Braufactum – Bierluxus made in Germany

Als Braufactum letztes Jahr mit einer feinen PR-Kampagne auf den Markt gegangen ist, berichtete darüber unter anderem auch die Badische Zeitung. Online gingen daraufhin zwei Kommentare ein. Der erste: „Ich will richtiges Bier und keinen Mischmasch.“ Der zweite: „Das ist alles andere als Bier und einen Artikel nicht wert, reine Zeitverschwendung!“ Ein interessanter Einblick in die bierige Realität hierzulande. Als ich jetzt ganz per Zufall im Kölner Kaufhof in einen Aufsteller von Braufactum gelaufen bin, musste ich natürlich die Biere haben. Alle acht.

Dass Braufactum eigentlich BraufactuM geschrieben wird mit affig großem M am Ende, ignoriere ich hier mal. Trotzdem sind ein paar Worte darüber nötig, wer oder was Braufactum eigentlich ist und wo sich die Braustätte befindet. Die übrigens sehr nette und interessierte Verkäuferin im Kaufhof drückte mir gleich mal eine sage und schreibe 112-seitige Broschüre in die Hand. Die „Kollektion 2010-2011“ wird darin vorgestellt mit schönen Fotos und exzellenten Bierbeschreibungen. Da sind Profis am Werk, dachte ich mir, und zwar auf ganzer Linie. Ein Journalist bräuchte die Verkostungsnotizen bloß abzuschreiben, ein schnell gemachter Artikel. Deshalb interessierte mich natürlich auch sehr, wer namentlich dahintersteckt.

Puh, jetzt wurde es aber dünn. Der Geschäftsführer der „Internationalen Brau-Manufacturen GmbH“, Dr. Marc Rauschmann, unterschrieb zumindest das Vorwort. Aber sonst? „Dezember 2009. Drei Bierfachleute machen sich auf, die außergewöhnlichsten Biere der Welt zu finden.“ Das klingt nach drei kleinen, aber innovativen Brauern, die sich inspirieren lassen wollen. Aber dann: „Niemand im Team glaubte jedoch ernsthaft daran, in den USA, in England oder Italien auf Revolutionäres zu stoßen.“ Hm, doch keine Brauer. Oder zumindest niemand, der sich schon mal ein wenig mit der aktuellen Weltbierkultur befasst hat. Jedenfalls keine „Bierfachleute“ im strengen Sinne. Ansonsten steht in der Broschüre nichts über die Macher. Rätsel über Rätsel. Wenn Ihr die Wahrheit wisst, könnt Ihr sie jetzt schon rausposaunen. Ich teste für Euch erstmal die Biere.

Colonia, „Obergäriges Bitterbier“, 5,1 vol%, 3,49 € (Kaufhof-Preis):

Ein Kölsch mit Stammwürze, voilà. Mittlerer Spund, schöner Kölschgeschmack nach frisch gemähtem Gras, erfrischend, Hopfen bereits nach der Hälfte des Schlucks angekommen, wenig Malz. Ein schöner Appetitanreger, Obergäriges für Pilsfreunde. 15 MP

Darkon, „Elegantes Schwarzbier“, 5,4 vol%, 3,99 €:

Thüringens Beitrag zur Weltkultur. Okay, da war noch ein bisschen mehr… Röstmalz in der Nase, nicht pilsig wirkend. Am Gaumen persistente Kohlensäure, sehr dunkle Röstaromen, geschrotete Kaffeebohnen, Säure gut, nicht süß, mir etwas zu brausig. 14 MP

Marzus, „Charaktervolles Märzenbier“, 5,5 vol%, 4,49 €:

Fast im Wiener Stil, scheint mir. Wunderschöne Rottönung gegen das Licht, fast wie Zuckerkulör. In der Nase malzig-süß, etwas erdig. An der Zunge erst malzige Noten, dann haut die üppige Hopfenbeigabe ganz schön rein. Nicht wirklich stilecht, eher ein Märzen-IPA. 14,5 MP

Roog, „Feines Rauchweizen“, 6,6 vol%, 4,99 €:

Da winkt das Bamberga Schlenkerla. Gutes Schaumverhalten, trüb ist allerdings gar kein Ausdruck. Wirkt wie feste Materie. In der Nase Toffee und Banane mit Rauch. Am Gaumen sehr rauchig, wenig Säure, letztlich zu fad nach dem Gewitter, die Pikanz fehlt etwas. 15 MP

Progusta, „Edel gehopftes Bitterbier“, 6,8 vol%, 5,49 €:

Ein India Pale Ale, vermutlich eher der amerikanische Stil. In der Nase klassisch obergärig: getrocknete Aprikose, Gras, Spülwasser. Am Gaumen erst viel Süße an der Zungenspitze, dann Trockenfrüchte, Maronen, später Bitterhopfen – passt alles hervorragend! 17 MP

Indra, „Weizen India Pale Ale“, 6,8 vol%, 5,99 €:

Best of both worlds sozusagen. Ungeheuer trüb, Caramel beurre salé. In der Nase obergärig-fruchtig, mehr Pale Ale- als Weizen-Anklänge. Am Gaumen erst Weizen-Leichtigkeit mit viel Schaum, dann Fruchtester, Orange, viel Hopfen. Frucht gut, ansonsten leicht unausgewogen. 15 MP

Clan, „Hochwertiges Scotch Ale“, 6,4 vol%, 6,99 €:

Obergärig natürlich, und das riecht man auch. Zunächst feinporiger Schaum, in der Nase dann Frucht, Spülwasser und Zimt. An der Zunge zunächst lebendige Säure, dann Fruchtigkeit, deutliches Röstmalz und Hopfenbittere. Schön, wirkt aber fast, als könnte es noch lagern. 16 MP

Oscur, „Deutsches Porter-Bier“, 6,9 vol%, 8,49 €:

