Rettet die Wurzelechten aus Colares!

Als es feststand, dass ich einen knappen Monat in Lissabon verbringen würde, habe ich mir einen Weinwusch ganz oben auf die Liste geschrieben: einen Colares. Warum das, und was soll das überhaupt sein, ein „Colares“? Also, Colares ist ein sehr kleines Weinanbaugebiet ganz im Westen Portugals. Die Reben stehen auf kargem, sandigem Untergrund auf den Klippen über dem Atlantik. Diese weltferne Lage – nebst dem Sand natürlich – hat die Reben davor bewahrt, von der gemeinen Reblaus angenagt zu werden. Andererseits haben aber auch die Weinfreunde den Colares von ihrer persönlichen Landkarte gestrichen.

Ein Grund dafür mag sein, dass die Colares-Weine selbst für das rückständige Portugal noch ungemein altertümlich daherkommen. Sauer, krautig, Tannine bis zum Abwinken. Einige Fans wagen sich nach 30 Jahren Kellerlagerung mal wieder an einen Colares – und erleben ein kleines Wunder. Davon berichtet auch Jamie Goode auf seiner Website, der sogar einen Colares von 1934 probieren konnte. Nur, wer möchte so lange auf einen vermeintlich bescheidenen Wein warten? Zum Glück gab es in den letzten Jahren ein paar vielversprechende Initiativen, dieses einmalige kulturelle Erbe vor dem Verschwinden zu bewahren. Die Fundação Oriente und die Adega Regional de Colares (unter der Marke „Arenae“) haben mit viel persönlichem Engagement Weingärten wieder bewirtschaften lassen. Ganz neu dazu gekommen sind die beiden Freunde von Casca Wines, die ich Euch vor ein paar Tagen vorgestellt hatte. Ihr weißer „Malvasia de Colares“ ist bis jetzt das neue Spitzenprodukt der Region.

Wer sich hingegen nie auch nur einen Zentimeter bewegt hat, ist António Bernardino Paulo da Silva mit seinem „Colares Chitas“. Mehr als entlarvend ist da bereits das Etikett. Neben der schönen Goldmedaille, die der Wein von einer Ausstellung in Panama 1915 mitbrachte, wird dort auch auf die letzte große Auszeichnung verwiesen: die Goldmedaille im internationalen Weinwettbewerb 1980 in Ljubljana, Jugoslawien. Das nenne ich wahrhaft gestrig. Und ja, irgendwie sympathisch.

Der Wein, den ich Euch heute vorstellen möchte, heißt „Colares Chitas Reserva Velha Tinto 2003“, kostet im ebenso altertümlichen Feinkostgeschäft von Manuel Tavares 11 Euro und besteht zu 100 Prozent aus der autochthonen Rebsorte Ramisco, die nur noch auf insgesamt 25 ha angebaut wird. Das Jahr 2003 war hier so heiß wie überall sonst, nur wird die Sonnenhitze in Colares durch den nahen Atlantik, der nie mehr als 17 Grad Wassertemperatur erreicht, deutlich abgemildert.

Im Glas sehe ich ein klares, nicht allzu dunkles Rot. In der Nase ist zunächst eine ganz leichte flüchtige Säure zu spüren, sehr flüchtig allerdings, schon weg. Ansonsten kommt mir der Wein erstaunlich burgundisch vor mit seiner leicht rauchigen Himbeerfrucht und einem dezenten Erdton. Und, tatsächlich, der Wein pinotiert (wer diesen Begriff richtig schön verständlich erklären kann, sei dazu herzlich aufgefordert). Nie im Leben hätte ich diesen Wein nach Portugal gesteckt. Am Gaumen setzen sich die Nuancen fort: leicht, fruchtig, sehr zart, milde Tannine, präsente Säure, viel Frische. Dieser Wein ist nicht altmodisch im Sinne von verquer, sondern altmodisch im Sinne von dezent. Keine dunkle, dicke Frucht, keine Kirchenfenster vom Alkohol (nur 12 vol%), dafür aber auch nur für Freunde der leisen Töne geeignet. Der Abgang ist entsprechend schlank, kräftige Gerichte würden den Wein schlicht wegpusten.

Kaltes Spanferkel geht dagegen hervorragend, eine milde Kohlsuppe mit Kümmel auch, vermutlich sogar Boquerones oder ähnliche Tapas. Nur halt kein Wild, keine große Würze, keine Süße im Essen. Mir gefällt der Wein außerordentlich gut, und das natürlich auch aus dem Grund, hier lebendige Geschichte im Glas zu haben. Auf diesen Colares muss man nicht 30 Jahre lang warten. Dieser kleine Wein hat die Eleganz für sich gepachtet, 8 Eleganz-Punkte von mir, dazu 6 für Charakter, macht 16,5 MP insgesamt. Frucht- und Volumentrinker seien allerdings nochmals gewarnt: Für Euch gibt’s genug anderes Zeug hier in Portugal, Monte d’Oiro zum Beispiel, hatte ich neulich schon mal (mit geringem Vergnügen).

Einen halbwegs aktuellen Colares egal welchen Herstellers habe ich im deutschsprachigen Raum bislang nicht finden können. Nur bei Historia Wine in Freiburg gibt es den 1970er Colares Chitas für 143 €… Also, liebe Weinhändler, wer von Euch willens und in der Lage ist, nicht nur Rebensaft zu verkaufen, sondern auch die Geschichten, die dahinter stehen, nehmt den Colares ins Programm!

