Zu Besuch beim Bierführer: freakige Biere aus Bayern

Lange habe ich darauf warten müssen. Dass die Türkei in bierologischer Hinsicht eine wahre Wüstenei ist, kann niemanden überraschen. Dass es aber auch in weiten Teilen Deutschlands in einschlägigen Getränkemärkten häufig nur die Produkte der Großbrauereien zu kaufen gibt, ist für ein Bier-Mutterland eine Schande. Wenigstens in Bayern (und ich meine damit mit einer Ausnahme alle Regierungsbezirke) hat sich eine reiche Bierkultur erhalten, und man ist in aller Regel nicht auf die Warsteiners oder Paulaners unseres Bierplaneten angewiesen. Dass neben arrivierteren Brauereien hier und da neue Pflänzchen sprießen, die Spaß daran haben, auch mal ein bisschen zu experimentieren, davon können meine Gastgeber zum Glück die eine oder andere Geschichte erzählen. Man kann jene auch in seinen Büchern nachlesen, aber Probieren geht im besten Fall parallel zum Studieren. Das ist dann das wahre Vergnügen.

A propos Vergnügen, erst stand ein wenig Arbeit auf dem Stundenplan. Drei Biere einer oberbayerischen Kleinbrauerei mussten wissenschaftlich verkostet werden. Da die Ergebnisse dann exklusiv in Haralds neuem Buch zu lesen sein werden, gibt es von mir dazu erst einmal keine Kommentare. So, Arbeit erledigt, jetzt kann es zum gemütlichen Teil übergehen. Die gemischte Wurstplatte, das frische Brot, alles wunderbar. Und dazu diese Biere:

Schönramer Pils, 5,0 vol%: Dank der globalisierten Bierkultur kann sich fast niemand daran erinnern, wie eigentlich grüner Hopfen riecht und schmeckt. Das lässt sich im Handumdrehen beim Genuss eines Glases aus Schönram nachholen. In der Nase vermeine ich Spülwasser zu spüren, also kaltes, abgestandenes, ohne Spüligeruch. Mein Gastgeber schilt mich darob. Okay, grüner Hopfen ist auch dabei. Beim Antrunk habe ich sofort das Gefühl, die Pixies vor mir zu sehen. In Boston, älter geworden, jetzt wird auch einmal ein gutes Bier getrunken. Was für mich bei diesem fordernd-natürlichen Bier am meisten überrascht: Das Etikett ist traditionell heraldisch bis zum Abwinken. Nie im Leben hätte ich aus einer solchen Flasche in derartiges Bier erwartet. 16 MP

Schneider TAP 4 „Mein Grünes“, 6,2 vol%: „Hefe-Weizenbier“ steht auf dem Etikett, „Weizenvollbier“ auch. Möglicherweise wollen die meisten Kunden dieser renommierten und fast zu groß geratenen Brauerei keine Experimente. Und damit werden sie konkret geleimt, denn im Glas befindet sich kein gewöhnliches bananig-zitroniges Weizen, sondern eine Spezialität: In der Nase sind bereits grüner Hopfen und Klee zu spüren. Am Gaumen ist das Bier frisch, grasig, leicht bitter, aber – der Alkoholgehalt lässt es vermuten – dennoch mit Gehalt. Die Hefe brauche ich hier ausnahmsweise nicht, und so halte ich es wie die Belgier, die zwar die Nachgärung in der Flasche lieben, die dafür hilfreiche Hefe aber auf dem Glasboden zurücklassen. Ich denke an den englischen Sommer, mild, feucht, grün. Man sitzt unter einem Dach beisammen, der Holzkohlengrill draußen stößt wegen der Feuchte gewaltige Schwaden aus. Mir gefällt das Bier, und ich finde es schade, dass es offenbar vielen anderen nicht so geht. 15 MP

