Besuch bei einem Winzer: Weingut Jean Stodden

Gestern bin ich spontan und ohne Ankündigung beim Weingut Jean Stodden in Rech an der Ahr vorbeigeschneit. Das ist okay, wenn man eine Kiste Wein kaufen möchte, aber unangemessen, wenn man sich eigentlich erhofft, ein paar der Weine auch probieren zu können. Jedenfalls bei einem Weingut, dass lediglich 6,5 ha unter Reben hat und entsprechend keine Marketingabteilung für derartige Zwecke besitzt. Insofern noch einmal mein herzlichster Dank an Alexander Stodden, dass er sich genauso spontan so viel Zeit für mich genommen hat. Das nächste Mal sage ich vorher Bescheid.

Wein wurde an der Ahr schon zur Römerzeit gekeltert. In der Familie Stodden ist der Weinbau seit dem Jahr 1578 bezeugt. Es erscheint daher berechtigt, von einer gewissen Tradition zu sprechen. Auch von der Tradition der Rotweinbereitung, denn schon vor 111 Jahren begann Urahn Alois, seine Spätburgunder selbst auszubauen. Nach dem Zweiten Weltkrieg schließlich begann ziemlich bald eine Entwicklung, die sowohl das Ahrtal als auch den dortigen Rotwein für Jahrzehnte umkrempeln sollte.

Die Erträge waren damals sehr gering, nicht mehr als 20-25 hl/ha, und das bei den enorm arbeitsintensiven Steillagen. Es lag daher nahe, Klone zu züchten, die mehr Ertrag und mehr Zucker brachten. Gleichzeitig begann der Ausflugstourismus von Rhein und Ruhr, damals vermutlich noch mit Goggo und Isetta. Dadurch, dass sich in Bonn der Sitz der Regierung befand mitsamt unzähligen Abgeordneten, Ministerialdirigenten und fremden Diplomaten, zudem noch die rheinische Industrie richtig Geld scheffelte, kam es an der Ahr zu einer fatalen Situation: eine kleine Rebfläche, eine finanzkräftige Kundschaft, da ließ sich auch mit süßer Plörre ein ordentlicher Preis erzielen.

Zum Glück hat sich die Qualität der Weine mittlerweile gewandelt, jedenfalls bei den vier „Matadoren“ an der Ahrspitze. Die Preise sind allerdings weiterhin mutig. Oder auch nicht, je nach Sichtweise. Alexander Stoddens Vater Gerhard war nämlich bereits vor Jahren ein großer Fan großer Burgunder. An wem sollte man sich hier auch sonst orientieren, mehrere hundert Kilometer von anderen Rotweinregionen entfernt? Weitblick gewinnt halt immer nur jemand, der auch mal intensiv über den eigenen Tellerrand hinausblickt.

Alexander Stodden meint dann auch Folgendes: „Jeder Rotwein-Winzer, der den Anspruch hat, mit seinen Produkten ganz nach oben zu kommen, sollte einmal einen Romanée-Conti kaufen und trinken. Das ist zwar eine gewisse Investition, aber nur dann weiß man doch aus eigenem Erleben, wie hoch der Hammer noch hängt.“ Und was ist sein persönlicher Wunsch für das Weingut? „Einen Romanée-Conti für Deutschland zu machen.“ Ah ja, klar, aber klingt das nicht verdächtig nach Größenwahn? „Nein nein“, wirft er ein, „so habe ich das nicht gemeint. Ich habe jetzt den ersten kleinen Schritt auf dem Weg dorthin getan. Innerhalb einer Generation ist so etwas nie zu verwirklichen. Aber es bleibt eine Vision, ein Orientierungspunkt am Horizont.“

Da kann ich nur sagen: Hut ab vor so viel Courage und Weitsicht. Natürlich kann nicht jeder Rotweinwinzer in Deutschland einen Romanée-Conti machen wollen. Aber irgendwie will jeder ja das Beste aus seinem Weinberg holen. Und wer sich dann nicht mit einer Goldenen Kammerpreismünze zufrieden gibt, sondern seine Inspiration aus dem (vermutlich) Unerreichbaren schöpft, der hat zumindest mental das Zeug zu einem immer größer werdenden Wurf.

