Kulinarischer Einkaufsführer Lüttich, Teil 2

Hier folgt nun also Teil 2 des mittelgroßen Streifzugs durch die wallonische Metropole. Hauptstadt der Wallonie ist übrigens nicht Lüttich, sondern Namur, 65 km westlich gelegen, wesentlich kleiner und für den Freund gepflegter Innenstädte auch deutlich leichter goutierbar. Am Place du Marché von Lüttich freue ich mich übrigens immer wieder über die auf dem linken Foto abgebildete Kombination: die offenbar als historisches Monument geschützte hölzerne Frittentüte.

Jene gehört zu einer kulinarischen Institution, der Friterie du Perron (Ecke Place du Marché / Rue de Bex). Und damit stimmt die Einschätzung der wallonischen Kulturbehörde eigentlich doch. Unten bilden sich montags bis samstags gegen zwölf Uhr lange Schlangen, denn der Bereich zum Stehen ist in der Friterie so schmal, dass immer nur der sich dort aufhalten kann, der gerade bestellt. Die Frites sind stets frisch und ausnehmend freundlich serviert. Zum Essen geht man die schmale Wendetreppe hoch und befindet sich plötzlich in der Tat im historischen Monument, dem ersten Stock eines mittelalterlichen Hauses. Von hier aus kann man beim Mampfen sehr schön auf den Place du Marché schauen, die Hochzeitsgesellschaft am Rathaus nebenan begutachten oder auch die Stadtpolizisten anfeuern beim Zielwerfen auf einen Mülleimer. Mit anderen Worten: Hier ist immer etwas los.

Wenn Ihr jetzt die Straße „En Féronstrée“ stadtauswärts weitergeht, kommt Ihr direkt in das mittelalterliche Herz der Stadt, das aber nur partiell ein wenig aufgehübscht ist. Linkerhand geht es in 374 Stufen auf die Montagne de Bueren, ein wenig weiter hinten auf den Platz der romanischen Kirche St-Barthélemy – und rückwärtig durch etwas verwirrende Gassen zum „Maison Kausar“, unserem nächsten Ziel (Rue de la Cathédrale 7). Es handelt sich oberflächlich gesehen um einen normalen Afroshop mit allerlei Gemüse, Reis, Fufu und Palmöl. Aber in dem Laden steckt noch mehr: Hier habe ich mich schrittweise der kongolesischen Küche und Kultur angenähert, Chikwangé kennen gelernt (in ein Bananenblatt gewickelter, gepresster Maniok), Kongopfeffer, getrockneten und geräucherten Fisch, Blätter für die Suppen, afrikanische Auberginen – und kongolesische Rumba. Kurzum, dies ist ein horizonterweiternder Teil belgischer Realität, über den man in Reiseführern und Städtetipps ansonsten nie etwas liest.

Jetzt gehen wir wieder zurück in die Innenstadt, denn die CDs im Maison Kausar haben uns daran erinnert, dass wir nicht nur essen und trinken, sondern uns auch noch auf den Sommerurlaub vorbereiten wollen. Am Place St-Lambert (Rue Joffre 3) befindet sich die fnac, wie es im Französischen korrekterweise heißt, also das größte Musik- und Buchkaufhaus der Region. Natürlich haben auch hier Elektronik und Videospiele verstärkt Einzug gehalten, aber im ersten Stock gibt es alles, was wir jetzt noch brauchen: Reiseführer (die „Guides du Routard“ und die „Petits Futés“ zum Beispiel), ein paar wirklich feine Kochbücher und natürlich die aktuellen Weinführer: Guide Hachette, Guide Vert, Bettane & Desseauve, Gault Millau, auch skurrilere Werke wie den Dussert-Gerber. Hier decke ich mich jedes Jahr im September zur Erscheinungssaison ein, falls ich nicht schon beim Zelten im Süden die neueste Ausgabe bekommen habe.