Die alte osteuropäische Porter-Tradition, sollte das Highlight werden. Ärgert mich aber zunächst, die Flasche explodiert. Die Hälfte spritzt unaufhaltsam raus, ein Viertel kommt ins Verkostungsglas, das andere Viertel fange ich im Kölschglas auf. Handwerkliche Fehler, Jungs! Schwarze Farbe, in der Nase röstsauer, wie es sein sollte. Am Gaumen erinnert es mich fatal an das Kernel, das ich hier schon mal getestet habe: zu gewollt, wirkt anstrengend. Das Bier besitzt eine extrem verbrannte Malznote, fast wie der letzte Rest aus der zwei Stunden britzelnden Büro-Kaffeekanne. Sollte man das Schaumproblem in den Griff bekommen, würde ich das Bier allerdings zu Sauerbraten empfehlen, als Marinade und als Getränk. Am Glasboden sehe ich nachher eine dicke Hefeschicht. Ist hier etwa zu viel davon reingekommen? 12 MP, so sehr ich solche Experimente auch schätze.

Mein Fazit: Das sind alles höchst interessante Biere, die hoffentlich ein breiteres Publikum finden, das die „Originale“ noch nicht kennt. Für absolute Freaks sind allerdings nur das „Progusta“ und das „Clan“ echt auf Weltniveau. Probiert das „Progusta“ zu asiatischer Küche und das „Clan“ zu reifem Käse, das ist die Vollendung. Dass hier nicht der gewöhnliche Biertrinker angesprochen wird, merkt man allerdings schon an den frechen Preisen. Ich weiß, dass die Italiener das auch machen. Aber das sind kleine Ein-Mann-Betriebe. Wobei wir beim Punkt wären.

Hinter Braufactum verbirgt sich die Radeberger Gruppe, ihres Zeichens Teil des Oetker-Konzerns. Sitz der GmbH ist Frankfurt/Main, die frühere Binding-Zentrale also. Hinter diesem Projekt steckt meinetwegen eine kleine Projektgruppe, aber jede Menge Geld. Geld eines Konzerns, der ansonsten für die Verwässerung der deutschen Bierlandschaft verantwortlich zeichnet. Denn wer würde ernsthaft behaupten wollen, dass Binding, Henninger, Radeberger oder Berliner Kindl gute Biere sind? Wollen uns die Großbrauer veräppeln mit ihrer „Drei Männer auf Biersuche“-Geschichte?

Andererseits: Die Brauer, die die Braufactum-Biere verantworten, verstehen definitiv ihr Geschäft. Sie werden diese Biere sicherlich mit viel größerer Begeisterung brauen als die Plörre, die sie ansonsten produzieren müssen. Ich fresse einen Besen (nein, nicht schon wieder!), wenn Progusta-Brauer Janssen nicht der Jever-Mann ist, Eiselt und Ludwig aus Sachsen und Thüringen stammen (die Namen der verantwortlichen Brauer stehen auf den Etiketten). Wenn der deutsche Biertrinker schon so dumpf ist und nur das Wort „Reinheitsgebot“ lallen kann, obwohl er gar nicht weiß, wie viele Zusatzstoffe das inzwischen beinhaltet, dann – ja dann muss vielleicht ein Großkonzern mit viel Geld her, der deshalb den notwendigen Atem hat, um diese Bierspezialitäten endlich auch mal auf den einheimischen Markt zu werfen.

Wiederum andererseits gibt es mittlerweile einige innovative Kleinbrauer in vielen Landesteilen und benachbarten Ländern, die höchst interessante Dinge ausprobieren (siehe zum Beispiel hier oder sogar viel eher noch hier). Jene müssen gegen die gesetzlichen Bestimmungen kämpfen, haben aber nicht das Kleingeld im Hintergrund. Werden sie jetzt überrannt von der Radeberger Maschine, zumal wir Verbraucher ja auch die 112 Seiten Katalog bei jedem Bier mitbezahlen? Oder schlägt der Gigant hier mit der Axt eine große Schneise, die die Kleinbrauer dann nutzen können?

Dass die Bierrevolutionen in den USA, England, Belgien und Italien anders gelaufen sind, nämlich wirklich „von unten“, brauche ich nicht besonders zu betonen. Aber vielleicht geht es im schwerfälligen Deutschland wirklich nur so.

Was meint Ihr dazu? Ist ein innovativer Großkonzern eine Freude oder ein Ärgernis? Und für alle Weinfreunde als Übersetzung: Stellt Euch vor, Gallo lässt von Sven Leiner einen Spitzenrotwein im Scharzhofberg herstellen. So in etwa…

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46 Antworten zu Braufactum – Bierluxus made in Germany

  1. BerlinKitchen schreibt:

    Hab diese Biere auch letzte Woche verkostet, ein echtes Erlebnis. Das beste Bier was ich jemals getrunken habe: Progusta

    Grüße aus der Hauptstadt,
    Martin

    • chezmatze schreibt:

      Hallo Martin,

      stimmt, war schon ausgezeichnet. Hast Du auch die italienischen Biere probiert aus dem „Kühlschrank“? Die habe ich jetzt noch nicht beschrieben.

      Ach, was ich vergessen hatte zu sagen: den Aufsteller gibt’s im Kaufhof Berlin (Alex), Köln und München, erstmal versuchsweise. Ansonsten bietet das Internet natürlich auch genügend Bestellmöglichkeiten. Dennoch: Wenn’s ein kleiner Brauer gewesen wär, der diese Biere gemacht hätte, wär ich glücklicher. Craft beers made by craftsmen sozusagen.

  2. BerlinKitchen schreibt:

    Nee, die hab ich nicht probiert. Übrigens, die Biere gibt es auch in den Filialen von Frischeparadies Lindenberg. Das Clan Scotch Ale fand ich auch spannend.