Wieninger Ruperti-Pils, 5,0 vol%: Mit Hopfenextrakt, wie leider viele Biere. Aber Experten verweisen darauf, dass bestimmte geschmackliche Nuancen nur mit Hopfenextrakt zu erreichen seien. Dazu kann ich wenig sagen. Dafür mehr zu diesem Bier: helle Pilsfarbe, in der Nase hopfig, frisch und schlank. Am Gaumen bleibt das Ruperti-Pils schlank und hopfenbitter. Ein bisschen Zitrone ist dabei, leicht florale Noten, aber insgesamt ziemlich straff und ohne Würznoten. Etwas merkwürdig finde ich dabei die Aussage „würzig gebraut“ auf dem Etikett, denn genau das ist nicht der Fall. Was dafür eindeutig der Fall ist: Der erste Schluck war der schwerste. Hier scheiden sich die Geister etwas, manche finden das Bier ganz großartig, für mich ist es solide Mittelklasse. 13,5 MP

Spalter Premium Pils Nr. 1, 4,9 vol%: deutlich goldgelber in der Farbe. Der berühmte Spalter Hopfen, hier kommt er. Moment, erst noch ein wenig buttrige Noten, aber dann kommt er: bitter. Leider war es das damit auch schon. Ein neutrales Bier ohne großen Charakter. Schade. 12 MP

Schwalben-Bräu Lager Dunkel, 4,9 vol%: Avantgarde. Das Etikett zieren zwei Schwalben, die wiederum auch als Tattoo den Brauerkörper schmücken. Sein Name steht ebenfalls auf dem Etikett, der Brauort hingegen nicht. Ingolstadt ist es. Ein mahagonifarbenes Bier zeigt sich im Glas, bitter, spröde, sehr ambitioniert gemälzt und mit deutlicher Säure, Noten nach Schokolade und Espresso. Dass es einem die Avantgardisten auch immer so schwer machen müssen. Mich erinnert das Bier sehr an Achel Bruin, nur ohne Kandiszucker. Der Vergleich hilft den meisten vermutlich nicht weiter. Ich weiß, es ist ein Sakrileg, denn auf dem Etikett steht ganz groß „Reinheitsgebot: Ja!“, aber ich könnte mir vorstellen, dass in der Tat eine geringe braune Kandiszuckerzugabe dem Bier den Touch Genialität verliehen hätte, der zum Weltklasseprodukt fehlt. Aber wie gesagt, das habt Ihr jetzt nicht gehört. 15 MP

32 Via dei Birrai Oppale, 5,5 vol%: Hier ist Zucchero mit drin, aber das spürt man wahrhaftig nicht. Soll man auch nicht, denn das Oppale ist eins der neuen, krass gehopften und wegbereitenden Biere aus Italien. Italien und Bier? Jawohl, hier gibt es seit einiger Zeit eine der dynamischsten Brauerszenen der Welt. Darüber müsste ich eigentlich einen eigenen Artikel schreiben, deshalb stoppe ich an dieser Stelle mit dem Allgemeinen. Zum Speziellen: Man braucht für das Oppale einen Korkenzieher. Dann geht es los. Getreidig-trübe Farbe, in der Nase Blumenwiese, reife Ananas. Am Gaumen setzt sich das genauso fort, frisch und cremig, Frühlingswiese und Ananas, fast die Anmutung einer süß-saftigen Frucht. Pink Grapefruit. Dann knallt aber der Hopfen, und das tut er richtig. Dies ist kein unmittelbar zweckdienliches Bier. Nichts gegen Durst, zum Betrinken, als Mahlzeitbegleiter. Sondern ein reines und echtes Verkostungsbier, ein Bier für Weintrinker, die glauben, mit dem Begriff „Bier“ sei immer diese Industrieplörre gemeint. Ein großes Bier, etwas anstrengend, aber halt für den Hopfen-Nerd in uns. 17 MP

