Kulinarischer Einkaufsführer Lüttich, Teil 1

Lüttich, Luik, Liège – drei Namen für eine Stadt, je nachdem, aus welcher Richtung man sich ihr nähert. Leute sagen, dies sei eine heruntergekommene Stadt, schmutzig, chaotisch, schwerindustriell, arbeitslos – und deshalb würden sie nie dorthin fahren… Ich habe ein Jahr lang in Lüttich gelebt und wage deshalb, Folgendes zu behaupten: Lüttich ist eine Stadt mit der Visage eines ausrangierten Boxers, aber dem Herz des größten Philantrophen. Lüttich ist der letzte Außenposten der französischen Lebensart und gleichzeitig tief in der regionalen Arbeiterkultur verwurzelt. Hier isst der Busfahrer Austern, und der Unternehmer wählt die Sozialisten. Eine ganz individuelle und immer etwas schräge Stadt, durch die Euch mein Shopping-Raubzug jetzt führen soll.

Ihr kommt also aus Richtung Osten. Seitdem die ICE-Neubaustrecke in Belgien fertig ist, dauert es vom Kölner Hauptbahnhof bis zum Bahnhof Liège-Guillemins nur noch eine Stunde. Kauft Euch also zunächst einmal einen Stadtplan, kreuzt dann ein paar der Orte an, die ich Euch hier vorstellen werde, und los geht der Tagestrip in die nahe, ferne Welt.

Was ich Euch hier nicht vorstellen werde, sind Sehenswürdigkeiten. Es gibt das Musée Curtius, ein paar andere nicht ganz unbedeutende Kirchen, die unglaubliche Treppe auf die Montagne de Bueren, die versteckten Wege unterhalb der Zitadelle – und den Bahnhof. Den muss ich Euch kurz beschreiben, denn hier kommt Ihr an. Vor ein paar Jahren besaß der Bahnhof Liège-Guillemins noch den Resopal-Charme der Fünfziger. Mittlerweile ist dank des Architekten Santiago Calatrava und einer nicht gerade mageren Finanzspritze der pure Wahnsinn eingekehrt. Natürlich ist das Gebäude völlig überdimensioniert – aber auch wirklich beeindruckend.

Jetzt könnt Ihr einen der vielen Busse vom Bahnhofsvorplatz nehmen, wenn Ihr es sehr eilig habt. Muss aber nicht sein. Auf dem Weg Richtung Norden zur Rue St-Gilles kommt Ihr schon an ein paar sehr netten Bäckereien vorbei. Ihr könnt auch den Schlenker über den Boulevard d’Avroy machen, auf dessen Mittelplatz (Mittelstreifen wäre zu wenig gesagt) den ganzen Sommer über immer irgendwelche Feste stattfinden. Nehmt dann an der Benediktinerkirche links ein winziges Gässchen, die Rue des Bénédictines, und schlängelt Euch zwischen Backsteinwänden auf die Rue St-Gilles.

Was denn, schon hungrig? Und durstig? Und Ihr habt noch nie ein wirklich exzellentes belgisches Bier getrunken? Dann müsst Ihr unbedingt nach links abbiegen und bis zum Vaudrée II gehen. Lasst Euch von den Geschmacklosigkeiten der Fassade und des Intérieurs nicht abschrecken. Innen gibt es nämlich eine der umfangreichsten Bierkarten der Welt. Die Küche bewegt sich zwischen Snacks, Bistrot und wallonischer Herzhaftigkeit, nicht die hohe Kunst, aber das ist hier auch zweitrangig. Wenn Ihr Euch mit Bieren nicht auskennt, würde ich Euch Folgendes vorschlagen: Wählt zunächst den Stil je nach Vorlieben, also Blonde (hell), Brune (dunkel), Blanche (weiß), Abbaye (stark) oder Gueuze (sauer und/oder fruchtig). Alsdann wählt unter den teuersten Bieren jeder Kategorie einfach jenes, von dem Ihr noch nie gehört habt. Das vermeidet industrieplörrielle Enttäuschungen. Oder fragt die englischen Biertouristen am Nachbartisch, die bereits Verkostungsnotizen festhalten.

Wenn Ihr nach diesem Test auf den Geschmack gekommen seid, überquert einfach die Straße und begebt Euch in das „L’Antre du Vaudrée“, ein Geschäft, in dem Ihr die Biere und zugehörige Gläser erwerben könnt. Hat es geschlossen, fragt einfach am Tresen des Vaudrée II. Eine der dort sitzenden Damen ist die Inhaberin des Geschäfts.

