Der Klassiker: William Fèvre Chablis 2004

„Fräu’n, nehm se doch ma den ollen Schielehnen hier wech, ick trink doch keen Schardonnee. Ham se nich n anständijen Schabblie?“ Der alte, schlechte Witz, leider nur allzu real existent in der gutbürgerlichen Gaststube, die ich (nicht ganz freiwillig) besuchen durfte. Aber es ist auch ein bisschen merkwürdig: Von Chablis bis nach Dijon, der nördlichsten Ecke des „echten“ Burgund, sind es genau 137 Kilometer. Dazwischen ist nichts. Gut, Wald, Wiesen und Dörfer natürlich, aber keine Weinberge. Dass man bei dieser Isolation den Chablis für einen Wein aus einer eigenen Rebsorte hält, ist daher irgendwie nachvollziehbar.

Hydrologisch gesehen gehört das Chablis-Gebiet auch nicht ins Burgund, sondern zum Rand des Pariser Beckens. Das bedeutet, dass die Flüsse (oder in diesem Fall der Serein) in Richtung Atlantik entwässern und nicht – wie im Fall des Burgund – in Richtung Mittelmeer. Die Geologie ist natürlich ebenfalls von dieser Lage geprägt. Das Pariser Becken war ja Teil des Jurameers, nicht wahr, und deshalb ist an seinen Rändern auch sehr schön der entsprechende Kalk aus dem oberen und mittleren Jura zu Hause, bezeichnet auch als „Kimméridgien“. Bevor ich mich aber zu sehr in diesen Dingen verliere, erst noch ein paar Worte zum Hersteller.

Wenn man das Haus William Fèvre mit einem Weingut in Deutschland vergleichen würde, fiele mir zuerst und einzigst Robert Weil im Rheingau ein. Beides sind enorm renommierte Weingüter, beide besitzen eine relativ große Rebfläche in erstklassigen Lagen, und beide sind in der Hand auswärtiger Investoren, die dennoch das nötige Fingerspitzengefühl zu haben scheinen. Im Falle William Fèvres war dies die Champagnerfirma Joseph Henriot, ihrerseits Besitzer von Bouchard Père & Fils in Beaune, die im Jahr 1998 das Chablis eroberte. William Fèvre selbst besaß schon damals die besten Rebflächen, allein 16 ha in den Grand-Cru-Lagen. Bekannt geworden war er zudem, weil er den Ausbau in neuen Barriques eingeführt hatte, für die meisten ein Sakrileg im traditionell holzfreien Chablis. Das erste, was Joseph Henriot und Gutsdirektor Didier Séguier nach der Übernahme sukzessive veranlassten, war konsequenterweise die Eindämmung des Holzeinflusses. Heute gelten die Weine von William Fèvre als Prototypen für große Chablis, pendelnd zwischen aromatischer Klarheit und Eleganz. Alle Trauben werden handgelesen, Premiers und Grands Crus spontanvergoren.

Es gibt grundsätzlich zwei Linien bei William Fèvre, die sich durch einen minimalen Hinweis auf dem Etikett unterscheiden lassen. Das ist übrigens genauso wie bei Bouchard Père & Fils und mittlerweile auch bei Alois Lageder: Stammen die Trauben für den Wein von eigenen Weinbergen, steht noch das Wörtchen „Domaine“ vor dem Namen „William Fèvre“. Dieser Chablis ist nach der entsprechenden Logik der kleinste der „echten“ Fèvre-Weine. Durch seinen sehr puren und trotz der modernen Kellerausstattung in seiner Jugend oft strengen und fordernden Eindruck sollte auch dieser Chablis nicht zu früh geöffnet werden. Ich hatte das in der Vergangenheit schon mal getan und dabei quasi in eine unreife Stachelbeere gebissen. Diesmal bin ich klüger, zumal der Jahrgang 2004 als „klassisch“ gilt, soll heißen eher kühl und feucht.

