Portugiesische Weinbücher

Wahrscheinlich ist es schon eine Weile her, seit Ihr das letzte Mal in der PDV 100 geblättert habt, der wichtigsten Dienstvorschrift für Polizisten. Ich kann Euch nur empfehlen, mal wieder reinzuschauen. Jede Menge lebenspraktischer Tipps. Zum Beispiel dieser hier, das Erste Gebot aller Kriminalisten sozusagen: „Erste Handlung am Tatort: Überblick verschaffen!“ Also nicht gleich den vermeintlichen Mörder festnehmen und wieder abdampfen. Genauso mache ich es auch immer, wenn ich mich in eine neue Materie einfinden will.

Gut, um Mordaufklärung geht es mir weniger. Aber wenn ich irgendwo hinfahre, gleich 20 beliebige Weine in mich reinstürze, um mich postwendend darüber zu beklagen, dass es in dem jeweiligen Land „nix Gscheits“ gibt, …dann bin ich selbst Schuld. Ich glaube, es an irgendeiner Stelle schon mal gesagt zu haben, aber Bücher sind für mich nach wie vor unverzichtbar. Ich wage zu behaupten, dass ein gut gemachtes Buch auch im Zeitalter rasant zunehmender Medienvielfalt in seiner Kategorie unangreifbar bleiben wird. Kompakt, übersichtlich, robust – und hoffentlich gut recherchiert.

Dadurch dass ich schon so viele Bücher besitze, kann ich auch ziemlich genau sagen, welche Bücher für mich geeignet sind und welche nicht. Gestern (am Sonntag) bin ich also gleich losgezogen, um mich in der hiesigen Fnac-Abteilung einmal umzusehen. Große Begeisterung: Ich habe gefunden, worauf ich gehofft hatte.

Der jährlich herauskommende Weinguide von Rui Falcão ist die wichtigste Referenz für jeden, der sich ernsthaft mit portugiesischem Wein beschäftigt. Das weiß man auch in Deutschland, weshalb der Guia Falcão in der Frankfurter Buchhandlung TFM zu bekommen ist. Auf gut 500 Seiten werden hier alle wichtigen portugiesischen Weine des aktuellen Jahrgangs besprochen, die meisten davon nicht nur mit Punkten, sondern auch mit Worten. Zusätzlich hat Falcão eine ganze Reihe von Vertikalverkostungen der besseren Weine vorgenommen, was mir sehr entgegen kommt. Die am besten bewerteten nicht-gespriteten Weine sind diesmal u.a. der Luis Pato Vinha Formal, der Passadouro Reserva und der Quinta do Vale Meão. Ich kenne noch keinen davon. Dies wird also für die nächste Zeit vermutlich mein wichtigstes Buch sein.

Eine optimale Ergänzung zum Falcão bietet der Guia Proteste. Das ist natürlich keine Anleitung zum Protestieren, sondern es handelt sich um „vorgetestete“ Weine. Der Anspruch geht dabei in eine ganz andere Richtung als bei Falcão: Getestet werden hauptsächlich einfache Weine unter 10 €, häufig von Kooperativen und häufig auch solche, die man in den lokalen Supermarktregalen sieht. Was mich dabei besonders fasziniert: Zu jedem Wein sind technische Analysewerte vorhanden wie gemessener Alkoholgehalt, Restzucker, flüchtige Säure, Gesamtsäure, SO₂ sowie zugesetzte Kohlensäure beim Vinho Verde. Nun kaufe ich Wein natürlich nicht nach Analysewerten, aber es ist für mich eine interessante Zusatzinfo, die ich ansonsten noch nirgends gefunden habe. Die Fähigkeit zur Selbstreflexion beim Guia Proteste ist übrigens auch darin zu erkennen, dass der beste Wein hier mit 88 Punkten bewertet wurde. Man weiß, dass man hier ehrliche Alltagsweine und keinen Grand Cru vorstellt. Gefällt mir.

