Riesling-Dreiländerkampf 2008

Holla Holla, ein martialischer Titel. Vor ein paar Jahrzehnten, als Begriffe aus der Militärsprache noch weit verbreitet waren, wäre das sicher keinem aufgefallen. Worum es eigentlich geht: Drei Rieslinge renommierter Weingüter aus dem insgesamt eher frischen Jahrgang 2008 treten gegeneinander an. Für Österreich ist das der Riesling Zöbing vom Kamptaler Weingut Hirsch, für Frankreich der Riesling Bihl vom Biodynamiker Jean-Pierre Frick aus dem Elsass, und schließlich für Deutschland der verbriefte Tausendsassa Tim Fröhlich von der Nahe mit seinem Bockenauer Riesling.

Für alle, die sich jetzt über diesen Post wundern, während ich doch angeblich in Portugal bin: Ja, ich bin in Portugal. Nein, ich habe die drei Flaschen nicht auch noch mitgeschleppt. Ja, der Test stammt von letzter Woche. Jetzt aber zu den Weinen: Alle drei bewegen sich preislich im selben Segment so um die zehn Euro ab Hof, etwas mehr in den jeweiligen Weinhandlungen. Den Hirsch-Riesling habe ich vom Weinladen Schmidt in Berlin, den Bockenauer ebenfalls aus Berlin von Wein & Glas, und den Bihl vom Monoprix aus Lille. Alle Weine gibt es aber auch in etlichen anderen Orten, die übliche Suchmaschine hilft da weiter.

Bevor ich jetzt die Weingüter, ihre Lagen und ihr Ansehen beschreibe und wieder einen 2.000-Zeichen-Post ins Nichts abwerfe, lieber nur mal die grundsätzliche Info, dass es sich bei allen Weinen um Spontangärer handelt. Wenn ich sage, dass alle drei Winzer eine ähnliche Philosophie besitzen, bleibt natürlich die Frage, was „Ähnlichkeit“ in diesem Kontext bedeutet. Alle drei agieren sehr bewusst, das ist ihr kleinster gemeinsamer Nenner. Am extremsten geht da sicherlich Jean-Pierre Frick vor, der seit Ewigkeiten biodynamisch arbeitet und Demeter-zertifiziert ist. Aber wie gesagt, wir sind bei allen dreien weit von der manipulativen Techno-Gilde entfernt.

Was hingegen ganz lustig ist: In punkto Flaschenverschluss gehen alle drei einen anderen Weg. Jean-Pierre Frick verwendet einen Kronkorken wie beim Bier, altbewährt in dem „anderen“ Metier. War etwas störend für mich, weil ich die Weine über mehrere Tage verteilt getrunken habe, und der Kronkorken die Flasche natürlich nicht wieder exakt verschloss. Johannes Hirsch ist neben Peter Jakob Kühn im Rheingau wohl einer der ersten gewesen, der hierzulande auch seine Top-Weine mit Drehverschluss auf den Markt brachte. Fand ich besonders dann gut, als ich eine angefangene Milchtüte in den Kühlschrank stellen musste und der verschraubte Hirsch einfach hingelegt werden konnte. Tim Fröhlich hingegen hält auch beim Ortswein am Naturkork fest. Das ist dann kein Problem, wenn der Kork nicht korkt. Tat er nicht, also alles im grünen Bereich. Jetzt aber zum Wettbewerb der Inhalte.

Kandidat 1, der Deutsche: Blass in der Farbe, leicht grünliche Reflexe, kleine Moussierbläschen; der blasseste, wie sich herausstellen sollte. In der Nase ist nach dem Öffnen sofort ein gewisser Spontiton zu verspüren, der aber schnell verfliegt. Ansonsten eher helle Mineralität, Zitrus, Steinbeißer. Am Gaumen merke ich gleich die Frische, die knackige Säure, aber auch ihr Gegengewicht in der Fruchtsüße. Ein ganz klassisch deutscher Riesling, würde ich sagen, mit den erwarteten Apfel- und Zitrusnoten und einer sehr hellen, fast weißfruchtigen Art. Ich beginne zu verstehen, weshalb manche Leute die Weine von Tim Fröhlich als „sexy“ bezeichnen. Von allen drei Weinen wirkt er so, als besäße er den meisten Fruchtzucker, die offenste, zugänglichste Art. Eine Mittesterin sah hier ihren Favoriten.

Kandidat 2, der Österreicher: Farblich schon mal eine ganz andere Nummer, der dunkelste der drei, aber ebenfalls mit Moussierbläschen. In der Nase hat der Hirsch den fettesten Stinker, die Mineralität ist auch prächtig da, aber wesentlich dunkler als beim Bockenauer. Am Gaumen geht der Anspruch weiter: viel Spontiart, deutlich verbranntes Gummi, zurückhaltende Frucht, ein eher kräuteriger Riesling. Nicht nur wegen des Verschlusses erinnert mich hier viel an Kühns Riesling Quarzit, die Säure ist allerdings deutlich milder. Insgesamt besitzt der Hirsch ein „flacheres“ Aromenprofil, wenn man es so ausdrücken kann, eine leicht rauchige Bitterkeit. Kein Ballettkleid-Wein, eher die Crumpler-Tasche.

