Weinprobe: Rheingau Riesling – Schloss Johannisberg Rotlack 2009

Auf dem Weg nach Istanbul für einen ganzen Monat und – oh Schreck – keinen anständigen Riesling im Gepäck? Zum Glück gibt es da den Duty Free-Shop im Düsseldorfer Flughafen. Neben allerlei schummrigem Zeug, das in solchen Läden dem unkundigen Käufer entgegendampft, gibt es hier (fast) die ganze Johannisberger Palette: Gelb-, Rot-, Grün- und Silberlack. Das war mir beim letzten Mal schon aufgefallen. Nachdem das altehrwürdige Weingut aber im Jahrgang 2009 in den Weinführern seinen märchenhaften Wiederaufstieg feiern konnte, wurde es jetzt wirklich Zeit für den klassischen Rheingauer.

Das Weingut selbst zu beschreiben, erscheint fast müßig. Wenn man nämlich ganz bescheiden „Schloss Johannisberg“ bei Google eintippt, prangt einem in großen blauen Lettern entgegen: „Schloss Johannisberg im Rheingau – älteste Riesling-Domäne auf der Welt“. „900jährige Weingeschichte“, „der Prunkhügel des Rheingaus“, „exakt auf dem 50. Breitengrad“, zudem ausgestattet mit einem Namen, der zwar schwierig aussieht, den sich aber selbst, sagen wir, Südafrikaner gut merken können. Vom Düsseldorfer Heinrich Heine (ach deshalb haben sie die Weine hier!) ist folgendes Zitat überliefert: „Mon Dieu! Wenn ich doch so viel Glauben in mir hätte, dass ich Berge versetzen könnte – der Johannisberg wäre just derjenige Berg, den ich mir überall nachkommen ließe.“

Logisch, dass sich bei einem solchen Renommee die Investoren die Klinke in die Hand geben. Ähnlich wie bei Wilhelm Weil und seinen Suntories ist es hier die Oetker-Gruppe, die das Weingut in Wirklichkeit besitzt. Christian Witte darf sich deshalb wahrscheinlich nur „Verwaltungsleiter“ nennen und nicht Winzer. Seine Sache scheint er aber sehr gut zu machen, denn die 2008er Weine (alles Rieslinge) waren bereits sehr schön nach meinem Dafürhalten. Jetzt also der 2009er, saftiger, reifer und leichter zugänglich als sein Vorgänger, alle Welt jubelt.

Vielleicht sollte ich kurz noch ein Wort zu den „Lacken“ verlieren. Beim Johannisberger braucht man nämlich nicht erst das ellenlang beschriftete Etikett zu studieren, um zu wissen, womit man es zu tun hat. An der Kapselfarbe sollst du erkennen: Gelb = Qualitätswein (trocken und feinherb); Rot = Kabinett (trocken und feinherb); Grün = Spätlese (mittlerweile nur noch fruchtsüß); Silber = Erstes Gewächs, also, äh, trocken. Die noch höheren Prädikate lasse ich hier mal weg.

Ich habe mich jedenfalls für den Rotlack feinherb entschieden, weil das für mich irgendwie der Klassiker der Klassiker ist: nicht ganz trocken, aber mit einer schönen Säure ausgestattet, der ideale Wegschluck-Wein und Speisenbegleiter. Obwohl, liebe Freunde, was haltet Ihr eigentlich von der Bezeichnung „feinherb“? Ich finde sie grotesk. Das hört sich für mich so an wie „vollschlank“, ein konstruierter Begriff, der gschamig verbergen möchte, dass doch ein ganz klein wenig Zucker in ihm steckt.

Der Test: Im Glas ein helles Weißgelb, aber nicht ganz so arg blass. Der Jahrgang hat ein wenig Farbe auf die Wangen gezaubert. In der Nase dominieren zu Anfang Apfeltöne, aber auch hier eher zart, kein Boskoop. Später gesellt sich die Zitrone dazu und noch später folgen mineralische, ein wenig patinierte Noten. Süß oder aprikosig ist hier nichts. Am Gaumen setzt sich alles konsequent fort: sehr fein und elegant, das Süße-Säure-Spiel perfekt ausgewogen. Wenn man den Begriff „feinherb“ mit Leben erfüllen möchte, das hier wäre ein idealer Kandidat. Wobei, „herb“ ist für mich etwas anderes. Jeder Novize würde hier vielmehr „lecker!“ als „wow, herb!“ ausrufen. Also „Rotlack Kabinett lecker“. Von der Fruchtigkeit her geht es eher in die Litschi-Richtung, also weniger Zitrus als vielleicht erwartet.

