Peixe em Lisboa 2011 (1) – die Weine

Gestern war ein großer Tag für alle Essbegeisterten in Lissabon. Oder besser gesagt, ab gestern. Denn bis zum 17. April findet direkt am Praça do Comércio das wichtigste Food Festival Portugals statt: „Peixe em Lisboa“. So sehen das jedenfalls die Organisatoren, aber wenn man sich als gemeiner Messebesucher von insgesamt zehn Michelin-Sternen bekochen lassen kann, ist das schon nicht unbescheiden. Bei „Peixe em Lisboa“ gibt es Showkochen, Kochkurse, Weinkurse, Stände mit Feinkost, Stände mit Weinen und in der Mitte einen überdachten Hof mit Tischen und Stühlen, um die ganzen Köstlichkeiten zu sich nehmen zu können.

Was es nicht in dem Maße gibt, wie der Name es vermuten ließe, ist Fisch. Ein einziger Fischstand kündet noch von vergangenen Zeiten, aber man kommt offenbar auch nicht zu diesem Event, um sich einen Petersfisch für den heimischen Herd zu besorgen. Weil die ganze Auswahl so groß und meine Erkenntnisse so vielfältig waren, muss ich diesen Post in zwei Teilen anbieten: Im ersten Teil werde ich Euch alle probierten Weine präsentieren und im zweiten Teil das Essen, die Köche und das Konzept vorstellen. Wie gesagt, das Festival dauert noch eine ganze Woche. Wer von Euch in dieser Zeit zufällig in Lissabon weilt oder kurz entschlossen einfliegt, kann alles selbst in Augenschein nehmen.

Ich hatte mich gestern für einen Weinvortrag des Sommelier-Trieze-Weltmeisters (oder wie heißt noch mal der Dritte?) Manuel Moreira eingetragen, war aber etwas zu früh da, so dass ich erst einmal an den Ständen herumschauen konnte. Auf den ersten Blick sah ich viel Gewöhnliches der großen Wein-Unter-nehmen, aber irgendwo muss man ja anfangen.

Beginne ich also am Stand von Enoport, einer kleinen Firma, die jährlich 50 Millionen Hektoliter portugiesischen Weins in alle Welt verschifft. Sie besitzen Büros in Brasilien, Angola und China und beliefern in erster Linie Hotels. Insgesamt zehn Quintas produzieren die Weine in Portugal, die Quinta do Boição liegt dabei in der Nähe von Lissabon.

1. Bucellas 2010 branco der Quinta do Boição: Der Weißwein aus 100% Arinto ist – ich konstatiere es ungern – blass, relativ dünn und mit wenig Aroma ausgestattet. Zum Essen, wenn überhaupt.

2. Quinta do Boição „Special Selection Old Vineyards“ 2008 branco: Für ungefähr 25 € bekommt man hier 40 Jahre alte Reben und 12 Monate Barriqueausbau. Ebenfalls 100% Arinto, eine schöne Säurestruktur, wesentlich mehr Gehalt, aber leider noch stark vom Holz geprägt. Weniger wäre hier mehr gewesen, man merkt den Wunsch, etwas Hochwertiges produzieren zu wollen.

Nächstes Unternehmen, die Quinta dos Avidagos aus dem Dourotal. Ein etwas anderes Konzept gibt es hier: Einst Traubenlieferanten für die Portwein-Industrie, kam die Familie vor etwa zehn Jahren ins Grübeln, als die Portweinfirmen immer weniger für Fassware zahlten. Warum also nicht selbst ausbauen, trocken natürlich, und dann rein in den internationalen Markt? Pedro Tamagnini war auf der deutschen Schule in Lissabon, solche Sprachkenntnisse sind in der Branche gelegentlich ganz hilfreich.

3. Avidagos 2010 branco: Ein Wein hauptsächlich aus Malvasia und Gouveio, sehr cremig bereits zu Anfang. Kein Wein, der die Weinwelt auf den Kopf stellt, aber vielfältig einsetzbar auch für die nicht ganz so schlanken Gerichte.

