Weinprobe: Rheingau und Franken mit den Schönborns

Das Kölner Wein-Depot bietet fast das ganze Jahr über immer donnerstags bis samstags die Gelegenheit, in unkompliziertem Ambiente Weine von und mit Winzern direkt zu verkosten. Letzten Samstag habe ich diese Möglichkeit genutzt, um mich ein wenig durch das aktuelle Portfolio der Güter derer von Schönborn zu probieren, die bekanntlich sowohl im Rheingau als auch in Franken zur erweiterten Gebietsspitze gehören. Dass diese Probe letztlich ganz grundsätzliche Fragen aufgeworfen hat, hätte ich zu Anfang allerdings nicht gedacht.

Zunächst aber ein paar Worte zu den Besitztümern: In Franken gehört der Hallburger Schlossberg an der Volkacher Mainschleife dem Grafen im Alleinbesitz. Etwa 30 ha sind hier auf der Grenze zwischen Unterem Keuper und Oberem Muschelkalk bestockt, wobei den meisten Weinen eher die staubige Keupernote innewohnt. Die Lage ist gut, aber nicht erstklassig, zwar nach Süden ausgerichtet und nördlich des Schlosses von einem Waldstück geschützt, aber der Fluss liegt halt hinter dem Wald und beeinflusst das Mikroklima daher weniger.

Steht bei den Frankenweinen „Graf von Schönborn“ auf dem Etikett, ziert die Rheingauer Weine der Schriftzug „Schloss Schönborn“, denn hier befindet sich der Stammsitz der Familie mit 50 ha Weinbergen. Anders als im fränkischen Besitz sind die Schönborn’schen Weinberge im Rheingau weiträumig verteilt. Einen Alleinbesitz gibt es allerdings auch hier, den Hattenheimer Pfaffenberg. Bis auf die Anteile in den Rüdesheimer Lagen mit ihrem schiefrigen Untergrund befinden sich die Reben in zwar sehr guten, aber weitgehend flachen Lagen nahe des Rheins. Auf die Vielfalt der Ersten Gewächse aus diesen 40 Kilometern Spannweite war ich besonders gespannt.

Aber zunächst nach Franken. Zu probieren waren aus beiden Anbaugebieten insgesamt nicht weniger als 29 verschiedene Weine. Ich habe mich auf die elf für mich  interessantesten beschränkt. Obwohl ich den Fotoapparat dabei hatte, habe ich Schussel vergessen zu fotografieren…

2009er Hallburger Schlossberg Silvaner Kabinett trocken, 7,50 € (die Preise beziehen sich auf die Liste des Kölner Wein-Depots): In der Nase pfeffrig, würzig, süße Birne, Keupernoten; am Gaumen viel mehr Gewürz als Frucht, trocken, vollmundig, sehr anständiger Abgang. Ein wirklich schöner Wein, etwas breiter vielleicht, als man es sich von einem Kabinett wünschen würde, aber das ist schon mal ein formidabler Einstieg.

2010er Hallburger Schlossberg Silvaner Kabinett trocken, 7,75 €: uff, ein anderes Kaliber, in der Nase noch leicht hefig und irgendwie reinzuchtig. Am Gaumen dann mit einer deutlichen Säure, die ja nicht verkehrt ist, aber aromatisch enorm neutral, keinerlei Sortenmerkmale spürbar. Welche Faktoren man auch immer zur Erklärung liefern könnte, letztlich hilft kein Rumgeeiere: Dieser Wein ist wesentlich schlechter.

2009er Hallburger Schlossberg Silvaner Spätlese trocken, 11,75 €: in der Nase ganz ähnliche Noten wie der Kabinett aus demselben Jahrgang, sehr weich wirkend. Am Gaumen ist die Spätlese dann überraschenderweise wesentlich säurereicher als der Kabinett, pikanter. Nach hinten hin klingt der Wein dennoch weich aus, mit weniger Pfeffer als der kleine Bruder. Alles in allem wieder ein schöner Wein, sicher weit lagerfähiger als der Kabinett, aber es gibt wahrscheinlich nur wenige Menschen, die sich einen trockenen Silvaner dieser Art in den Keller legen.

