Türkischer Wein: Vinkara Doruk Narince 2010

Letztens befürchtete Jens in einem Kommentar ja schon, ich sei Masochist, nur weil ich einen, hm, leicht überteuerten Wein gekauft hatte. Was soll ich bloß jetzt sagen zu meiner Verteidigung? Vor mir steht ein Wein, der auch nach reiflicher Überlegung locker den Sprung in meine Liste der fünf schlechtesten Weine 2010 und 2011 schafft. Ein bekannter und respektierter Weinkritiker hatte ihm 89 Punkte gegeben. Was ist da passiert? Ich werde den Wein einfach mal beschreiben, damit Ihr Euch einen Eindruck von meinem Eindruck machen könnt.

Vinkara ist ein angesehener, für hiesige Verhältnisse mittelgroßer Produzent aus dem östlichen Teil der Provinz Ankara. In den meisten Fachgeschäften in Istanbul gibt es die Weine von Vinkara zu kaufen. Kavist führt beispielsweise zwölf Vinkaras, La Cave neun, Carrefour und Migros als Big Player auch eine nicht unbedeutende Anzahl, nur die Kavbutik keinen. Ob das einen besonderen Grund hat, weiß ich nicht. Narince wiederum ist eine weiße anatolische Rebsorte, die sowohl sortenrein als auch im Verschnitt verwendet wird. Der Verkäufer heute hat sie mir beschrieben als „like Chardonnay“, cremig, voll, gewisse Zitrusfrucht, Alterungspotenzial.

Dann habe ich auch noch eine indirekte Vorab-Bestätigung durch die erwähnte Verkostungsnotiz von Peter Moser bekommen, der hier unter anderem geschrieben hat: „erinnert etwas an Pinot Gris, zart nach Pfirsich, feiner Blütenhonig“ und den Wein in seiner 2009er Ausgabe mit 89 Punkten bedacht hat. Das sind doch bitteschön nicht die schlechtesten Voraussetzungen für einen Weißwein, der für etwa 13 € zu haben ist. Gut, der 2010er muss gerade erst herausgekommen sein, er könnte also noch ein wenig unfertig sein mit gewissen hefigen Noten. Aber warten wir’s ab…

Im Glas steht ein sehr blasser Wein, wie ein junger Petit Chablis (kommt auf dem Foto nicht so raus). Die Nase ist allerdings völlig anders, nämlich… scheußlich: ganz stark Fruchtester, weiße Gummibärchen, schwefelige Anklänge, leicht verkohltes Holz, weißer Pfirsich und, wie heißt das noch, so etwas wie Bols Banana, nur mit Birne. Genau, Bols Birne, süßer, künstlicher Likör. Am Gaumen setzt sich die ganze Geschichte fort. Ich zitiere jemanden mit einschlägiger Erfahrung: „Pfirsichsud, Sekt mit Pfirsichlikör, sowas hab ich bei meiner Konfirmation gern getrunken!“ Der Wein besitzt eine deutliche Viskosität, ich schmecke weiße Holunderblüten, aber auch die wieder sehr künstlich, weißen, süß anmutenden Pfirsich, wenig Säure und eine deutliche Bitternote im Abgang. Dieses Produkt ist meiner subjektiven Meinung nach total missraten. Wer jemals bei einem italienischen Weißwein „Eisbonbon!“ gerufen hat, sollte mal hier antesten, was man mit vergorenem Traubensaft so alles anstellen kann.

Hat Peter Moser eine Wunderflasche getestet und ich das Montagsprodukt? Ist der Jahrgang 2010 so ungemein viel schlechter in der Türkei als der Jahrgang 2009? War Peter Moser gerade auf dem Klo, als der Wein verkostet wurde, und sein Nachbar hat die Notizen verfasst? Sind meine Geschmacksnerven durch den Genuss von Kokoreç so schlimm in Mitleidenschaft gezogen worden? Hm. Ich habe den Wein ausgiebig über zwei Abende getestet, um nicht zu einem überstürzten Spontanurteil zu kommen.

Ich versuche mich mal an einer Erklärung: Dieser Wein ist extrem jung und unausgewogen. Das zu seiner Verteidigung. Es steckt noch ein bisschen Schwefel drin, der sicher verfliegen wird. Was aber viel wesentlicher ist: Für diesen Wein wurde eine ganz elende Reinzuchthefe benutzt, die Geruch und Geschmack komplett beherrscht. Önologen und Kellergeister kennen sicher die üblichen Verdächtigen in diesem Zusammenhang. Vor einigen Monaten hatte ich bei einem billigen luxemburgischen Riesling schon einmal das Vergnügen mit einem ganz ähnlichen Produkt. Aber dies schlägt dem Fass echt den Boden aus.

Meine Punkte, denn hier packe ich sie wieder aus: 2 für Eleganz, einen für Charakter, macht 8 MP von 20. Da gibt es nur einen Rat: Finger weg! Und eine Erkenntnis für mich: Neugier kann auch mal bestraft werden. (Ich mache natürlich trotzdem genauso weiter.)

Wie ist Eure Erfahrung mit frisch gefüllten Weinen, die solche Noten aufweisen? Kann sich das mit der Zeit noch geben? Oder bleibt die Aromatik prinzipiell bestehen?

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Unterwegs, Wein abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s