4. Quinta do Além Tanha 2007 tinto: Eher für die Freunde der älteren Schule. Etwas dumpf im Aromenprofil, reif bis hin zu maderisiert, 15,5 vol%, wirkt fast wie ein trockener Vintage Port. Und genau wie jener braucht dieser Wein noch eine ganze Weile, um seine innere Mitte zu finden. Gibt’s zum Beispiel bei der Weingalerie für 24 €.

5. Quinta dos Avidagos Grande Reserva 2008 tinto: 75% Touriga Nacional, wesentlich fruchtiger, zugänglicher, moderner – und dennoch ein Brummer der Art „ultra-heavy“. 16,3 vol% sind für mich die Hölle auf Erden, aber wenigstens gehen sie offen damit um. Für diese Alkoholstärke wirkt der Wein verblüffend ausgewogen, und weil er modern und fruchtig ist, kann man ihn jetzt schon gut trinken. In kleinen Mengen. Parker hat nur 90 Punkte gegeben, der Wein hätte ihm eigentlich besser gefallen müssen.

So, weiter geht’s mit dem Vortrag von Manuel Moreira. Thema ist die uralte portugiesische Rebsorte Verdelho, die auf dem Kontinent praktisch komplett verschwunden war (nein, es ist nicht der spanische Verdejo). Nur auf Madeira und den Azoren stehen noch 20 ha Reben. Vor einiger Zeit hat Domingo Soares Franco, der Vizepräsident und Önologe von José Maria da Fonseca (700 ha und zufällig einer der Hauptsponsoren dieses Events), ein Experiment gewagt und auf 3 ha Verdelho angepflanzt. Seine Inspiration kam aber nicht von den Azoren, sondern aus Australien, wo er ein paar sehr gelungene Verdelhos probiert hatte.

6. Verdelho Colecção Privada Domingos Soares Franco 2009 branco: Der Wein ist dann auch sehr aromatisch, vorn voll auf die Frucht, Säureadern, die rechts und links daneben in den Mund gleiten – nur hinten halt nichts. Das Interessanteste ist fast die Nase mit ihrer Kalkmineralität und den Guave-Nuancen. Manuel Moreira meint dann auch, der Wein sei ein bisschen als Sauvignon-blanc-Widersacher gedacht. Also relativ vordergründig. Über das Potenzial der Rebsorte sagt das meiner bescheidenen Meinung nach jar nüscht aus. Da sollte man dann aber eher auf einen bewusst bereiteten Wein aus Madeira oder von den Azoren setzen.

Weiter geht’s im munteren Probenspiel. Diesmal an einem Stand desVeranstalters, der leider keine kenntnisreichen Angestellten zum Ausschenken zur Verfügung gestellt hat.

7. Als „interessantester Wein hier“ wurde mir ein 2010er Vinho Verde Loureiro Colheita Seleccionada der Quinta de Gomariz angeboten: Nase sehr frisch, apfelig, reinzuchtig, am Gaumen ein schönes Perlen, sehr leicht und zitronig. Aus der Kategorie „drink & drive“, nehme ich an.

8. Als Kontrastprogramm gibt es dann den 2009er Casa de OleirosAzal„, ebenfalls ein Vinho Verde, aber mit 13,5 vol%. In die Nase steigt Bitterkeit, komplettiert von Birne und Bratapfel. Am Gaumen perlt hier nichts wirklich, die Säure ist aber gut. Birne und Bitterkeit setzen sich fort, auch ein gewisser Alkohol. Die Hostess mault, das sei doch kein Vinho Verde. Gut, dem Appellationsprofil entspricht es ganz sicher nicht. Auch ist 2009 wohl etwas zu warm gewesen, der Zuckergehalt der Trauben hat den Alkohol in ungewohnte Bahnen gelenkt. Zudem ist der Ausbau offenbar noch leicht oxidativ gewesen, die Aromatik eine völlig andere. Gut, mein Lieblingswein wird das auch nicht, aber uninteressant finde ich ihn genauso wenig. 100% Azal, hatte ich vorher noch nie.