2010er Hallburger Schlossberg Silvaner Spätlese trocken, 11,99 €: grasig in der Nase, deutliche Säurenoten, wieder Reinzucht, leichte Keuperanklänge, dem 2010er Kabinett viel ähnlicher als der 2009er Spätlese. Im Mund kommt gleich eine knackige Säure, wiederum wenig sortentypische Noten, nur wesentlich viskoser als der Kabinett. Ein Wein, der noch viel zu jung wirkt, aber ob die Aromen je die Intensität des Vorgängers erreichen, wage ich doch stark zu bezweifeln.

Nach diesem ersten Versuch fällt es interpretativ schwer, etwas anderes als einen krassen Unterschied zwischen 2009 und 2010 zu konstatieren. Die Weine wirken, als kämen sie von völlig unterschiedlichen Gütern, einem mit vier und einem mit höchstens zwei Sternen. Und ja, ich kann davon abstrahieren, dass hier ein Jahr Reifeabstand dazwischen liegt. Jetzt aber zu den Rheingauer Weinen:

2009er Hochheimer Kirchenstück Riesling Kabinett trocken, 9,50 €: sehr hell in der Farbe, sehr hell in der Nase, fast wie Weißburgunder. Am Gaumen fällt mir zunächst auf, dass der Wein nicht mehr moussiert. Dann kommt eine deutliche Säure, sehr resch, mineralisch, aber auch irgendwie belegt, Anklänge nach Traubenkernen. Ein mittelschlanker, heller und irgendwie fast unfertig wirkender Wein, aber nicht uninteressant.

2010er Hattenheimer Pfaffenberg Riesling Kabinett trocken, 11,25 €: ein Drama. In der Nase natürlich sehr jung und leicht hefig, aber auch mit diesem Reinzuchtton, der alles Sortentypische plattmacht. Am Gaumen fast genauso wie der fränkische (!) Silvaner (!) aus demselben Jahrgang, knackige Säure, sehr hell, aber kaum Charakter. Ein völlig neutraler Wein, und das aus dieser schönen Lage. Blind wüsste ich nicht, dass ich es mit einem Riesling zu tun habe. Nur das Gesetz der Wahrscheinlichkeit würde mich hier die richtige Rebsorte tippen lassen. Wenigstens gibt es keine Sauvignon-blanc-Noten…

2009er Winkeler Hasensprung Riesling Spätlese trocken, 13,99 €: zitronige Nase, später mit leicht bitterem Mineral, jedenfalls deutlich interessanter als der Wein davor. Am Gaumen kommt gleich ein erstaunlicher, fast muskatiger Anklang, wieder säurebetont, aber diesmal mit vielschichtigen Noten zwischen hellen Blüten, Anis und Muskat. Kein Schmeichler, wird das auch niemals werden.

2007er Hattenheimer Pfaffenberg Riesling Erstes Gewächs, 19,50 €: Alle Ersten Gewächse besitzen zwischen 8,3 und 8,6 g Restzucker und zwischen 7,5 und 8,1 g Säure, was auf eine gewisse Ausgewogenheit auf saftigem Niveau hindeutet. Aber ich möchte mich nicht allzu sehr von solchen Angaben leiten lassen. In der Nase hat unser Kollege aus dem Pfaffenberg ungeheure Reifenoten zu bieten, Firn, wirkt deutlich älter. Der zu 70% im großen Holzfass erfolgte Ausbau mag hier einen gewissen Einfluss haben, aber auch am Gaumen spüre ich Firnnoten, Nüsse und Backobst. Auch wenn der Verkaufsleiter meint, der Wein sei gerade in einer Verschlussphase und würde sich erst in mehreren Jahren öffnen, denke ich schlichtweg das Gegenteil. Nicht dass dies ein schlechter Wein wäre, und Charakter besitzt er auch genug, aber es überrascht mich halt.

