Meine Istanbuler Gasse

Mitte der 80er Jahre wurde den Istanbuler Stadtvätern klar, dass sie künftig zwei Stunden Pendeln in Kauf nehmen müssten. Der Verkehr war mit den Jahren immer schlimmer geworden, die Gassen aber nicht breiter. Zudem befand sich mitten in der Achse zwischen Sultanahmet und den Büro-Türmen von Levent ein Stadtviertel, das ihnen ästhetisch und moralisch ein Dorn im Auge war: Tarlabaşı. Wie man bei einer solchen Ausgangssituation zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen kann, haben fähige Stadtplaner auch andernorts schon gezeigt.

Das Ergebnis nennt sich „Tarlabaşı Boulevard“ und braust sechsspurig Tag und Nacht durch das Viertel. Auf seiner südlichen Seite befindet sich das „freie“ Beyoğlu. Hier wird pro Kopf mit Abstand der höchste Bierverbrauch der Stadt gemessen, hier gibt es quirlige Straßen mit Läden für jeden Bedarf, Musikclubs und auch sonstige Etablissements des Nachtgewerbes. Auf der nördlichen Seite befindet sich das „arme“ Tarlabaşı. Hier leben all die Dienstleister, Karrenfahrer, Kestane-Männer und Zimmermädchen, die den Betrieb in Beyoğlu am Laufen halten. Die Bausubstanz ist alt, die Häuser häufig in einem schlechten Zustand, die Mieten noch günstig. Dank der Nähe zu Ausgehviertel und Innenstadt droht Tarlabaşı jetzt weiteres Ungemach. Es existieren bereits ziemlich konkrete Pläne, weitere Straßenzüge abzureißen, um das Viertel sauberer, moderner – und natürlich wesentlich teurer werden zu lassen.

Mehr über die unguten Pläne, feine Alltagsbeobachtungen aus dem Viertel und jede Menge großartiger Fotos findet Ihr auf dieser Homepage eines Künstlerpaars, das in Tarlabaşı lebt und arbeitet. Die Tatsache, dass sie jenes tun und dass ich auch hier gelandet bin, lässt natürlich einen glasklaren Schluss zu: Die Gentrification hat schon längst begonnen. Auf dem wirklich malerischen Sonntagsmarkt habe ich letztens sogar schon ein ausländisches Fernsehteam gesehen, das hier die Bilder eines intakten und authentischen Istanbuls einfangen wollte.

Was gibt es also in meiner Gasse zu sehen?

  • Einen Kiosk, der alle möglichen Waren führt und irgendwie immer geöffnet hat.
  • Wäsche, die im Zwei-Leinen-System über die Straße gespannt und wieder eingeholt wird.
  • Männer, die Bronx-like Feuer machen und sich erst die Hände daran wärmen und anschließend Spieße grillen.
  • Viele Katzen, denen Teppichreste vor die Tür zum Lagern gelegt wurden und die den einen oder anderen Spießrest abbekommen.
  • Ein paar Jungs, die Fußball spielen.
  • Ein schräges Dach mit kurios angebrachter Dachrinne, hinter der sich etliche Fußbälle verfangen haben.
  • Fliegende Händler, die ihre Anwesenheit durch charakteristische Ausrufe anzeigen.

Da gibt es den Gemüsehändler, den Zwiebel- und Kartoffelhändler, den Fischhändler, den Simitkringel-Händler, den Alteisenhändler und das Aygaz-Mobil. Von den oberen Stockwerken jedes Hauses werden dann Eimer an Schnüren herabgelassen. Das Verkaufsgespräch ist meist kurz. Dann nimmt der Händler das Geld aus dem Eimer, legt die Ware hinein, und der Eimer wird wieder nach oben gezogen.

Fünfmal am Tag hört man auch den Muezzin rufen, je nach Windrichtung mal einsam, mal in prächtiger Kakophonie mit seinen Kollegen aus den anderen Moscheen.

Wer „richtig“ einkaufen oder essen gehen will, muss allerdings den Tarlabaşı-Boulevard überqueren. Ich mache das täglich, denn Nüsse, frisches Brot, ein Sütlaç, ein Kokoreç oder ein Dürüm, alles ist hier im Umkreis von 200 Metern zu haben, und es kostet nicht gerade die Welt.