Das dritte Buch, das „Große Buch der Rebsorten“ ist mit den beiden vorhergehenden nicht zu vergleichen. Jorge Böhm kam als Hans Jörg Böhm vor langer Zeit aus der Pfalz nach Portugal, um dort an autochthonen Rebsorten zu forschen und Wein anzubauen. Dies ist quasi sein Lebenswerk in Buchform gegossen, und ich hoffe damit nicht zu übertreiben. Alle in Portugal wachsenden Rebsorten werden genannt, die wichtigeren darunter in sämtlichen technischen und nicht-technischen Eigenschaften beschrieben. Zudem gibt es noch großartige Abbildungsseiten, von denen ich eine oben im Artikel eingefügt habe. Als jemand, der Bücher liebt, weiß ich natürlich auch, dass man nichts aus ihnen abfotografieren darf. Aber wie soll ich diese fantastische Seite sonst beschreiben, die Verbreitungskarten, die Aromenkreise, die Abbildungen von Blättern und Trieben? Kurz: Dieses Buch zu besitzen, ist eine große Sache. Es wird sicher für die nächsten Jahrzehnte eine Referenz bleiben.

Vielleicht werdet Ihr Euch jetzt fragen, ob ich denn so gut Portugiesisch spreche, dass ich diese Bücher alle lesen kann. Nein, das ist leider nicht der Fall. Aber wenn man eine romanische Sprache kann, ein bisschen Sprachgefühl besitzt und ein Übersetzungsprogramm, dann wird man bei der nicht wirklich komplizierten Weinbeschreibungssprache das meiste verstehen. Einen Roman würde ich auf Portugiesisch natürlich nicht kaufen. Aber was „perfume do jasmim, o limão e a bergamota“ heißt, ist einem auch ohne Übersetzung ziemlich ersichtlich.

Zum Schluss vielleicht noch ein paar Sätze zu Weinführern und ihren Bewertungen allgemein: Ja, ich richte mich nach solchen Büchern, weil ein Rui Falcão mehrere tausend Weine getestet hat und dadurch einfach einen umfassenden Überblick besitzt. Nein, ich halte mich selbstverständlich nicht sklavisch an das, was dort bewertet wurde und kaufe nur Weine, die eine gewisse Mindestpunktzahl besitzen. Was mir deshalb aber wichtig ist: Beschreibungen müssen dabei sein. Reine Punktetabellen sind für meine Zwecke für die Katz, und ein erfahrener Tester sollte in wenigen Worten die typischen Eigenschaften des Weins beschreiben können. Übrigens lasse ich mich deshalb genauso gern in einer Weinhandlung beraten oder gehe unabhängig davon mit ein paar Stichworten im Kopf auf Entdeckungstour.

Solche Bücher aber deshalb nicht zu kaufen und zu lesen, weil „da ja eh nix drinsteht“ oder „ich meinen eigenen Geschmack bewahren will“, halte ich schlichtweg für dümmlich. Das würde ungefähr so sein, als wenn ein Physiker sich mit der Relativität beschäftigen möchte, aber „diesen Einstein“ nicht liest. Ist jedenfalls meine Meinung.

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3 Antworten zu Portugiesische Weinbücher

  1. jens schreibt:

    PDV 100 – PSSSTTT!!! Datt Ding is VSNFD!!! Nich‘ alles verraten!!! 😉

  2. Jan schreibt:

    Es hört sich wirklich gut an, was du schreibst, du scheinst richtig Ahnung zu haben. leider ist mein Problem: ich spreche weder portugiesisch noch irgendeine andere romanische Sprache. Gibt es nicht „wenigstens“ englischsprachige Lektüre von Rui Falcão?

    • chezmatze schreibt:

      Hm, ich habe in Lissabon nichts anderes gefunden. Beim Stöbern ist mir allerdings ein deutschsprachiger Blog aufgefallen, der offenbar eine große Kennerschaft besitzt, was portugiesische Weinbücher anbelangt: http://www.port-blog.com/portblog/bcher/

      Falls Du ihn nicht schon kennst, würde ich Dir vorschlagen, ihn einfach mal anzumailen.

      Ach, und den Martins (Guia Vinhos de Portugal, João Paulo Martins) gibt’s auch noch – allerdings ebenfalls auf Portugiesisch. Der ist genauso umfangreich, ich hatte bloß den Artikel schon geschrieben, bevor ich das Buch gekauft hatte…

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