Der schwierige Gesprächspartner: Kühn Doosberg 2007

Normalerweise unterhält man sich nicht mit einem Wein, ich weiß, jedenfalls nicht bei freudigen Anlässen. Man unterhält sich vielmehr beim Wein und ist dann eher daran interessiert, dass das spritzige Gesöff die Zunge des Gegenübers lockert. Oder man unterhält sich über den Wein, benutzt allerhand bunte Worte und Assoziationen und hofft wiederum, sein Gegenüber damit zu beeindrucken. Diesen Wein jedoch würde ich zunächst einmal zum Selbststudium empfehlen. Meinetwegen auch zum Gespräch über ihn, aber da sollte der Gesprächspartner gut gewählt sein. Für lockeres Plaudern beim Wein soll er jedoch völlig ungeeignet sein. Ein astreiner Blind-Date-Verderber sozusagen. Wird jedenfalls behauptet.

Um der Leserinformation Genüge zu tun: Hinter der schlampigen Bezeichnung in der Überschrift steckt ausgeschrieben Folgendes: Es handelt sich hier um den trockenen Riesling aus dem Oestricher Doosberg im Rheingau, gutsintern mit drei Trauben klassifiziert. Das ist die Spitze der Pyramide von Peter Jakob Kühn, seines Zeichens Winzer in Oestrich und einer der wenigen in Deutschland, die es mit dem biodynamischen Wirtschaften richtig ernst meinen. Was er auf diesem Weg schon so alles erlebt hat, würde wahrscheinlich Bücher füllen.

Der Doosberg nimmt die ganze Fläche zwischen Oestrich und Hattenheim ein und zieht sich vom Rhein langsam empor bis auf 250 Meter über Normal Null. Mit über 100 ha ist er vielleicht ein bisschen zu groß geraten, aber wer bin ich, darüber zu richten. Der Untergrund besteht in erster Linie aus tiefgründigem Löss und Lösslehm, mit anderen Worten: sehr fruchtbar. Die Quarzitadern, die ihn durchziehen, geben dabei einem anderen Kühn-Wein ihren Namen, aber um den soll es hier nicht gehen.

Mit den Kühn’schen Weinen des Jahrgangs 2006 war ich gar nicht einverstanden. Überhaupt hatten die deutschen Winzer in jenem Jahr nach meinem persönlichen Empfinden allerlei stumpfe und bereits in ihrer Jugend müde Weine auf den Markt geworfen, wobei die berühmte Regel mit der Ausnahme natürlich auch hier greift. Als ich dann die 2007er zum ersten Mal probierte, war ich spontan begeistert. Seitdem hatte mich kein Wein aus dem Hause Kühn mehr enttäuscht, und deshalb wage ich mich jetzt auch an den „Großen“.

Goldgelb in der Farbe, wirkt mächtig reif. Die Nase bestätigt das sofort, sehr reif, gelb, Honignoten, dunkle Mineralität, aber auch ein leicht giftiger Blütenton, wie Narzisse. Und verbranntes Gummi. Am Gaumen moussiert der Wein noch minimal. Mit einem Schrauber ist er verschlossen, wie alle Kühn-Weine. Da muss ich spontan noch ganz schnell eine kleine Geschichte einflechten, merkt Euch das mit der Duftnote für später. Also: Ich war zu einem Abendevent eingeladen beim Kulturattaché der Botschaft eines Weinliebhaber-landes in Berlin. Der Anlass tut nichts zur Sache. Was bringt man am besten mit? Einen Wein natürlich. Und weil ich mich nicht lumpen lassen wollte, habe ich schnell einen meiner Kühn-Weine aus dem Keller geholt. Nach dem Auspacken fiel der Blick meines Gastgebers auf die Flasche. Und plötzlich hatte es der gepeinigte Attaché sehr eilig, sich zu bedanken. Ich folgte also seinem Blick und… oh Gott, der Schrauber! In vielen Ländern ist das immer noch gleichbedeutend mit dem Grauen schlechthin. Hier noch mal der Verweis auf den umwerfenden Klassiker von und mit Gerhard Polt. So war das damals.

Daran muss ich wieder denken beim Aufschrauben dieses Spitzenweins. Versteht mich bitte nicht falsch: Ich bin absolut kein Vertreter der Korkzunft. Aber bis alle Menschen gelernt haben, dass in einer mit einem Schraubverschluss versehenen Flasche auch ein hochwertiger Inhalt stecken kann, vergeht noch eine ganze Zeit.