Ein kleiner Schwenk noch durch die Jahrgänge: 2006 war „super, sollte man kaufen, wenn man den noch bekommt“, 2007 „reif“, 2008 „voller Frucht und Eleganz, einer der am meisten unterschätzten Jahrgänge der letzten 20 Jahre“, 2009 „ziemlich üppig“, 2010 „…“, und 2011 steht an der Ahr alles prächtig, „keine Frostschäden, hoffen wir jetzt, dass es erst mal gemäßigt weitergeht“.

Mit meinen Verkostungsnotizen ist es dann so eine Sache. Gleichzeitig ein intensives Gespräch zu führen, zu schlürfen, zu spucken und alles aufzuschreiben, während das Gespräch schon wieder bei der Frage der Klone ist, und dann der nächste Wein im Glas steht, das ist schon für gestandene Profis eine Herausforderung. Ich möchte das Folgende also eher als eine Reihung von Eindrücken verstanden wissen. Unter solchen Bedingungen selbstherrlich irgendwelche Punkte verteilen zu wollen, verbietet einem (hoffentlich) der eigene Realitätssinn.

2009 Spätburgunder J, 16 €: rauchig, würzig, fast „deutsche Art“, kaum Tannin

2007 Spätburgunder JS, 19 €: erhebliche Steigerung, zusätzlich zur Würze jetzt noch schöne Säure und eine Frucht wie reifer Brombeerbusch

2007 Recher Herrenberg Spätburgunder, 26 €: aha, der Gutsstil setzt sich fort; nicht mehr so unzugänglich wie offenbar noch vor einigen Jahren, aber immer noch strukturiert, trocken, mit Säure, Würze und Tannin. Gefällt mir.

2006 Neuenahrer Sonnenberg GG, 52 €: bräunliche Töne in der Farbe, auch die Nase süßer, „portiger“. Am Gaumen dann enorme Würze, viel Pfeffer, gehalten aber von einer lebendigen Säurestruktur. Nicht ganz mein Stil, hat aber Qualität.

2008 Ahrweiler Rosenthal GG, 53 €: deutliche Schokoladennote in der Nase. Am Gaumen in der Tat mit der mit Abstand größten Fruchtigkeit, aber viskos, ordentlich Druck ohne allzu hohe Reife. Das wird ein größerer Langläufer, als man wegen der Frucht jetzt vielleicht denkt.

2007 Recher Herrenberg GG, 52 €: Nase fruchtig-dunkel. An der Zungenspitze ein deutlich süßerer Anklang, kann am Alkoholgehalt liegen, 14,5 vol%. Am Gaumen sehr pfeffrig, leichte Portnote, wirkt etwas anstrengend nachhaltig, scheint momentan nicht in einer Top-Phase zu sein.

2007 Alte Reben Spätburgunder, ausverkauft, kostete vorher 75 €: kein Lagenname, weil es ja keine großen Brüder der GG geben soll, aber der Wein stammt von wurzelechten Reben aus dem Herrenberg. Interessanterweise handelt es sich um einen Klon-Mischsatz, der nach Alexanders Meinung die besten Ergebnisse bringt. Fast kommt es mir so vor, als sei leicht flüchtige Säure drin, es beißt etwas am Gaumenzäpfchen. Ohnehin sind die Säurenoten fordernd, die Gerbstoffstruktur beeindruckend. Der eindeutig beste Wein der Reihe mit ungeheurem Potenzial. Den kann man in einigen Jahren zu jeder Vergleichsprobe wirklich großer Burgunder mitnehmen. Oder noch viel besser: zum Weihnachtsessen aufmachen und sich einfach daran erfreuen.

Mein persönliches Fazit: Die Stufenabstände in den unteren Regionen sind relativ groß, aber ab dem „einfachen“ Herrenberg wird die ganze Sache sehr beachtlich. Die Großen Gewächse verdienen zweifellos ihren Namen, sind allerdings nicht gerade preisgünstig. Bei den Alten Reben hört die Krittelei dann aber auf: Das ist der Wein, den sich ein kleinerer Rotweinwinzer in Deutschland kaufen sollte, um zu sehen, wohin es gehen kann. Als Inspiration, als Orientierungspunkt am Horizont.

Weingut Jean Stodden, Rotweinstr. 7-9, 53506 Rech, Öffnungszeiten MO-FR 9-12 und 13-18, SA 10-14.

