Shipspotting mit Käpt’n Matze

Samstag Abend, wunderbares Wetter draußen, da ist nix los im Internet. Zum Glück natürlich. Einerseits, weil man sich sonst vielleicht Sorgen machen müsste wegen fehlender Sozialkontakte. Andererseits aber auch, weil dann niemand wirklich merkt, dass ich wieder einen grotesken Artikel veröffentliche. Mein neuestes Nebenbei-Hobby heißt nämlich „Shipspotting“. Links seht Ihr zum Beispiel, wie die „Queen Victoria“ gerade an meinem Balkon vorbeigeschippert kommt.

Wie kann es aber passieren, dass ich alte Landratte mich plötzlich so seemännisch gebe? Habe ich mir etwa gedacht, wenn Österreicher wie Freddy Quinn sich so gerieren können, dann kann ich das auch? Mitnichten, alles reiner Zufall. Von meiner Dachgeschosswohnung in Lissabon aus habe ich einen herrlichen Blick über den Tejo. Von hier sieht man die ganzen großen Ozeandampfer (okay, die vielleicht nicht mehr) den Hafen anfahren und wieder verlassen. Ganz in der Nähe befinden sich, ein bisschen wie früher in Blankenese, ehemalige Kapitänsvillen. Da konnten dann die Pensionäre mit dem Fernrohr stehen und sich noch einmal so fühlen wie auf großer Fahrt.

Hier kommt also eine Auswahl an Schiffen, die ich in den letzten Wochen gesehen habe. Vielleicht kann man ahnen, dass ich früher gern Autokarten gespielt habe… (zum Vergrößern jeweils auf das Foto klicken)

„AIDAbella“ – Länge: 252 m, Passagierkabinen: 1025

Die unter italienischer Flagge fahrende AIDAbella wurde im Jahr 2008 in Papenburg gebaut. Offiziell als „Clubschiff“ bezeichnet, geht es um Jubel, Trubel, Heiterkeit. Wer mault, fliegt von Bord.

„Azura“ – Länge: 290 m, Passagierkabinen: 1557

Das Schiff der britischen Gesellschaft P&O (ja, die Kanalüber-querer) ist für den gediegenen Gast gedacht. Weinexperte Olly Smith sucht die Tropfen aus, ein indisches Restaurant gibt’s auch.

„Boudicca“ – Länge: 205 m, Passagierkabinen: 450

Baujahr 1973 und damit einer der Dinosaurier der Kreuzfahrer-Branche. Leider ist die Inneneinrichtung nicht mehr original, aber neun Namenswechsel erzählen viel. British Food & Entertainment.

„Costa Serena“ – Länge: 290 m, Passagierkabinen: 1500

Das sprichwörtliche Flaggschiff der italienischen Reederei „Costa Cruises“ war auch der Star in der sechsteiligen Serie einer „National Geographic“-Produktion. Ein Schleicher, nur 15 Knoten.

„CSAV Rupanco“ – Länge: 231 m, Flagge: Liberia

Dieser Frachter hat mit Abstand den meisten Dieselqualm aller beobachteten Schiffe in den Lissaboner Himmel gejagt. Wiegt leer 41500 Tonnen, viermal mehr als die „Costa Serena“.

„Elegant Sky“ – Länge: 189 m, Flagge: Panama

Skyfarben stimmt zwar nicht, aber dieses von Pininfarina designte Schiff gilt in der Tat als einer der elegantesten Frachter aller sieben Meere. Pendelt meist zwischen Portugal und Brasilien.

„Elisa B“ – Länge: 176 m, Flagge: Spanien

Wieder einer der Oldtimer, Baujahr 1979 immerhin, und der Diesel tut’s immer noch, wie man sieht. Ist dafür nicht mehr auf spektakulären Routen unterwegs, sondern nur rund um Iberien.

„Felicity Ace“ – Länge: 196 m, Flagge: Panama

Lange musste ich zittern, ob dieser groteske Kasten wirklich an mir vorbeifährt, drei Schlepper haben ihn schließlich eskortiert. Alte Autos werden damit nach Westafrika transportiert.

„Fram“ – Länge: 114 m, Passagierkabinen: 280

Eines der interessantesten Schiffe hier – und eins, das ich niemals erwartet hätte. Das norwegische Hurtigrouten-Schiff war im Dezember 2007 in der Antarktis mit einem Eisberg kollidiert.

