Machen Punktewertungen beim Wein Sinn?

Bevor ich mich diesem großen Thema widme, möchte ich erst einmal eine kleine Fabel erzählen (okay, eine wahre Geschichte): Ich habe in einer Institution gearbeitet, in der man seine Mitarbeiter mit Hilfe eines Punktesystems bewerten musste. Die Punkte wurden dann für Prämien, Gehaltserhöhungen etc. herangezogen, waren für die Mitarbeiter also sehr wichtig. Dabei kam es auf eine gewisse Ausgewogenheit an. Die „großen Chefs“ mussten darauf achten, dass in ihrem Bereich der statistische Durchschnitt stimmte. Wir „kleinen Chefs“ waren natürlich interessiert daran, unsere guten Leute irgendwie in dieses Belohnungssystem hineinzubringen.

Nehmen wir mal an, es wurde nach alten Schulnoten mit der 1 als Bestnote und der 6 als schlechtester bewertet. Wenn ich versuchte, meine Leute ausgewogen und realistisch zu beurteilen, gab der andere „kleine Chef“, nennen wir ihn Egon, seinen Leuten allen eine 1 oder 2, so dass meine Leute bei der Prämienvergabe leer ausgingen. Gab ich meinen Leuten auch nur Einsen und Zweien, machte Egon dasselbe, der große Chef maulte, und nur die Einser bekamen Prämien. Nach einer Weile hatte sich das so eingespielt, dass alle, die „nur“ eine 2 bekamen, schon total enttäuscht waren darüber, dass wir ihr Engagement so gering schätzten. Jetzt annähernd realistisch zu bewerten, war damit nicht mehr möglich. Alle fünf Jahre wurde deshalb ein neues Punktesystem eingeführt. Dem Grundproblem ist man dabei aber nie Herr geworden.

Soweit die Fabel, jetzt zum Wein: Vor Jahren kam mal jemand auf die Idee, Weine nach einer 100-Punkte-Skala zu bewerten. Nachdem man festgestellt hatte, dass eine Bewertung von ein bis drei Sternen unzureichend ist, sollte das spannbreitenmäßig doch ausreichen. Allgemeingültig wurde beschlossen, dass ein Wein bereits 50 Punkte bekommt, wenn er ins Glas rinnt, als Antrittsprämie sozusagen. Dann wurden mehr oder weniger individuelle und komplexe Prinzipien entworfen. Für Farbe gibt es x Punkte, für Nase y, für Komplexität, Saftigkeit, Nachhaltigkeit, Substanz, Finesse und alles Mögliche sonst auch noch Punkte.

Das erste Problem stellte sich allerdings schon bei der Farbe ein. „Klar“ sollte ein Wein sein, leuchtend. Jetzt stand aber ein unfiltrierter und leicht trüber Wein vor den Testern. Gibt man dafür weniger Punkte? Falls ja, ist das irgendwie Unsinn, denn der Winzer hat es bewusst gemacht. Falls nein, kann man das Kriterium auch sein lassen, vor allem bei Blindproben, wo man eben nicht weiß, was sich der Winzer dabei gedacht hat. Das Problem ließ sich aber dadurch lösen, indem nach einer Weile die meisten Tester dazu übergingen, je nach „Erfahrungshorizont“ spontane Gesamtpunkte zu verteilen.

Ein zweites Problem kam aber dazu, weil der große Chef, nennen wir ihn Robert, einen ganz bestimmten Geschmack und Stil favorisierte und deshalb nur bestimmte Weine viele Punkte bekamen. Andere regten sich darüber auf und begannen im Gegenzug auch den Weinen viele Punkte zu geben, die sie favorisierten. Einem guten Wein 80 Punkte zu geben, war dadurch nicht mehr möglich. Die Weine respektive die Winzer wären beleidigt gewesen. Und schließlich gab es ja überall Egons, die ihre Weine mit mindestens 92+ Punkten bedachten, um das System entsprechend zu nutzen – vielleicht auch, um bestimmte Konflikte zu vermeiden.