Geht jetzt die Rue St-Gilles in Richtung Osten, also in Richtung Stadtmitte. Ihr kommt an ein paar netten Geschäften vorbei, auch an ein paar geschlossenen und ein paar arg abgerockten. Linkerhand am unteren Ende der Straße befindet sich aber ein absolutes Kleinod, die „Chocolaterie Franz“. Hier wird alles in ganz altem Stil aus besten Zutaten handgemacht, im Hintergrund des Geschäfts kann man Monsieur auch dabei zuschauen. Madame verkauft am Tresen. Nehmt unbedingt ein „Ballotin“, das ist eins der Pralinenschächtelchen, und lasst Euch eine bunte Mischung einfüllen. Seid nicht zu geizig, Ihr würdet es bereuen. Hier gibt es den besten weichen Nougat, den ich kenne, und ich kenne viel. Heißt natürlich nicht „Nougat“, sondern „Praliné“ auf Französisch, nicht verwechseln. Egal ob Mandel, Haselnuss oder Walnuss, die Nougatpralinen sind immer ganz frisch und schmecken intensiv nach der jeweils verwendeten Nussart.

So, jetzt schnell über den Boulevard in die Rue Pont d’Avroy und damit in die Fußgängerzone. Die Atmosphäre ist zunächst etwas seltsam: Zwischen Kinos und Schnellrestaurants gibt es noch alte Schirm- und Koffergeschäfte, Lautsprecher versorgen die Straße mit Radiogedudel, und in den links abgehenden engen Gassen müffelt es noch etwas von der letzten Ausgeh-Nacht. Mit der Friterie „Chez Victor“ gibt es hier auch einen schickeren Imbiss à la Wallonne. Biegt kurz vor dem Place de la Cathédrale am Schuhgeschäft links ab. Dort erwarten Euch innerhalb weniger Meter rechts und links schon wieder Schoko-Highlights. Rechts befindet sich eine Filiale von „Pain Quotidien“, der Brüsseler Kette mit Welterfolg. Schaut Euch die Auslagen an, geht rein, kauft Euch ein Törtchen, einen „Sirop“ oder ein Baguette, und Ihr wisst, was den Erfolg ausmacht.

Auf der linken Seite hat sich der meisterhafte Confiseur Jean-Philippe Darcis aus Verviers niedergelassen. Wollt Ihr Macarons haben, die besser sind als die von Ladurée? Elaborierte Petits Fours zum Mitnehmen? Oder doch zusammen mit einem Kaffee zum Verspeisen an Ort und Stelle? Alles kein Problem. Allerdings sei hinzugefügt, dass ein solcher Großmeister seine Kreationen nicht zum Schnäppchenpreis unter das Volk wirft.

Als nächstes streift einfach ziellos durch das Carré. Es ist nicht gerade groß, aber vollgestopft mit Läden. Es gibt dort zum Beispiel die geniale Kombination bei „Martine & Co.“: Zwei zusammenhängende Lädchen, in denen es die Pralinen von Pierre Marcolini aus Brüssel gibt (noch so ein Großmeister), die Tees von Mariage Frères aus Paris (gibt es bessere?) und die Olivenöle und sonstigen mediterranen Produkte von „Oliviers & Co.“. Auch hier ist nichts geschenkt, aber ich wage zu behaupten, dass es in ganz Deutschland ein solches Angebot nicht gibt. Olivenöl und Schokoladen kann man natürlich auch probieren. Weiter in den Gässchen gibt es noch ein paar sehr gute Bäckereien, zwei Rôtisserien und und und. Schaut Euch auf jeden Fall die geschmackvolle Auslage bei „Bouillon & Bierna“ an, dem erstklassigen Traiteur. Auch wenn Ihr den Fasan oder die Meeresfrüchte nicht mitnehmen wollt.

Noch zwei Chocolatiers habe ich Euch anzubieten, wie schrecklich. Ein Glück, dass Ihr bald mal wiederkommt nach Lüttich. Jean Galler ist dabei derjenige, der mit seiner kleinen Fabrik im Nachbarort Chaudfontaine am ehesten in die Riege „größerer Produzent“ gehört. Aber nicht wirklich, denn auch seine Schokoladen kommen ohne den Schrott aus, der in Industrieschokolade gekippt wird. Genau wie bei Franz oder Marcolini ist das Schaufenster immer jahreszeitlich dekoriert. Pralinen kann er natürlich auch, die Barren sind eh sein Markenzeichen, aber ich würde Euch zwei Dinge empfehlen: Im Winter die heißen Waffeln mit Schokofüllung und ansonsten die hundsteure neue „Kaori“-Schachtel.

Der zweite Chocolatier, Benoît Nihant, hat sich etwas versteckt, und zwar in der Passage Lemonnier. Diese überdachte Einkaufspassage aus dem 19. Jahrhundert sollte damals den schicken Galerien in Brüssel oder gar Mailand Paroli bieten. Zwischenzeitlich war sie etwas in die Jahre gekommen, aber mittlerweile scheint der Umschwung da zu sein – und die Boutique von Benoît Nihant, der bei Wittamer in Brüssel in die Lehre gegangen war (unverkennbar für Fans), ist ein sichtbares Zeichen dafür.