„Gil Vicente“ – Länge: 49 m, Flagge: Portugal

Dieses Schiff hat den Ozean noch nie gesehen. Es verbindet als Fähre Lissabon mit den Städten auf der Südseite des Tejo. Mit fast 25 Knoten Höchstgeschwindigkeit der schnellste Brauser hier.

„Grande Togo“ – Länge: 211 m, Flagge: Italien

Wieder so ein ganz komischer Kasten, diesmal von der Familie Grimaldi. Der Name deutet es schon an, auch hier wird nach Afrika geschifft, nächstes Ziel war Luanda in Angola.

„Independence of the Seas“ – Länge: 339 m, Passagiere: 4370

Die Gigantomanie hat einen Namen: IotS, das größte Schiff, das ich hier gesehen habe. 15 Passagierdecks, ein Wasserpark, eine Shopping Street, ein Theater mit 1200 Plätzen, eine Eislauffläche.

„Iolcos Glory“ – Länge: 234 m, Flagge: Panama

Dieses 30 Jahre alte Schiff habe ich nie fahren sehen. Es kam nachts und blieb dann fast zwei Wochen. Dass es schon Schweres mitgemacht hat, kann man in diesem Video sehen.

„King Grace“ – Länge: 175 m, Flagge: St. Vincent & Grenadinen

Der Preis für die größte Rostlaube im Tejo geht an die King Grace. Seit 25 Jahren dümpelt dieses Motorschiff ungepflegt herum, das zweitlangsamste, eine Niete für jeden Schiffskartenspieler.

„Maersk Torino“ – Länge: 161 m, Flagge: Liberia

Noch so ein zweifelhafter Frachter, diesmal aber angemalt in den schönen Farben der Maersk-Reederei. Jene besitzt mit der „Emma Maersk“ das längste Containerschiff der Welt, 397 m.

„Marschenland“ – Länge: 75 m, Flagge: Belgien

Es kann nicht immer Kaviar sein. Kaum zu glauben, aber dieses Schiff ist tatsächlich hochseetauglich, mit 1550 Tonnen Leergewicht aber das leichteste, mit 9,3 kn auch das langsamste.

„MSC Lirica“ – Länge: 253 m, Passagierkabinen: 780

Doch Kaviar. Ein Spa- und Wellnessbereich von lumpigen 900 Quadratmetern und sehr wenig Kabinen für die Größe des Schiffes. Taufpatin Sophia Loren, das sagt eigentlich alles.

„MSC Poesia“ – Länge: 293 m, Passagierkabinen: 1275

Käpt’n Matze ist immer einsatzbereit. Hier knipst er schnell aus dem fahrenden Vorortzug die Abfahrt der MSC Poesia. Wieder war Sophia Loren die Taufpatin, kein innovatives Konzept, Leute.

„Ocean Nova“ – Länge: 70 m, maximal 68 Passagiere

Ein völlig anderes Konzept liegt diesem kleinen Passagierschiff zugrunde. 1992 mit einem eistauglichen Rumpf gebaut, war sie immer in Polnähe unterwegs. Ging auch mal schief, siehe hier.

„Po Navy Creoula“ – Länge: 67 m, Flagge: Portugal

Dieser stolze Viermaster dient heutzutage als Segelschulschiff der portugiesischen Marine. Zwischen 1937 und 1973 war es immer von März bis Oktober auf Kabeljaufang bei Neufundland.

„Prince Perfeito“ – Länge: nicht sehr lang, Flagge: Portugal

Noch so ein Schiff aus der guten alten Zeit. Ein ehemaliger französischer Fischkutter, für eine Weile in Chile im Einsatz, vor ein paar Jahren von einem Schweden für Tagestouren gekauft.

„Queen Victoria“ – Länge: 294 m, Passagierkabinen: 1007

Nicht das größte, aber ohne Zweifel eins der Highlights. Wird von einer Kapitänin aus Faroer gesteuert. Als Camilla das Schiff taufen wollte, blieb die Champagnerflasche heil, ein schlechtes Omen.

