110 Jahre alte Reben: Monte Cascas „Fernão-Pires“ 2008

Mit dem Begriff der „alten Reben“ wird gelegentlich ein wenig inflationär umgegangen. Ich habe schon mit diesem Rubrum versehene Weine getrunken, die von 20 Jahre alten Pflanzungen stammten. Das ist gerade so volljährig, also nicht wirklich alt. Die beiden Önologen Frederico Gomes und Helder Cunha von Casca Wines hingegen waren auf der Suche nach den allerknorrigsten Exemplaren – gemäß ihrem Motto „Wines from the Old World“.

Dabei kommt ihr Motto noch aus einem anderen Grund nicht von ungefähr. In jungen Jahren haben die beiden nämlich zusammen in der „New World“ gearbeitet, und zwar im Weingut von Kent Rasmussen in Kalifornien. Zurück in Portugal sind beide zunächst einmal getrennte Wege gegangen, haben Rotwein, Weißwein, Süßwein, Schaumwein und Port bereitet bei den verschiedensten Arbeitgebern, Helder hat sogar in Geisenheim noch einmal die Schulbank gedrückt. Mittlerweile dürften beide so um die 40 sein, im besten Alter also, um mit dem nötigen Mut etwas Eigenes auf die Beine zu stellen.

Da beide in Cascais zu Hause sind, dem Seebad an der Lissaboner Küste, nannten sie ihr Unternehmen „Monte Cascas“. Eigene Weinberge wollten sie dabei nicht bearbeiten, aber im Land herumfahren und kleine Winzer suchen, die entsprechende Weinberge besitzen. In Almeirim, im Tejotal bei Santerém gelegen, wurden sie bei Traubenbauer António Borrego fündig: Obwohl es sich beim Untergrund „nur“ um Flusslehm handelt, wurden im Aushub eines Nachbarhauses noch in sieben Metern Tiefe Rebwurzeln gefunden. Die Reben selbst stammten vom Ende des 19. Jahrhunderts, „Fernão-Pires“ heißt die weiße, autochthone Rebsorte. Aus ihr werden in Mittelportugal Weine von durchaus unterschiedlicher Qualität gekeltert, aber das dürfte man bei uns von Silvaner oder Grünem Veltliner auch behaupten können. Positiv ausgedrückt: Potenzial ist reichlich vorhanden.

Leider – aber irgendwie auch konsequent – gibt es vom Erstlingsjahrgang nicht allzu viele Flaschen. Gerade einmal fünf Fässer wurden gefüllt, gebrauchte französische Barriques. In ihnen verbrachte der Wein zwölf Monate, bevor er schließlich abgefüllt wurde. Es gibt für die beiden übrigens noch viel zu lernen, wie sie freimütig zugeben: Im Jahrgang 2009 musste die Lese schon am 11. August stattfinden, erschreckend früh. Aber die Trauben waren phenolisch reif und wären bei längerem Warten nur noch angekokelt worden von der Sonne. Jetzt aber zu dem 2008er:

Der Kork ist exzellent, das gleich mal vorweg. Frederico und Helder haben das Alterungspotenzial ihres Weins auf etwa 20 Jahre ausgelegt, entsprechend mussten die Verpackungsmaterialien beschaffen sein. Im Glas zeigt sich ein kräftiges Gelb, sehr kräftig sogar. In der Nase ist erstaunlich wenig Frucht zu spüren, dafür etwas Holz, ansonsten Waldhonig, auch Terpentin, die würzig-strenge Variante. Am Gaumen haut die Frucht dafür voll zu. Bei 6,3 g Säure haben die beiden 5,9 g Restzucker zugelassen, das ist viel für Portugal. Die 13,3 %vol. wären bei ganz trockenem Ausbau sicher noch in deutlich höhere Bereiche gegangen, und das wollten sie nicht. Ich nenne eine solche Frucht gern „Mittelfrucht“, weil sie direkt in der Mitte ankommt. Also keine spitze, pikante Apfel- oder Zitronennote, sondern Pfirsich, ein wenig Ananas und tatsächlich vollreife Orange. Der Wein ist enorm aromatisch, nicht nur der Frucht wegen. Ein leichtes Feuer wie bei einem Furmint, dazu frische Minze, Viskosität, einfach ungewöhnlich reif wirkend. Säure und Cremigkeit sind auch präsent und lassen den Wein irgendwie (obwohl ich den Begriff als Beschreibung eigentlich nicht so schätze) „sexy“ wirken, was für mich das Gegenteil eines Mager-Models bedeutet.

Auch wenn die beiden Weinmacher vorschlagen, den Wein noch länger reifen zu lassen, verhält es sich so wie bei einer fruchtsüßen Spätlese: Er schmeckt jetzt schon unverschämt gut, und zwar solo oder zu Brioche oder pikanter asiatischer Küche oder zu voluminöseren Meeresgeschmäckern wie Jakobsmuscheln und Hummer. Meine Punkte: 6 für Eleganz, 6 für Charakter, macht 16 MP insgesamt. Lasst Euch aber nicht von den Punkten leiten; dies ist ein Stil, den ich zu manchen Gelegenheiten liebe, der mir zu anderen dagegen nicht behagt. Setzt ein profitliches Grinsen auf, bevor Ihr die Flasche öffnet, dann seid Ihr auf der richtigen Seite.

Die Weine von Monte Cascas gibt es in Deutschland bei O Vinho. Den hier besprochenen – Teufel noch einmal – natürlich nicht, aber wenn ein Weinhändler immerhin acht verschiedene Weine der beiden im Angebot hat, geht da sicher einiges. Mit 21,50 € (in Lissabon) ist der „Fernão-Pires“ allerdings neben dem Colares auch der teuerste Wein von Frederico und Helder.

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