Zum nächsten Stand, wo ich wieder einen dieser upperclassigen Besitzersöhne treffe, diesmal aus dem Alentejo. Upper class hin oder her, nett und aufgeschlossen ist er, und wir unterhalten uns eine ganze Weile. Das Weingut „Terras de Alter„, das die Weine „Terra d’Alter“ herstellt, ist auch noch relativ neu. Wohin der Weg gehen soll, wird gleich auf der Startseite bekannt gegeben: „Our vineyards are treated with the aim of producing the best wine in the world.“ Na denn. Treibende Kraft hinter dem Projekt ist der australische Önologe Peter Bright, der sich schon eine ganze Weile lang erfolgreich in Portugal tummelt. New world approach, wenn man so will, schon im Anbau mit modernen Bewässerungstechniken und weiter dann in der blitzeblanken Produktionshalle.

9. Terra d’Alter Alicante Bouschet 2008 tinto: Jetzt verstehe ich auch das mit dem weltbesten Wein. Ziel bereits erreicht, würde ich sagen, denn dies ist der weltbeste Alicante Bouschet. Dicke Schalen, hohe Erträge, farbkräftig, die Traube kennen mitteleuropäische Winzer vermutlich am ehesten aus dem Tanklaster zwecks Farbverbesserung. Der Dornfelder aus der Ferne. Peter Bright holt hier aber alles raus: sehr fruchtig, ausgewogene Süße-Säure-Balance, spürbare Tannine, dafür elegant, ein total gut gemachter, total neuweltiger Wein.

10. Barrão 2008 tinto: der eigene Wein der Besitzerfamilie. Eine Cuvée aus Tinta Caiada, Aragonês und Touriga Nacional, im Prinzip ähnlich im Profil, wenn auch etwas weicher und weniger fruchtbetont. Vielleicht liegt es am Önologen Rui Cunha, der hierfür verantwortlich zeichnet.

11. Terra d’Alter Alfrocheiro 2009 tinto: genau wie der Alicante Bouschet ein reinsortiger Wein aus einer Rebsorte, die in Portugal ein mäßiges Image genießt und woanders völlig unbekannt ist. Immer noch farbkräftig, wieder enorm fruchtig, ausgewogen, neuweltig, aber mit einem Touch mehr Robustheit ausgestattet. Garantiert wieder Weltbester.

12. Terra d’Alter Outeiro 2008 tinto: einer der beiden Premium-Weine des Unternehmens, 14 Monate neue Barriques, je zur Hälfte Syrah und Petit Verdot. Wenn ich jetzt sage, dass dies der vergleichsweise unfruchtigste Wein der Reihe ist, kommt dem Wort „vergleichsweise“ die größte Bedeutung zu. Das Aromenprofil ist weniger frontal, etwas subtiler, dunkelbeerig, Säure und Tannin ausgewogen.

Die ganze Unternehmung ist, Ihr könnt es Euch denken, überhaupt nicht nach meinem Stil. Keinerlei Tradition, kaum Wiedererkennungsmerkmale, die Rebsorten hätte ich nie erraten können. Hätte alles Merlot sein können. Aber: die Weine sind tiptop gemacht, und selbst der „Outeiro“ kostet bei Wein-Deko nur 18,90 €, der Alicante Bouschet noch nicht einmal die Hälfte. Kann ja zum Glück jeder selbst entscheiden, was ihm schmeckt.

Zum Schluss geht es zum Stand von „Bacalhôa Wines„. 20 Millionen Liter, 15.000 Eichenfässer, 1.000 Hektar Land. Need I say more? Aber immerhin haben sie auch nach dem Aufkauf anderer Firmen noch die Namensgeber an Bord behalten, die „Quinta da Bacalhôa“. Hier wird nicht nur der älteste Cabernet Sauvignon Portugals hergestellt (was mich persönlich kalt lässt), sondern auch ein hervorragender Moscatel (wofür ich mich schon eher erwärmen kann).