Linkerhand ein paar Meter die Rue de la Régence in Richtung Maas entlang, folgt auf der rechten Seite der beste Zeitschriftenladen von Lüttich. Von außen nur ein einfacher Press Shop (Rue de Régence 6/8), gibt es hier alle Sport,- Mode-, Reise-, Koch-, Wein- und Genusszeitschriften, von denen man nie wusste, dass man sie so dringend braucht. Ausgezeichnet auch das Angebot an politischen Magazinen mit beispielsweise allen Atlanten der Monde Diplomatique.

Das schönste und ausgesuchteste Buchgeschäft in Lüttich ist allerdings die „Librairie Pax“, wenige Meter weiter am Place Cockerill (Hausnummer 4). Hier kommen all diejenigen auf ihre Kosten, die nach einem intelligenten Roman, einem großen Klassiker, einem Gedichtband, einem fantastischen Kinderbuch, einer Analyse über die Kolonialzeit, einem wallonischen Kochbuch oder einer Ausgabe des legendären Bordeauxweinführers von Féret suchen. Und wer gar nichts sucht, findet trotzdem immer irgendwas, selbst mit miserablen Sprachkenntnissen. Wenn Ihr das auf dem Foto abgebildete Buch dort seht und durchblättert, werdet Ihr Euch vielleicht ärgern, es nicht schon vor Eurem Ausflug gekauft zu haben. Naja, Ihr kommt ja wieder.

So, genug in Büchern geblättert, jetzt stehen wieder kulinarische Orte auf dem Programm. Ungefähr 50 Meter vom Eingang zur Librairie Pax entfernt (am Place Cockerill 16) befindet sich das Kaffee- und Teegeschäft „Meers“. Die Teeauswahl ist ausgesprochen englisch, Orangen-Marmelade und Shortbread winken aus dem Regal. Als ich noch hier gewohnt habe, war das immer mein „Hauskaffee“. Man kann sich entweder die Bohnen verschiedener Herkunftsregionen mitnehmen oder alles gleich an Ort und Stelle mahlen lassen. Oder auch schnell einen frisch gebrühten Kaffee am Stehtresen trinken, was wiederum eher italienisch anmutet.

So, jetzt geht’s die nicht wirklich attraktive Rue Magnette bis zur Kathedrale, ah, rechts schon wieder ein Chocolatier, Mosan, bloß weiter, im ersten Stock auch das Shanghaï, hatten wir ja schon, dann schräg über den Place St-Paul und in die neuerdings schick fußgängerzonige Rue St-Rémy. Hier erwartet uns eine Sorte Geschäft, der wir nach einem Frankreichurlaub immer so hinterherweinen, ein Käseladen. Nun weist Lüttich in dieser Hinsicht keinen Mangel auf. In der Rue St-Gilles, bei Knaepen in der Puits-en-Sock, in der Rue St-Paul (durch die wir noch kommen werden), in der Rue Libotte – überall gibt es gute Käsegeschäfte. Aber dies hier, die „Crèmerie St-Rémy“ (Rue St-Rémy 23) schlägt alles. Ich spare mir das Aufzählen der ganzen Köstlichkeiten, meist aus Rohmilch und perfekt im Keller affiniert. Spezialitäten sind die korsischen Käse- und Wurstwaren (Venaco zum Beispiel), die verschiedenen Chèvres secs, die Beurre Echiré, die… halt, jetzt fang ich ja doch an mit dem Aufzählen. Ein absolutes Must jedenfalls, aber Achtung, hat am Wochenanfang geschlossen, aber Ihr werdet ohnehin nicht montags kommen, nehme ich an.

Wieder zurück auf dem selben Weg, diesmal aber südlich an der Kathedrale vorbei, passiert Ihr einen mäßig interessanten Weinladen, bevor in dem folgenden Gässchen auf der rechten Seite das Kaffee- und Teegeschäft „Aux Origines du Café“ auftaucht (Rue Bonne Fortune 7). Ein entzückendes Ehepaar, nicht älter, sondern schon richtig alt, betreibt diesen Laden, der gleichzeitig als Teesalon dient. Wenn „Meers“ der Hauskaffee für mich war, dann habe ich im „Origines“ immer meinen Festtagskaffee geholt. Es gibt Hawaii und Jamaica Blue Mountain für die Etikettenschlürfer, aber mein absoluter Lieblingskaffee ist der unerreicht elegante, nussige und feinwürzige Jemen aus dem gleichnamigen Land. Nichts für den Espresso zwischendurch, sondern eher etwas für die Genießerrunde.