Veldensteiner Bierwerkstatt Chocolate Stout, 5,4 vol%: Veldensteiner war das Bier meiner Studentenzeit, und ich weiß nicht, ob ich ihm Unrecht tue, wenn ich es direkt mit Kopfschmerzen in Verbindung bringe. Wahrscheinlich. Hier haben wir ein Experiment im Glas. Schön, dass auch größere Brauereien sich an so etwas herantrauen. Ebenholzfarben, dann bereits in der Nase mit Röstmalz, Schoko und Kaffeebohnen aufwartend. Am Gaumen kommen noch Rauch, Säure und – ja, tatsächlich – Pumpernickel-Noten dazu. Wir spüren auch eine deutliche Fruchtnote zwischen saurer Brombeere und schwarzer Johannisbeere. Dazu die geschrotete Kaffeenote, und meine Verkostungspartner sind nur mäßig begeistert. Ich finde es wirklich nicht schlecht. Die anderen maulen etwas, „so stellt sich ein fränkischer Brauer ein englisches Bier vor“. Ja, mag sein, aber warum auch nicht? 14,5 MP

Schlenkerla Eiche Doppelbock, 8,0 vol%: Dies ist wahrscheinlich eins der individuellsten, anspruchsvollsten und genialsten Biere, die je in Deutschland gebraut wurden. Wer nur an westfälisches Pils gewohnt ist, sollte vielleicht erst noch einmal ein paar Jahre Nachhilfestunden nehmen, bevor er sich an dieses Bier wagt. Für Fortgeschrittene hingegen ist die große Kunst schnell ersichtlich. Farbe: Teak mit Granat. Nase: Rauch, Eichenholz, gebratener Schinkenspeck galore. Gaumen: süß, fett, das leichte Holz ist verschwunden, hier kommt eine Schrankwand, die Mundhöhle voller Rauch. Jetzt kommt es nur darauf an, die passende Speisenbegleitung zu finden. Ich sage Euch, liebe Freunde, das ist der optimale Begleiter zu Lebkuchen, notfalls auch zu bitterer Schokolade. Ich wiederhole mich gern: Dieses Bier ist der Hammer, die größtmögliche Anzahl an Aromen pro Kubikmillimeter. Und das alles nach dem viel beschworenen Reinheitsgebot. Hut ab, aber bitte in geringen Mengen genießen. 17,5 MP

Rötter Privat, 5,5 vol%: Nach dem aromatisch-extremistischen Overkill, der wie immer einerseits faszinierend, andererseits aber auch anstrengend ist, zum Schluss noch einmal ein „normales“ Bier. Nur zum Vergnügen. Die Farbe ist ein helles Amber. Nase und Gaumen zeigen sich einheitlich: Karamell, Nuss, Säure. Ein mildes, sehr malziges, nussiges Bier, das denjenigen vielleicht am besten gefällt, die mit krassem Hopfen oder aggressivem Rauch so ihre Probleme haben. Schön. 14 MP

Und zum Ende dieses Artikels noch ein ganz kurzes Fazit: Eine großartige Verkostung. Wer sich für Getränke interessiert und dann doch einen Kasten Krombacher, Warsteiner oder was weiß ich nach Hause schleppt, der gehört nicht abgewatscht. Nein. Aber er braucht Hilfe. Dringend. Ich werde demnächst einen Artikel schreiben mit Adressen zum Bierbestellen im Internet. Für den Fall, dass Ihr nicht in der Nähe einer Brauerei wohnt, die Bier und Charakter in einem Atemzug nennen kann.

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5 Antworten zu Zu Besuch beim Bierführer: freakige Biere aus Bayern

  1. Hardy schreibt:

    Das schlimmste Bier was mir jemals angeboten wurde war Südafrikanisches Lagerbier. Ich hatte nach dem ersten Schluck schon Sodbrennen und wette, die Brühe bestand zu 90% aus Chemiekalien.

  2. Pingback: Braufactum – Bierluxus made in Germany | Chez Matze

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