Uff uff, Carré geschafft, und schon wieder Hunger? Oder gar zum ersten Mal, weil Ihr die Runde anders herum macht und noch gar nicht in der Rue St-Gilles wart? Kein Problem. Natürlich könnte ich Euch jetzt ein paar schickere Restaurants empfehlen. Das „Bruit qui court“ zum Beispiel mit seinem stylischen Ambiente zwischen Jugendstil und Tim Raue. Oder den „Jardin des Bégards“, vom Gault Millau als bestes mediterranes Restaurant in Benelux gekürt (fast eine Hommage an die italienischen Stahlarbeiter im Lüttich der 60er Jahre). Oder das einmalige „Shanghaï“, ein alt eingesessenes chinesisches Restaurant mit der ungelogen besten Weinkarte Belgiens. Ich sage nur 1.200 Positionen und insgesamt 40.000 Flaschen. Der Leidenschaft des Inhabers sei Dank, hier wählt man erst den Wein und zusammen mit Sommelier Georges dann die passenden Speisen. Und die Weinpreise sind in den letzten 20 Jahren dieselben geblieben, man glaubt es kaum. Das bietet die Möglichkeit, einen der letzten „wahren“ Bordeaux zu probieren, von denen ein paar in dem schönen und sicher sehr oft gelesenen Artikel auf „Nur ein paar Verkostungen…“ beschrieben werden.

Und damit endet Teil 1 des Einkaufsführers Lüttich. Im zweiten Teil geht es dann um Bücher, Käse, Kaffee und Wein.

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8 Antworten zu Kulinarischer Einkaufsführer Lüttich, Teil 1

  1. jens schreibt:

    Super Bericht Matze!

    Freue mich schon auf die Fortsetzung – aber bitte bau doch die ein oder andere, absolut sehenswerte, touristische Sehenswürdigkeit oder sonst einen Ort oder Platz in Liegè ein, von dem Du der Meinung bist, dass man in unbedingt gesehen / besucht haben sollte – warum auch immer.

    Jens

    • chezmatze schreibt:

      Hallo Jens,

      die fünf Hauptsehenswürdigkeiten sind: Musée Curtius, die romanische Kirche St-Bartélemy (besonders das Taufbecken), die Kathedrale (an sich so lala, aber der Tresor ist sehenswert), die Treppe auf die Montagne de Bueren und der Bahnhof.

      In den Palais des Princes-Evêques kommt man nicht rein. Das volkstümliche Viertel Outremeuse wird von den meisten Touristen ohne fachkundige Begleitung als „siffig“ bezeichnet.

      Und was sonst? Da gibt es skurrile Läden wie den „Oufti-Verkauf“, da gibt es die steilen Straßen die Hügel hoch mit den kleinen Backsteinhäusern, da gibt es den Blick auf die Stadt von der Cointe aus, da gibt es einen verwunschenen Spazierweg über die Coteaux de la Citadelle. Aber das sind alles keine Sehenswürdigkeiten, wegen der man extra dahin gehen würde. Die Stadt und ihre Atmosphäre, das ist es eigentlich. Eine Mischung aus Frankreich und Nordengland, elegant und ruppig gleichzeitig.

      Das ist eh die Sache mit Lüttich: Es kommt auf die Details an, man muss hier mit einem gewissen Bewusstsein durchgehen. Diese freundliche, saubere, touristengeeignete Atmosphäre, wie sie zum Beispiel Maastricht zu bieten hat, gibt es in Lüttich nur sehr eingeschränkt.

      Wenn Du zwischen 16 und 20 wärst, würde ich Dich noch darauf hinweisen, dass im Carré jede Nacht ab Mittwoch wild gefeiert wird, ebenfalls eine Mischung aus schick und ruppig. Ab dem dritten Semester geht man dann woanders hin. Und das haben wir alle vermutlich schon ein Weilchen hinter uns 😉

  2. chezuli schreibt:

    Danke für den Bericht, hört sich spannend an für den nächsten Wochenendtrip….

    • chezmatze schreibt:

      Ah, à propos Wochenende, gut dass Du mich erinnerst: Die Hotels, in denen ich selbst übernachtet habe, kann ich eigentlich nicht weiterempfehlen.

      Okay sind: La Passerelle, Les Acteurs und das Eurotel.
      Richtig gut sollen sein: Jala und Couronne.
      Am persönlichsten ist das B&B The Street Lodge, aber die haben nur ein Zimmer.

      Freunde echter Luxusabsteigen finden wahrscheinlich nichts, was ihren Ansprüchen genügt. Aber für die ist eigentlich die ganze Stadt nichts.

  3. Christoph schreibt:

    Sehr schön! Wenn ich das lese, muss ich wohl davon ausgehen, dass ich beim nächsten Liège-Besuch zwingend einen halben Monatslohn verballen muss, ich ein schlechtes Gewissen habe aber sehr glücklich und zufrieden und ein paar Pfunde schwerer sein werde.

    • chezmatze schreibt:

      Obwohl ich zu meiner Arbeit mit dem Fahrrad jedesmal einen der elend steilen „Hügel“ hochfahren musste, die man auch vom Radrennen kennt, habe ich während meiner Lüttich-Zeit ordentlich zugelegt. Und pleite war ich auch immer. Mit anderen Worten: Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen!

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