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8 Antworten zu Rettet die Wurzelechten aus Colares!

  1. Pingback: Weinrallye # 45: Casal de Azenha Reserva, 45 Jahre alter Rotwein aus Portugal | Chez Matze

  2. Reinhard Fulde schreibt:

    Habe den Artikel gerade zufällig bei der Suche nach „Colares“ entdeckt: Ich hatte das Glück, vor einiger Zeit einen weissen 59er trinken zu dürfen. Das war eines der größten Weinerlebnisse meines Lebens. Aber: 1. Wer kann so lange warten? 2. Wo bekommt man den Wein? 3. Sind die heute auch noch so gut…?
    Reinhard

    • Matze schreibt:

      Wenn ich mal für mich selbst antworten darf ;): 1. Niemand. Man muss wahrscheinlich einen Wein finden, den ein anderer vergessen hatte. 2. In Lissabon vermutlich. Die „Garrafeira Nacional“ hat ja immer (noch) Flaschen zumindest aus den 60er und 70er Jahren vorrätig, auf Anfrage sicher auch noch ältere. Oder möglicherweise in London, da findet man meist die seltensten „old world“-Getränke. 3. Das ist eine gute Frage, die sich wohl nie beantworten lassen wird. Würden wir den heutigen Weinen 60 Jahre Kellerlagerung gewähren, müssten wir ja ähnlich robust sein wie die Weine selbst, um sie dann trinken zu können. Ich habe allerdings vom Projekt „Monte Cascas“ gehört, dass sie jeweils einen Roten und einen Weißen auf die alte Art angebaut und vinifiziert haben sollen. Hier habe ich die Weine gefunden: http://www.ovinho.de/index.php/cat/c91_Colares.html
      Ich überlege mir durchaus, jeweils eine Flasche davon zu kaufen… Im Winter, denn jetzt möchte ich lieber keine besonderen Weine durch die Republik kutschieren lassen.

  3. Doreen schreibt:

    Salut Matze. Ich würde mal frech auf die Napoleao-Ableger verweisen..soweit ich mich erinnere, ist der Colares Chitas[…], der in meinem Leipziger Keller liegt, dort erworben worden. Herbstliche Grüße, Doreen

    • Matze schreibt:

      Das ist in der Tat ein frecher Hinweis, denn auf der deutschen Napoleao-Website gibt es den Wein gar nicht ;). Aber man kann ihn sich ja aus der Zentrale in Portugal liefern lassen, das ist bei mehreren Flaschen gar nicht teuer – oder der Franchisenehmer in Leipzig (Du?) macht das für einen, das dürfte sicher möglich sein.

  4. Dominik Franz schreibt:

    Die Weine gibt es hier: http://berts-weinwelten.com/collections/paulo-da-silva
    Wie auch Reinhard Fulde, bin ich gerade auf der Suche nach Colares hier gelandet.
    Ich war schon bei Paulo da Silva im Weinkeller und muss sagen: Ein Erlebnis!
    Da liegen in schlichten kleinen Betonbuchten Jahrgänge bis tief in die 1950er einfach so rum.
    Wir hatten das große Glück, einen 1963er „Ribamar“ verkosten zu können. Originalverkorkt!
    Und er war tatsächlich noch trinkbar mit einem interessanten Duft.
    Paulo macht wirklich alles von Hand, sogar die Etiketten werden manuell beklebt. Leider hat er wohl bislang keinen Nachfolger.

    • Matze schreibt:

      Danke für den Kommentar! Das gibt mir die Gelegenheit, ein paar Jahre nach meinem Lissabon-Besuch noch einmal nachzukarten 😉 Ich habe nämlich vor kurzem einen anderen alten Colares getrunken, einen 1967er von Viúva Gomes. Hier meine Kurznotizen: „unglaublich herb, bissige Säure, furztrocken und eher mager, Tannin kleidet immer noch den Gaumen aus, etwas Terpentin, Rhabarbersäure, habe vermutlich noch nie einen so sauren Rotwein getrunken, dadurch aber völlig sauber, wenngleich das Gegenteil von hedonistisch; man muss von diesem Stil den besten und wärmsten Jahrgang nehmen, scheint mir; das ist wahrhaftig eine Zeitreise; wenn in alten Liedern von „saurem Wein“ die Rede ist, dann ist vermutlich ein solcher hier gemeint; solo schwer verständlich, muss zu Essen gereicht werden, und zwar immer noch“. 1967 war aber offenbar auch ein sehr kleines Jahr, nicht nur anderswo, sondern auch am portugiesischen Atlantik. Trotzdem bin ich sehr froh, diesen so abweisenden wie endlos haltbaren Wein probiert zu haben. Geht übrigens sehr gut zu ziemlich salzigem und fetthaltigem Essen, da bindet sich die Säure schon ein und liefert einen stilistischen Kontrapunkt.

  5. Joerg Rekate schreibt:

    Moinsen, was so gefunden wird auf der Suche nach Casca Wines in Deutschland! Also Viuva Gomes gibt es bei mir seit 2 Jahren und die Weine von Helder ( Frederico ist leider ausgestiegen ) haben wir exklusiv in Alemanha. Das ist jetzt mit Viuva Gomes so gekommen: ich habe die beiden dort besucht und sie haben das Equipment von Jose Baeta dort benutzen können und ich habe die alten Flaschen gesehen während die beiden die alte Presse noch etwas gedreht habn um auf 475L Ertrag zu kommen ( Malvasia 2013 war es ). Und hier heisst: http://www.ovinho.de

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