Jetzt aber zurück zur Verkostung: Farbe also goldgelb, Nase reif, Honig, Gummi. Am Gaumen spüre ich konsequenterweise wieder diese gelben Noten. Senfkörner, Blütenhonig, aber absolut nicht klebrig, ziemlich trocken und mit eleganter Säure. Für Frischwein-Trinker ist das absolut nichts, war es noch nie etwas. Aber wer beispielsweise die Stilistik eines Savennières liebt, wird die Größe hier gleich erkennen. Darauf baue ich übrigens bei nämlichem Diplomaten, sollte er das Fläschchen nicht gleich bei nächster Gelegenheit weiterverschenkt haben. Interessant finde ich, dass der Wein trotz der intensiven Aromen überhaupt nicht schwierig wirkt. Ich hatte ja befürchtet, dass mir der Doosberg kompliziert schweigend gegenüber sitzt, aber dem ist nicht so. Das erinnert mich alles stark an den Chenin blanc von Guiberteau, über den ich vor einigen Monaten geschrieben hatte.

Mein Fazit: Dieser Wein verscheucht weder böse Geister noch beschwört er sie herauf. Er ist noch nicht ganz auf seinem Höhepunkt angelangt, zeigt aber schon alle Ansätze. Ich jedenfalls kann mich sehr gut mit ihm unterhalten, die Überschrift war – wie so häufig – eine Übertreibung. 5 Punkte für Eleganz, viel mehr werden es wahrscheinlich auch zukünftig nicht, dafür 8 Punkte für Charakter, denn der ist unbestritten da. 17 MP macht das insgesamt, ein wirklich guter Wein. Wer bei den Rheingauer Rieslingen immer mal das Gefühl hatte, dass da an Ausdruck und Individualität noch etwas geht, der sollte zu diesem Wein greifen. Bei der Wahl der Speisen sehe ich hingegen gewisse Schwierigkeiten. Käsefondue halte ich jedenfalls für wesentlich stimmiger als den üblichen Flussfisch.

Gekauft habe ich den Wein bei K&U in Nürnberg für 23,90 €, ein sehr anständiger Preis, wie ich finde.

Wie geht’s Euch mit den Kühn-Weinen? Hat jemand schon den Hendelberg getrunken (ich noch nicht)?

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7 Antworten zu Der schwierige Gesprächspartner: Kühn Doosberg 2007

  1. Christoph schreibt:

    Ich überleg eja gerade, ob ich seine Weine nicht mit ins Programm aufnehmen soll, so gut finde ich sie mittlerweile.

    • chezmatze schreibt:

      Ich finde auch den Aufbau sehr stimmig. Da kann man wirklich genau die Stufen zwischen den Ein-, Zwei- und Drei-Trauben-Weinen schmecken, wobei schon der Jacobus sehr beachtlich ist. Ich hatte vor einiger Zeit den 2007er getrunken (da hieß er noch „Oestrich Riesling“), absolut auf dem Höhepunkt. Da war ich froh, dass ich ihn nicht schon früher weggeschlürft hatte.

      • Lijbosz Nek schreibt:

        Dann sollte ich vielleicht denn 2009er Jacobus gut verstecken, auf dass ich ihn nicht frühzeitig aus Versehen leere. Für 2- oder gar 3-Trauber(?) von Kühn reicht mein Budget noch nicht; es wäre vielleicht auch (noch) Verschwendung. Schließlich kaufe ich lieber kartonweise, damit es nie bei nur einer Flasche bleibt.

      • chezmatze schreibt:

        Naja, da sagt Dir natürlich jeder etwas anderes, aber ich persönlich bin der Meinung, dass die Kühn’schen Weine allesamt mit der Lagerung besser werden. Da gibt’s natürlich immer Jahrgangsschwankungen, aber so pi mal Daumen würde ich dem Kleinen 3-4 Jahre, den Mittleren 5-6 Jahre und den Großen 7 Jahre und mehr geben, bis sie top sind.

        Ich selbst bin übrigens gar kein „Hauswein-Vertreter“ und auch noch nie einer gewesen. Mehr als höchstens 2-3 Flaschen pro Wein habe ich nicht. Das liegt in erster Linie daran, dass ich viel zu neugierig darauf bin, was es alles noch so gibt.

        Ich musste selbst jahrelang mit einem sehr kleinen Budget zurechtkommen. Da war mir der Einstieg bei Kühn schon zu viel. Teurere Weine habe ich nur bei Verkostungen in Weinhandlungen oder kleineren Messen getrunken. Aber wie sagt man so schön (und meistens zutreffend): Ein großer Winzer zeigt sich in seinem kleinsten Wein.

  2. Lijbosz Nek schreibt:

    Nein, einen „Hauswein“ kann auch ich nicht vorweisen, aber 6 Flaschen von einem Wein sind nicht zu viel; zumal ich nur Weißwein trinke, da ich Rotwein nicht vertrage.

  3. Pingback: Vier individuelle Rieslinge aus 2009 – ein großer Jahrgang? | Chez Matze

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