Matze vs Rennschwein

Neulich habe ich mal wieder ein altes Fotoalbum durchgeblättert. Und da waren sie doch wieder, die Fußball- und Schützenvereine, die Mofas und getunten Gebrauchten, die „Rüttelschuppen“ und Zeltfeten; kurz: meine Vergangenheit auf dem Land. Reisen wir also zurück in die 80er Jahre, in ein kleines Dorf im südlichen Niedersachsen. Man konnte es schon einige Tage vorher der lokalen Tagespresse entnehmen: Zum diesjährigen Dorffest war als besondere Attraktion ein Bauer mit seinem Rennschwein aus einem benachbarten Landkreis verpflichtet worden. Letztes Wochenende war besagtes Schwein schon als Sieger aus dem Wettstreit in Rhüden hervorgegangen, blieb also weiterhin unbesiegt, während dem ersten menschlichen Gewinner über das Borstenvieh nicht gerade eine Mettwurst, aber doch irgendein schmucker und repräsentativer Siegerpreis winkte.

Das Dorffest fand dann in Ermangelung eines geeigneteren Ortes auf dem Springpferdparcours der Reithalle statt, auf schwerem Geläuf also. Man konnte an einem Glücksrad drehen, Dosen werfen, Nägel mit der umgekehrten Seite des Hammers in ein Brett schlagen und – à propos Schlag – sich einen solchen an den irgendwie verkehrt angeschlossenen Flippern holen. Die große Attraktion, ich erwähnte es ja bereits, war allerdings der Auftritt des Rennschweins, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnern kann.

Das ganze Dorf war zusammen gekommen, und ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich hier von mindestens 200 Personen spreche. Jeder kannte jeden. Groß war also die Freude unter der Dorfbevölkerung, als es den ersten zwei Kandidaten nicht in Ansätzen gelungen war, der rasenden Sau Paroli zu bieten. Der Wettkampf war dabei von ergreifender Schlichtheit: Auf einer Strecke von etwa 50 Metern begrenzten Flatterbänder die beiden Bahnen. Auf der einen lief das Schwein, ein nur halbhohes, aber erkennbar durchtrainiertes Borstentier, auf der anderen der Mensch. Um die ganze Sache etwas zu erschweren, lagen auf jeder Bahn in regelmäßigen Abständen drei Strohballen, die man überspringen musste.

„Ej Matze“, tönte es da, „mensch Matze, das is doch was für dich“, „Matze, du bist doch der Schnellste hier“ – und in der Tat: War der angesprochene Matze nicht unlängst Kreismeister im 100-Meter-Lauf geworden und damit verbrieft der schnellste Junge der ganzen Gegend? Sollte es etwa diesem feisten Schwein gelingen, auch aus unserem Dorf wieder als Sieger hervorzugehen? Nein, bei meiner Dorfesehre, das durfte nicht sein! „Du willst doch wohl nicht gegen das Schwein rennen?“, hörte ich in schlimmer Vorahnung ob des peinlichen Schauspiels meine Schwestern fragen. Oh doch, das wollte ich, das musste ich, jeder Einwand war sinnlos. Es war mir völlig gleich, ob da in der Bahn neben mir mein größter und liebster Sprint-Gegner Mark Cieslik aus Einbeck oder eben jenes Schwein kauerte. Es musste besiegt werden mit aller Ernsthaftigkeit. Ich war praktisch selbst zum Schwein geworden. Ich weiß gar nicht mehr, ob ich einen Obolus entrichten musste für das Startrecht, denn die Menge jubelte bereits, als es in die Arena ging.

„Auf die Plätze“ – ich bewegte mich in die Startposition. Einen Tiefstart zog ich kurz in Erwägung, aber meine frisch gewaschene Bundfaltenhose sowie der matschige Acker ließen mich dann doch zurückschrecken. „Fertig“ – Muskeln gespannt. „Los!“ – Und los ging es wie ein Pfeil, das Schwein spürbar dicht neben mir, fast auf gleicher Höhe. Ja, so konnte es gelingen, die größere Schrittlänge sollte am Ende den Ausschlag geben! Vorerst waren jedoch noch die Hindernisse zu überspringen. In vollem Karacho kam ich auf den Strohballen zugestürzt. Der Abstand passte nicht ganz, aber das war bei diesem Tempo eh nicht zu korrigieren. Neben mir huschte das Schwein über den Ballen, das Rennen war ausgeglichen. Dann setzte ich wieder auf … und mit einem Mal wurde mir bewusst, wie holperig dieses Geläuf war. Ehe ich auch nur annähernd reagieren konnte, war ich schon in ein Loch getreten, und das bedeutete nichts anderes, als dass ich im Sauseschritt aus dem Gleichgewicht kam und einen Salto in den Matschboden hinlegte, der sich gewaschen hatte.

Das Schwein triumphierte währenddessen, ich sah es im Augenwinkel über die Ziellinie traben. Sofort war der Moderator mit einem Mikro bei mir: „Alles gut überstanden? Ein toller Stunt war das ja. Einen Riesenapplaus noch mal für unseren Kandidaten!“ Der erfolgte dann auch aufs Wort. „Wie hast du das Rennen gesehen?“ Ja, was sollte ich da sagen? Die frisch gewaschene Bundfaltenhose strotzt vor Dreck, meine Mutter wird sich freuen, die Menge johlt, meine Schwestern mit Entsetzensausdrücken am Rand des Parcours. „Ja, äh… das Schwein war gut.“ Beim Abgang allenthalben Schulterklopfen, kluge Tipps und Ratschläge. „Super Matze, fast hättest du das Rennschwein besiegt!“ „Nächstes Mal musst du einfach um die Strohballen drum rumlaufen.“ „Das Schwein kam wohl aus ’nem anderen Kreis, was?“ Nur meine Schwestern schienen sich nicht ganz wohl zu fühlen: „Wie peinlich du bist, furchtbar! Mit dir geh ich nie wieder irgend wohin!“

Ehrlich gesagt war mir auch nicht besonders triumphal zumute, ein Glück im Nachhinein, dass der Lokalreporter währenddessen gerade am Bierstand verweilte und ich am nächsten Tag in der Zeitung nicht auch noch die Fotos meiner Heldentat betrachten musste.

Interessanterweise ist mir eigentlich erst viel später, als ich längst in der Großstadt lebte, bewusst geworden, dass sich meine Schwestern und ich wegen ganz unterschiedlicher Sachen geschämt hatten. Meine Schwestern fanden es peinlich, dass ich mich so dörflich und so schrecklich uncool gegeben hatte und überhaupt gegen das Rennschwein angetreten war.

Mir hingegen war es nie peinlich, vom Dorf zu kommen. Ich konnte es sogar gut verstehen, dass einer meiner Mitstudenten, der ein paar Reihen vor mir im Hörsaal saß, eine Trainingsjacke mit dem Aufdruck „SV Tütschengereuth“ trug. Mitglied eines achtklassigen Fußballvereins zu sein und das auch noch zu dokumentieren, das war es, was ich unter dörflicher Coolness verstand. Große Pein bereitete mir hingegen, dem Schwein unterlegen gewesen zu sein, und das ausgerechnet bei so einem wichtigen Ereignis vor den Augen des ganzen Dorfes. Eins habe ich dabei jedenfalls gelernt: Erhebe dich nicht über das Schwein, denn es ist garantiert schlauer und flinker als du denkst.

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