  3. Markus schreibt:

    Ich stehe total auf die BraufactuM Kollektion. Der absolute Hammer ist das Pale 31 von Firestone Walker. Ich bin kein Freund von Superlativen, aber dieses Bier ist für mich das beste Bier, das ich jemals verkostet habe. Diesen Abend werde ich nie vergessen. 😉 Seitdem ist mein Kühlschrank voll davon…

    • chezmatze schreibt:

      Ihr seid doch alle gekauft 😉 Hat ja schon einen Haufen Preise gewonnen, das Bier, selbst bei ratebeer gut weggekommen. Da sollte ich auch mal nachschauen…

  4. Markus schreibt:

    Glaub es mir: Wenn Du auf blumige Ales stehst, dann ist das Pale 31 der Kracher! Cascade & Fuggle Hopfen mag ich ohnehin sehr, sehr gerne…

    So, bin dann jetzt mal eine Woche im Urlaub an der Nordsee! Werde hier öfter mal vorbeischauen, ich habe den Blog heute gefunden.

    • chezmatze schreibt:

      Ich glaub Dir aufs Wort. Hatte neulich BrewDog „5 a.m. Saint“ getrunken, nicht mit Cascade, aber Centennial. Auch immens fruchtig, ich werde noch über die BrewDogs schreiben. Dir viel Spaß an der Nordsee und wenig Regen!

  5. La schreibt:

    hey, nachdem ihr euch mit der Bierkultur auskennt bräuchte ich eure Meinung:
    Mein Freund liebt Bier, allerdings trinkt er die Klassiker, Augustiner, Tegernseer helles,Hacker Sternenweisse etc.
    Wollt meinem Freund nun mal was anderes schenken und dacht da an das Erlebnisset von Braufactum, weil er gerne Bier trinkt. lohnt sich das? Wie ist das Bier? Oder würdet ihr mir was anderes empfehlen?
    Soll eben mal was ganz anderes sein, was ich eben nicht beim Tengelmann etc. ums Eck kaufen kann…

    • chezmatze schreibt:

      Sorry fürs etwas späte Beantworten: Ja, lohnt sich absolut. Gerade für Leute, die a) bierinteressiert sind, aber b) bislang nur die „Klassiker“ kennen. Da ist das eine echte Horizonterweiterung. Gerade auch, weil die Begleitinformationen wirklich hervorragend sind. Klar ist das Paket, wenn man’s nur auf den bierlichen Inhalt reduziert, ein bisschen zu teuer. Aber da es in Deutschland ja kaum solche Läden wie den „Biertempel“ in Brüssel gibt, wo man sich ein paar hochwertige und krass unterschiedliche Biere individuell zusammenstellen kann, ist das Paket auf jeden Fall eine lohnende Sache.

      Viele Grüße, Matze

      • MATS schreibt:

        Alter, Du bist doch ein Marketingschwein…

        Habe mir heute im Kaufhof Alex zwei Flaschen Indra gekauft – klare Sache, lecker Zeuch, aber für 14 EUR/L ein klares Legitimationsproblem hinsichtlich des Preises.

        Im Bordeaux oder Languedoc müssen die Winzer halt mittlerweile ihre überbewerteten Güter beim Verkauf ihrer Devotionalien einrechnen – aber beim Bier?!?

        Fraglos eine andere Liga, beerenaromatiger rektaler Abgang inklusive.

        Marketingmässig – Hut ab…

        In der Grenzbetrachtung trennt sich die Spreu vom Hopfen.
        Und wird bereit sein, für lecker verbraute Biere Schweinepreise zu bezahlen.
        Schönes Experiment, werde kaufen…

      • chezmatze schreibt:

        Ich sach ma‘ so: Am Anfang steht für mich das Produkt, also ganz nackt ohne jedes Brimborium. Wenn mir das gefällt, ist es schon mal schön. Bei Produkten, die mir nicht gefallen, hilft dann auch die ganze Philosophie dahinter nichts. Aus dieser Warte heraus sage ich ganz klar: Ich will als Bierfreund solche Biere pro-bieren. Die Braufactum-Produkte sind nicht die Krone der Schöpfung, aber ich finde es super, dass jemand solche Biere macht.

        Punkt 2 ist dann die Philosophie, der Brauer, das Drumherum. Hier haben wir es mit einem Großbrauer zu tun, der sich aber nicht traut, das zu sagen. Das missfällt mir, und zwar nicht so sehr der Großbrauer an sich als vielmehr dieses So-tun-als-ob. Das Design allerdings und die Art der Präsentation sind extrem professionell und auch ansprechend. Passt zum Preis.

        Das ist Punkt 3, und da wird der Bogen ein bisschen überspannt. Du sagst es ja schon. Allerdings bin ich nicht der Meinung, dass Bier nur zum Wechlunken da sein darf und deshalb preislich unterhalb von 70 Cent die Flasche angesiedelt sein muss. Das reine Durstbier sollte es natürlich auch geben. Aber für ein schönes Biergeschmackserlebnis passen dann auch drei Euro die Flasche. Vor kurzem habe ich mir allerdings in Brüssel das Westvleteren 12° für schlanke elf Euro die kleine Flasche gekauft. Aus Neugier mache ich sowas schon mal. Sonst dürfte ich auch nicht von mir behaupten, dass ich mich für Bier wirklich interessiere, wenn ich da plötzlich Scheuklappen anlegen würde. Aber da ist der Bogen schon sehr deutlich überspannt. Wobei das natürlich eine andere Geschichte ist. Westvleteren macht eben überhaupt keine Werbung, und der Preis kommt praktisch nur durch die Zwischenhändlergewinne zustande…

  6. Lakritze schreibt:

    Es rollt ja gerade eine Bierwelle durch die mir bekannten Blogs, daher war ich schon über Braufactum gestolpert … Danke für die Hintergründe!
    Ich hatte mich beim Durchblättern der Braufactum-Seite primär darüber amüsiert, wie viel teurer sie sind als http://www.bierzwerg.de — (teilweise) die gleichen Biere, aber völlig disjunkte Zielgruppen. Das Webdesign will halt auch bezahlt sein.