13. Quinta da Bacalhôa 2009 branco: ein Wein aus der Gegend von Setúbal südlich von Lissabon. 50% Sémillon, 25% Alavarinho, 25% Sauvignon blanc, keine der Rebsorten stammt von hier. Die Nase ist schon sehr aromatisch, aber am Gaumen kracht es total, und das bei Wein Nummer 13. Ungeheuer Ananas, das Holz viel stärker präsent, als es die mageren sechs Monate Ausbau vermuten ließen. Grobe Poren im Fassholz wahrscheinlich. Wieder fast ausschließlich modern.

14. Quinta da Bacalhôa 2008 tinto: das rote Pendant, 90% Cabernet Sauvignon, 10% Merlot. Allerdings stammt die erste Ernte dieses Weins schon von 1979, es ist also kein Grünschnabel. Aber ein Grünschmecker: Paprika bis zum Abwinken in der Nase, am Gaumen dann noch kräftig Säure und Tannine. Ich muss zugeben, etwas überrascht zu sein. Das hätte ich wesentlich glatter und moderner erwartet. Vielleicht liegt es am eher schlanken Jahrgang 2008. Um nicht missverstanden zu werden: Der Wein ist reif, der Wein ist vollmundig, aber er ist nicht vordergründig fruchtig, ist kein easy drinking. Gar nicht schlecht.

15. Bacalhôa Moscatel de Setúbal 1999 licoroso: Das ist die wahre Spezialität der Gegend hier, ein gespriteter Muskatwein. Jetzt bin ich selbst kein ausgesprochener Anhänger gespriteter Süßweine, weil sie mir wegen des hohen Alkoholgehalts immer ein wenig plump vorkommen. Ich behaupte manchmal, das seien Weine für Zigarrenraucher. Was aber einen guten von einem schlechten Moscatel unterscheidet, das kann man hier sehen. Dies ist nämlich ein guter: Alkohol – okay, Nussigkeit bis hin zu Maroni – okay, aber auch Frucht, Säure, ein lebendiges Spiel trotz 18 Umdrehungen.

16. Bacalhôa Moscatel Roxo 1999 licoroso: gleiche Liga, andere Varietät. Der Moscatel Galego Roxo ist eine rote Rebsorte, theoretisch jedenfalls, denn eigentlich sind Trauben und Saft eher rosa. Dieser Wein hat acht Jahre in gebrauchten Eichenfässern zugebracht, in denen vorher Malt Whisky ausgebaut wurde. Das Aromenprofil ist dementsprechend weniger fruchtig und mehr, tja, akademisch. Ein bisschen wie Cognac mit halber Alkoholstärke, sehr komplex, eine durch und durch viskose Materie, man möchte die Flasche nicht allein austrinken. Zum Schluss kommt dann aber noch eine erstaunlich gute Säure, die auch diesen Wein nicht langweilig wirken lässt. Eine echte Spezialität.

Zu kaufen gibt es die beiden Moscatels, Ihr könnt es Euch denken, bei der Weingalerie und bei Wein-Deko, die Preise liegen zwischen 19 und 23 €. Und – jetzt sage ich es ehrlich – das sind die beiden einzigen Weine, die ich Euch aus dieser ganzen Reihe wirklich empfehlen würde.

Was mir hier bei „Peixe em Lisboa“ weinmäßig total gefehlt hat, das waren die Charaktertropfen. Nicht die Produkte großer Unternehmen, nicht die fruchtigen Weltmarkt-Beschicker. Hier habe ich größtenteils korrekte Weine probieren können, aber so richtig traurig war ich über die Anwesenheit des Spucknapfs nicht. Dass das auch ganz anders geht und es Sensationelles in Portugal zu entdecken gibt, darüber werde ich Euch nächste Woche noch berichten können.

Morgen aber zunächst der zweite Teil der Food-Messe, dann mit Fisch auf dem Tisch und ein paar Hochkarätern an Grill und Herd. Versprochen.

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