe. In der Nase werden die Fruchtnoten überdeutlich, dazu frischer Hopfen, abgemähtes Heu, Sommerblüten. Schön. Am Gaumen ist unser Heiliger sehr trocken, wieder mit diesen Heunoten, fast in Richtung raschelndes Laub. Malz gibt es praktisch gar nicht, nur Hopfen, und davon reichlich. Obwohl das Bier sehr fruchtig ist, wirkt es dennoch spröde, unsüffig fast. Auch hier hätte ich spontan auf einen deutlich höheren Bittereinheitenwert getippt. Solo schmeckt es nur dem Liebhaber, als Essensbegleiter ist es auch für die Allgemeinheit geeignet. Eintöpfe, gekochtes Fleisch, eine Gemüsesuppe, das wäre hierzu passend. Dennoch ein gutes Bier, 16 MP.

Punk IPA, India Pale Ale, 6 vol%, IBU 68

Für Freaks hätte ich auch noch die Hopfen- und Malzsorten bei den Bieren parat. Service können sie jedenfalls, die BrewDog-Boys. 68 Bittereinheiten klingt allerdings, nun ja, exzessiv. Immerhin handelt es sich um den Topseller der Brauerei. Ratebeer gibt 90% insgesamt, aber nur 73% innerhalb des eigenen Stilbereichs. Ein klares Indiz also dafür, dass IPAs durchschnittlich weit besser bewertet werden als der Rest der Bierwelt. Kein Wunder, viel Alkohol, viel Hopfen, das sind in der Regel nicht ganz billige Spezialbiere. Unser Punk ist getreidefarben und leicht trüb. Ich rieche wieder die obergärige Fruchtnote, aber wesentlich dezenter als bei den Bieren davor. Fast wirkt es so, als hätte der Alkohol die Frucht geschluckt. Am Gaumen wundere ich mich noch mehr: Der Alkohol ist eindeutig stärker spürbar, die Materie aber ungemein elegant, die Aromen eingedämmt, das Bier gleitet so dahin. Erst nach einer Weile kommt der Mann mit dem Hopfenhammer. Je wärmer das Bier wird, desto mehr entfaltet sich alles: der Hopfen, die tropische Frucht, vor allem Ananas, das Volumen. Dieses Bier würde ich auf keinen Fall zu kalt trinken, man bringt sich dabei um eine zusätzliche Dimension. Gegen den Hopfen hilft nur asiatische Küche, aber dafür ist ein IPA ja auch gedacht. Meiner bescheidenen Meinung nach das beste weil komplexeste Bier der Serie. 17,5 MP.

Und teuer waren diese Spezialbiere auch nicht. Ich sprach ja schon von den Supermarkt-Knebelverträgen. Dafür winkt jetzt halt die Weltherrschaft, eine ganz knifflige Kiste. Ich habe pro Flasche 1,99 € bei Albert Heijn in Roermond/Niederlande bezahlt. Da trifft sich der ganze Niederrhein zum Shoppen. Zum Glück gibt es die Biere von BrewDog seit einiger Zeit auch in Deutschland. Gelegentlich kann man sie in Berliner Kneipen bekommen, auf Nummer sicher geht man allerdings beim Online-Shop des Bierzwergs, 2,59 € für das Trashy Blonde beispielsweise. Ohnehin gibt es dort die beste Auswahl an Spezialbieren, die ich kenne. Wühlt Euch durch das Angebot und staunt.

Mein Fazit: Die Biere von BrewDog sind gut. Und sie bewegen sich in einem ganz anderen Preisbereich als diejenigen von Braufactum. Hoffen wir nur, dass sich diese ganze Marketingblase nicht auf einmal ins Unermessliche aufbläht und der Markt nach viel mehr Bier verlangt, als die Jungs auf redliche Weise brauen können. Dann droht nämlich die Verwässerung der Qualität. Bis dahin solltet Ihr aber schon längst Euer erstes BrewDog-Bier getrunken haben.