  7. eichiberlin schreibt:

    Kompliment für einen tollen und differenzerten Bericht. Einige Fragen werde zu Recht aufgeworfen und bleiben wohl noch eine Weile aktuell. Die Anmerkung, warum in Deutschland der Pfad dieser besonderen Biere nicht „von unten“ eingeschlagen wurde, ist berechtigt. So übernimmt also die Radeberger-Gruppe „von oben“ und inspiriert hoffentlich einige Craft-Brauereien.
    Mal shen, wie sich Braufactum durchsetzt. Man hätte gerne die gehobene Gastronomie als Abnehmer für die Biere. Hier sehe ich die größte Hürde, denn die Gastronomen müssen die dementsprechend gesalzene Preiskalkulation an den Endverbraucher umrechnen. Einige Restaurants hier in Berlin haben die Braufarctum Biere im Sortiment und rufen dann Preise auf, bei denen der durchschnittliche Biertrinker in Deutschland vermutlich erstmal einen Schnaps benötigt. Beispiel: Progusta 330 ml: 12.- Euro, 750 ml: 24.- Euro; Xyauyú Gold von Birra Baladin 500 ml: 58.- Euro.
    In Italien zumiondest funktioniert das Motto bereits: trinke weniger, aber besser.

    • chezmatze schreibt:

      Ja, das mit der Zielgruppe beschäftigt mich auch. Etwas bösartig könnte man sagen, die beiden weit verbreitetsten deutschen Eigenschaften beim Thema „Essen und Trinken“ sind Schnäppchenjagen und Protzen. Ersteres funktioniert bei den Braufactum-Bieren natürlich nicht. Um aber Zweites machen zu können, muss „Bier“ an sich einen anderen Stellenwert zugesprochen bekommen. So wie teilweise in Italien. Aber ich denke, die Ausgangsbedingungen waren auch ein bisschen unterschiedlich: Hier ist Bier in erster Linie Nahrungsmittel, in Italien hat es sich – dank der Craft Brewers – ziemlich schnell quasi aus dem Nichts als Genussmittel (statt Wein) etablieren können. Deshalb die höheren Alkoholprozente (das Xyauyù hat ja 13 Umdrehungen, wenn ich mich nicht täusche), deshalb natürlich auch geringere Trinkmengen.

      Mittelfristig könnte ich mir sehr gut vorstellen, dass auch in Deutschland das Interesse an „wertigen“ Bieren wächst. Eigentlich wären die kleinen, regionalen Brauer (mit urbaner Kundschaft) prädestiniert dafür, das mal auszuprobieren. Hier in Köln gibt es ja schon die Braustelle (http://www.braustelle.com/) mit ihren Spezialbieren, und Euer Brewbaker in Berlin schlägt ja in dieselbe Kerbe. Preislich ist es da ja möglich, mit dem „Standard“-Kölsch oder -Pils erst mal die Klientel zu teasen und nicht gleich für den Einstieg 12 € zu verlangen.

  8. Hallo,
    Viele wahre Worte hier in diesem Artikel und in den Kommentaren. Schön zu lesen! Die „Bierspezialitäten“ in Deutschland wachsen von Tag zu Tag und die Wertigkeit hat auf jeden Fall bereits hinzugewonnen. Fakt ist, dass andere Länder auf jeden Fall weiter sind. Da gehört sogar Österreich dazu. Wir in Deutschland sind ganz am Anfang aber ich sehe viele positive Tendenzen. Auch etwas größere Brauereien wie z.B. Schneider Weisse, Veldensteiner, etc.. probbieren sich immer mehr mit Bierspezialitäten und das ist gut so. Ich denke in naher Zukunft wird sich einiges mehr bewegen!!

    Ich finde bei Braufactum ist einfach ein „Geschmäckle“ mit dabei, dass die Radeberger Gruppe und somit Dr. Oetker dahinter steckt. Das Ganze hat quasi Vorteile, da der deutsche Konsument hochwertige Biere serviert bekommt, die einfach per Mausklick zu bestellen sind, auf der anderen Seite steht Radeberger nicht gerade dafür die Bierkultur in Deutschland zu pflegen. Also was ist das Ganze?? Ein Art „Green-Washing“ oder wie ist es zu nennen?

    Nun gut, die Preise sind meiner Meinung nach überzogen. Das Design und CI von Braufactum ist natürlich bestens und viele Leute kaufen auch dort ein. Ich denke Braufactum sondiert derzeit den Markt und in einiger Zeit wird es wohl eine riesen PR-Aktion geben…

    Eigentlich sollten die „Brauspezialisten“ ihre Biere nicht über Braufactum anbieten und sich dagegen wehren. Wir brauchen eigenständige Händler, Importeure, Brauer, etc.. die solche Kreationen anbieten und keine Großkonzerne die eine Nische entdeckt haben. Das wäre der falsche Weg.

    Viele Grüße,
    Der Bierblogger Felix …

    • chezmatze schreibt:

      Vielen Dank für Deinen Kommentar, den ich nur unterschreiben kann. Fast habe ich den Verdacht, bei Braufactum wird noch mal jemand als Projektleiter getestet, ob er das Zeug dazu hat, Vorstand werden zu können ;). Nein, aber ernsthaft. Was ich in Belgien und Frankreich, teilweise auch in England sehe, ist eine zunehmende Zahl an kleineren „Epicerien“ oder Einzelhändlern, die ausgewählte Spezialbiere von kleineren Brauereien aus dem ganzen Land anbieten. Die meisten davon sind wirklich interessant und individuell. Von Deutschland kenne ich das praktisch gar nicht. Im Weinhandel, okay, da gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Einzelhändlern, die ein sehr schönes Angebot vorweisen können. Aber Biere? Wenn da neben den nationalen Marken und zwei bis drei lokalen Produzenten noch ein paar Einzelflaschen im Regal stehen, sind das meist industrielle „Spezialbiere“ wie Leffe oder Budvar, die den Duft der weiten Bierwelt verbreiten sollen.