P.S. Danke noch mal an Christoph von originalverkorkt für das Foto vom Stodden’schen Weinberg. Ich selbst war ja gestern nur bei Dernau oben in den Reben.

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3 Antworten zu Besuch bei einem Winzer: Weingut Jean Stodden

  1. jens schreibt:

    Hi Matze!

    Die Ahr ist auch für mich mehrfach im Jahr das Ausflugsziel schlechthin. Für mich in gut 1 Stunde 20 Minuten zu erreichen (hängst alles vom Verkehr auf dem Kölner Ring ab) und genau der richtige Ort um mal abzuspannen, etwas wandern zu gehen und gute Weine zu probieren.

    Das Preisniveau der Ahrweine ist sicherlich gewöhnungsbedürftig und kann den uneingeweihten zunächst regelrecht „schocken“ – wenn man bei den Toperzeugern wie Stodden, Deutzerhof, Kreuzberg, Näkel, Nelles und Adeneuer vorbeischaut. Wenn man allerdings die Weine mal ein paar Jährchen liegen läßt und dann aufzieht (speziell Stodden und Deutzerhof und auch Kreuzberg) kann man wirklich überrascht sein. Feinste Burgunder, die sich auch mit dem Original messen können – sieht man mal vom Alkohol ab.

    Ein 2001 Adenuer No1 hat meine Freunde aus der Champagne vor 2 Jahren regelrecht begeistert – nur der Alkohol wird natürlich von den Franzosen immer als etwas störend empfunden.

    Für mich zur Zeit am interessantesten sind der Deutzerhof (weil klar burgundisch / französisch und in der Jugend schon schön zugänglich) mit dem Grand Duc als Verkostungstip und Kreuzberg mit seiner Cuvèe Georg und seinem CaSaNova (hoffe ich hab‘ das jetzt richtig geschrieben) und natürlich dem burgundischem Silberberg (das ist der Weinberg am ehemaligen Regierungsbunker).

    Cuvèe Georg ist aus Frühburgunder und Cabernet Franc (was ne‘ abgefahrene Cuvèe) und braucht wirklich Zeit oder Luft. Leider nur in geringen Stückzahlen erzeugt, wie der CaSaNova (Cabernet Sauvignon).

    Für die Weine der genannten Weingüter gilt: Aufmachen, ein Glas trinken, Korken drauf, nächsten Tage ein Glas trinken, Korken drauf, am dritten Tag Flasche austrinken und den meisten Spaß haben – wenn die Weine jung sind.

    Auf dem Rückweg dann in Bad Godesberg vorbei und hier in entspannter Atmosphäre französische Bistroküche genießen und natürlich die Weine von Kreuzberg und augesuchten Franzosen genießen. Große, dekadente Cognacauswahl (Ragnaud Paradis z.B.) und wie gesagt klassische französische Bistroküche mit Austern, Hummer, Kalbsnieren in Senfsoße und Klabsbries. Drei Gänge Menü am Abend 30 EUR.

    http://www.schaarschmidt-bistro-partyservice.de

    Grüße Jens

    • chezmatze schreibt:

      Hallo Jens,

      sollte ich tatsächlich für eine gewisse Weile in Köln sein (was sich in der nächsten Zeit entscheidet), werde ich sicher nicht zum letzten Mal in diesem Jahr an der Ahr gewesen sein. Zu Stodden bin ich vor allem deshalb gefahren, weil Deutzerhof, Kreuzberg und Meyer-Näkel nächste Woche (am 21.) zur Hausmesse in den Kölner Weinkeller kommen. Ist natürlich illusorisch, da alles probieren zu wollen. Aber ich habe mir vorgenommen, immer mal einen Ahrwein und einen Burgundwein direkt miteinander zu vergleichen, um einfach die aktuellen Stil- oder sonstigen Unterschiede direkt zu lernen.

      Abgesehen davon: Wenn’s eher ein Kumpel- als ein Familienausflug ist, könnten wir ja im Sommer auch mal zusammen oder zu mehreren eine kleine Tagestour an die Ahr machen.

      Viele Grüße, Matze

  2. Pingback: Besuch bei einem Winzer: Paul Schumacher von der Ahr | Chez Matze

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