Blogger treffen auf Flaschen

Sich als Blogger im Netz zu verlinken, ist ja soweit ganz nett. Noch viel besser ist es allerdings, das Virtuelle ins Reale zu überführen. Genau das fand vor wenigen Tagen in dangerous Ehrenfeld statt: Marqueee von „Allem Anfang…„, Christoph von „originalverkorkt“ und Matze von „Chez Matze“ trafen sich zum allerersten Mal. Es wurde viel erzählt, gegessen und eine nicht unwesentliche Zahl an Weinen zunächst begutachtet und dann auf ex runtergestürzt. Was das für hochkarätige Flaschen waren, und was ich darüber zu sagen habe, lest Ihr hier. Was die anderen dazu meinen, lest Ihr entsprechend bei ihnen.

Ohne Umschweife gleich in den gar nicht simplen Einstieg:

Österreich – Riesling Bruck 2008 von Peter Veyder-Malberg aus der Wachau (kostet 22 € bei K&U): Statement vorweg: Peter Veyder-Malberg ist einer der besten österreichischen Winzer. Warum? 1. Er kann etwas. 2. Er ist mutig. 3. Er ist konsequent. Der vierte Grund könnte sein, dass er fast alles anders macht als die anderen Wachauer Spitzenwinzer. Aber das würden dann nur diejenigen unterschreiben, die den üppigen Wachaustil nicht mögen. So weit möchte ich nicht gehen, denn warum sollte es in einer großen Weinregion nicht den unendlich schmelzigen und den fantastisch mineralischen Stil nebeneinander geben? Jedenfalls ist Peter Veyder-Malberg ein sehr naturnaher Mensch, und das findet sich in seinen Weinen wieder. Steile Terrassen, reine Handarbeit, geringste Intervention. Diese Riesling ist der kleinere seiner beiden, relativ gesehen. Analytisch sind 6,7 g Restzucker und 8,1 g Säure schon eine Nummer, aber sensorisch wird das Ganze erstaunlich zart. Ich würde es eher einen „deutschen Stil“ nennen, obwohl es da sicher Proteste hageln mag: mineralische Nase, ziehende Säure, schlank und klar. Korianderaromen, Anis, Gewürze, später aber mit mehr „typischem“ Rieslingcharakter. Für mich ein klarer Fall von Bescheidenheit auf den ersten Blick. Ich mag den Wein. Fast zu schade für die Quiche aus dem Ofen, wäre jene nicht so gut.

Deutschland – Riesling Bopparder Hamm Feuerlay Spätlese * 2004 von Florian Weingart, Mittelrhein: Warum Florian Weingart seine Weine so günstig verkauft, wissen wir nicht. Verdorbenes Mittelrhein-Preisniveau vermutlich. Hier haben wir es mit einer zurückgestuften Auslese zu tun, weil der Nachfolgejahrgang allzu prächtig ausgefallen war. Eine ordentliche Schiefernase konstatieren wir. Ich finde den Wein saftig, fruchtig, die volle Aprikosendosis, sehr lecker und vielleicht nur etwas zu säurearm. Das alles bei 7,5 vol%. Schön. Gefällt mir besser als den anderen.

Deutschland – Spätburgunder trocken QbA 2008 von Stephan Steinmetz, Obermosel: Obermosel ist nicht Mosel, sondern Pariser Becken, geologisch gesehen. Insofern erstaunt es nicht, dass Stephan Steinmetz keinen Riesling anbaut, sondern Elbling und Burgundersorten. Den Roten haben wir hier im Glas: Die Nase kommt mir zunächst süß vor, Alkohol, Himbeerfrucht. Am Gaumen lacht mein Geschmacksherz, denn ich empfinde Sympathien für den Elbling. Die Säure in diesem Wein ist nämlich nicht von schlechten Eltern, das Tannin gering, der Antrunk geradeaus. Ein typischer Wurstwein, meine ich, und flugs wird doch gleich das erste Wurstbrot angegangen. Später habe ich das Gefühl, dass der Wein etwas Hustensaft in sich trägt und unharmonischer wird. Aber das kann täuschen. Die Obermosel sollte ich auf jeden Fall auf der diesjährigen Besuchslandkarte haben, soviel steht fest.