      Dass man an den allgemeinen Deutschbiertrinker eh noch lang nicht rankommt, wurde mir neulich mal wieder bewusst, als ich ein paar schrecklich verunglimpfende Kommentare unter einem schönen Artikel über dänische Mikros auf Spiegel online lesen musste. Ich weiß auch nicht, ob man die Bierliebhaber wie die Weinliebhaber teasen sollte, denn „artisanal“ ist mir als Tendenz immer viel lieber als „Luxus“. Dass es immer mehr Brauer gibt, die interessante (und trotzdem trinkbare) Biere anbieten, macht aber Hoffnung. Ich denke, auch solche Bücher wie dieses (http://www.carllibri.com/Bierfuehrer-Oberbayern) oder Eure Website können schon eine ganze Menge anstoßen. Man müsste halt meiner Meinung nach wirklich mehr an den Handel rangehen – oder gleich selbst einen Laden aufmachen 😉

  9. hop schreibt:

    Genau,
    gleich selber einen Handel aufmachen. Da bin ich gerade dran,
    und suche Austausch oder auch Mitstreiter.
    Die Braufactum-Vermarktung hat schon was. Allein das Flaschen-
    Design weckt Neugier und verspricht Wertigkeit. So kann man am
    besten Weintrinker und die Genussfreudigen zum probieren bringen.
    Es hängt heutzutage wohl alles an der Marke und dem beiliegenden
    lifestyle. Wenn man es darauf runterbricht, machen es die brewdog-
    Punker genauso. Ist verführerisch, das sehe ich an mir selbst. Seit
    Jahren überzeugter Linux-Nutzer (technisch, politisch), reizen die
    Apple-Produkte doch ab und an. Kommt man nicht gegen an.
    Wie kann man jetzt einen „Gutes-Bier-Laden“ aufziehen? Gute Lauflage
    und kleiner, oder mit größerem Angebot und mehr abseits?
    @Felix: …es braucht mehr eigenständige Händler…
    Stimmt! Das ist aber für kleine/mittlere Händler gar nicht so einfach,
    ein breiteres Sortiment anzubieten. Einkauf direkt über Brauereien,
    Mindestabnahme, Transportkosten, ggf. Zoll. Oder über Importeure/
    Großhändler: Hat man ein breiteres Sortiment ggü. dem Bezug über
    Brauereien, aber eine recht geringe Marge.
    Der holländische Importeur den ich kontaktierte, sieht das mit dem
    deutschen Markt auch so. Seine Expansion geht zuerst Richtung Nord-
    europa und nach Italien, erst später nach Deutschland.
    Was also brauchts hier: Werbung, lifestyle, community, Exklusivität,
    guerilla-marketing, oder nur Qualität und Einzigartigkeit?
    Zum Schluß: Ein sehr schöner Blog!
    Gruß
    hop

    • chezmatze schreibt:

      Ich glaube, ein echtes Patentrezept gibt es da nie. Das wäre auch komisch, denn die menschliche Psyche funktioniert nun mal nicht mechanistisch. Ich als Konsument muss sagen, dass die Qualität zwar vielleicht nicht das Element ist, das einen zu Anfang anstößt, aber es bleibt das nachhaltigste. Wenn ein Produkt in Wirklichkeit nichts taugt und ich einen Mummenschanz drum herum veranstalte, bekomme ich nicht das Publikum, das ich haben will. Es sei denn, ich mache immer nur one shots, ohne ein Produkt mittelfristig etablieren zu wollen.

      Die Schwierigkeiten mit dem deutschen Markt sehe ich leider genauso. Aber dafür schlummern hier quantitative Potenziale, die zum Beispiel Schweden, das ja nur ein Zehntel der Einwohner Deutschlands besitzt, nicht bieten kann. Was den Biervertrieb hierzulande für kleinere Händler auch erschwert, ist der geringe Preis für Bier im Allgemeinen. Ein Kasten, der genauso viele Kilos wiegt, wie er Euros kostet, das funktioniert schlichtweg nicht. Vielleicht könnte eine engere Verbindung mit dem Gastrobereich etwas bringen, aber das müssten halt auch Restaurants oder Bars sein, bei denen die Philosophie stimmt…

    • Lutz schreibt:

      @hop re “Gutes-Bier-Laden”

      Lauflage vs. abseits? Lauflage bringt viel Arbeit und Umsatz, ist allerdings mit höherem Risiko verbunden (die Miete ist immer fällig)
      Deshalb bevorzuge ich eine abseitige Lage. Das reicht am Anfang zwar nicht zum Leben, aber das Risiko ist überschaubar. Außerdem kann man hemmungslos ausprobieren, was den Kunden gefällt und was gar nicht läuft. Wenn man das dann genau weiß und die richtigen, günstigen Quellen kennt, kann auf eine bessere Lage umsteigen.
      (Im übrigen ist der Einkauf das geringste Problem, die hohen Transportkosten ruinieren die Marge)

    • Tobias schreibt:

      Hallo Hop,

      leider habe ich Deinen Beitrag erst jetzt entdeckt. Ich wollte Dich fragen, wie es Dir weiter ergangen ist mit Deiner Idee einen eigenen Laden zu eröffnen, denn ich selbst schlage mich auch schon geraume Zeit mit Gedanken dieser Art herum. Ich selbst bin seit ca. drei Jahren ein großer Fan internationaler Microbrews (besonders Belgien, USA, Denmark und GB) und die Idee, den dt. Biermarkt etwas „umzukrempeln“ finde ich äußerst spannend.