2007er Rüdesheimer Berg Schlossberg Riesling Erstes Gewächs, 19,50 €: sehr angenehm bepreist für eine solche Lage, das muss ich wirklich sagen. Ausgebaut in Stahl, sind in der Nase praktisch gar keine Firnnoten zu spüren. Stattdessen steinig, nussig, eine pikante Mineralität, ziemlich fein wirkend. Am Gaumen tritt die Frucht merklich in den Hintergrund und macht Platz für pflanzliche Noten, aber nicht grünlich-vegetal, sondern vielmehr bräunlich-trocken und würzig. Der Wein wirkt viel jünger und blickt für mich in eine vielversprechende Zukunft. Dass er aromatisch deutlich dezenter ist, dürfte auch mit der Lage zusammenhängen.

2008er Hochheimer Domdechaney Riesling Erstes Gewächs, 21,50 €: auch im Stahl ausgebaut und in der Nase zitronig, hell und sehr schlank. Am Gaumen folgt dann eine völlig andere Nummer: fast spritzig, aber enorm aromenstark, deutliche Säure, viel helle, tropische Frucht, Litschi, etwas Ananas. Ein interessanter Wein, aber wahrscheinlich keiner, den man mit einem Ersten Gewächs in Verbindung bringen würde.

2008er Erbacher Marcobrunn Riesling Erstes Gewächs, 26,50 €: das Flaggschiff, aber an der Nase merkt man noch gar nichts davon. Dieser Wein wurde zu 100% im großen Holzfass ausgebaut, ich rieche aber helle und nussige Noten, ansonsten ziemlich viel Neutralität. Lustigerweise ist dies der erste Wein, der eine deutliche Süßeanmutung an der Zungenspitze hinterlässt. Dann kommen wie bei der Domdechaney viele Aromen, hier aber weniger primär, sondern von einer ganz starken Würze in Richtung Nachhaltigkeit gedrängt. Zum Schluss gibt es eine leichte Bitternote und die Erkenntnis, dass hier noch ein paar Jährchen des Wartens anstehen.

Mein Fazit der Probe: Die 2009er Frankenweine sind prima Essensbegleiter, die gleich alten Rheingauer fand ich dagegen weniger überzeugend. Die Ersten Gewächse offenbaren sehr unterschiedliche Charaktere, was ich schätze, aber ein wirklich beeindruckender oder großer Wein ist nicht darunter. Die 2010er entsprechen zwar dem Getränkeformat „Wein“, sind aber derartig neutrale Wässerchen, dass ich mich ernsthaft frage, warum das so ist. Und das bringt mich auf diese grundsätzlichen Fragen, von denen ich schon in der Einleitung sprach.

  • Frage 1: War der Jahrgang wirklich so schlecht, dass selbst Winzer, die mit vier Trauben im Gault Millau bedacht werden, keine stärkeren Charaktere erschaffen konnten?
  • Frage 2: Wurde hier so erheblich am Wein gearbeitet („manipuliert“ würden missliebige Zeitgenossen sagen), dass damit alles weggeschrubbt wurde?

Mit den Ergebnissen dieser Probe allein kann man solche Fragen sicher nicht beantworten. Dass in diesem Weingut in anderen Jahrgängen bereits sehr schöne und charaktervolle Weine hergestellt worden sind, hatte sich ja gezeigt. Dass ein derartig großer und professioneller Betrieb von den Segnungen der modernen Önologie zumindest schon einmal etwas gehört hat, sollte allerdings ebenso außer Frage stehen. Ich möchte noch einmal ausdrücklich betonen, dass es sich hier nicht um eine Problematik handelt, die die Schönborn’schen Weine stärker als andere betrifft. Aber: Spaltet sich die Weinwelt wirklich so extrem in schwierigen Jahrgängen? Sind die wahren Könner nur diejenigen, die sich trauen, einen Wein auch unter solchen Bedingungen werden zu lassen? Klarere Gedanken dazu in Kürze an dieser Stelle…

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