Lapa dos Gaivões 2008, der Wein aus der Steinzeit

Vor ein paar Tagen bin ich im Supermarkt des Corte Inglés per Zufall an eine reizende Winzertochter geraten, ich hatte im Weinforum davon ja schon kurz berichtet. Zwei Weine aus dem Alentejo hatte sie dabei, die ich auch beide vor Ort probiert habe. Mitgenommen habe ich schließlich den kleineren Wein, den ich Euch hier vorstellen möchte. Was die ganze Sache für mich aber noch interessanter gemacht hat, waren ihre Einschätzungen zur Weinlage in Portugal.

Was ich Schussel mir allerdings vorwerfen lassen muss: Ich habe vergessen, das fotografisch auch zu dokumentieren. Nicht dass ich ein ausgesprochener Freund gestellter Bilder mit verkrampftem Grinsen wäre, aber zur Untermalung der Textpassagen wäre es schon ganz schön gewesen. Wie auch immer, jetzt geht es um den Wein:

Das Weingut „Lapa dos Gaivões“ von João Teodósio Matos Barbosa und seiner Familie wurde erst vor einigen Jahren gegründet, und zwar in der Nähe von Portalegre im oberen Alentejo. Das Ganze ist Teil eines ambitionierten Vorhabens, das auch ein zweites Weingut im Ribatejo mit einschließt. Wer auf den Link zur Website klickt oder versucht, das Weingut bei Google Earth zu finden, wird schnell herausfinden, dass wir hier inmitten der sprichwörtlichen Pampa gelandet sind. Kein Mensch weit und breit, eine karge und leicht bergige Landschaft kurz vor der spanischen Grenze. Ob früher hier der Bär gesteppt hat, lässt sich schwer sagen, aber jedenfalls haben die jungsteinzeitlichen Bewohner der Gegend in der „Lapa dos Gaivões“ genannten Höhle Felszeichnungen hinterlassen. Man muss schon entweder sehr idealistisch oder sehr weitsichtig sein, um ausgerechnet hier Reben anzupflanzen.

Es sei ihrem Vater von Anfang an darum gegangen, eine andere Art von Alentejo-Wein zu machen als die breiten, marmeladigen Produkte, die hierzulande die Supermarktregale verstopfen. So die Tochter, die ich noch nicht einmal nach ihrem Namen gefragt habe. [Edit gleich mal zwischendurch: Teresa hat mir gerade gemailt und gesagt, dass sie Teresa heißt. Ich hatte sie hier freiweg „Ana María“ genannt. Den Rest des Textes werde ich also schnell namensmäßig ändern.] Teresa meinte, im heißen Alentejo einigermaßen ausgewogene Weine zu machen, sei nicht leicht. Hier oben an der Serra de São Mamede würden die Nächte aber durchaus frisch, und das helfe den Trauben natürlich, sich eine resche Säure zu bewahren.

Der von mir getestete Wein besteht aus den einheimischen Rebsorten Aragonez (= Tempranillo) und Trincadeira, verschnitten mit Syrah, die ebenfalls für die Reserva des Weinguts verwendet wird. Im Glas zeigt sich ein kräftig dunkles Rot mit leicht jugendlichem Rand. In der Nase ist zunächst ein kleiner Stinker zu spüren, der sich dann in sehr deutliche Mineralität wandelt. Neben den üblichen roten Beeren gesellen sich noch Noten von Kräutern und trockenem Gebüsch dazu. Jedenfalls ist das hier keine vordergründige Frucht. Am Gaumen sind ziemlich schnell ordentliche Tannine zu spüren. Erst habe ich aufgeschrieben, dass sie noch Zeit brauchen, um sich einzubinden, aber nach dem ersten Bissen der herzhaften Bauernpfanne stellt sich der Trinkfluss bereits ein. Für einen Wein aus dem Alentejo ist der „Lapa dos Gaivões“ in der Tat sehr frisch, die himbeerige Frucht wird von der leicht bitteren Gebüschnote gekontert.

Je länger der Wein aber offen steht, desto mehr verblüfft er mich: Das ist doch Schiefer! Rauchig, dunkel, Granit könnte auch mit im Untergrund sein, in jedem Fall sehr felsig, sehr eindrücklich. Mosel meets Alentejo. Andere würden vielleicht auch an Collioure denken. Zum Essen fällt gar nicht so sehr auf, dass der Wein einen enormen Charakter in sich trägt, aber solo ist das ungeheuer spürbar.

Teresa gefällt dieser Stil. Allerdings stünden die Portugiesen im Moment überhaupt nicht drauf. Angesagt seien hier (und vielleicht nicht nur hier) junge, zugängliche, sehr fruchtige, kräftige und damit wertig wirkende Weine. „Die kaufen ja selbst den 2007er nicht mehr, weil er sich für sie schon zu alt anhört!“ Tannine, Säure, Finesse, Lagerfähigkeit – alles nicht wirklich gefragt. Und das Preisniveau ist auch bedenklich. „Die Leute sind es gewohnt, für ihre Flasche Wein nicht mehr als zwei Euro auszugeben. Im Supermarkt eher noch weniger. Fünf Euro für einen Rotwein erscheinen da fast unverschämt, jedenfalls dann, wenn der Produzent kein großes Renommee vorzuweisen hat.“

Die Schwierigkeit, als Neuwinzer in diesen begrenzten (Portugal hat nur zehn Millionen Einwohner), geschmacklich determinierten und von Dumpingpreisen geprägten Markt zu kommen, ist sehr nachvollziehbar. Zudem dann, wenn man mit den Ergebnissen des Jahrgangs 2010 konfrontiert wird. „Ein schlechter Jahrgang ist etwas anderes“, meint Teresa dazu, „wir werden gar keinen 2010er auf den Markt bringen. Wir mussten alles zu Schnaps brennen lassen…“

Wenn ich diesen Wein jetzt empfehle, soll das allerdings nicht auf die Mitleidstour geschehen. Nein, denn der „Lapa dos Gaivões 2008“ ist ein Wein, der Charakter besitzt, der die Steinzeit in sich trägt. Zu herzhaften Gerichten passt er jetzt schon gut. Meine Punkte für den Moment sind also: 4 für Eleganz, 7 für Charakter, macht 15,5 MP insgesamt. Wer sich den Wein in den Keller legen möchte, dürfte in drei bis vier Jahren noch ein paar mehr Eleganzpunkte erwarten.

In Deutschland gibt es den „Lapa dos Gaivões“ auch zu kaufen, und zwar bei Weindeko in Schondorf am Ammersee – oder im Online-Shop für schlanke 8,40 €. Allerdings lassen Analysewerte und Weinbeschreibung den Schluss zu, dass sie eventuell für den Jahrgang 2007 erstellt worden sind. „Sanft und weich“ sind jedenfalls keine Vokabeln, die mir bei diesem 2008er spontan in den Mund kommen würden.

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