      Würde mich freuen, was von Dir zu hören, Tobias

  10. loablschmid schreibt:

    Quo vadis, cervisia ?!
    Außer Waldhaus ist bald nichts mehr rein.

  11. Lutz schreibt:

    Verspäteter Kommentar:

    Der Trend zum Edelbier ist nicht mehr aufzuhalten. Jede regionale Brauerei mischt mit. Hachenburger (Westerwald) hat jetzt 2 Biere auf den Markt gebracht und will 15 € vom Endverbraucher. Das ist schon dreist.

    Ob Braufactum was reißt? Professionelles Marketing ist in manchen Märkten auch Selbstmord (vgl. Bionade). Mir sind alle Bierflaschen suspekt, wo nicht drauf steht, wo’s gebraut wurde. Wenn sich rumspricht, das es von Binding ist, ist schnell finito. Ob Dr. Rauschmann davor bange ist? Vielleicht zielt Binding ja auf andere Käufergruppen, z. B. die Wein- und Whiskytrinker?

    Zum Begriff Macketing überhaupt: Mit professionellem Macketing ist Warsteiner in 15 Jahren von 5,5 Mio hl auf 2,8 Mio zurückgegangen. Augustiner hat sich im gleichen Zeitraum fast verdoppelt, mit ganz anderem Macketing.

    Im übrigen ist 10 € sich eine Schmerzschwelle für den ordinary Biertrinker. Gutes aus Belgien gibt es schon für 5 bis 8 € für eine große Flasche – mit Qualität wie Chimay oder Cantillon.

    Die Blase (und das ist sicher eine) platzt, wenn Krombacher einsteigt und das erste Edelbier für 4,99 € auf den Markt bringt. Die beobachten die Chose von Binding sicher ganz genau. Vielleicht ist Oettinger aber schneller, mit Oettinger IPA für 1,99 € (oder doch besser 0,99 €?) – dann ist aus und vorbei.

    Hier in Berlin geht der Trend eindeutig zum Hellen aus Bayern. Augustiner hat den Anfang gemacht, jetzt fragen Bierfreunde schon nach Schönramer, Hofmühl oder Mahr’s. Das ist Qualität zu einem reellen Preis.

    • chezmatze schreibt:

      Sehr interessant, was Du da schreibst. Sehe vieles genauso. Und ja, ein gutes, handwerkliches Helles (bin ja selbst wieder im Süden) ist gerade im Sommer und zum Essen fantastisch. Zudem kann man es preislich und geschmacklich leicht vermitteln. Allerdings habe ich ein wenig Bedenken, wenn (wie grad gestern) ich im Supermarkt Weissenoher oder Aufsesser für 69 Cent die Flasche bekomme. Nichts gegen günstige Preise, aber wenn Qualitätsbier so billig hergeschenkt wird, habe ich damit genau dasselbe Problem wie bei den Braufactum-Bieren oder auch dem offensichtlichen Hachenburger-Wucher. Gesund und förderlich für innovative Kleinbrauer wäre ein Mittelweg. Finde ich zumindest.

      • Lutz schreibt:

        Ja, das Weißenoher wird sogar hier in Berlin billig verhökert (und einiges mehr). Ich lobe mir die fränkischen Brauer, die sich hartnäckig weigern, einen Barcode auf dem Etikett anzubringen und deshalb nicht im Supermarkt und Getränkemarkt stehen.
        Ich sehe das als Pressemeldung in 10 Jahren:
        „Den großen Erfolg seines Bieres verdankt Georg Stöckl auch seiner Entscheidung, nie einen Barcode auf das Etikett zu drucken und die verlockenden Angebote von Edeka auszuschlagen. Er steht damit in der Tradition so erfolgreicher Brauereien wie Flensburger, die immer dem Bügelverschluß treu waren, Rothaus (mit den altmodischen 50er-Jahre-Etiketten) und Augustiner, die an der dicken Euroflasche festgehalten haben. Aktuell läßt die Brauerei Stöckl wieder 500 alte Holzfässer aus Böhmen aufarbeiten, um die wachsende Nachfrage bedienen zu können.“

      • chezmatze schreibt:

        Meinst Du Stöckel Hintergereuth? Die Biere haben mein Herz bislang noch nicht so ganz erobert, aber weil wir ja noch zehn Jahre bis zum Super-Durchbruch haben, werde ich es trotzdem rechtzeitig merken ;). Gibt’s hier im Landbierparadies, soweit ich weiß, ich nehme es also als Deinen Tipp auf die nächste Einkaufsliste.

        P.S. Bin übernächste Woche in Berlin und werde mal in Deinem Laden vorbeischauen.

        P.P.S. Lass mir einen Gwynt y Ddraig zurücklegen – den habe ich nämlich noch nicht mal in England bekommen 😉

        P.P.P.S. Im Wedding hab ich auch mal gewohnt – forever unhip (hoffentlich)

      • Lutz schreibt:

        „Georg Stöckl“ ist nur ein Brauerei-Inhaber in meiner Phantasie, der clevere Brauer, der die Trends riecht. Oder heißt der Chef von Stöckel zufällig auch Georg?
        Ein Fläschchen Gwynt ist reserviert. Looking forward to seeing you.

      • chezmatze schreibt:

        Ja, der Junior heißt Georg. Manchmal sind unbeabsichtigte Vorhersagen die besten. Habe mir ein Fläschchen Ahorntaler Landbier von Stöckel gekauft 😉

  12. eichiberlin schreibt:

    Wie gut, an dieser Stelle von einem neuen Biergeschäft in Berlin zu erfahren (alles Gute @Lutz, werde unverzüglich vorbei schauen), das auch schöne einheimische Spezialitäten präsentiert und nicht nur dem semi-blinden-IPA-Cascade-Jubel folgt.