„Red Cedar“ – Länge: 189 m, Flagge: Marshall-Inseln

So, liebe Freunde, jetzt mal schnell die Marshall-Inseln auf einer unbeschrifteten Weltkarte finden. Die Red Cedar wird noch nie dort gewesen sein, ist derzeit aber im Indischen Ozean unterwegs.

„Restless of Auckland“ – Länge: 15 m, Flagge: Neuseeland

Das kleinste Schiff von allen, aber der Name ist Programm. Die Restless segelt tatsächlich um die Welt. Was dabei so alles passiert, kann man auf ihrem Blog lesen. Erstaunlich.

„Saga Pearl II“ – Länge: 165 m, maximal 602 Passagiere

Baujahr 1981 und viel erlebt. Gebaut in Kiel als „Astoria“, wurde sie nach Südafrika verkauft und diente später als Sauftourschiff in der Ostsee. Die Weltreise 2008 wurde nach Pannen gestoppt.

„Seabourn Odyssey“ – Länge: 197 m, 450 Passagiere

Der Rumpf des Schiffes wurde in zwei Hälften im kroatischen Rijeka gebaut, beide Hälften dann nach Genua geschleppt und zusammengeschweißt. Hat die Weltreise 2010 geschafft. Ganz.

„Splendour of the Seas“ – Länge: 263 m, 2076 Passagiere

Gedacht für ein internationales Publikum, gibt es an Bord einen 12-Loch Golfplatz – in klein. Im Winter ist das Schiff in Brasilien stationiert, im Sommer in Venedig, geschippert wird ständig.

„Taurus“ – Länge: 194 m, Flagge: Marshall-Inseln

Das letzte Schiff der Serie ist wieder recht unspektakulär, und ich finde das sehr passend für einen echten Käpt’n. Der Frachter wiegt sechsmal mehr als der Cruiser davor, wer hätt’s gedacht?

So. Jetzt werden sich einige von Euch fragen, ob sie diesen Blog jemals noch konsultieren sollen. Der Irrsinn nimmt langsam überhand, und es ist nur zu befürchten, dass so langsam mit steigender Selbstsicherheit der wahre Matze’sche Charakter zum Vorschein kommt. Ein paar ganz wenige fragen sich vielleicht, woher ich diese ganzen Infos habe. Und wieso ich weiß, welche Schiffe hier ein- und ausfahren. Oho, ich weiß sogar, welche Schiffe die Elbmündung befahren. Das hat ganz einfach damit zu tun, dass ich auf eine geniale Website gestoßen bin, ursprünglich eingerichtet von ein paar Freaks an der „University of the Aegean“ in Syros. Wenn Ihr hier klickt, öffnet sich vielleicht auch für Euch eine neue Welt. Und wenn Ihr in der Nähe eines Hafens wohnt oder Urlaub macht, wird dann nichts mehr so sein wie zuvor.

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3 Antworten zu Shipspotting mit Käpt’n Matze

  1. Marco schreibt:

    Gestern bei DLF „Sternzeit“ einen Artikel gehört der dem Käptn gefallen wird:
    http://www.dradio.de/dlf/sendungen/sternzeit/1444611/

    • chezmatze schreibt:

      Das ist tatsächlich interessant. Gerade habe ich gelesen, dass die Griechen auch mit einem Receiver (AIS) arbeiten. Sie sagen selbst, dass sie Schiffe im Flachen etwa 15-20 Seemeilen entfernt orten können. Gehen sie mit der Antenne auf den Berg, sind es aber bis zu 200 Seemeilen. Ganz auf die offene See kommen die Jungs nicht, das sieht man auch an den Karten. Da scheint die Weltraumstation schon praktischer zu sein. Ich weiß, keiner wird es zugeben und immer sagen, es dient der Sicherheit vor möglichen Zusammenstößen, aber eigentlich ist das alles ein großes Spielzeug. Nicht umsonst kann man sich bei den Griechen nach Anmeldung seine eigene Schiffsflotte zusammen stellen – nur lenken geht wohl noch nicht…

  2. germanicus84 schreibt:

    Ich liebe Schiffe 😉 Vielleicht fahr ich bald mal wieder an die Küste zum Ship-Spotting.

    Ein paar Kreuzfahrtschiffe habe ich während meiner Kreuzfahrt durch den arabischen Golf auch fotografieren können. Darunter die legendäre MS Deutschland!

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