Deutschland – Spätburgunder Hex vom Dasenstein „Von Pan verführt“ Spätlese trocken 2006 aus Baden: Heieiei, was sagt man dazu? Die Fotolinse kann das Objekt gar nicht richtig scharf stellen. Wer hat hier wohl die Panflöte gespielt? Gheorghe Zamfir, nehme ich an. Denn an so etwas erinnern mich die Hex-Weine immer. Demis Roussos, Rex Gildo, Daliah Lavi, tiefste Siebziger. Die Farbe des Weins ist leicht bräunlich. Die Nase zeigt eine Art süßen Cognac, dann Teer und Hagebutte. An der Zungenspitz ist die Hex enorm süß, dann aber mit deutlichem Tannin und einer starken Bitternote ausgestattet. Die Frucht ist fast weg, der Wein macht den Eindruck, seit seiner Abfüllung kontinuierlich abgebaut zu haben. 2006 war aber auch ein extrem schwieriger Jahrgang in Baden.

Frankreich – Chinon Clos du Chêne Vert 1988 von Charles Joguet, Loire (kostet 18,10 € im Cave des Oblats): Ein dunkelmuffiger Kork. Rein visuell war da jetzt das Schlimmste zu befürchten, aber es kam dann doch anders. Die Domaine Charles Joguet wird mittlerweile nicht mehr von ihrem Namensgeber geführt und ist mit knapp 40 ha ein richtig großer Loirebetrieb. Beim „Clos du Chêne Vert“ handelt es sich wiederum um eine etwa 2 ha große Monopollage, südwest-orientiert, Lehmboden mit Kalkuntergrund. Die namensgebende Eiche steht übrigens immer noch mitten im Weinberg. Allerdings nichts mehr diejenige, die Mönche im 12. Jahrhundert gepflanzt hatten. Der Wein ist relativ hell in der Farbe und leicht trüb. Hm. In der Nase attackiert mich eine muffige Paprika. Tja. Am Gaumen offenbart sich jedoch die Haltbarkeit eines schönen Cabernet Franc: gute Säure, feines Erdbeergelee, also noch mit Frucht, und dann zunehmend fein und finessenreich werdend. Toller Abgang. Ein wurzelig-zartfruchtiger Wein, der sicher nicht jedem gefällt. Mir schon.

Blindtest, fürchterlich entlarvend: Marqueee präsentiert eine in Alufolie gewickelte Flasche und gibt uns daraus ins Glas. Kräftiges Rot jedenfalls. In der Nase Geranientöne, ein leichter Stinker, für mich eine französische Pinot-Geschichte. An der Zungenspitze kommt aber eine gewisse Süße vom Alkohol durch, fast moussierend, der Gute, und eine Kombination aus Rauch, Säure und Tannin. Der Wein wirkt sehr jung und fast bissig. Ich tippe auf Deutschland, Friedrich Becker. Christoph meint, Pinot auf jeden Fall, aber eher kalifornisch, wegen der Alkoholwucht. Es ist dann… der Clos Vougeot Grand Cru 2000 von Jacques Prieur. Puh. Peinlich. Irgendwie muss dieser Wein noch lange lagern oder lüften. Dekantiert präsentiert er sich im Verlauf des Abends auch freundlicher, aber mir wirkt die bissige Säure immer noch wie zugesetzt, ich weiß nicht, harmonisch kommt mir das nicht vor. Die anderen beiden urteilen positiver, aber das Anspruchsdenken spielt bei einem solchen Wein natürlich auch eine Rolle.

Deutschland – Rieslaner Mussbacher Eselshaut Trockenbeerenauslese 1994 von Müller-Catoir, Pfalz: Das Highlight des Abends, ganz ohne Zweifel. Ein Dank an den großzügigen Gastgeber, denn ein solches Fläschchen, und sei es noch so klein, mag man halt nur mit Leuten genießen, die sich genauso darüber freuen können. Farbe orangebräunlich wie dieses komische Desinfektionszeug. Auf der Oberfläche sieht man im Glas ganz deutlich die Schlieren von der Viskosität. Auch gibt es kleine Bizzelchen ausgefällten Weinsteins. In die Nase steigen natürlich Honignoten, Trockenfrüchte, exakt wie „Ayva Tatlısı“, eingelegte Quitte, dazu noch eine gewisse Strohbittere. Am Gaumen ist dann alles klar. Wie viele natürliche Aromen kann man in einen Kubikmillimeter Wein packen? Keine Ahnung, aber hier sind sie in einer unglaublichen Konzentration drin: ungemein dicht, wahnsinnig intensive Frucht, Traube, Honig, Exotisches. Dazu eine kaum zu glaubende Säure, die die Süße komplett einbindet. Die meiste Süße, die meiste Säure, die meisten Aromen. Ein Wein, bei dem man nach einem Fingerhut voll schon glücklich ist. Wen es dabei nach einer Speise verlangt, ist ein Banause. Wir diskutieren über die Möglichkeiten von Rieslaner und halten sie für groß. Sind wir die einzigen?