    Ich habe selber ein wenig mit Bier zu tun (trinke und schreibe darüber) und kenne daher die Verlockungungen der David gegen Goliath Berichterstattung zum deutschen Biermarkt, auf die man sich allzu leicht einschiesst. Gerne möchte ich die Diskussion um drei Gesichtspunkte ergänzen, auf die ich zuletzt immer wieder stiess.
    Zum einen wäre da der Vertreib, der sich zum Teil in Konzernhand der Industriebrauereien befindet. In Berlin wäre Getränke Hoffmann das beste Beispiel. Hoffmann ist eine 100%-ige Radeberger/Oetker Tochter. Eine gewisse Selektion im Sortiment liegt da auf der Hand, was Produkte von Mitbewerbern anbelangt.

    Dann kann man die Bauereibindung ansprechen. Glücklicherweise isr diese in der Gastronomie langsam zurückgegangen, aber im Hotelbereich ist sie noch extrem hoch. Bedauerlich, dass internationale Gäste an den Hotelbars der großen Biernation auf wenig Vielfalt treffen.

    Zuletzt ist sicher auch die Ausbildung in den Brauberufen nicht mehr auf dem internationalen Stand. Hierzulande regieren die DLG-Verkostungen und die Ausbildung ist auf Kosten- und Verfahrensoptimierung ausgerichtet. Bierverkostungsschulungenen dienen dort der Fehlersuche gemäß schmaler Richtlinien. Die Frage lautet leider: Entspricht dieses Pils den Richtlinien eines fehlerfreien Pils. Es erfolgt keine Herausforderung, wie: Was ist aromatisch für ein Pils möglich? Diese geschmacklichen Grenzen haben Belgier und Amerikaner immer wieder hinterfragt und setzen ihre Erkenntnisse vielfältig um.
    Bei uns gilt im übertragenen Sinne das Gesetz: Dies ist ein Idealschnitzel. Dein Schnitzel muss dem Idealschnitzel ähnlich sein, sonst gibt es keine Medaille.
    Wie langweilig wäre es, wenn alle Schnitzel gleich schmecken würden.

    • chezmatze schreibt:

      Ja, Getränkemärkte und Brauereibindung, da hast Du noch zwei interessante Dinge angesprochen. Zum Glück nimmt die Zahl der unabhängigen Bierläden sichtlich (;)) zu.

      Was die Verkostung anbelangt, kann man Bier und Wein gut miteinander vergleichen. Letzterer fällt dann einfach durch die Qualitätsweinprüfung. Okay, man kann ihn noch als Tafelwein (bzw. seine Nachfolgebezeichnungen) verkaufen, aber Uneingeweihte werden dann garantiert nicht zu einem solchen Wein greifen.

      Wie wäre das denn bei Bier? Was passiert mit einem Pils, das in den Augen der Prüfer nicht nach einem Pils schmeckt (ohne an sich grob fehlerhaft zu sein)? Ich bin mit dieser offiziellen Welt im Bierbereich nicht so vertraut. Bleibt das Bier verkehrsfähig? Muss das Etikett geändert werden? Wie oft testet die DLG? Oder geht es hier nur um Prämierungen? Okay, vielleicht sollte ich mich da einfach mal ein wenig schlau fragen, statt hier einen Haufen an Fragen zu stellen 😉

      • eichiberlin schreibt:

        Bei der DLG geht es im Wesentlichen um die Medaillen, die alljährlich verliehen werden und die bei geschickter Kommunikation durchaus gewinnbringend eingesetzt werden können.
        Das offizielle Auftreten zum Prüfverfahren der DLG: http://www.dlg.org/bierkriterien.html
        Hier ein Beispiel für einige kritische Aspekte in dem Zusammenhang bei Hobbybrauer.de http://hobbybrauer.de/modules.php?name=eBoard&file=viewthread&tid=10549

      • chezmatze schreibt:

        Ah ja, danke. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist das bei der DLG mit der Prämierung von Bier und Wein weitgehend gleich. Aber mit „Qualitätsbierstufen“ analog zu Qualitätsweinstufen hat das nur indirekt etwas zu tun. Die DLG testet und bewertet also die Produkte, aber sie lässt sie nicht zu (das muss unabhängig davon erfolgen). Kann ich jetzt also mein Untergäriges nach Gutdünken „Export“, „Lager“, „Vollbier“, „Landbier“ oder sonstwie nennen? Scheint fast so…

      • Lutz schreibt:

        Die Begriffe Export, Lager, Vollbier und Landbier bezeichnen keine bestimmte Sorte Bier (wie „Pils“, „Weißbier“ oder „Helles“).
        Alle vier Begriffe können deshalb sowohl helles als auch dunkles Bier bezeichnen.
        Für „Export“ ist nur untergärig und die Stammwürze vorgeschrieben.
        „Vollbier“ bezeichnet in Deutschland die Steuerklasse für Biere, die nicht stark (Bockbier = höhere Biersteuer) oder schwach sind (sog. Schankbier). Pils ist deshalb auch ein Vollbier. Der Begriff Vollbier auf dem Etikett ist eigentlich etwas antiquiert, aber gerade deshalb halten einige Brauer dran fest.
        „Lagerbier“ ist noch unbestimmter, der Begriff wird für untergärige Vollbier verwendet, das schwach gehopft ist (im Ggs zu Pils).
        „Landbier“ ist eine reine Marketing-Idee. Dahinter ist nichts, die Brauerei liegt im Zweifelsfall nicht einmal auf dem Land (z. B. Zirndorfer).