Im Glas sehe ich ein mittleres Weißgelb, nichts Außergewöhnliches. In der Nase steigt mir gleich ein Geruch entgegen wie von der Rückseite alter Bilderrahmen. Ein bisschen Leim, trockenes, festes Papier, vielleicht auch leicht Terpentin. Viele Gewürznoten sind dabei, Anis, Kardamom, also eher in die Nase kriechend als sofort präsent. Frucht ist nur noch wenig da, höchstens etwas Birne. Im Mund fällt gleich die gute Säure auf. Vermutlich war sie in jüngeren Jahren ein wenig zu spitz, aber jetzt ist sie schön eingebunden. Die typischen Feuersteinnoten sind auch da, wieder Birne, schöne Aromatik, ein nussiger Abgang. Jetzt kommt es mir so vor, als würde ich den anderen nur nachplappern, aber das ist wirklich ein Chablis, wie er im Buche steht. Er wird immer strenger sein als ein Burgunder von der Côte de Beaune, aber dafür wirkt er auch nie beliebig oder maskiert.

6 Punkte für Eleganz gibt’s da von mir, sogar 7 für Charakter, macht 16 MP insgesamt.

Und noch etwas Positives gibt es zu vermelden: Dieser Wein ist nicht selten. In Frankreich gibt es ihn sogar gelegentlich in den Hypermarchés, in Deutschland z.B. bei Ludwig von Kapff, beim Getränke-Paradies Wolf oder bei Weisbrod & Bath. Der Preis liegt zwischen 13 und 14 €. Wer möchte, kann sich in den drei genannten Weinshops auch noch die Premiers und Grands Crus dazuholen – für später, versteht sich.

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8 Antworten zu Der Klassiker: William Fèvre Chablis 2004

  1. jens schreibt:

    Hallo Matze!

    Ich hab‘ auch das Gefühl, dass sich in Deutschland und übrigens auch in Frankreich so richtig keiner für Chablis interessiert (von Chablis mal abgesehen). Warum das so ist!? Keine Ahnung! Vielleicht am schon beschriebenen, füheren Hype um das Getränk.

    Auch ich trinke gerne Chablis, obwohl ich sagen muss, dass mein aktueller Kellerbestand diesbezüglich gegen Null tendiert. Ich habe allerdings einen Freund, der recht gut mit älteren Chablis bestückt ist! ;-))

    Erst letztens hatten wir zwei alte, ganz einfache Superemarkt-Chablis aus 95 und 97. Beide waren durchaus gut zu trinken und zeigte zarte Aromen nach Orange und Butterscotch. Qualitativ nichts besonderes, aber immer noch gut zu trinken und keinesfalls perdu.

    • chezmatze schreibt:

      Hallo Jens,

      was das Gute an der Sache ist, finde ich: Die ganz großen Chablis sind dadurch noch einigermaßen bezahlbar, was man von den großen weißen Burgundern wie Montrachet ja nicht wirklich behaupten kann. Die echten Stars wie Raveneau oder Dauvissat gibt’s irgendwie kaum in Deutschland zu kaufen. Und die Häuser wie Laroche sind ehrlich gesagt ziemlich langweilig. Wahrscheinlich ist es wirklich die Kombination aus früherem Hype (die meisten Chablis sind dadurch hochtechnisch hergestellt, ist wie in der Champagne) und fehlender Geduld der Konsumenten.

      Ein Weingut, das biodynamisch arbeitet und seine exzellenten Weine sehr günstig verkauft, ist übrigens die Domaine Goisot. Praktisch auf Chablis-Böden, aber außerhalb des Gebiets, deshalb nur als „Bourgogne“ bezeichnet. Von denen mag ich sogar die Sauvignons im Sancerre-Stil, und ich bin ansonsten gar kein Fan der Rebsorte. Die gibt’s bei Wein-Kreis zu bestellen (http://shop.wein-kreis.de/wein/frankreich_burgund_domaine_g_et_j_h_goisot_saint.html), großartige Weine. Aber auch die brauchen einige Zeit, bis sie wirklich rund sind…

      • jens schreibt:

        Hi Matze!