Traute man sich lange nicht an die 100 Punkte heran, ist diese Schranke auch längst gefallen. Mittlerweile diskutieren die deutschen Tester schon in einem Forum, ob es nicht ihre Pflicht sei, mindestens vier deutschen GG 100 Punkte zu verleihen, quasi als Kompensation dafür, dass Robert seinen Bordeaux und Châteauneufs immer so viele gibt. Machen Punkte da noch Sinn?

Was sollen Punkte beim Wein eigentlich aussagen? Beschreiben sie die Qualität eines Weins? Beschreiben sie den Geschmack? Wie müsste ein Riesling Kabinett beschaffen sein, um 100 Punkte zu erhalten?

Machen reine Beschreibungen ohne Punkte Sinn? Liest man sich den beschreibenden Text eines Weintesters durch, bei dem zum Schluss keine Punktzahl steht?

Wie Ihr sicher mitverfolgen konntet, hatte ich mir zuerst eine Punktewertung ausgedacht, die ich für die hier getesteten Weine anwenden wollte. Ich wollte zwei Elemente punktemäßig herausgreifen, nämlich Eleganz und Charakter, und anhand dessen, zusätzlich zu den beschreibenden Worten, die „Art und Weise“ des Weins festhalten. Darüber hinaus wollte ich, weil die Gesamtqualität ja auch mehr sein kann als die Summe der einzelnen Teile, eine Punktzahl geben nach der französischen Wertung mit ihren maximal 20 Punkten. Zuerst lief es auch ganz gut. Ein Cornas von Auguste Clape bekam deutlich mehr Punkte als ein Wein aus dem Bio-Supermarkt.

Mittlerweile habe ich Zweifel bekommen. Einen handwerklich guten von einem handwerklich schlechten Wein kann man schon hinreichend objektiv unterscheiden. Aber was passiert darüber hinaus? Die türkischen Weine besitzen beispielsweise – wenn sie gut sind – völlig andere Charaktere als die deutschen oder französischen Weine. Mit dieser Charaktergeschichte habe ich mich offensichtlich in etwas hineingeritten, was die Conclusio in Form einer Gesamtpunktzahl schwierig macht. Wie kann ich gleich starke, aber auf unterschiedliche Weise ausgeprägte Charaktere bewerten? Welche Note würde denn meinem eigenen Charakter geben im Vergleich mit dem Charakter meines Nachbarn? Wenn ich aber auf Bewertungen verzichte und den Wein nur mit schönen Worten beschreibe, fehlt den meisten ein wichtiges Element, nämlich mein unverschwurbelt ausgedrücktes Urteil in Form einer Zahl.

Was tun? Ich denke, jeder, der sich nur ein bisschen mit der Weinwelt auseinander gesetzt hat, kennt diese Problematik. Was mich deshalb sehr interessiert, und zwar wirklich, denn ich habe da momentan einfach keine eindeutige Meinung: Wie steht Ihr zu Punktesystemen? Macht es mehr Sinn, einzelne Kriterien zu bepunkten? Wenn ja, welche? Wie macht Ihr es selbst? Wie sehen die Winzer solche Punktewertungen? Sind Punkte reines Marketing?

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2 Antworten zu Machen Punktewertungen beim Wein Sinn?

  1. Charlie schreibt:

    Wie steht Ihr zu Punktesystemen? Positiv, ich lese Ps und gebe Ps. Weiss aber immer wer sie gibt und warum.
    Macht es mehr Sinn, einzelne Kriterien zu bepunkten? Nein.
    Wie macht Ihr es selbst? Ich gebe Punkte um mich daran zu erinnern wie gut mir der Wein gefallen hat.

  2. michaelmagwein schreibt:

    Ich habe vor ein paar Tagen einen Beitrag für meinen Blog geschrieben, in dem ich genau dieses Thema aufgreife… (wird in den nächsten Tagen/Wochen veröffentlicht – ist schon in Planung). Ich mag keine Punkte – unter anderem aus den von dir beschriebenen Punkten^^ (und aus noch ein paar anderen, wie z. B. Traditionsweine vs. moderne Weine).
    Ich beschreibe in meinem Blog nur was ich sehe, rieche, schmecke und ein paar Gedanken dazu, zu welchen Anlässen der Wein passt. Jeder soll selbst entscheiden, wie gut er den Wein findet.
    Beste Grüße
    Michael

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