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6 Antworten zu BrewDog, die Bier-Rebellen aus Schottland

  1. Lijbosz Nek schreibt:

    Ich hatte zwar noch nicht die Zeit, vorbeizuschauen, aber laut Homepage gibt es die Biere auch beim „Bierland“ in Hamburg.
    http://www.bierland-hamburg.de/

    Wohlan.

    • chezmatze schreibt:

      Interessant, danke für den Link! Falls Du doch mal hingehst, kannst Du das Punk IPA ja mal mit dem Meantime IPA vergleichen. Sollte auf demselben Niveau sein.

      • Lijbosz Nek schreibt:

        Wie der Zufall es will, habe ich den Laden erst vorgestern entdeckt. Mit dem Rad sollte es nur 15min dauern, dorthin zu fahren. Demnächst mehr!

      • chezmatze schreibt:

        Das würde mich auch interessieren! Du kannst ja quasi als Gegenentwurf zu BrewDog auch das Krug Bräu Lager kaufen. Das ist eines der typischen Biere aus der Fränkischen Schweiz, ein sehr gutes dazu, sowas bekommt man selten im Norden.

  2. Lijbosz Nek schreibt:

    Ich muss zugeben, dass meine Bier-Sozialisierung mit Industriebieren erfolgte; gut möglich, dass da eine ganze Welt auf mich wartet, aber bis zum heutigen Tage muss ich verkünden, dass mir „Jever“ sehr gut mundet. Ich bin auch ein wenig von Deinen umfangreichen Beschreibungen der Biere eingeschüchtert, glaube jedoch zu wissen, dass man mit etwas Neugier und Unvoreingenommenheit in diese Richtung vorstoßen kann. Bislang gibt es bei mir leider nur 3 mehr oder weniger schwammige Urteile: schmeckt mir gut, schmeckt mir nicht & „so lala“. Differenzierungen kommen wohl mit der Zeit, hoffe ich.

    • chezmatze schreibt:

      Naja, um ehrlich zu sein, gilt die Kategorisierung in „schmeckt mir“, „so lala“ und „schmeckt mir nicht“ eigentlich immer noch, wie kompliziert die Beschreibungen auch aussehen mögen. Als ich in Bamberg studiert habe, hätte ich kein einziges der Bamberger Biere anders beschreiben können. Als ich dann meine Excel-Tabelle aufgemacht habe (jaja), gab es dementsprechend drei Noten: 1, 2 und 3. Übrigens glaube ich, dass das, was Du sagst, eigentlich auf alle Lebensbereiche zutrifft: dass man nur mit Neugier und Unvoreingenommenheit seinen Horizont wirklich erweitern kann. Ich muss allerdings zugeben, dass ein bisschen Fügung auch schon dazu gehört. Von Franken bin ich nämlich nach Belgien gegangen, und das sind nun einmal zwei Regionen, in denen man aus hunderten von Bieren wählen kann. Da wird Neugier dann auch schnell belohnt.

      Was Deine „Bierkarriere“ anbelangt: Kauf Dir einfach mal drei unterschiedliche Biere in diesem Laden, gib sie zu Hause in drei Gläser und versuche den Unterschied zu schmecken. Da kann man als Nr. 3 übrigens auch gern ein Jever nehmen. Ich werde in nächster Zeit wegen des Sommers noch jeweils einen Weizen- und einen Kölschtest machen, und da werden auch nicht unbedingt die strikt handwerklich gebrauten Biere am Start sein. Übrigens: Nahrungsmittel nach Geschmack auswählen zu können, ist ein großes Privileg unserer Zeit und unserer Situation hier in Europa. Deshalb sollte das meiner Meinung nach auch nicht in überkandideltes Luxusgehabe ausarten, sondern als Teil kultureller Bildung begriffen werden. Howgh.

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