Ich persönlich bin der Meinung, dass dieser Wein hervorragend zu türkischem Kaltessen passt, also Pide, Tomaten, Paprika, Schafskäse, Sucuk. Es gibt aber auch Gegenmeinungen, die sich eher eine Forelle wünschen würden. In jedem Fall ist dies hier ein schöner Wein, leicht und unschuldig wirkend, aber mit 12%vol doch auf der trügerischen Seite. Was mir persönlich fehlt, ist ein bisschen Würze, ein bisschen mehr innere Spannung. Aber ich sagte es ja schon, „lecker“.

Meine Punkte: 7 für Eleganz, 5 für Charakter, macht 15,5 MP insgesamt.

Gekauft im Duty Free-Shop in Düsseldorf für 14,70 €, ansonsten bei den Karstadts dieser Welt (online für 17, 95 €) oder – wer’s ein bisschen spröder mag – den 2008er bei der Weinzeche für 18,90 €.

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5 Antworten zu Weinprobe: Rheingau Riesling – Schloss Johannisberg Rotlack 2009

  1. Marqueee schreibt:

    Das mit dem Fehlen der „inneren Spannung“ kann ich sehr schön nachvollziehen. Zwar nicht beim Rotlack, den ich noch nicht probiert habe, sondern beim äh… trockenen GG, dem Silberlack. Hat sich mir – wie das meiste aus dem Rheingau – bei der GG-Probe in Köln nicht gerade unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt. Fehlerfrei und sauber zwar, aber definitiv – wie sagt der Engländer so schön: nothing to write home about.

    Zum Thema feinherb… Als Manifestation der Tatsache, dass man tatsächlich mit einer verfehlten Weingesetzgebung einen an sich völlig wertneutralen Begriff zum übelst beleumundeten negativen Buzzword herunterrocken kann, finde ich den „Halbtrocken“-Euphemismus schon fast wieder gut.
    Im übrigen: bin ich der Einzige, der bei „herb“ im Weinkontext sofort an Asterix (Tour de France) denken muss?

    • chezmatze schreibt:

      „Halbtrocken“ hört sich zwar erst mal genauso grotesk an, aber ich finde den Begriff auch nicht schlimm. Immer neue Zwischenkategorien und Namen einzuführen, die alten aber nicht wirklich zu ersetzen, funktioniert selten (siehe diese „Classic“-Geschichte oder „Hochgewächs“ oder…). Wenn ich mir jetzt mal die Loire anschaue, da ist „demi-sec“ auch überhaupt kein abwertender Begriff, wenn es um Chenin blanc geht. Wenn es natürlich um gepanschten Rosé geht, hilft da wohl gar keine schmucke Bezeichnung…
      An Asterix habe ich übrigens im Zusammenhang mit „herb“ noch nie gedacht. Wahrscheinlich hängt das damit zusammen, dass (ich oute mich jetzt mal) ich kaum Asterix gelesen habe, sondern „Clever & Smart“. Zitat: „Hm, welch merkwürdige Frucht…“ „Das ist ’ne Kopfnuss, Kleiner!“

  2. Lijbosz Nek schreibt:

    Wenn man Weine dieses Guts & generell welche aus dem Rheingau kaufen möchte, ist man bei den Jungs von „Weinwelt Rheingau“ gut aufgehoben. Gute Auswahl, sehr freundlich, ab 12 (!) Flaschen kostenfreie Lieferung per UPS.

    http://www.weinwelt-rheingau.de/weine-und-sekte.html?reset=true&winery=238&dir=asc/

    Wohlan!

    • chezmatze schreibt:

      Wenn die Weinwelter bei Anruf auch den Breuer Heunisch besorgen könnten, dann wäre das in der Tat eine unschlagbare Adresse. Aber den haben bestimmt die ganzen Weinkritiker weggesüppelt (und ausgespuckt…).

  3. Charlie schreibt:

    Der Wein mag solala bis lecker gewesen sein, aber die Lage ist so spitze:
    http://www.weinlagen-info.de/?lage_id=1483

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