Wenige Meter weiter biegt Ihr dann nach rechts in die schon erwähnte Rue St-Paul ab, ein schmales Gässchen nur für Fußgänger, aber immer voll. Kein Wunder, denn hier gibt es in jedem Haus ein kleines Geschäft, das sich lohnt. Linkerhand erst einmal die Pâtisserie Lechanteur (Rue St-Paul 3). Die Schokoladenkreationen lohnen sich hier nicht (Eure Tasche ist eh schon voll davon), aber dafür gibt es einmalige Obsttörtchen, die exakt einem Brueghel-Bild entsprungen zu sein scheinen. Auf der rechten Seite folgt die Lütticher Dépendance der Häuser Fauchon und Neuhaus mit allerlei prestigeträchtigen Fauchon-Produkten aus Paris (Rue St-Paul 18). Allerdings habe ich hier auch einen echten Piment d’Espelette gekauft. Dann kommt noch eine Bäckerei, ein hervorragendes Käsegeschäft, ein Charcutier… und endlich seid Ihr beim höchsten und hässlichsten Haus der Stadt angekommen, und das will etwas heißen.

Geht jetzt auf der Kennedybrücke über die Maas. Hier beginnt sonntags immer der berühmte Markt von La Batte, von dem nicht wenige behaupten, er sei der größte Belgiens, Europas oder aber des Universums. Immerhin erstreckt er sich über zwei Kilometer immer am Maasufer entlang. Er lohnt sich wirklich sehr, aber Ihr müsst natürlich darauf gefasst sein, dass dann alle übrigen Geschäfte in Lüttich (außer den Cafés natürlich) geschlossen sind. Weiter geht’s also auf der Longdozbrücke über den Kanal und in die Rue Grétry. Hier beginnt der Stadtteil Longdoz, ein Wohnviertel der kleinen Leute. Auf der linken Straßenseite lohnt sich ein Abstecher in den sympathischen Weinladen „Les Dix Vins“ (Rue Grétry 77). Auf der rechten Straßenseite beginnt dafür, einem riesigen Lindwurm gleich, ein leicht irres Shopping-Center, die „Médiacité„. Ganz neu und mit enormen Ambitionen in das dicht besiedelte Viertel gequetscht, muss man schon mal wenigstens ins Gebäude schauen, selbst wenn man nichts kaufen will. Der einzige Laden, der den Umbau und den „Schritt ins neue Zeitalter“ überstanden hat, ist der Delhaize. Solltet Ihr mit dem Auto angereist sein, empfehle ich Euch, selbiges hier unten im Parkhaus abzustellen. Man kommt dann am schnellsten aus der Stadt raus, und vielleicht braucht Ihr ja doch noch ein paar Lebensmittel, die Ihr in dieser Auswahl in Deutschland nicht bekommen könnt. Wer sich noch an die leider sehr kurze Phase der Delhaize-Existenz in Köln erinnern kann, weiß, wovon ich spreche.

Die wichtigste Station meines Lüttich-Besuchs kommt erst jetzt, ganz zum Schluss. In der Rue Basse-Wez 339b befindet sich der „Cave des Oblats„. Das ist für mich die besten Weinhandlung in Belgien, weil ihre Auswahl alles andere als zufällig ist, die Preise alles andere als hoch, jeden Samstag eine kostenlose Degustation das ganze Jahr über – und natürlich, weil ich im Verlauf dieses Jahres so viel über Wein dazugelernt habe. Das Ambiente ist dabei ein bisschen gruselig im dunklen Kellergewölbe, aber traut Euch nur rein, die Leute sind ausgesprochen nett. David Michel hatte sich lange Zeit geziert, seine Preisliste auch online zu stellen, aber jetzt ist es passiert, nämlich hier. Dabei fürchtete er sich weniger davor, die Preise offen zu legen als vielmehr, dass ihn die Leute dann auf Weine ansprechen, die er in den Katakomben so schnell nicht findet. Über das Angebot brauche ich keine großen Worte zu verlieren, kleine, aber exzellente Winzer, Schwerpunkt Loire und Languedoc, die Liste spricht für sich. Geöffnet nur donnerstags bis samstags.