Deutschland – Weißburgunder Spätlese trocken *** 2009 vom Weingut Himmel, Rheingau: Da kann natürlich nichts mehr kommen nach so einem Wein. Allerdings haben wir noch Brot und Wurst, und deshalb gibt es als leichten Abschlussbegleiter noch diesen Weißburgunder. Gut, leicht sind 13 %vol nicht, aber wenn drei Sterne auf dem Etikett erscheinen, deutet das ja nie auf den Hofschoppen hin. Ananas und weiße Gummibärchen in der Nase. Am Gaumen ist der Wein frisch, sehr bitter, sehr hellfruchtig, wieder die weißen Gummibärchen. Das ist nicht meine Aromatik, ich gebe es gern zu. Aber eine gute Gelegenheit, den Abend nicht so pompös und melodramatisch enden zu lassen.

Kleines Fazit: Eine tolle Weinprobe, was aber nicht nur an den getesteten Produkten lag. Früher, als ich mich zwar schon mit Wein beschäftigt habe, aber meine Umgebung eher gar nicht, da habe ich mir oft gewünscht, mal interessante Weine mit Leuten probieren zu können, die so etwas auch schätzen. Die sich auskennen, die darüber diskutieren, die aber keinen auf dicke Hose machen, auf größte Profis, das verschwurbeltste Vokabular benutzen und den teuersten Protzwein gönnerhaft präsentieren. Sondern die einfach Spaß an dieser großartigen kulturellen Errungenschaft haben. Was habe ich daraus gelernt? Geh mit Deinen Interessen, Neigungen und Fähigkeiten nach draußen, zeig dich, und du wirst andere treffen, denen es ähnlich geht. Zwangsläufig. Ende der Predigt, ab ins Bett.

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7 Antworten zu Blogger treffen auf Flaschen

  1. jens schreibt:

    Hallo Matze!

    Zeig Dich und Du wirst andere treffen, die genau so ticken wie Du. Diese Erfahrung habe ich auch gemacht und über talk about wine, xing, das weinforum und auch über facebook nette Leute kennen gelernt, die genau so ticken wie ich. Erst letztes Wochenende hatten wir eine spontane, total geniale Probe mit schönen Champagnern und unter anderem Pichon Baron 55, Leoville las Cases 75 und Cos Labory 90 in Bochum.

    Im nächsten Monat werde ich den Priorathammer besuchen. Freue mich auch schon drauf!!!

    Hoffe wir trinken auch mal was zusammen. Bist herzlich willkommen.

    grüße jens

    • jens schreibt:

      Da fällt mir noch was ein – aus Kölner Zeiten. Die Kollegen sagten damals:“Alles Elend dieser Welt kütt aus Poll und Ihrenfeld!“

      So und jetzt duck‘ ich mich sofort wech‘!!!

      ;-)))

      grüße jens

      • Thomas Riedl schreibt:

        Es muss heißen:
        „… kütt uss Poll unn Ihrefeld“
        Aber dat stimmt natüllich! Man denke nur an die Poller Negerköpp…

        Schöne Jrooß!

    • chezmatze schreibt:

      Hallo Jens,

      sehr nett von Dir, und es bestätigt so ein bisschen meine Annahme: In der Schul- und Studienzeit hat man Leute einfach so kennen gelernt. Später verbindet einen vielleicht noch der Beruf, aber selten das Private. Mit meinen Kollegen habe ich immer nur eingeschränkt gern etwas unternommen, weil der kleinste gemeinsame Nenner außer menschlicher Sympathie meist sehr klein war. Dank dieser Hobby- oder Leidenschafts-Community, die sich über das Internet finden kann, hat man schon mal den Faktor „gemeinsame Interessen“ abgehakt.

      In Bochum war ich vorgestern auch – allerdings arbeiten und nicht hochkarätige Weine trinken. Den Priorathammer-Torsten werde ich hoffentlich treffen, wenn ich wieder in Deutschland bin. Dann komme ich auch wieder an den Weinkeller, denn im Moment lebe ich ja aus dem Koffer bzw. weinmäßig vom Laden direkt auf den Tisch. Da können wir gern etwas ausmachen!

      Viele Grüße, Matze

  2. Pingback: Bonner Runde revisited: Wer erkennt den Gelben Orleans? | Chez Matze

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