Kandidat 3, der Franzose: Farblich liegt der Bihl zwischen den beiden Vorgängern, besitzt aber als einziger keine Moussierbläschen. In der Nase zeigt sich nicht gerade pure Gefälligkeit: Terpentin, Botrytis, ganz anderer Stil, uff. Am Gaumen geht dieser krasse Stilunterschied noch weiter. Die Säure ist beachtlich hoch, sie wirkt am höchsten von allen dreien, was aber auch daran liegen könnte, dass von süßer Frucht wenig zu spüren ist. Ein deutlicher Botrytiston kommt herangeschlichen, grüne Haselnuss, rohe Champignons, Früchte eher sparsam, dafür mehr Gewürze, Koriander, Anis, Senf. Warum machen die das, diese Elsässer, frage ich mich, denn mit Josmeyers Kottabé hatte ich vor einigen Monaten schon einmal einen ganz ähnlichen Riesling im Glas. Bei germanophonen Testern fällt dieser Stil vermutlich komplett durch, während frankophone (beide natürlich nur aus Gewohnheit) die fruchtsüßeren Sachen eher skeptisch beäugen. In jedem Fall der komplexeste und anspruchsvollste der drei Weine.

Da ich wie gesagt die Evolution drei Tage lang mitverfolgen konnte, hatte ich auch die Gelegenheit, die drei Weine mit unterschiedlichen Speisen zu kombinieren. Der Bockenauer trug den Sieg bei der Wurstplatte davon, der Hirsch mochte warme Gerichte am liebsten, der Bihl hatte ein überraschendes Faible für hartgekochte Eier. Vielleicht, weil er selbst so gering geschwefelt ist…

Mein Fazit: Alle drei Weine sind empfehlenswert. Was mich wirklich fasziniert, ist der extrem unterschiedliche Stil, der in ihnen zutage tritt. Jetzt kann man wieder trefflich darüber streiten, welchen Einfluss bei diesen prinzipiell nicht-interventionistischen Winzern die Naturfaktoren haben, und an welchen Unterschieden sie sozusagen selbst „Schuld“ sind. Welche Vielfalt in einem trockenen Ortsriesling stecken kann, das haben unsere drei Kandidaten jedenfalls eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Dass es sich nicht um Weltklasseweine handelt, brauche ich natürlich nicht zu betonen, aber für ihre Klasse und Individualität sind sie mehr als fair bepreist.

Der Bockenauer bekommt von mir 6 Punkte für Eleganz und 5 für Charakter, macht 14,5 MP insgesamt. Der Hirsch erhält 5 Punkte für Eleganz und 6 für Charakter, was wenig überraschend ebenfalls zu 14,5 MP führt. Der Bihl scheint mir dereinst den längsten Atem zu haben, ich gebe ihm 4 Punkte für Eleganz und 7 für Charakter. Das macht dann nach der beliebten Formel „Pi mal Daumen“ 14 MP insgesamt. Je nach Stimmung, Konstitution, Tageszeit und Essbegleitung passt einer der drei immer. Der Länderkampf wird vertagt, das gemeinsame Zechen mag beginnen.

 

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2 Antworten zu Riesling-Dreiländerkampf 2008

  1. jens schreibt:

    Hallo Matze!

    Ich habe oft beobachtet, dass Franzosen auch was mit deutschen Rieslingen anfangen können. Bei meinen Freunden in der Chmapagne ist die Mosel sehr gefragt. Rheingau und auch Mittelrhein gehen ebenfalls. Baden oder Pfalz eher nicht. Diese Weine werden oft als zu fett angesehen.

    Die Kombination aus rassiger Säure, hoher Mineralität und dem Fruchtspiel begeistert oft. Es ist außerdem auffällig, dass „meine Franzosen“ die Petroltöne im Riesling lieben und eher dazu neigen die Flaschen so lange liegen zu lassen, bis diese Töne alterungsbedingt auftreten.

    Aber Champagner und Riesling ist ja von der Stilistik (Säure, Mineralität) ähnlich und deshalb ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass „meine Franzosen“ deutschen Riesling mögen.

    Grüße Jens

    • chezmatze schreibt:

      Stimmt, die Erfahrung habe ich auch schon gemacht. Das kann man sicher nicht verallgemeinern, aber ich fand ganz interessant, dass alkoholisch „fette“ Badener nicht gemocht werden, während Botrytis in einem trockenen Wein überhaupt kein Problem darstellte. Wie es mit der Kombi aussieht (z.B. die gelben Riesen aus der Wachau), weiß ich allerdings nicht. Manche Elsässer gehen ja in eine ähnliche Richtung.

      Übrigens finde ich, dass die Kombination von Mineralität, Säure und einer altersbedingten Firne auch bei Chablis oder Savennières sehr prägnant ist. Wobei die natürlich ein anderes Fruchtprofil haben als ein Riesling.

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