In der Solakzade Sokak gibt es etwa zehn Open-Air-Musikkneipen. Jeden Abend wird hier Livemusik geboten, und das beileibe nicht für die Touristen, sondern für die Istanbulis. Die ganze Gasse ist mit überdachten Stühlen, Tischen und (irgendwie zum Glück) auch mit Heizpilzen ausgestattet, so dass man auch im Februar hier sitzen kann. Die Front der Musikkneipen ist offen, und drinnen sitzen ein bis zwei Musiker. Das Spektrum ist nach dem Geschmack des studentischen Publikums: Singer-Songwritertum meistens, ein bisschen Anadolu Rock wird auch gespielt, mit dem Publikum interagiert. Musikwünsche werden erfüllt, und dann singen alle mit. Hier wird fast ausschließlich Bier getrunken, das wegen der hohen Steuer für die meisten sicher grenzwertig teuer ist, aber was soll man tun? Acht Lira für ein großes Efes, das sind fast vier Euro. Dafür gibt es Knabbergebäck kostenlos dazu.

Wenn man genug gesehen und gehört hat, geht man einfach über den Tarlabaşı-Boulevard zurück, und schon ist man von der Stille eines schlafenden Dorfes umfangen. In Beyoğlu wird dann zu später oder vielmehr früher Stunde krakeelt, die Kellerdisco umpft ihren Beat auf die Straße. Tarlabaşı dagegen schläft.

Ich bin mir dessen bewusst, dass man als unbedarfter Besucher Romantik und Existenznöte gern mal miteinander verwechselt. Die fliegenden Händler fliegen deshalb, weil sie sich keinen Laden leisten können. Der Laden hat immer geöffnet, weil auch die nächtens verkauften drei Schokoriegel zum Familieneinkommen beitragen. Der Ausländer, der hier wohnt und dem Hausbesitzer die dreifache Miete einbringt, animiert andere Hausbesitzer, auf eine ähnliche Klientel zu setzen. Tarlabaşı ist fragil, die Stimme seiner Bewohner verfügt nur über wenig Macht. Es ist dem Stadtviertel nur zu wünschen, dass einflussreiche Stadtobere zur Vernunft kommen und sich für eine nachhaltige Entwicklung mit und nicht gegen die Bewohner des Viertels einsetzen.

Mir hat Istanbul großartig gefallen, und meine Gasse in Tarlabaşı hatte einen erheblichen Anteil daran.

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2 Antworten zu Meine Istanbuler Gasse

  1. Lijbosz Nek schreibt:

    Ihre Beschreibung deckt sich sehr gut mit dem, was ich hier gesehen habe: http://www.hfbk-hamburg.de/projekte/index.php/hfbk_projekte/projekt_view/10381

    • chezmatze schreibt:

      Ah, danke für den Hinweis auf den Film.

      Ja, das Viertel eignet sich wirklich sehr gut für Sozialstudien. Anders als bei „klassischen“ Gentrifizierungsprozessen gibt es hier als intervenierende Größe nämlich noch den Räuber-Kapitalismus. Wer die verschiedenen Istanbuler Shopping Centres besucht hat, kann eine lehrbuchmäßige zeitliche Abfolge feststellen: Erst neu entworfen, aufgebaut, eingerichtet, dann kommt das nächste, größer, moderner, luxuriöser – und sofort ziehen die hippen Marken nach und verlassen das erste Zentrum.

      Was Tarlabaşı anbelangt, sehe ich die Zukunft nicht mehr ganz so schwarz wie im Teaser zum Film dargestellt. Das allerdings nicht deshalb, weil jemand zur Vernunft gekommen ist. Es sieht vielmehr danach aus, als sei den rabiatesten Investoren ein wenig das Geld ausgegangen. Die Markiz-Passage, ein Luxusprojekt an der Istiklal Caddesi, ist nach pompösem Beginn völlig den Bach hinunter gegangen. Mittlerweile befindet sich in dem schön restaurierten Gebäude ein Elektronikmarkt und ein Burger-Restaurant… Es fehlt hier die gut situierte Mittelschicht, mit deren (konsumierender) Hilfe sich ein solches Zentrum gewinnträchtig am Leben erhalten lässt. Aber warten wir’s ab…

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