        Die Domaine Goisot kenne ich natürlich als Franzose! 😉 Die räumen auch regelmäßig im Guide Hachette den CDC ab. Die Sauvignon der Domaine sind allerdings eher nicht mein Ding, obwohl ich anerkennen muss, dass die Weine ungewöhnlich gut, mineralisch und einfach außergewöhnlich und individuell sind. Da trink ich dann lieber die Weine aus der Corps de Grade Linie.

        Grüße Jens

      • chezmatze schreibt:

        Das trifft sich ja gut! Ich war letztes Mal vom „Exogyra Virgula“ sehr angetan, wahnsinnig viel Ausdruck in so einem kleinen Wein für 11 €. Aber Du hast schon recht, die Corps de Garde-Linie bietet mehr Ausgewogenheit. Hast Du die Roten auch probiert? Ich mag sie wirklich gern, den Irancy hab ich mir auch in den Keller gelegt, aber sie besitzen schon einen echt nördlichen Ausdruck.

      • jens schreibt:

        Hi Matze!

        Die Roten kenne ich leider nicht. Hab‘ aber einen Besuch vor Ort fest eingeplant. Die vor Ort Preise werden ja wahrscheinlich geradezu lächerlich sein.

        Werd‘ gleich mal schauen ob man die Roten auch bei Kreis bekommt.

        Grüße Jens

      • jens schreibt:

        Aus gegebenem Anlass im Glas…

        … Goisot Bourgogne Cotes d’Auxerre Chardonnay 2007.

        Nach einer Stunde im Decanter macht der Wein auf. Blind nicht von einem Chablis zu unterscheiden. Aromen von Annanas, weiße Blüten, Butter, Kamille, gerösteten Nüssen in der Nase.

        Am Gaumen dann mit präziser Säure und Butter- Nussaromen ausgestattet. Klingt auf einer Welle von Pfirsicharomen aus. Lang und persistent am Gaumen.

        Ein wirklich bemerkenswerter Wein, der in Deutschland um die 10 EUR zu haben sein sollte und so manchem Chablis deutlich das Wasser reichen kann……

        ….Grüße Jens…..leider wiedermal meine letzte Flasche….aber der Besuch auf dem Weingut ist fest vorgenommen!!!

  2. Eline schreibt:

    Ach Chablis. Der ist so eine verkorkste Liebe von mir. In Restaurants hat mit gereifter Chabilis oft schon sehr gut geschmeckt. Leider sind wir aber ungeduldige Weintrinker. Uns fehlt die Geduld für lange Reifung. Und so ein zu junger Chablis schmeckt wirklich nach unreifen Stachelbeeren. Die mag ich nicht mal in reifem Zustand. So begingen wir aus Neugierde die Sünde, einen 2008er Chablis 1er Cru Fourchaume von der Domaine Philippe Goulley zu trinken. Man konnte nur ahnen, dass das mal ein wunderbarer Wein werden wird. Die Säure (eigentlich nur 4,5 g) stach ganz dominant heraus. H. meinte, das bindet sich nie ein. Nach deinem Rat hier werden wir uns doch bemühen, die zweite Flasche noch einige Jahre zu lagern.

    • chezmatze schreibt:

      Den Wein kenne ich jetzt konkret nicht. Aber ich habe zum Beispiel ein paar gute Chablis von Dauvissat im Keller. Da hat mir der wohlmeinende Weinhändler schlichtweg verboten, die zu früh zu öffnen. Die hätten nämlich keine Frucht- und Verschlussphase, meinte er, sondern nur die Phasen „sauer“, „flach“ und „großartig“. Bis sie dahin kommen, müsste ich mich in Geduld üben… Bei einer Probe hatte ich dann die Gelegenheit, die Phasen „sauer“ und „flach“ schon mal zu testen 😉 Die werden aber wirklich richtig gut, da bin ich mir sicher, denn das Potenzial war ganz klar zu schmecken.

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