      • chezmatze schreibt:

        Danke für die Klarstellung! Ich sehe das hier immer bei Bieren aus der Fränkischen Schweiz, die gemäß der Tradition der einzelnen Brauerei sehr unterschiedliche Bezeichnungen pflegen. In meiner Excel-Tabelle (ja, die gibt es ;)) habe ich mittlerweile noch eine Rubrik mit den ratebeer-Kategorien drin. Nicht dass die immer zutreffend wären, aber es ist halt international dann leichter einzuordnen. Als „Oktoberfest/Märzen“ wird da beispielsweise ein stärker eingebrautes Untergäriges gefasst. Kann man drüber diskutieren, aber ich finde es ganz hilfreich.

      • Lutz schreibt:

        Ich finde ratebeer auch ganz nützlich, auch wenn die rates ziemlich usa-lastig sind. Nicht gefällt mir die Kategorie „Dortmunder/Helles“. In dieser Kategorie haben fast alle bayrischen Brauereien zwei Biere, ein etwas leichteres „Helles“ und ein etwas Stärkeres (Export), das vielfach „Spezial“ oder „Gold“ genannt wird (auch der Edelstoff gehört in die Kategorie). Die Grenze dazwischen ist aber nicht leicht zu ziehen, sie liegt bei ca. 5,2 Vol%.

      • chezmatze schreibt:

        Ja, die Rates sind schon USA-lastig, selbst wenn die Bewerter nicht alle aus den USA kommen. Aber die dortige Community liebt in der Regel a) Starkbiere und b) aggressiv Gehopftes. Ansonsten orientiert man sich manchmal an den großen Namen, aber das ist der Nachteil, wenn es um „Massenratings“ geht. Ich würde übrigens (hatte mich dort zwar mal angemeldet, aber noch nie einen Test geschrieben…) das leichtere Bier in der Tat in die Kategorie „Helles“ eintragen, das stärkere in die Kategorie „Oktoberfest“. Letztere geht dann halt ungefähr von 5,3-6,5 vol%. „Export“ als Kategorie haben die ja eh nicht, wenn ich mich nicht täusche.

      • Lutz schreibt:

        Es geht bei der DLG um Qualität. Auch Geschmacksstabilität ist ein solches Qualitätskriterium.
        Die DLG testet aber nicht, ob ein Bier besser schmeckt als ein anderes.
        Die Latte liegt auch nicht so hoch. Ein Beispiel: von 136 Medaillien in der Kategorie Pils gab es 95 x Gold, 39 x Silber und 2 x Bronze. Die DLG veröffentlicht leider keine Liste aller Teilnehmer, so dass man nicht erfährt, ob eine Brauerei ohne Medaille nach Hause gefahren ist (und welche das ist).
        Die großen Brauereien nehmen schon seit langem nicht mehr am DLG Wettbewerb teil (Krombacher, Warsteiner, Bitburger, Jever, Erdinger, Paulaner…), vielleicht weil sie Angst vor „nur Silber“ haben. Ausnahme: Gold für Pils ging an Hasseröder, Rothaus und Oettinger. Gold für Pils ging auch an Pilsator, Bergalder (Lidl), Adelskrone (Penny) usw.

      • chezmatze schreibt:

        Gerade weil ich die letzten Jahre sehr viel in anderen Ländern unterwegs war, kann ich wahrscheinlich relativ realitätsnah feststellen, dass generell deutsche Biere in den günstigen Kategorien international immer noch ganz vorn sind. Für Spezialbiere würde ich das übrigens nicht behaupten. Aber die deutschen Billigbiere entsprechen inhaltlich und geschmacklich gewissen Mindeststandards (da greift das Reinheitsgebot tatsächlich noch), die offenbar ausreichen, um DLG-prämiert zu werden. Bei denen lohnt sich die Prämierung auch marketingtechnisch, weil Lidl, Penny oder Oettinger ansonsten in den Bereich wenig investieren. Dass die „Marken“-Massenpilsener nicht unbedingt besser sind, weil weder Zutaten noch Brauprozess sich unterscheiden, die Werbung aber halt viel kostet, das wissen sie wahrscheinlich tatsächlich selbst. Dennoch glaube ich, dass beispielsweise das Landbierparadies oder sicher auch Dein laden kein einziges Standardbier im Angebot hat, das nicht DLG-Gold-verdächtig ist – selbst wenn die Brauereien nicht mitmachen bei diesen Wettbewerben. Eure besonderen Biere würden die Medaillen vielleicht weniger leicht bekommen, aber das ist jetzt reine Spekulation. Schließlich habe ich noch nie bei einer DLG-Prämierung mitgemacht.

      • Lutz schreibt:

        Bei meiner Bierauswahl spielt die die DLG-Medaille keine Rolle. Bei der DLG geht es ja um die Unterstützung der deutschen Brauereien im weitesten Sinne.
        Aus Verbrauchersicht ist es natürlich Beschiß. Wenn ich auf dem Etikett lese „Goldmedaille“, denke ich „1. Platz“, bestes Bier. Das es 95 Goldmedaillien gibt, erfährt man nicht.
        Die Stiftung Warentest hat das vor Jahren schon korrigiert. Statt Testergebnis „sehr gut“ muss es jetzt heißen „sehr gut – 16 von 20 getesteten Waschmitteln waren sehr gut“. Da schafft Klarheit.

  13. Lutz schreibt:

    Zum Thema: Bier im Hotel
    Kennst du diesen schönen Bericht von Martiyn Cornell. Er beschreibt das Elend in Hotelbars sehr anschaulich: http://zythophile.wordpress.com/2010/12/06/so-what-beers-does-a-seven-star-hotel-serve/

    Siehst du eine Zukunft für Getränke Hoffmann? Der Laden war ja schon mal pleite.
    P.S. Ein Eichhorn Pils steht kalt!

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