Jetzt müssen sich die Wege der Bahn- und der Autofahrer leider trennen. Die Autofahrer können jetzt entweder direkt auf die Stadtautobahn fahren oder noch einen Schlenker nach Süden machen, und zwar in die Rue des Vennes 214. Hier befindet sich das zweitbeste Weingeschäft von Lüttich, „Vive le Vin„, und das noch gar nicht allzu lange. Philippe Devos ist ein super-sympathischer Quereinsteiger mit dementsprechender Begeisterung. Seine Weine gehen in die Richtung naturnah bis biodynamisch, von den Domainen her eine optimale Ergänzung zum Cave des Oblats. Mittwochs gibt es immer „Table d’hôte“, also ein Essen beim Gastgeber sozusagen. Leider muss man dafür sehr lange im Voraus buchen, aber es lohnt sich (natürlich).

Wir Bahnfahrer schauen vielleicht ein anderes Mal bei Philippe vorbei und nehmen stattdessen von der Médiacité den Bus Nr. 4 zurück zum Bahnhof. Wenn es zeitlich mit dem Anschluss überhaupt nicht passt, ist das nicht so schlimm. Es gibt einige spelunkenartige Kaffee-Bistrot-Spielhöllen am Bahnhofsplatz, aber auch die „Taverne de l’Univers“ im Erdgeschoss des gleichnamigen Hotels (Rue des Guillemins 116). Hier wird im allerbesten Originalambiente der frühen 60er Jahre nicht nur Kaffee serviert, sondern auch ein wallonisches Abschiedsbier. Zum Beispiel „La Merveilleuse de Chèvremont“, stark, mit obergärig-süßer Fruchtnote und viel Malz. Da passt das Salzgebäck einfach hervorragend, das der guten Sitte wegen in jedem belgischen Bierhaus gratis dazu gereicht wird.

Das war es auch „schon“ mit dem kulinarischen Streifzug durch Lüttich. Wenn Ihr bei Eurem morgigen Besuch etwas ganz Neues entdeckt oder völlig andere Erfahrungen macht, würde ich mich über Eure Kommentare hier sehr freuen.

Dieser Beitrag wurde unter Bier, Food, Unterwegs, Wein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Kulinarischer Einkaufsführer Lüttich, Teil 2

  1. utecht schreibt:

    Habe Deinen Lüttichpost zum Glück erst nach meinem eigenen Besuch gelesen. So war ich unvoreingenommen. Doch weiß ich nun, dass ich wieder hin muss, um Deine Ideen zu ergänzen zu dem, was ich hier beschrieben habe:
    http://utecht.wordpress.com/2011/06/03/luttich-luik-lidje-liege/

    • chezmatze schreibt:

      Schöne Fotos hast Du da gemacht. Und die Beschreibungen treffen für mich auch den Nagel auf den Kopf. Dass sich in diesem montanindustriellverseuchten Monstrum immer wieder etwas Neues tut, konnte ich letztes Wochenende erfahren. Ich war nämlich schon wieder in Lüttich. Meinte natürlich „Liège“. Das Maison Kausar baut gerade um und wird vermutlich zum Hochglanz-Afro-Supermarkt mit einer von weither anreisenden Klientel. Den Flyer hab ich schon.

  2. Pingback: Kleiner kulinarischer Streifzug durch Metz | Chez Matze

  3. utecht schreibt:

    Übermorgen geht’s mal wieder nach Lüttich. Warst Du zwischenzeitlich noch mal dort?

    • Matze schreibt:

      Seit Monaten schon nicht mehr. Erst hatte ich überlegt, als ich letztens in Brüssel war, ob ich mal spontan hinfahren soll, habe das dann aber als „ein bisschen absurd“ wieder fallen lassen. Geh aber unbedingt zu Franz, die haben jetzt die Herbstnougat-Kollektion (die Walnüsse…) 😉

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s